{"id":10060,"date":"2021-02-07T19:49:40","date_gmt":"2021-02-07T19:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10060"},"modified":"2022-10-05T15:00:35","modified_gmt":"2022-10-05T13:00:35","slug":"apostelgeschichte-9-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-9-1-9\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 9, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>I. Stellen Sie sich vor: Osama bin Laden, der den Westen und seinen amerikanischen Lebensstil ha\u00dft und der die Position des Islams in der Welt mit Gewalt st\u00e4rken will, &#8211;<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, dieser Osama bin Laden w\u00fcrde in seiner einsamen Bergwelt zwischen Afghanistan und Pakistan eine religi\u00f6se Bekehrung erleben, die ihn tief ersch\u00fctterte, ja aus der Bahn w\u00fcrfe: Schlagartig w\u00fcrde ihm aufgehen: Der christliche Glaube ist der wahre Glaube.<\/p>\n<p>Ein paar Tage sp\u00e4ter w\u00fcrde er in Karachi in einer Kirche der assyrischen Christen auftauchen. Diese w\u00e4ren zun\u00e4chst entsetzt, aber dann w\u00fcrden sie ihn aufnehmen. Osama w\u00fcrde sich taufen lassen und h\u00e4tte kurze Zeit danach in Rom beim Papst eine Privataudienz. Er w\u00fcrde seine weiteren Pl\u00e4ne absegnen lassen. Denn nun w\u00fcrde Osama sich mit aller Energie f\u00fcr seine neue Mission einsetzen: Seine fr\u00fcheren muslimischen Br\u00fcder vom Christentum zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Unm\u00f6glich? \u2013 Aber so \u00e4hnlich mu\u00df es den Juden vor fast 2000 Jahren vorgekommen sein: Saulus &#8211; der sp\u00e4ter unter dem Namen Paulus bekannt wurde &#8211; war v\u00f6llig \u00fcberraschend zu den Christen \u00fcbergegangen: Mit dem selben Eifer, mit dem er bisher die Christen verfolgt hatte, verbreitete er nun ihre Botschaft: Jesus von Nazareth \u2013 das ist der lang erwartete Messias.<\/p>\n<p>Dazu der Bericht aus der Apostelgeschichte Kapitel 9:<br \/>\n(<em>Zun\u00e4chst die Verse 1 \u2013 9. &#8211; Dann als Einschub<\/em>\ud83d\ude42<\/p>\n<p>Saulus, der bisher mit blindem Fanatismus Treibjagd auf Christen gemacht hat, kann nun gar nichts mehr sehen. Er, der die Christen gefesselt nach Jerusalem f\u00fchren wollte, mu\u00df sich nun selbst nach Damaskus f\u00fchren lassen. \u2013 Die Fortsetzung beginnt auch mit einer Erscheinung: (<em>Die Verse 10 \u2013 20<\/em>.)<\/p>\n<p>Man kann sich vorstellen, wie viel Gottvertrauen dieser Hananias aufbringt, wenn er in die \u201aH\u00f6hle des L\u00f6wen\u2019 geht und nach Saulus fragt. Er tut, was ihm aufgetragen ist und bringt sogar die Anrede \u201cLieber Bruder Saul\u201c \u00fcber die Lippen. Paulus gehen endg\u00fcltig die Augen auf, er l\u00e4sst sich taufen und f\u00e4ngt sofort mit der neuen Missionsaufgabe an. Damit beginnt der angek\u00fcndigte Leidensweg: Er ger\u00e4t seinerseits ins Visier der j\u00fcdischen Religions-Beh\u00f6rde. Sie trachten ihm nach dem Leben. Seine neuen Freunde helfen ihm, bei Nacht und Nebel aus Damaskus zu fliehen und lassen ihm in einem Korb die Stadtmauer hinunter.