{"id":10040,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10040"},"modified":"2022-10-03T12:28:03","modified_gmt":"2022-10-03T10:28:03","slug":"trostpredigt-fuer-schueler-lehrer-und-eltern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/trostpredigt-fuer-schueler-lehrer-und-eltern\/","title":{"rendered":"Trostpredigt f\u00fcr Sch\u00fcler, Lehrer und Eltern"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Leben aus Gottes Gnade<br \/>\nTrostpredigt f\u00fcr Sch\u00fcler, Lehrer und Eltern<\/strong><\/p>\n<p>Wie schnell fangen wir an,<br \/>\nver\u00e4chtlich \u00fcber andere zu denken<br \/>\nund zu reden.<br \/>\nEs ist wie eine Sucht,<br \/>\nsich selber gro\u00df zu machen<br \/>\nund die anderen klein.<br \/>\nGott, du Bruder der Verachteten,<br \/>\nwann werden wir endlich einsehen,<br \/>\ndass alle von deiner Gnade leben,<br \/>\nwir und die anderen. Amen<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nDer heutige Predigttext thematisiert Gottes Barmherzigkeit und Gnade. Das sind Themen, die mich seit geraumer Zeit umtreiben. So nicht nur Gottes Barmherzigkeit, sondern auch meine eigene F\u00e4higkeit, barmherzig zu sein und an anderen barmherzig zu handeln.<\/p>\n<p>Als Mutter dreier schulpflichtiger S\u00f6hne bin ich t\u00e4glich mit dem Thema Schule konfrontiert. Ich erlebe und beobachte innerhalb meiner Familie und im n\u00e4heren schulischen Umfeld immer mehr, dass Kinder und Jugendliche mit diesem wesentlichen Aufgaben- und Lernfeld ihres Lebens sozusagen auf \u201eKriegsfuss\u201c stehen. Sie st\u00f6ren den Unterricht, handeln in uneinsichtiger und unverst\u00e4ndlicher Weise oder nehmen h\u00e4ufig am Unterrichtsgeschehen nicht teil. Schule wird aus der Sicht dieser Kinder immer h\u00e4ufiger als uneinsichtige Anstrengung, Qual und als zerm\u00fcrbend empfunden. Aus Sicht der Lehrer und des Systems reagieren diese Kinder \u201everkehrt\u201c.<br \/>\nDann werden sie zumeist von den Lehrern als bockig oder dumm abgestempelt.<br \/>\nF\u00fcr diese Kinder beginnt dann ein verh\u00e4ngnisvoller Teufelskreis.<br \/>\nAm Beispiel der heute 30- j\u00e4hrigen Mara soll die erw\u00e4hnte Schul-Leidensgeschichte veranschaulicht werden.<\/p>\n<p>Mara berichtet:<br \/>\n\u201eDie Mathestunde. Da gab es mal eine Stunde \u00fcber irgendwelche Beweise. Ich sehe Mono (so hie\u00df unser Direktor Wagner, der hatte nur einen Arm) noch an der Tafel stehen und reden. Er war gro\u00df und hatte leicht wellige Haare, eine Brille und eine Menge Stacheln auf der einen roten Hand. Wenn er etwas anzeichnete, presste er die halbe Schulter an das riesige Tafelgeodreieck und zeichnete mit der freien Hand die Linie.<\/p>\n<p>An jenem Tag zeichnete er aber nicht. Er hielt das Geodreieck am neonstichig gelben Plastikgriff und redete. Es gehe um \u201enotwendig\u201c und \u201ehinreichend\u201c. Ich kapierte nicht. Er fragte mich. Da kam nur Murks raus und mein armes Deutsch reizte ihn zus\u00e4tzlich. Er musste denken, ich h\u00e4tte einfach aus b\u00f6sem Willen nicht zugeh\u00f6rt. Oder weil es mich einfach nicht interessierte. Oli versuchte, mir einzusagen. Aber ich kapierte nicht. Ich kapierte \u00fcberhaupt nichts, noch nicht einmal die Worte. Als ob er Chinesisch redete oder Italienisch, was ich auch nicht kann. Ich starrte Mono v\u00f6llig fasziniert an. Was f\u00fcr ein ulkiges Wesen so ein Mensch ist! Eine Nase wie eine saure Gurke. Ich \u00fcberlegte mir, wie das auss\u00e4he, wenn sich die Nase auf einmal gr\u00fcn verf\u00e4rben w\u00fcrde. Ich kicherte.<br \/>\nDas Ergebnis stand im Klassenbuch. Aber es war mir lieber als die Wahrheit. Die Wahrheit w\u00e4re gewesen, dass ich allm\u00e4hlich meinte, verr\u00fcckt zu werden. Und das war eine Wahrheit, die mir nicht besonders gut gefiel.\u201c<\/p>\n<p>Mara und mit ihr eine j\u00e4hrlich wachsende Kinderschar, die die geschilderten Symptome zeigen, leiden h\u00e4ufig an ADS\/ADHS. Sie leiden an der Schule, den Lehrern, vielleicht auch an hilflosen und \u00fcberforderten Eltern und vor allem an sich.<\/p>\n<p>An anderer stelle schreibt Mara: \u201eIch erinnere mich leider ganz gut an die vielen kleinen Piekser, die sich durch mein ganzes Leben ziehen\u201c:<\/p>\n<p>\u201ePass doch auf!