{"id":10085,"date":"2021-02-07T19:49:30","date_gmt":"2021-02-07T19:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10085"},"modified":"2022-10-25T16:54:58","modified_gmt":"2022-10-25T14:54:58","slug":"johannes-316-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-316-2\/","title":{"rendered":"Johannes 3,16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Sorge<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>dieser Text erschreckt uns. Von \u201eDemut\u201c ist die Rede. Unsere \u201eSorge\u201c sollen wir auf Gott werfen. Dabei wird t\u00e4glich weitergebombt. Und doch \u2013 bei n\u00e4herem Hinsehen \u2013 ist dieser Text f\u00fcr uns geschrieben; ich m\u00f6chte sagen: gerade f\u00fcr uns geschrieben. Nat\u00fcrlich ist der Text vor fast 2.000 Jahren f\u00fcr andere verfasst worden, aber das Thema ist damals und heute \u00e4hnlich, in seiner Konsequenz so gar gleich. Demut, Sorge und damit auch drohendes Leid &#8211; denn nichts anderes ist Sorge \u2013 war damals das Problem und ist es heute. Selbst der Schauplatz ist \u00e4hnlich. Damals ging es um Christen in der Welt im r\u00f6mischen Reich, d.h. um Christen in dem Reich, das die damalige Welt umfasste, und wir leben in der Welt, der heutigen ganzen Welt, der globalisierten.<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Um was geht es konkret? Es ist die Sorge. Terror herrscht weltweit, von New York bis Tschetschenien, von Madrid bis Bagdad. Terror meint die Folgen von Gewalt, brutaler, r\u00fccksichtsloser Machtanwendung. Einmal sind die Folgen sind die Folgen k\u00f6rperlicher Art, Tod, Verletzte in Krankenh\u00e4usern. Terror meint zweitens die seelischen Folgen, die der Betroffenen und ihrer Angeh\u00f6rigen. Wir beten in unseren Gottesdiensten f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen unserer Verstorbenen. Terror meint drittens die Sorge, die Angst vor neuen Anschl\u00e4gen. Vor den Folgen eins und zwei, vor Tod und Verletzung, vor seelischen Sch\u00e4den.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, diese Sorge trifft uns alle. Die Sicherheitsorgane m\u00fcssen ihre Arbeit tun, besser tun als in der Vergangenheit, aber ein Restrisiko bleibt. Die in Madrid fuhren zur Arbeit, in die Schule, die in New York waren schon an ihrem Arbeitsplatz, oder andere waren freudig in den Urlaub nach Bali, andere nach Djerba gefahren, wieder andere gingen voller gro\u00dfer Erwartungen zum ersten Mal in die Schule in Beslan. Sie alle wurden ge-troffen, ohne von irgendwelchen politischen Problemen be-troffen zu sein. Wer ist der n\u00e4chste?<\/p>\n<p>Diese Sorge sollen wir abgeben? Sollen wir Gott geben? Ist er so eine Art Annahmestelle f\u00fcr Pakete mit der Aufschrift \u201eSorge\u201c? Der griechische Text und ihm folgend Luther sprechen gar von \u201ewerfen\u201c. \u201eWeg mit den Sorgen!\u201c ?<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Geht das? Fahre ich nicht zur Arbeit? Gehe ich nicht in die Schule? Nicht-Christen werden noch h\u00e4rter reagieren: Typisch Kirche.\u201c Manche Christen werden sagen: \u201eDer Pfarrer hat gut reden. Kirchen waren bisher nicht betroffen,\u2026\u201c, bis einmal die Kirche in Bethlehem und einmal eine Mosche in Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>Manche fragen h\u00e4rter, noch direkter: Gott? Gott soll zust\u00e4ndig sein f\u00fcr meine Sorgen? Wo war er bei den Anschl\u00e4gen? Ja, wo wird er sein, wenn hier in Brandenburg Hartz IV am 1.1.2005 in Kraft treten wird? Andere werden sagen, \u201ewenn hier in Essen Hartz IV in Kraft treten wird?\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, unser Text hat es sich nicht leicht gemacht. Er wusste wovon er im Weltreich Rom spricht. Die Welt damals war keine heile. Die Nachbarn waren zu Christen nicht freundlich. Die Christen selbst waren oft arm, unterdr\u00fcckt, nicht selten Sklaven. Die Demokratie war zwar schon vor Jahrhunderten erfunden worden, aber sie fand keine Anwendung. Bis gar Menschenrechte proklamiert werden sollten, mussten noch Jahrhunderte vergehen. Wenn also der Text dennoch von Gott als Annahmestelle f\u00fcr Sorgenpakete spricht, dann ist das bewusst und im vollen Wortsinn gemeint.<\/p>\n<p>\u201eAlso hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben\u201c, hei\u00dft es im Johannes-Evangelium (3,16) und gleich im n\u00e4chsten Vers:<\/p>\n<p>\u201eDenn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.