<\/p>\n<p>II: Was fangen wir nun mit dieser Geschichte an? \u2013 Zun\u00e4chst einmal: Es geht nicht um uns, sondern um Paulus. Es geht darum, wie Gott aus einem Saulus einen Paulus macht \u2013 wie es heute noch sprichw\u00f6rtlich hei\u00dft (vergl. aber Kap. 13,9). Es geht um ein au\u00dferordentlich einschneidendes Ereignis f\u00fcr die noch sehr junge Christenheit: Der, der sie bisher \u201e\u00fcber alle Ma\u00dfen\u201c verfolgt hat \u2013 so schreibt es Paulus im Galaterbrief, wird nun selbst zum Apostel berufen. Lukas berichtet davon gleich drei mal in seiner Apostelgeschichte (siehe auch 22, 6 \u2013 16; 22, 12 \u2013 18). Paulus ist in seinen Briefen immer wieder darauf zur\u00fcck gekommen, ohne allzu sehr auf Einzelheiten einzugehen (vergl. z.B. 1.Kor 15, 8; Gal 1, 11 \u2013 24).<\/p>\n<p>Paulus ist nicht irgendein Apostel, er ist der wichtigste. Seine Rolle l\u00e4sst sich eigentlich nur mit der des Mose im Alten Testament vergleichen. Der hatte am brennenden Dornbusch in der W\u00fcste seine Berufung erlebt und das Volk Israel aus der Sklaverei in \u00c4gypten gef\u00fchrt. W\u00e4hrend der langen W\u00fcstenwanderung wurde er zum Munde Gottes: er verk\u00fcndigte seinen Willen.<\/p>\n<p>Paulus ist zum Mose des Neuen Testaments geworden. Er hat das neue Gottesvolk aus den engen Grenzen Pal\u00e4stinas hinaus gef\u00fchrt in die weite Welt. Nicht nur Juden, nein alle Menschen sollen zu diesem Gottesvolk geh\u00f6ren. Mit gro\u00dfem Eifer macht sich Paulus an die ihm gestellte Lebensaufgabe, das Evangelium von Jesus Christus in die ganze Welt zu tragen:<\/p>\n<p>&gt; Alle sollen davon wissen! \u2013 Deshalb versucht Paulus in einer gigantischen Anstrengung alle V\u00f6lker des r\u00f6mischen Reiches mit seiner Mission zu erreichen. Er kommt nach Arabien, Syrien, Kleinasien, Griechenland und Italien. Nur nach Spanien hat er es wohl nicht mehr geschafft.<\/p>\n<p>&gt; Alle sollen es verstehen! \u2013 Deshalb \u00fcbersetzt er das Evangelium in die griechische Sprache, in die Denkweise und religi\u00f6sen Vorstellungen der hellenistischen Kultur; griechisch ist das Englisch von damals.<\/p>\n<p>&gt; Alle sollen davon ergriffen werden! \u2013 Deshalb setzt sich Paulus mit seiner ganzen Existenz daf\u00fcr ein. Er identifiziert sich ganz und gar mit der Verk\u00fcndigung Jesu, ja mit seinem Leidensweg. \u201eWir tragen das Sterben Jesu Christi allezeit an unserem Leibe,\u201c schreibt er an die Korinther (2.Kor 4,10). Es ist unglaublich, was f\u00fcr Strapazen er auf sich genommen hat, mit welchen Anfeindungen und mit welchem Unverst\u00e4ndnis er es zu tun bekam. Die Worte Jesu bei seiner Berufung haben sich voll erf\u00fcllt: <em>\u201eDieser ist mein auserw\u00e4hltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor K\u00f6nige und vor das Volk Israel. Ich will ihm zeigen, dass er viel leiden mu\u00df um meines Namens willen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Paulus ist zum wichtigsten Vertreter des Christentums geworden. Ohne ihn w\u00e4ren &#8211; nach menschlichen Ermessen \u2013 die \u201cAnh\u00e4nger des neuen Weges\u201c nicht mehr als eine j\u00fcdische Sekte geblieben: Juden, die glauben, dass der Messias schon gekommen ist. In den Wirren der ersten nachchristlichen Jahrhunderte w\u00e4re diese Splittergruppe m\u00f6glicherweise untergegangen. Man kann sich schwer vorstellen, was ohne Paulus aus dem Christentum geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>III. Liebe Gemeinde, die Berufung