{"id":10071,"date":"2021-02-07T19:49:40","date_gmt":"2021-02-07T19:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10071"},"modified":"2022-10-05T15:01:43","modified_gmt":"2022-10-05T13:01:43","slug":"roemer-8-12-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-8-12-17\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8, 12-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>Paulus macht sich Sorgen. Anla\u00df zur Sorge gibt ihm die Lage der jungen christlichen Gemeinde in Rom. Denn dort gibt es zwei Richtungen, und diese zwei Richtungen driften immer weiter auseinander. Sie diskutieren ihre Standpunkte nicht mehr, sondern behaupten sie nur noch. Auch nehmen sie je f\u00fcr sich in Anspruch, die richtige Art des Glaubens zu kennen, zu haben und zu vertreten &#8211; was dann zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchrt, die jeweils andere Meinung als Irrglauben abzutun und zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Der einen Gruppe geht es darum, ihre alten Traditionen zu erhalten und zu pflegen, auch in der neuen Zeit das Erbe der V\u00e4ter zu bewahren. Sie achten streng darauf, da\u00df alle Vorschriften und Regeln eingehalten werden, und zwar von allen. Diese Gruppe besteht aus Juden, die zum Teil schon \u00fcber Generationen in Rom leben und als kleine fromme Minderheit in heidnischer Umgebung ihre Traditionen besonders heftig pflegt &#8211; wie Minderheiten das so machen. In der christlichen Botschaft finden sie die Erf\u00fcllung ihrer religi\u00f6sen Hoffnung, aber der christliche Glaube ist f\u00fcr sie die Fortsetzung ihres alten Glaubens.<\/p>\n<p>Die andere Gruppe besteht aus ehemaligen Heiden: R\u00f6mer, Griechen, Gallier, vereinzelte Germanen und auch einige Afrikaner. Sie stammen aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen, aus unterschiedlichen Kulturen. F\u00fcr sie ist der christliche Glaube etwas ganz Neues, und der Eintritt in die christliche Gemeinde bedeutet f\u00fcr sie Abschied von vertrauten Sitten und Gebr\u00e4uchen. Das ist nicht einfach, und eben deshalb erwarten sie das auch von den anderen, und zwar von allen. Auch von den Juden, deren Vorschriften und Regeln sie eh nicht verstehen.<\/p>\n<p>Paulus macht sich also Sorgen wegen dieser Auseinandersetzung, und manchmal denkt er: Die spinnen, die R\u00f6mer. Aber das hilft nicht weiter, ihm nicht und der r\u00f6mischen Gemeinde auch nicht. Den gelernten Juden mu\u00df er sagen: Seht das doch nicht so eng, seid doch lockerer, denn euer Seelenheil h\u00e4ngt nicht an \u00e4u\u00dferen Formen. Den gelernten Heiden mu\u00df er das Gegenteil klarmachen: Ihr k\u00f6nnt nicht so weiterleben wie bisher. Ohne verbindliche Lebensordnung ist christliches Leben nicht m\u00f6glich. Und beides soll in einem Brief stehen, damit beide Seiten beides zu h\u00f6ren bekommen: Die Juden, da\u00df sie vom Gesetz befreit sind, da\u00df sie gerecht werden ohne des Gesetzes Werke, allein aus Gnade. Und die Heiden, da\u00df sie von der S\u00fcnde befreit sind, vom \u201eFleisch\u201c, wie Paulus das nennt, und da\u00df das Reich Gottes nicht in Essen und Trinken besteht, sondern in Gerechtigkeit und Friede.<\/p>\n<p>Nun ist Paulus Menschenkenner genug um zu wissen, da\u00df beide Seiten in jedem Menschen stecken: Einerseits treibt der \u201eBauch\u201c zu un\u00fcberlegten Reaktionen und Taten, und andererseits sitzen zahllose Gebote und noch mehr Verbote im Kopf. Wut im Bauch z. B. will die Faust ballen und zuschlagen, und der Kopf sagt: Das darfst du aber nicht.