{"id":10043,"date":"2021-02-07T19:49:30","date_gmt":"2021-02-07T19:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10043"},"modified":"2022-10-27T09:51:53","modified_gmt":"2022-10-27T07:51:53","slug":"hesekiel-181-4-21-24-30-32-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hesekiel-181-4-21-24-30-32-6\/","title":{"rendered":"Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Wie h\u00e4lt man sich am besten das Leben vom Leibe?<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Predigt ein wahnwitziger Anfang, k\u00f6nnte man meinen. Denn wer will sich denn das Leben vom Leibe halten? Wir wollen es doch gerne haben, so viel wie m\u00f6glich von ihm, vom Leben! Haben wir uns nicht vielleicht am Leben \u00fcbergegessen? Kann man zu viel von ihm haben?<\/p>\n<p>Die Antwort ist wohl einfach die, da\u00df wir gerne so viel davon haben m\u00f6chten wie m\u00f6glich, so lange es alles nur lauter Honig ist. Aber wenn es schwer und schwierig wird, sind wir nat\u00fcrlich nicht so begeistert. Wir k\u00f6nnen schnell vom Leben zuviel kriegen, wenn es weh tut. Was tun wir also? Wir versuchen nat\u00fcrlich, uns dagegen zu sichern, da\u00df das Leben weh tut.<\/p>\n<p>Aber kann man das?<br \/>\nJa, das kann man in der Tat sehr wohl in einem gewissen Ma\u00dfe. man kann sich gegen das Leben sichern in verschiedener Weise. Aber das hat seinen Preis.<\/p>\n<p>Davon m\u00f6chte ich gerne eine Geschichte erz\u00e4hlen.<br \/>\nSie spielt sich ab in einer Zeit au\u00dferhalb der Zeiten, in einer mythischen Zeit, ehe wir in D\u00e4nemark Christen wurden. Und sie lautet so:<\/p>\n<p>Am Beginn der Zeiten, als die G\u00f6tter Midg\u00e5rd gegr\u00fcndet hatten, wo die Menschen wohnten, und sich selbst in Asg\u00e5rd niedergelassen hatten, kam eines Tages ein Mann und sagte, er sei Baumeister. Er bot an, eine Mauer um Asg\u00e5rd zu errichten, die die b\u00f6sen Riesen fernhalten sollten, damit die G\u00f6tter von ihnen in ihrem guten Leben nicht gest\u00f6rt wurden. Er sagte, er k\u00f6nnte dies in nur einem Winter vollbringen und w\u00fcrde am ersten Tag des Sommers fertig sein. Aber er forderte nat\u00fcrlich seinen Preis. Er wollte Freja, die G\u00f6ttin der Liebe, und die Sonne und den Mond. Die G\u00f6tter waren so bedr\u00e4ngt von den ewigen b\u00f6sen Angriffen der Riesen auf ihr Leben, da\u00df sie auf die Bedingungen des Baumeisters eingingen. Bald stand eine m\u00e4chtige hohe und starke Mauer um Asg\u00e5rd.<\/p>\n<p>Aber kurz bevor die Mauer ganz fertig war, kamen den G\u00f6ttern Bedenken.<\/p>\n<p>Sie fingen an, miteinander dar\u00fcber zu reden, wie sie doch auf die Idee kommen konnten, die G\u00f6ttin der Liebe und dazu die Sonne und den Mond zu verkaufen. Das w\u00e4re ja dasselbe wie die ganze Welt zu verschleudern und das Leben zu zerst\u00f6ren. Im letzten Augenblick gelang es zu verhindern, da\u00df die Mauer fertig wurde, und der Baumeister erhielt deshalb nicht, was er verlangt hatte. Die G\u00f6tter behielten Freja und damit die Liebe, und sie behielten auch die Sonne und den Mond. Daf\u00fcr aber mu\u00dften sie weiter mit einem Leben leben, das verwundbar war und bedroht von b\u00f6sen M\u00e4chten.<\/p>\n<p>Diese alte Geschichte handelt davon, wie man selbst das Leben weggeben kann in den Bem\u00fchungen, die b\u00f6sen M\u00e4chte und Bedrohungen wegzuhalten. Sie erz\u00e4hlt uns: Wenn wir uns zu sehr sichern wollen, wenn wir Mauern um uns bauen, um das schwere Leben wegzuhalten, dann verkaufen wir schlie\u00dflich das Leben selbst. Wenn wir zu viel Sicherheit im Leben haben wollen, haben wir schlie\u00dflich \u00fcberhaupt kein Leben mehr.<\/p>\n<p>Man kann versuchen, sich in vieler Weise gegen das Leben zu sichern.<\/p>\n<p>Eine Art und Weise ist, eine Menge von Regeln zu machen f\u00fcr das, was man kann und nicht kann und besonders was die anderen k\u00f6nnen und nicht k\u00f6nnen. Dann hat man das Leben in ein System gebracht, eine feste Mauer um sich errichtet, so da\u00df man sicher ist, da\u00df einen niemals etwas \u00fcberrascht und schon gar nicht das Leben selbst.