{"id":10064,"date":"2021-02-07T19:49:36","date_gmt":"2021-02-07T19:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10064"},"modified":"2022-10-06T15:00:15","modified_gmt":"2022-10-06T13:00:15","slug":"1-johannes-4-7-12-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-4-7-12-3\/","title":{"rendered":"1. Johannes 4, 7-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><em>7. Ihr Lieben, lasset uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebhat, der ist von Gott geboren und kennt Gott.<br \/>\n<\/em><em>8. Wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.<br \/>\n<\/em><em>9. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, dass wir durch ihn leben sollen.<br \/>\n<\/em><em>10. Darin steht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Vers\u00f6hnung f\u00fcr unsere S\u00fcnden.<br \/>\n<\/em><em>11. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.<br \/>\n<\/em><em>12. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander sehen, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist v\u00f6llig in uns. <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, der Satz \u201eGott ist Liebe\u201c ist uns von Kindheit an vertraut. So vertraut, dass wir kaum noch merken, dass er h\u00f6chst revolution\u00e4r und in dieser Zuspitzung in der gesamten Religionsgeschichte einmalig ist. Andere Religionen, in Vergangenheit und Gegenwart, haben das von Gott nie auszusagen gewagt. Nur das Judentum hat in Ans\u00e4tzen in diese Richtung gedacht. Im Christentum ist dieser Satz \u201eGott ist Liebe\u201c die entscheidende, die zentrale Aussage \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Bei den so genannten primitiven Religionen, wie wir sie heute noch bei den Urv\u00f6lkern im afrikanischen Busch oder bei den Indianern in S\u00fcdamerika finden, begegnet der Mensch der Gottheit mit einer tief sitzenden Angst. Im Sinne dieser Religionen m\u00fcsste man sagen: Gott ist der Furchtbare, der Schrecken, Angst Einfl\u00f6\u00dfende. Darum tun diese Menschen in ihrer Religionsaus\u00fcbung auch alles, um sich gegen die Gottheit abzuschirmen, sich vor ihrem Fluch, vor ihrem Bann, vor ihrem Zorn, vor ihren Strafen, ja vor ihrer Rache zu sch\u00fctzen. Angstvoll beobachten sie alle religi\u00f6sen Vorschriften, spenden lebensnotwendige Nahrungsmittel als Opfer. Wir wissen, dass es auch Menschenopfer, Kinderopfer gegeben hat. F\u00fcr diese Menschen ist Religion etwas Furchtbares.<\/p>\n<p>Nicht ganz so furchtsam haben die alten Griechen und R\u00f6mer ihre G\u00f6tter erlebt. Aber auch sie hatten Angst vor ihnen. Sie glaubten, dass die G\u00f6tter \u2013 wie b\u00f6se Nachbarn \u2013 neidisch auf die Gl\u00fccklichen, Erfolgreichen, Reichen sind. Darum war es notwendig, die G\u00f6tter durch Opfer bei guter Laune zu halten. Dieser Ausdruck mag salopp klingen. Aber er ist angemessen. Denn die G\u00f6tter des griechischen und r\u00f6mischen G\u00f6tterhimmels, des Olymp, lebten ihren Launen. Es waren egoistisch-heitere Gestalten, die auf die Menschen herabsahen, sich an ihren N\u00f6ten und Verwicklungen erfreuten, Wetten dar\u00fcber abschlossen, wie die eine oder andere Sache ausgehen w\u00fcrde. Manchmal griffen sie auch ein, mal zu Gunsten dieser, mal zu Gunsten jener Partei. Aber auch dies mehr, weil es sie erheiterte, weil es ihnen Spa\u00df machte. Und ab und zu kam einer von ihnen dann auch als Mensch verkleidet auf die Erde, um sich hier zu am\u00fcsieren. Mitleid, Liebe, Barmherzigkeit sind diesen G\u00f6ttern v\u00f6llig fremd.