<\/p>\n<p>Und zwischen Kopf und Bauch sitzt das Herz. Wer mit dem Herzen sieht und h\u00f6rt, wer von Herzen glaubt, der wird gerecht, der reagiert richtig. Wer \u201eSchuldner des Fleisches\u201c ist, wie Paulus schreibt, wer sich von seinem Bauch regieren l\u00e4\u00dft, von seiner Triebhaftigkeit, der ist als Mensch ebenso tot wie jemand mit \u201eknechtischem Geist\u201c, der aus Angst vor Regelverletzungen handlungsunf\u00e4hig ist. Beides, schreibt Paulus nach Rom, ist nicht das Leben der Kinder Gottes: Gottes Kinder sind erl\u00f6st vom Diktat der S\u00fcnde &#8211; und vom Diktat des Gesetzes. Denn beide Diktaturen machen ein Leben in Gemeinschaft unm\u00f6glich, verhindern oder zerst\u00f6ren es. Die Kinder der Welt werden vom Geist dieser Diktaturen getrieben, sie sind Kinder der Finsternis und des Todes. Dazu verdammen sie sich gegenseitig, dazu sind sie verdammt.<\/p>\n<p>Gottes Kinder aber werden von seinem Geist getrieben, dem Geist des Friedens und der Gerechtigkeit, dem Geist der Wahrheit und der Freude, dem Geist der Barmherzigkeit und der Liebe; sie sind Kinder des Lichts und des Lebens. Dazu sind sie befreit, und dazu befreien sie einander.<\/p>\n<p>Sie tun das, indem sie aus dem Geist Gottes heraus und in seinem Sinne handeln, denn Glaube ist nicht denken, sondern tun.<\/p>\n<p>Aber was tun? Den beiden Gruppierungen in Rom r\u00e4t Paulus, einander nicht zu verdammen, sondern nach Verst\u00e4ndigung und gegenseitigem Verstehen zu suchen; die Hand nicht zu verweigern und sie nicht abzulehnen. Und er r\u00e4t, sich um in Not Geratene zu k\u00fcmmern, Hungernde zu speisen, D\u00fcrstende zu tr\u00e4nken, Fremde aufzunehmen, Feinden zu vergeben. So handeln Gottes Kinder und Erben, von seinem Geist getrieben; so ist Gottes Geist in konkretem Handeln zu erfahren. Solches Handeln ist eine Sprache, die jeder versteht. Taten der Barmherzigkeit und der Liebe, der Wahrheit und der Freude, der Gerechtigkeit und des Frieden sprechen f\u00fcr den Geist, der sie bewirkt, sprechen an seiner Stelle und zu seinen Gunsten. Sie sind Fr\u00fcchte des Glaubens, und aus solchen Fr\u00fcchten keimt neuer Glaube.<\/p>\n<p>Liebe Geschwister, machen Sie mit mir einen Sprung vom antiken Rom ins moderne Deutschland: Der Apostel Paulus h\u00e4tte heute \u00e4hnliche Sorgen. Die drei gro\u00dfen Konfessionen z. B. w\u00fcrden ihm diese Sorgen machen. 950 Jahre sind es genau, dass die r\u00f6mische Kirche sich von der orthodoxen getrennt hat; fast 500, dass die Kirchen der Reformation sich von Rom trennen mussten. Auch die EKD w\u00fcrde ihm Sorgen machen. Z. B. weil sie in mehr als einhundertf\u00fcnfzig Jahren kein klares Ja zur Diakonie gesagt hat. Statt dessen fragt die Kirche immer wieder und laut, was denn diakonisches Handeln mit ihr zu tun habe.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis evangelischer Kirchen untereinander und mancher Gemeinden zueinander w\u00fcrde ihm Sorgen machen, weil es dort durchaus knechtische Gestalten gibt, geistlos und hartherzig. Gestalten, die wie damals in Rom ihre einseitige Sicht christlichen Glaubens f\u00fcr die einzig richtige halten.<\/p>\n<p align=\"left\">Was Paulus heute schreiben w\u00fcrde, haben wir geh\u00f6rt, nur w\u00fcrde er vermutlich eins wohl noch deutlicher sagen: Der aus dem Elend von S\u00fcnde und Gesetz befreite und erl\u00f6ste Mensch handelt aus Dankbarkeit im Geist des Friedens und der Gerechtigkeit, im Geist der Wahrheit und der Freude, im Geist der Barmherzigkeit und der Liebe als Kind und Erbe Gottes. Amen<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Geschwister, Paulus macht sich Sorgen. Anla\u00df zur Sorge gibt ihm die Lage der jungen christlichen Gemeinde in Rom. 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