{"id":10070,"date":"2021-02-07T19:49:40","date_gmt":"2021-02-07T19:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10070"},"modified":"2022-10-05T15:06:45","modified_gmt":"2022-10-05T13:06:45","slug":"eine-meditation-aus-bedrueckendem-anlass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eine-meditation-aus-bedrueckendem-anlass\/","title":{"rendered":"Eine Meditation aus bedr\u00fcckendem Anla\u00df"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>322 Tote (bisher)&#8230;<br \/>\n<\/strong>Eine Meditation aus bedr\u00fcckendem Anla\u00df<\/p>\n<p>Die vorgestern (3. 9. 2004) blutig beendete Geiselnahme in Beslan hat wohl von Anfang an niemanden unber\u00fchrt gelassen; der Ausgang jedoch l\u00e4\u00dft Entsetzen, Trauer, ohnm\u00e4chtige Wut und auch viele Fragen wach werden. Unter diesen Fragen qu\u00e4lt auch die nach Gott und seinem von Theologie und Kirche seit je behaupteten Weltregiment: Gott \u2013 wo war er?<\/p>\n<p>Wir f\u00fchlen uns in einer Zwickm\u00fchle: War er nicht da, dann \u2013 nun, dann ist das Christentum ein Seelenverk\u00e4ufer, den man besser verlie\u00dfe. War er jedoch da, dann \u2013 erscheint es als schlechterdings unvorstellbar, da\u00df er sehenden Auges diese Verbrechen habe geschehen lassen. Doch wenn er\u2019s tat, dann scheint dem Glauben erst recht der Boden entzogen zu sein.<\/p>\n<p>Bereits diese Alternative als solche scheint nur den Schlu\u00df zuzulassen, da\u00df der Glaube an Gott zwar sch\u00f6n und kulturell folgenreich sei, doch eine blo\u00dfe Illusion.<\/p>\n<p>Nach aller Erfahrung steht freilich zu vermuten oder vielmehr zu bef\u00fcrchten, da\u00df hier und da Theologen aufstehen werden, die uns exakt erkl\u00e4ren, da\u00df alles Gnade war oder aber, wenn nicht, warum genau Gott dies zulie\u00df und da\u00df, recht und bei Licht betrachtet, er auch gerade darin sich als unser allm\u00e4chtiger himmlischer Vater erweise \u2013 o.\u00e4. W\u00e4re es nicht bis zur Trostlosigkeit ernst, man \u00fcberlie\u00dfe sie und sich selbst dem schallenden Gel\u00e4chter \u2013 Nun aber kann derartige (Pardon!) Klugschei\u00dferei nur noch bis zum lodernden Zorn erbittern. Not und Ungl\u00fcck vertragen kein Pfaffengeplapper.<\/p>\n<p>Einst d\u00fcpierte der Prophet Amos seine H\u00f6rer aus dem Gottesvolk mit der rhetorischen Frage:<\/p>\n<p><em>Ist etwa ein Ungl\u00fcck in der Stadt,<br \/>\ndas der Herr nicht tut?<\/em><br \/>\n(Amos 3, 6b)<\/p>\n<p>Ich habe oft auf diesem Vers gekaut \u2013 als Student nicht zuletzt unter dem Eindruck des Ernstes und der Glut von Ernst K\u00e4semann, der Gott gerade im Niederrei\u00dfen, im Zerst\u00f6ren, im Zertr\u00fcmmern am Werke sah und uns vor diesem Hintergrund lehrte, an den Vater Jesu Christi zu glauben. Ich habe auf diesem Vers gekaut, als ich sp\u00e4ter bei Luther von dem in seiner Majest\u00e4t verborgenen Gott las, mit gestr\u00e4ubten Haaren und trockenem Mund las: Denn wenn, <em>wenn<\/em> auch das Gott, auch das <em>unser<\/em> Gott und der Vater Jesu Christi w\u00e4re, dann m\u00fc\u00dften wir (so schien mir) im Unabsehbaren versinken. Und ich habe auf dem Vers gekaut und kaue immer noch auf ihm beim R\u00fcckblick auf mein Leben und insbesondere bei der Vergegenw\u00e4rtigung der Bilder \u2013 nie werde ich sie vergessen k\u00f6nnen! \u2013 der Buchenwald-H\u00e4ftlinge, die