<\/p>\n<p>Aber auch Hinduismus und Buddhismus kennen die Vorstellung von einem liebenden Gott nicht. F\u00fcr sie gibt es \u00fcberhaupt keinen personalen Gott, sondern nur das Universum, in dem sich das Leben und dann auch das Leben der Menschen nach ewig gleichen Gesetzen bewegen. Mitleidlos, am einzelnen Menschen ganz uninteressiert, l\u00e4uft das Leben ab. Das einzige, was wir machen k\u00f6nnen, ist, diese Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit zu erkennen, uns durch die Vielfalt der Erscheinungen nicht aufregen oder blenden zu lassen und uns so zu verhalten, dass wir vielleicht einmal erl\u00f6st werden, das hei\u00dft: Aus diesen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten herauszukommen und uns ins Nichts, im Nirvana, aufzul\u00f6sen und nicht mehr zu sein. Nach Hinduismus und Buddhismus muss der Mensch das Leben aushalten, erleiden, ertragen, \u00fcber sich ergehen lassen. Eine Liebe des Universums gibt es nicht.<\/p>\n<p>Der Satz \u201eGott ist Liebe\u201c ist aber nicht nur in diesen uns fremden Religionen unbekannt. Er ist auch unter vielen Menschen unseres Bereichs unbekannt oder zumindest zweifelhaft geworden. Sie leiden darunter, dass sie diese von den Christen behauptete Liebe nicht sp\u00fcren. Wo kann man diese Liebe denn erfahren?<\/p>\n<p>Wenn wir das alles bedenken, wird deutlich: Der Satz \u201eGott ist Liebe\u201c ist ein zumindest sehr k\u00fchner Satz. Er wird noch k\u00fchner, wenn es in unserem Abschnitt auch noch ausdr\u00fccklich hei\u00dft \u201eNiemand hat Gott jemals gesehen\u201c. Das gilt nat\u00fcrlich auch von den Christen. Auch sie haben ihn nicht gesehen. Und dann stellen sie so einen Satz auf!?<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diesen Satz ist, dass wir durch Jesus Christus gelernt haben, die Welt mit anderen Augen anzusehen. Zuerst waren es die J\u00fcnger und die, die Jesus erlebt haben. Sie haben seine Sicht Gottes, wie er sie in den Gleichnissen dargelegt oder in seinem Umgang mit den Menschen gelebt hat, anziehend, \u00fcberzeugend, begeisternd erlebt. Sie sp\u00fcrten, hier ist eine Kraft und eine erw\u00e4rmende Wahrheit, die uns nicht nur anspricht. Das w\u00e4re zu wenig. Sie \u00f6ffnet uns, sie schlie\u00dft uns das Herz auf, sie setzt Kr\u00e4fte frei \u2013 Vertrauen, Freude, Geborgenheit, Liebe. W\u00e4hrend die von der Angst bestimmte Welt- und Gottessicht den Menschen auf sich zur\u00fcck wirft, verschlie\u00dft und damit zugleich klein macht und klein h\u00e4lt, misstrauisch, \u00e4ngstlich, feige.<\/p>\n<p>Die Christen sp\u00fcrten, dass die Botschaft von der Liebe Gottes uns aus uns selbst herauslockt. Sie erhebt uns, macht uns stark und mutig und dankbar und froh. Diese Grunderfahrung haben sie in einem vielf\u00e4ltigen und vielstimmigen Loben und Preisen und in gro\u00dfer Freude immer wieder zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>Sie sahen in Jesus Christus darum auch nicht einen psychologisch geschickten Esoteriker oder einen philosophischen Weisheitslehrer, sondern einen Gesandten Gottes, ja den \u201eeingeborenen Sohn\u201c, den Gott geschickt hat, damit wir diese neue Sicht kennen lernen und dadurch zu einem befreiten, von Angst erl\u00f6sten Leben kommen k\u00f6nnen. Insofern sahen sie in der Sendung und in der \u201eguten Botschaft\u201c (Evangelium), die Jesus Christus brachte und lebte, selbst ein St\u00fcck der Liebe Gottes. Er hat sich unserer erbarmt, wollte uns nicht in einer sinnlosen Angst leben lassen, sondern uns zu Hilfe kommen. Diese Erfahrung gipfelt dann in dem zusammen fassenden Satz: \u201eDarin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, das wir durch ihn leben sollen.\u201c<\/p>\n<p>Aber das war erst der Anfang. Die alten Erfahrungen der Angst und Lieblosigkeit, auf der die anderen Religionen aufbauen, sind ja geblieben. Die Welt ist trotz der Botschaft Jesu Christi von der Liebe im Wesentlichen nicht anders geworden. Und das sagen ja auch heute viele Menschen durchaus zu Recht.