{"id":10079,"date":"2021-02-07T19:49:35","date_gmt":"2021-02-07T19:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10079"},"modified":"2022-10-10T09:24:55","modified_gmt":"2022-10-10T07:24:55","slug":"1-petrus-5-1-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-petrus-5-1-7\/","title":{"rendered":"1. Petrus 5, 1-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong> &#8220; <\/strong>Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochm\u00fctigen, aber den Dem\u00fctigen gibt er Gnade.<br \/>\nSo dem\u00fctigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erh\u00f6he zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt f\u00fcr euch. Seid n\u00fcchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein br\u00fcllender L\u00f6we und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass eben dieselben Leiden \u00fcber eure Br\u00fcder in der Welt gehen. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, st\u00e4rken, kr\u00e4ftigen, gr\u00fcnden. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wie hoch aktuell diese Worte gerade heute sind, wurde mir in den letzten Wochen klar. Die Bedeutung des Wortes <strong>Leiden<\/strong> lernte ich am eigenen K\u00f6rper kennen. Ich hatte so furchtbare Schmerzen, dass ich weder essen noch trinken noch reden noch schlafen konnte. Zur Ablenkung setzte ich mich vor den Fernsehapparat. Als das schreckliche Leiden der Kinder und Erwachsenen um die Schule in Beslan in Ru\u00dfland sah, das brutale, erbarmungslose selbstm\u00f6rderische Terroristen Hunderten von Menschen beif\u00fcgten, da ging mir der Satz unseres Predigtextes durch den Sinn: <em> Der Teufel, geht umher wie ein br\u00fcllender L\u00f6we und sucht, wen er verschlinge.<\/em><\/p>\n<p><strong>Demut<\/strong> kann man unterschiedlich verstehen. \u00bbDer getretene Wurm kr\u00fcmmt sich wieder. So ist es klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, von neuem getreten zu werden. In der Sprache der Moral nennen wir das Demut\u00ab, schreibt Friedrich Nietzsche, der Menschen bewundert, die sich nicht mehr treten lassen, sondern wie der <em>\u00dcbermensch <\/em>alle Dinge des Lebens selber in die Hand nehmen. <em>Chesterton<\/em> betont dagegen, dass nur die Sicheren, die Selbstbewussten sanftm\u00fctig und dem\u00fctig sein k\u00f6nnen. Nur ein tief verwurzelter und in sich ruhender Mensch k\u00f6nne freiwillig diesen Weg gehen.<\/p>\n<p>Aus der chinesischen Weisheit lernen wir: <em>Ich habe drei Sch\u00e4tze, die ich h\u00fcte und hege. Der eine ist die Liebe, der zweite ist die Gen\u00fcgsamkeit, der dritte ist die Demut.<br \/>\n<\/em><em>Nur der Liebende ist mutig, nur der Gen\u00fcgsame ist grossz\u00fcgig, nur der Dem\u00fctige ist f\u00e4hig zu herrschen.<br \/>\n<\/em>Die Bibel verbindet Leiden, Demut und Mitleiden mit den Br\u00fcdern und Schwestern in der Welt.<\/p>\n<p>Die Mosegeschichte, auf die sich Juden, Christen und Muslime berufen, bringt<strong> Leiden und Demut<\/strong> in einen engen Zusammenhang. Moses Leiden begannen bereits mit seiner Geburt. Eigentlich h\u00e4tte er gar nicht leben d\u00fcrfen, denn nach dem damals erlassenen \u00e4gyptischen Gesetz mussten alle hebr\u00e4ischen Jungen sofort nach der Geburt get\u00f6tet werden, um das schnelle Wachstum der Fremden zu verhindert. Hebr\u00e4er, Ausl\u00e4nder, Fremde durften in \u00c4gypten zwar arbeiten, aber sie hatten keine Rechte. Dass Mose lebte, verdankte er dem Einsatz der hebr\u00e4ischen Hebammen, die sich mutig gegen dieses unmenschliche k\u00f6nigliche Gebot stellten, indem die Geburten nicht anmeldeten. Zur Rechenschaft gezogen sagten sie: die hebr\u00e4ischen Frauen sind so stark, sie brauchen uns Hebammen gar nicht. Die Kinder sind schon geboren bevor wir kommen.<\/p>\n<p>Der von seiner Mutter in gro\u00dfer Not schlie\u00dflich ausgesetzte und in Gottes Obhut \u00fcbergebene Junge, fand in der Tochter des Pharao seine Rettung. Sie zog ihn aus dem Wasser und so erhielt er seinen Namen: <em>Der aus dem Wasser gezogene.<\/em><\/p>\n<p>Mose genoss in seiner Jugend die Privilegien der Reichen. Seine leibliche Mutter versorgte ihn im Auftrag der K\u00f6nigstochter. Doch er verga\u00df nicht seine Herkunft. Als er eines Tages mit ansehen musste, wie ein \u00e4gyptischer Aufsehen einen Hebr\u00e4er misshandelte, t\u00f6tete er den Aufseher. Er musste in die W\u00fcste fliehen und wurde Hirte bei Jetroh, der sp\u00e4ter sein Schwiegervater wurde.