<br \/>\nKannst du nicht mal mitdenken!<br \/>\nSag doch gleich, dass du nur wieder mal nicht willst!<br \/>\nRei\u00df dich zusammen!<br \/>\nWas soll das hei\u00dfen, Hausaufgaben vergessen?! Du bist einfach stinkfaul!<br \/>\nH\u00f6r doch einfach mal zu, wenn ich mit dir rede!<br \/>\nIch verstehe das nicht, was ist mit dir los?\u201c<\/p>\n<p>Diese unbarmherzigen Piekser plagen Mara und kommen sicherlich vielen Jugendlichen und Sch\u00fclern bekannt vor. Sie werden von den betroffenen Jugendlichen und Sch\u00fclern registriert als Unbarmherzigkeit, Verst\u00e4ndnislosigkeit und Ablehnung.<br \/>\nVielleicht finden sich hier auch Eltern wieder, weil es ihnen in der Schule \u00e4hnlich erging oder genau mit diesen Vorw\u00fcrfen werden ihre Kinder \u00fcbersch\u00fcttet.<br \/>\nReagieren nun Erwachsene, Lehrer oder Eltern auf das auff\u00e4llige Verhalten der Kinder andauernd in der beschriebenen Art und Weise, dann besteht die Gefahr, dass die Kinder, wenn sie von au\u00dfen nur Negatives \u00fcber sich h\u00f6ren, irgendwann diese Einsch\u00e4tzung \u00fcbernehmen. Dadurch, so sehen es die Psychologen, geraten immer mehr Jugendliche und Kinder in Selbstzweifel und sind verunsichert \u00fcber ihr Angenommen-Sein in der Welt.<\/p>\n<p>Sicherlich stehen Fachleute mit Rat und Tat zur Seite, doch der t\u00e4gliche Umgang mit diesen Kindern erfordert seitens der Eltern und P\u00e4dagogen enorme Kr\u00e4fte. Woher diese nehmen? Wie auf unangemessene und ziellose Aktionen seitens der Kinder reagieren?<br \/>\nAls betroffene Mutter und Theologin weist mir die Zusage von Gottes Barmerzigkeit den zu gehenden Weg.<br \/>\nNicht der Tadel und die die Pers\u00f6nlichkeit verletzenden Strafma\u00dfnahmen sind der Weg, sondern die immer wiederkehrende <strong>barmherzige Zuwendung<\/strong> und das <strong>sachliche Gespr\u00e4ch<\/strong>.<\/p>\n<p>Diese Kraft f\u00fcr beides erw\u00e4chst aus dem Glauben. Durch den Glauben ersp\u00fcren wir Gottes Gnade. Das Vertrauen in Gottes Zusage erf\u00fcllt uns mit einer Energie, die ich vergleichen m\u00f6chte mit der Erw\u00e4rmung durch einen Sonnenstrahl. Diese energetische Erw\u00e4rmung<br \/>\ngibt mir die <strong>St\u00e4rke <\/strong>ihm in Barmherzigkeit zu begegnen uns es immer wieder anzunehmen und nicht zu versto\u00dfen. Klare<strong> Regeln<\/strong>, <strong>Strukturen<\/strong> und sachliche Gespr\u00e4che tun ein \u00fcbriges. Diese sind fester Bestandteil der Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>In einer Praxis f\u00fcr Ergotherapie in Potsdam h\u00e4ngt ein gro\u00dfes Plakat an der Wand mit folgendem Spruch:<\/p>\n<p><strong>\u201eLiebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am dringendsten\u201c.<\/strong><br \/>\nNur, wenn wir unseren Kindern in Barmherzigkeit und der St\u00e4rke des Glaubens begegnen, k\u00f6nnen wir diesem kindlichen Hilferuf gerecht werden. Darin besteht unsere erzieherische Verantwortung.<\/p>\n<p>Zum Schluss soll der Atem der Barmherzigkeit, den der heutigen Predigttext als Ermutigung verstr\u00f6mt, selbst zu Wort kommen:<\/p>\n<p>Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner gro\u00dfen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den S\u00fcnden, mit Christus lebendig gemacht \u2013 aus Gnade seid ihr selig geworden -; und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus,<br \/>\ndamit er in den kommenden Zeiten erzeige den \u00fcberschw\u00e4nglichen Reichtum seiner Gnade durch seine G\u00fcte gegen uns in Christus Jesus.<br \/>\nDenn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand r\u00fchme.<br \/>\nDenn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Dr. Marlies St\u00e4hler<br \/>\nWendensteig 63<br \/>\n14476 Gro\u00df Glienicke<br \/>\n<a href=\"mailto:Dr.Marlies-Staehler@t-online.de\">Dr.Marlies-Staehler@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leben aus Gottes Gnade Trostpredigt f\u00fcr Sch\u00fcler, Lehrer und Eltern Wie schnell fangen wir an, ver\u00e4chtlich \u00fcber andere zu denken und zu reden. 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