<\/p>\n<p>Das bleibend Neue an dieser Botschaft hat sich im Laufe der (Kirchen-)Geschichte best\u00e4tigt. Denn viele Menschen, die die Wahrheit dieses Satzes \u201eGott ist Liebe\u201c erfahren haben, haben ihn auch festgehalten, oft gegen den Augenschein. Sie haben es Jesus abgenommen und anderen, die sie darin best\u00e4rkt haben. Sie haben sich daran erinnert, dass Jesus den Glauben an diesen Satz durchgehalten bis zum Ende in der Ermordung am Kreuz. Und das hat viele gest\u00e4rkt. Sie glaubten: Hinter dem B\u00f6sen und Banalen, gibt es doch die Liebe Gottes. Sie haben diese Erfahrung und diesen Glauben festgehalten in Verfolgungen, in Kriegszeiten, in Konzentrationslagern, im Angesicht des Todes, im Angesicht der Sinnlosigkeit und so \u201edie Welt\u201c \u00fcberwunden. Manchmal haben sie diesen Satz nur noch beten k\u00f6nnen, weil nichts mehr daf\u00fcr gesprochen hat. Aber auch dann ist von diesem Satz Kraft ausgegangen, innerer Friede, Lebensmut. Wir k\u00f6nnten auch sagen: Der Christus in uns war st\u00e4rker. Die Liebe Gottes erwies sich als gr\u00f6\u00dfer als alles, was dagegen aufgetreten ist.<\/p>\n<p>Zugleich suchten die Christen nach Spuren der Liebe Gottes in der Welt. Und sie fanden sie und meinten, die Liebe Gottes war schon lange vor Jesus in der Welt, in der Sch\u00f6pfung wirksam und erkennbar. Aus Liebe hat Gott bereits die Welt geschaffen. Aus Liebe erh\u00e4lt er sie immer noch. Die Welt hat einen guten, gn\u00e4digen, freundlichen Urgrund. Und auch mein pers\u00f6nliches Leben ist ein Geschenk Gottes, des Sch\u00f6pfers.<\/p>\n<p>Diese grundlegenden Einsichten, zum Teil schon angelegt im Alten Testament, f\u00fchrten dazu, dass sich die Glaubenden selbst als einen Gedanken, als einen freundlichen Gedanken Gottes ansehen konnten. Jeder Mensch darf sich von Gott geliebt wissen. In der Taufe wird ihm diese Liebe ausdr\u00fccklich und ganz pers\u00f6nlich zugesagt.<\/p>\n<p>So hat sich \u2013 ausgehend von dem zentralen Gedanken \u201eGott ist Liebe\u201c \u2013 schlie\u00dflich eine Gesamtsicht des Lebens ergeben. Von der Furcht der alten Religionen ist nicht mehr viel geblieben. Sie flammt allerdings dort sehr schnell wieder auf, wo es Menschen nicht gelingt, an die Liebe Gottes auch dann zu glauben, wenn sie sie nicht wahrzunehmen verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Zur Gesamtsicht des christlichen Lebens von der Erfahrung \u201eGott ist Liebe\u201c her geh\u00f6rt dann auch, dass wir diese Liebe weitergeben, in ihr leben und sie als N\u00e4chstenliebe wirksam werden lassen. Die von der Angst bestimmte Welt- und Gottessicht ist gekennzeichnet durch Abgrenzung, Neid, Egoismus. Das von dem Gott der Liebe ge\u00f6ffnete Herz kann sich anderen zuwenden, sicher auch aus Barmherzigkeit und ohne den Gedanken an Lohn und Vergeltung. Das sicher auch. Aber das ist eigentlich eher selten so. Denn in den meisten F\u00e4llen erf\u00e4hrt der ge\u00f6ffnete Mensch eine geistliche Vergeltung durch die Freude, die Dankbarkeit, die gute Atmosph\u00e4re, die entsteht und das Leben wirklich lebenswert macht.<\/p>\n<p>Insofern ist mit dem Satz \u201eGott ist Liebe\u201c weit mehr als ein revolution\u00e4rer Satz der Religionsgeschichte formuliert. Die Sicht Gottes, die in diesem Satz zum Ausdruck kommt, ist die \u00dcberwindung der gesamten religi\u00f6sen und nicht religi\u00f6sen Welt. Diese gesamte bisherige Welt sieht jetzt pl\u00f6tzlich \u201ealt\u201c aus. Und sie ist es auch. Denn mit diesem Satz ist die Sch\u00f6pfung Gottes auf den Punkt und auf ihre Ziellinie gebracht. Amen<\/p>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Braendstroem-Str. 21<br \/>\n55124 Mainz (Gonsenheim)<br \/>\nTel.: 06131-690488<br \/>\nFAX 06131-686319<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">ce.schott@surfeu.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Ihr Lieben, lasset uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebhat, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 8. Wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. 9. 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