<\/p>\n<p>Mose musste lernen, dass Demut Bodenn\u00e4he und Mut zum Dienen lernen. Demut ist aus dem Hebr\u00e4ischen <em>ani <\/em>abgeleitet. Martin Luther \u00fcbersetzt den Begriff mit<em> Elend<\/em>. In den <strong>Seligpreisungen, <\/strong>der Magna Charta des Reiches Gottes, sind \u00bbSanftmut und Demut\u00ab Merkmale des J\u00fcngerlebens, christliche Grundwerte und Wirkung des Heiligen Geistes. Das \u00e4lteste christliche Glaubensbekenntnis in Philipper 2,5-11 beschreibt den Weg Jesu Christi <em>von oben nach unten. <\/em><\/p>\n<p>Der Petrusbrief setzt die paulinischen Gedanken fort und betont die Gegenseitigkeit der christlichen Bruderliebe mit den Worten: \u201eAlle aber umkleidet euch im Verkehr miteinander mit Demut; denn Gott widersteht den Hochm\u00fctigen, den Dem\u00fctigen aber gibt er Gnade. Im Urtext hei\u00dft es: die Demut wie eine Sch\u00fcrze anziehen.<\/p>\n<p>Martin Luther unterstreicht in seiner Predigt \u00fcber 1.Petrus 5, 9 unter dem Thema:<em> Gemeinschaft der Leiden als Trost der Kirche<\/em>, dass die schwersten Anfechtungen geistlicher Art seien wie beispielsweise <em>Zweifel an Gott, Misstrauen gegen Gott und Gottesl\u00e4sterung<\/em>. Da werde der <em>Mensch irre, er verschmachtet und verdorrt.<\/em> Da sei es ein Trost zu wissen, <em>dass ebendieselben Leiden \u00fcber eure Br\u00fcder in der weiten Welt gehen<\/em>. Am schlimmsten sei, dass die Selbstsicheren sich gar noch als M\u00e4rtyrer f\u00fchlten. Sie h\u00e4tten \u00bbden Teufel schon lange gefressen\u00ab und merkten gar nicht, dass sie selber <em>schon l\u00e4ngst siebenmal vom Satan verschlungen worden<\/em> seien.<\/p>\n<p>In dieser Leidenssituation wird Gemeinde zum \u00bbhome for the homeless\u00ab (J.H. Elliott). Solidarit\u00e4t wird ausgedr\u00fcckt durch Symbole wie<em> geistliches Haus,<\/em> (2,5), <em>auserw\u00e4hltes Geschlecht<\/em> (2,9) <em>zusammenwohnend <\/em>(3,7), <em>Miterbinnen<\/em> (3,7) <em>mitf\u00fchlend<\/em> (3,8). Der Druck von au\u00dfen f\u00f6rdert ungeheuchelte Bruderliebe. Jedes Gemeindeglied tr\u00e4gt Verantwortung f\u00fcr das Ganze, ausgedr\u00fcckt in der Formulierung \u00bballgemeines Priestertum\u00ab.<\/p>\n<p>Christen in der Fremdlingsschaft und im Leiden stehen in Gefahr, sich zur\u00fcckzuziehen an einen sicheren Ort. Der Orient ist die Heimat des Christentums. Im Augenblick erleben wir, dass das Christentum zur einzigen Religion wird, die in ihrem Ursprungsland nicht mehr existiert. Dietrich Bonhoeffer formulierte das solidarische Leiden der Christen so: \u201cDen Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Br\u00fcder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.\u201c<\/p>\n<p>Weil der Dialog der Religionen f\u00fcr alle Religionen wichtig ist, weil Religionen sonst zur Intoleranz erstarren, und die Gesellschaft ihre Dynamik verliert, fordert der jordanische Prinz Hassan die arabischen Christen zum Bleiben in Pal\u00e4stina auf. Wir hier in Deutschland sollten sie darin best\u00e4rken und uns nicht wie Friedrich Naumann vor gut hundert Jahren um politischer Vorteile willen von Christen distanzieren, sondern in jeder Form unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Der 1945 verstorbene Theologe Leonard Ragaz, Mitbegr\u00fcnder des so genannten <em>religi\u00f6sen Sozialismus<\/em>, der seine Professur mit allen damit verbundenen Privilegien an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich aufgab und <em>hinab<\/em> ins Arbeiterviertel zog, war \u00fcberzeugt, dass Gewalt von Gott und von den Menschen trennt. Gewalt wolle die Erde erobern und k\u00f6nne sie doch nicht erobern und nicht behalten. Gewalt sei in sich nichtig. Sie st\u00fcrze dahin vor dem Geiste, vor der Wahrheit, vor der Freiheit, vor dem Rechte. Sie st\u00fcrze vor allem dahin vor dem Leiden um der Gerechtigkeit willen. Christi Reich behalte das letzte Wort. Das Kreuz sei st\u00e4rker als das Schwert, das Ohnm\u00e4chtige st\u00e4rker als das M\u00e4chtige, das \u00bbgeschlachtete Lamm\u00ab st\u00e4rker als der L\u00f6we. Die Welt geh\u00f6rte zuletzt dem Geist, der Freiheit, der Wahrheit, der Liebe.<br \/>\nGewalt k\u00f6nne nur \u00fcben, wer Gott nicht ehrt, den Herrn, der auch der <em>Vater<\/em> ist.<\/p>\n<p>Deshalb hei\u00dft es auch heute noch: <em>Widersteht fest im Glauben , und wisst, dass eben dieselben Leiden \u00fcber eure Br\u00fcder in der Welt gehen. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, st\u00e4rken, kr\u00e4ftigen, gr\u00fcnden. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! <\/em><\/p>\n<p><em> Amen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Karl W. Rennstich<br \/>\nReutlingen<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:kwrennstich@gmx.de\">kwrennstich@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220; Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochm\u00fctigen, aber den Dem\u00fctigen gibt er Gnade. So dem\u00fctigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erh\u00f6he zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt f\u00fcr euch. 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