zu Kriegsende in unserer Stra\u00dfe Aufr\u00e4umarbeiten zu leisten hatten. Wir hungerten; nichts irgendwie E\u00dfbares kam bei uns um. Und diese Menschen durchst\u00f6berten in ihren kurzen Pausen unsere M\u00fclltonnen und a\u00dfen aus ihnen&#8230; Nach einem Bombenangriff lagen viele von ihnen zerfetzt auf der Stra\u00dfe \u2013<\/p>\n<p>Ich bin gelehrt worden und habe Anschauungsunterricht bekommen davon, da\u00df unter Gottes Walten nicht nur Leben geschenkt, sondern auch genommen, nicht nur aufgebaut, sondern auch zerst\u00f6rt, nicht nur geholfen, sondern auch geschlagen, nicht nur Menschlichkeit bewahrt, sondern auch brutal verleugnet wird. Dar\u00fcber ist mir die Theodizeefrage unerheblich geworden \u2013 der Philosoph Hermann L\u00fcbbe hatte recht, als er sagte, sie sei nur etwas f\u00fcrs philosophische Proseminar. Zwar, sie stellt sich nicht nur, sie dr\u00e4ngt sich uns auf: Wo war Gott? Wo ist seine Gerechtigkeit, wo seine Liebe, wo seine Macht? Wir wissen und erfahren jedoch Mal um Mal aufs neue: Diese Fragen, in dieser Grunds\u00e4tzlichkeit gestellt, verhallen im Leeren. Antwort, authentische Antwort, sie erhalten wir allenfalls wie Hiob \u2013 und diese Antwort geht an unseren Fragen vorbei. So unser Wissen und unsere Erfahrung sp\u00e4testens seit Hiob. Vor allem aber: Keine Theodizee kann aus der Welt schaffen: <em>Gott handelt auch entsetzlich.<\/em><\/p>\n<p>Damit mache ich nicht einfach Gott f\u00fcr jene Schwerverbrecher und ihr ruchloses Tun verantwortlich, die Hunderte von Kindern zu Geiseln nahmen und wie Gegenst\u00e4nde behandelten \u2013 hierf\u00fcr so wenig wie f\u00fcr den entsetzlichen N\u00e4hrboden, aus dem diese und andere Untaten erwachsen; ich stimme mit dem Rundfunkkommentator \u00fcberein, der jedes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr dieserart T\u00e4ter und Taten rundheraus verweigerte. Hier kann es nur mehr Entsetzen \u00fcber das Geschehene, Anklage wider diese M\u00f6rder und Schreien zu Gott um Erbarmen geben und mit alledem den Willen, wo immer wir auf einschl\u00e4gige Spuren sto\u00dfen, nicht still zu halten, sondern laut zu werden und zu handeln.<\/p>\n<p>Das alles jedoch \u2013 Wenn es in einem diesseitigen Raum ohne Gott verbliebe: Ja, es w\u00e4re uneingeschr\u00e4nkt aller Ehren wert und auf der ganzen Linie zu unterst\u00fctzen. Doch angesichts des Feixens derer, die die Machtmittel in ihren Klauen haben und keine Skrupel kennen, wissen wir zugleich, da\u00df wenig Grund zu Hoffnung besteht. Seit Kain und Abel geht Gewalt noch allemal vor Recht.<\/p>\n<p>Wenn es jedoch selbst unter den entsetzlichen Vorzeichen dieser heute (am Nachmittag des 4. September) bisher 322 Toten in einem Raum geschieht, den Gott in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt, in dem er nicht abwesend ist, dann \u2013 ja, was dann? Ich sto\u00dfe vor allem auf dreierlei:<\/p>\n<p>Dann hat unser Beten und Flehen und Schreien und Dr\u00e4ngen und Fluchen und Seufzen zu Gott Sinn, weil einen Adressaten und ein Echo \u2013 und dann frage ich mich zugleich und nicht ohne Besorgnis und Selbstkritik, wo dieses Flehen der Christenheit bei uns und zumal in unseren regelm\u00e4\u00dfigen Gottesdiensten bleibe? Das Gleichnis vom ungerechten Richter (Lukas 18, 1-8) will mir dabei nicht aus dem Sinn gehen.