\u201c<\/p>\n<p>Um Gott geht es in unserem ganzen Predigttext. Unter Gott sollen wir uns dem\u00fctigen, auf ihn unsere Sorgen werfen; er hat uns berufen. Darum schlie\u00dft der Text mit einem Lob Gottes.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>Gott hat uns berufen \u2013 berufen in Jesus Christus. Lassen Sie mich noch einmal die Bibel zitieren, dieses Mal Paulus, 1. Kor.3, 16:<\/p>\n<p>\u201eEinen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus\u201c.<\/p>\n<p>Diese Feststellung ist die Antwort auf das Leid, die Sorgen. Damals und heute! Diese Konsequenz sehen aber nicht alle Menschen als Antwort auf das Leid. Leid wird unterschiedlich erlebt. Einige Beispiele aus der Dichtung. Sie spiegelt uns Menschen, unser Erleben.<\/p>\n<p>Wir erleben das Leiden sehr direkt. Es gab andere Epochen, auch in Deutschland, die das Leid sehr direkt erlebten, davon gepr\u00e4gt wurden und ihr Erleben beschrieben haben. Eine davon sind die Jahre zwischen 1760 bis 1790. Geistesgeschichtlich gesehen werden diese Jahre als \u201eSturm und Drang\u201c nach dem Titel eines Schauspiels von Friedrich Maximilian Klinger (1752-1831) bezeichnet. Friedrich Schiller (1723 -1796) schrieb damals sein St\u00fcck die R\u00e4uber (uraufgef\u00fchrt 1782), Wolfgang Goethe (1749 \u2013 1832) den Roman \u201eDie Leiden des jungen Werthers\u00ab (1774, Neufassung 1787); in G\u00f6ttingen versammelten sich Dichter zum \u201eG\u00f6ttinger Hain\u201c (gegr\u00fcndet 1772). Es geht in allen diesen Werken um Erlebnisse. Diese waren oft verwirrend. Klinger wollte sein Schauspiel urspr\u00fcnglich \u201eWirr-Warr\u201c nennen. Erst sp\u00e4ter gab er ihm den Titel \u201eSturm und Drang\u201c. \u201eWirr-Warr\u201c w\u00e4re treffend gewesen. Alles ist verwirrend. Der Grund daf\u00fcr ist Leiden. Es sind seelische Leiden. Sie sind gewaltig. Klinger schreibt an einer Stelle in seinem St\u00fcck: \u201eUnser Ungl\u00fcck kommt aus unserer eigenen Stimmung des Herzens, die Welt hat dabei getan\u201c (=dazu getan, mit-gewirkt), \u201eaber weniger\u201c (als wir selbst getan). Die Menschen leiden an sich selbst, k\u00f6nnen ihrem eigenen Herzen nicht entkommen. Das wohl ber\u00fchmteste St\u00fcck Klingers tr\u00e4gt den bezeichnenden Titel \u201eDas leidende Weib\u201c. Es ist ein Trauerspiel. Der junge Werther in Goethes Roman erschie\u00dft sich, weil er seinem Leid nicht entkommt.<\/p>\n<p>Von Erleben her zu leben, ist auch unsere Art zu leben (Gerhard Schulze, die Erlebnisgesellschaft, Kultursoziologie der Gegenwart, 1. Aufl., Frankfurt\/New York 1993).<\/p>\n<p>Die Menschen in und nach dem 30-j\u00e4hrigen Krieg litten ebenfalls. Paul Gerhard u.a. antworteten auf das Erlebte mit Liedern, sprachen von ihrem Leid. Sie warfen ihr Leid auf Gott. Paul Gerhard dichtete direkt: \u201eDie Tr\u00fcbsal tr\u00fcbt mich nicht\u201c (EG 112,3). Schon fr\u00fcher,1598, hatte Cyriakus Schneegass gesungen:\u201cIn dir ist Freude in allem Leide..\u201c (EG 398,1). Im letzten Jahrhundert sangen die Menschen in Deutschland in den Leiden in und nach dem 1. und 2. Weltkrieg ebenfalls von Gott und Christus als Helfer im Leid. Neue Lieder entstanden in diesem Sinne und die alten Lieder von Paul Gerhard, Martin Luther u.a. wurden gesungen.<\/p>\n<p>Dieser kurze Gang durch die Geschichte der Dichtung zeigt, dass Menschen leiden, Leid erleben, aber unterschiedlich damit umgehen. Das Erleben im \u201eSturm und Drang\u201c f\u00fchrt oft zum Tod, gar zum Selbstmord. Der leidende junge Werther erschie\u00dft sich. Er muss den Verlust der Geliebten erleben; dies kann er nicht ertragen. Anders reagieren Schneegass, Gerhard. Menschen reagieren unterschiedlich.<\/p>\n<p>Unser Predigttext ruft seine Leser auf, die Sorgen auf Gott zu werfen, dem\u00fctig zu sein, im Glauben Versuchungen zu widerstehen.<\/p>\n<p>Gott ist f\u00fcr uns da! Damals, heute und in der Zwischenzeit! Darum hei\u00dft es am Schluss des Textes und auch der Predigt:<\/p>\n<p>\u201eIhm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen\u201c (V. 11).<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorge Liebe Gemeinde, dieser Text erschreckt uns. Von \u201eDemut\u201c ist die Rede. Unsere \u201eSorge\u201c sollen wir auf Gott werfen. Dabei wird t\u00e4glich weitergebombt. Und doch \u2013 bei n\u00e4herem Hinsehen \u2013 ist dieser Text f\u00fcr uns geschrieben; ich m\u00f6chte sagen: gerade f\u00fcr uns geschrieben. 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