<\/p>\n<p>Von einem solchen Ordner des Lebens h\u00f6ren wir im heutigen Evangelium. Er hei\u00dft Simon und hat alles im Griff. Er ist gem\u00e4\u00dfigt &#8211; lau, um es etwas h\u00e4\u00dflicher auszudr\u00fccken. Er wird nie zu warm oder zu kalt, sondern beh\u00e4lt den k\u00fchlen \u00dcberblick und eine passende Distanz zum verworrenen Leben anderer. Er hat Regeln und Ordnungen f\u00fcr alles, und erwartet von anderen, da\u00df auch sie sich unter diese Regeln einordnen. Er hat Jesus zu einem Essen eingeladen, denn der Mann gilt ja als Prophet, und mit so feinen Leuten mu\u00df man ja Beziehungen kn\u00fcpfen. Aber er kommt in Zweifel, inwieweit Jesus nun auch der ist, als der er sich ausgibt, als eine Prostituierte in das Haus eindringt und weinend die F\u00fc\u00dfe Jesu mit ihren Tr\u00e4nen w\u00e4scht und sie mit kostbarem \u00d6l salbt. Denn wenn Jesus ein richtiger Prophet w\u00e4re, w\u00e4re er sich zu schade, sich von einer solchen Frau pflegen zu lassen. Das f\u00e4llt au\u00dferhalb der Regeln von Simon. Aber er wird nat\u00fcrlich von Jesus zurechtgewiesen &#8211; nat\u00fcrlich weil um Jesus stets mehr Leben ist als Regeln. Da sind faktisch keine Regeln. Au\u00dfer der einen, der wichtigsten und notwendigsten Regel: Du sollst sehen und voraussetzen, da\u00df dein N\u00e4chster Liebe hat. Du sollst sehen k\u00f6nnen und voraussetzen, da\u00df dein N\u00e4chster Liebe hat.<\/p>\n<p>Wir haben uns so sehr angew\u00f6hnt zu sagen, das erste und gr\u00f6\u00dfte Gebot im Christentum sei, da\u00df du deinen N\u00e4chsten lieben sollst wie dich selbst. Aber dieselbe Regel l\u00e4\u00dft sich anders formulieren, n\u00e4mlich da\u00df du glauben sollst, da\u00df dein N\u00e4chster Liebe hat. Gr\u00f6\u00dfere Liebe hat faktisch niemand als der, der an die Liebe des anderen glaubt.<\/p>\n<p>Eben dies tut Jesus, als er der Hure im Hause des Simon begegnet. Er glaubt an ihre Liebe. Er schiebt keine Regeln vor, wie man sich zu betragen hat, zwischen sich selbst und ihr, baut keine Mauern zwischen ihnen auf. Verh\u00e4lt sich nicht zu ihrer zweifelhaften Profession. Er glaubt nur an das, was sie tut. Er sieht n\u00e4mlich, da\u00df sie ein lebendiger Mensch ist. Und wie sieht er das? Erstens an ihren Tr\u00e4nen. Sie kommt weinend ins Haus, h\u00f6rt nicht auf zu weinen und hat Tr\u00e4nen genug, um die F\u00fc\u00dfe Jesu mit ihnen zu waschen.<\/p>\n<p>Der weinende Mensch.<\/p>\n<p>Der weinende Mensch ist ein Zeichen f\u00fcr den lebendigen Menschen. Der weinende Mensch ist der Mensch, der keine Mauern um sich selbst errichtet hat, um den Schmerz und das Schwere fernzuhalten. Der die Liebe nicht verkauft hat und alles Verwundbare, um Sicherheit und Vorhersehbarkeit zu erhalten. Der sich nicht verschanzt hat hinter Regeln und Ordnungen, um zu verhindern, da\u00df das Leben etwas kostet. Der weinende Mensch ist der Mensch, der es noch wagt, Mitgef\u00fchl zu haben und zu zeigen, und der nicht im Voraus regeln daf\u00fcr gemacht hat, was man f\u00fcr wen empfinden soll. Der weinende Mensch ist der bedrohte und verwundbare Mensch und deshalb der lebendige Mensch.<\/p>\n<p>Die lebendige und weinende Frau, die damals in Simons Haus kam, wu\u00dfte, da\u00df ihr Leben ausgesetzt und verwundbar war, aber sie tat, was das Leben ihr gebot. Sie ging dorthin, wo sie wu\u00dfte, da\u00df ihr einziger Schutz im Leben war. Bei Jesus.<\/p>\n<p>Der Schutz, den wir bei Gott finden, ist kein Schutz <em>gegen<\/em> das Leben, sondern ein Schutz <em>im<\/em> Leben. Getauft sein hei\u00dft nicht, da\u00df man vor allem B\u00f6sen gesch\u00fctzt ist, sondern da\u00df man gewi\u00df sein darf, da\u00df es Hilfe gibt in allem Leben. Gott ist die unsichtbare Mauer, die das B\u00f6se nicht fernh\u00e4lt, sondern zusammen mit uns dagegen k\u00e4mpft, mit den unsichtbaren Waffen, die die st\u00e4rksten sind, die wir haben: Glaube, Hoffnung und Liebe.<\/p>\n<p>Es ist leicht, sich das Leben vom Leibe zu halten. Man mu\u00df nur daf\u00fcr sorgen, genug Regeln zu machen, und man darf sich nicht zu sehr und zu sehr mit anderen Menschen einlassen. Man mu\u00df sich nur f\u00fcr sich halten. Dann hat man eine starke und sichere Mauer gebaut. Aber man hat auch die Leibe verkauft, die \u00dcberraschungen, die Sch\u00f6nheit, die Herausforderungen -ja, man hat das Leben selbst verkauft.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir deshalb das Leben etwas mehr wagen, das Leben der Sicherheit vorziehen und mit den Tr\u00e4nen leben, die es dann gibt. Ist es nicht besser, lebendig zu weinen als im Tode zu versteinern? Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Kirsten J\u00f8rgensen<br \/>\nPr\u00e6stegade 2<br \/>\nDK-5300 Kerteminde<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 65 32 13 20<br \/>\n<a href=\"mailto:kjoe@km.dk\">e-mail: kjoe@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie h\u00e4lt man sich am besten das Leben vom Leibe? 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