von Paulus ist keine x-beliebige Bekehrungs-Geschichte. Sie ist keine Beispiel-Erz\u00e4hlung, kein Gebrauchsmuster. Wollten wir uns diesen Anzug anziehen, er w\u00e4re uns viel zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es ja \u00fcberhaupt anma\u00dfend, wenn wir allzu schnell fragen: Was k\u00f6nnen wir mit dieser oder auch einer anderen biblischen Geschichte anfangen? Wie k\u00f6nnen wir sie nutzbringend verwerten und anwenden? Wie gesagt: Es geht zun\u00e4chst einmal nicht um uns, sondern um Gottes Geschichte mit diesem Saulus-Paulus. Sie ber\u00fchrt einen Angelpunkt der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Insofern geht sie auch uns an.<\/p>\n<p>Wenn wir aber dann doch fragen: was k\u00f6nnen wir f\u00fcr uns daraus lernen? \u2013 so sind zwei oder drei Beobachtungen zu nennen:<\/p>\n<p>Einmal: Paulus sa\u00df nicht am Kamin und gr\u00fcbelte nach: Was ist Wahrheit? Welche Religion ist wohl die passende f\u00fcr mich? (Das glaubte er ja genau zu wissen!) Nein, es \u00fcberfiel ihn aus heiterem Himmel. Es warf ihn aus der Bahn. Er musste alles aufgeben, was ihm bis dahin wichtig, ja unverzichtbar erschien &#8211; auch seine alten Freunde. So etwas ist immer mit einer Krise verbunden.<\/p>\n<p>Weiter: Was Paulus erlebte war mehr als eine innere Erleuchtung, mehr als ein tiefes religi\u00f6ses Erlebnis, das ihn zwar spirituell bereicherte, aber im \u00fcbrigen v\u00f6llig unverbindlich blieb: Er wurde in die Nachfolge Jesu gerufen. Und das tat weh. Das war mit neuen Aufgaben und Herausforderungen verbunden. Jesus sagt einmal zu Petrus, er werde dahin <em>gef\u00fchrt, wohin er eigentlich nicht wolle<\/em>. Das gilt auch f\u00fcr Paulus (vergl. Joh. 25, 18f).<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich: Das war nicht sein privater, ein rein pers\u00f6nlicher Weg, auf den Paulus gestellt wurde. Ab sofort geh\u00f6rte er zusammen mit anderen Christen. Er geh\u00f6rte zu einer Gemeinschaft, die er sich nicht aussuchen konnte. Man freute sich nicht unbedingt \u00fcber diesen neuen Bruder, dessen Vorgeschichte ja nur zu gut bekannt war. Au\u00dferdem: sie hie\u00dfen zwar die \u201eHeiligen\u201c, aber es ging bei ihnen keineswegs immer heilig zu \u2013so wenig wie bei uns (Heilig hie\u00dfen sie ja nicht, weil sie sich so verhalten h\u00e4tten, sondern weil sie von Gott beschlagnahmt, <em>geheiligt<\/em> worden waren). Auch Paulus lie\u00df sich bald in Hahnenk\u00e4mpfe verwickeln, besonders mit den Uraposteln. Ein Engel ist aus ihm nicht geworden.<\/p>\n<p>Und doch hat er keinen Moment daran gezweifelt, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Denn \u201eunser B\u00fcrgerrecht haben wir im Himmel,\u201c schreibt er einmal. Und ein andermal: \u201eUnsere Tr\u00fcbsal, die zeitlich begrenzt und vergleichsweise leicht ist, schafft eine ewige und \u00fcber alle Ma\u00dfen gewichtige Herrlichkeit\u201c (Phil 3, 19f und 2.Kor 4, 17).<\/p>\n<p>Wenn wir das doch aus vollem Herzen nachsprechen k\u00f6nnten! &#8211; Amen<\/p>\n<p><strong>Wilhelm v. der Recke, Cuxhaven<br \/>\nPastor im Lektorendienst<br \/>\ne Mail: <a href=\"mailto:Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de\">Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. 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