<\/p>\n<p>Dann haben wir \u2013 einmal mehr \u2013 zu lernen, da\u00df unsere und Gottes Gedanken zweierlei sind und Gottes Handeln an uns allen weit \u00fcber unsere Horizonte hinausreicht. Wir k\u00f6nnten das wissen, zumal es bekannt ist, doch wir haben Schwierigkeiten, es zu realisieren: da\u00df n\u00e4mlich er, Gott selbst, in Jesus Christus in Leiden, Folter, und Tod ging, was seither \u2013 Paulus sah v\u00f6llig klar \u2013 f\u00fcr alle Denkenden und Empfindenden eine einzige, in ihr selber absurde Herausforderung ist. Und ich frage abermals besorgt und selbstkritisch, ob wir nicht immer schon dabei ist, uns das \u201eJesulein\u201c oder den \u201eBruder Jesus\u201c und mit ihm auch Gott nach unserem eigenen Bilde zu modeln, so selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df es, wer wei\u00df, immer wieder der H\u00e4rte des Leidens bedarf \u2013 Ernst K\u00e4semanns Einsicht \u2013 , um uns auf den wahren Gott aufmerksam werden zu lassen.<\/p>\n<p>Dann sind wir versichert, da\u00df weder wir noch unsere Lieben noch sonst ein Mensch Gottes Hand und seinem Wirken entrissen wird noch entrissen werden kann, wenn Verbrecher auftreten und ihre brutale Skrupellosigkeit ausleben \u2013 so wenig wie der Gottes Hand entrissen war, der in letzter Verzweiflung schrie: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c Wir verbleiben in ihr, so wahr er in der Taufe einen Bund mit uns schlo\u00df und im Herrenmahl sich uns selber gibt.<\/p>\n<p>Nein, eine L\u00f6sung oder auch nur Linderung des Grauenhaftes haben wir nicht. Wohl aber haben wir angesichts dessen allen Grund, uns darauf zu besinnen, es zu meditieren, ihm nachzugehen, ihm zu folgen und es regelm\u00e4\u00dfig geltend zu machen \u2013 auch gegen uns selbst:<\/p>\n<p><em>Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,<br \/>\nund was der Herr von dir fordert,<br \/>\nn\u00e4mlich Gottes Wort halten und Liebe \u00fcben<br \/>\nund dem\u00fctig sein vor deinem Gott.<\/em><br \/>\n(Micha 6, 8. Die letzte Zeile ist von Luther frei, doch insgesamt zutreffend \u00fcbertragen)<\/p>\n<p>Beslan aber d\u00fcrfte uns eingebrannt haben: Hier geht es um die Wirklichkeit. Und die ist zu ernst, zu bedr\u00fcckend ernst, als da\u00df wir es uns selbst oder anderen durchgehen lassen d\u00fcrfen, da\u00df diese klaren S\u00e4tze an frommen Stammtischen und im theologischen Feuilleton zerredet werden. Es geht um unser Tun und Leben \u2013 beginnend schon mit dem ersten Halbsatz. Es m\u00f6chte sein, da\u00df wir selber eher Trost finden und anderen zu spenden verm\u00f6gen, indem wir einfach und einf\u00e4ltig hiermit anfangen und dazu stehen und dabei dann auch uns das schwere W\u00f6rtlein \u201eDemut\u201c zu Herzen nehmen.<\/p>\n<p>Gott gebe uns allen die Gnade dazu.<\/p>\n<p>Kyrieleison!<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<br \/>\n<a href=\"mailto:hweissenfeldt@foni.net\">hweissenfeldt@foni.net <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>322 Tote (bisher)&#8230; Eine Meditation aus bedr\u00fcckendem Anla\u00df Die vorgestern (3. 9. 2004) blutig beendete Geiselnahme in Beslan hat wohl von Anfang an niemanden unber\u00fchrt gelassen; der Ausgang jedoch l\u00e4\u00dft Entsetzen, Trauer, ohnm\u00e4chtige Wut und auch viele Fragen wach werden. 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