{"id":10094,"date":"2021-02-07T19:49:42","date_gmt":"2021-02-07T19:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10094"},"modified":"2022-10-03T09:31:05","modified_gmt":"2022-10-03T07:31:05","slug":"2-timotheus-1-7-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-timotheus-1-7-10-2\/","title":{"rendered":"2. Timotheus 1, 7-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wie eine Art Verm\u00e4chtnis des Apostels liest sich der zweite Timotheusbrief. Vieles in diesem sehr pers\u00f6nlich gehaltenen Brief deutet daraufhin, dass nicht Paulus selbst der Verfasser ist, sondern dass ein Nachfolger unter seinem Namen und damit doch auch in seinem Namen ihn geschrieben hat. Aus diesem Verm\u00e4chtnis also stammt unser heutiger Predigttext.<\/p>\n<p>Vor allem dessen Anfangssatz finde ich einfach sch\u00f6n: \u201eGott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.\u201c Paul Gerhard scheint mit seinem erfrischenden Vers unmittelbar an ihn anzukn\u00fcpfen: \u201eUnverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen.\u201c Gerade weil wir die Furcht so gut kennen \u2013 das griechische Wort hat sogar eher noch die Bedeutung \u201eFeigheit\u201c. Jesus redet mit diesem Wort die J\u00fcnger an, die mitten im Sturm in ihrem Boot kauern. \u201eIhr Kleingl\u00e4ubigen, warum seid ihr so furchtsam?\u201c \u2013 also weil wir diese Furcht so gut kennen, die sich nicht traut zu zeigen und zu sagen, wo man steht, wer man ist, gerade auch wenn es um den Glauben geht, gerade deswegen finde ich diesen Satz sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In zwei ganz unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen ist er mir, so erinnere ich mich, begegnet. In einem bebilderten Heft zur Konfirmation war auf der R\u00fcckseite ein Radrennfahrer zu sehen, nur als dunkle Silhouette vor einer tiefstehenden Sonne \u2013 ein Bild konzentrierter, nach vorne gerichteter Kraft und Anspannung. Und darunter dieser Satz. Und zweitens: Aus einer Vorschlagsliste mit verschiedenen Spr\u00fcchen hatten sich Taufeltern eben diesen Satz ausgew\u00e4hlt. Das sollte \u00fcber dem Leben ihres Kindes stehen, das fanden sie gut Und ich auch. In der Taufe haben wir das Zeichen, dass Gott uns seinen guten Geist schenkt, nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.<\/p>\n<p>Keine Frage, dass wir diesen Geist n\u00f6tig haben in einer Zeit, in der so viel Mutlosigkeit und Resignation in unserer Kirche zu sp\u00fcren ist, wenn \u00fcber ihre Zukunft nachgedacht wird angesichts knapper werdender Finanzen. Lebt denn die Kirche nur von ihren Finanzen? N\u00f6tig erscheint solcher Geist aber auch dar\u00fcber hinaus in einer Gesellschaft, in der so viel Ver\u00e4ngstigung um sich greift angesichts von Reformen und Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Nicht den Geist der Furcht hat uns Gott gegeben. Was alle Furcht nehmen kann, steht ganz am Schluss unseres Abschnitts, und damit wird nun in der Tat das Gr\u00f6\u00dfte und das Entscheidende unseres Glaubens ausgesagt: \u201eJesus Christus hat dem Tode die macht genommen und Leben und Unverg\u00e4nglichkeit ans Licht gebracht.\u201c Wer das glaubt und sich darauf verl\u00e4sst \u2013 und das ist doch eigentlich das einzige, was sich zu glauben lohnt! &#8211; wie sollte sich der noch f\u00fcrchten k\u00f6nnen? Ich denke an einen Mann, der in einer Aussprache bei einem Konfirmandenelternabend den Satz sagte und vertrat: Wer glaubt, dem kann nichts passieren. Als einige etwas ungl\u00e4ubig reagierten, meinte er: Nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass ich morgen schon krank werden oder verungl\u00fccken kann, ja vielleicht sogar ums Leben kommen; und trotzdem: wer glaubt, dem kann nichts passieren. \u2013 Ich glaube, so eine \u00dcberzeugung ist nur aus einem Geist heraus m\u00f6glich, der nicht ein Geist der Furcht ist, und vor dem Hintergrund : Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen.<\/p>\n<p>Nicht den Geist der Furcht hat uns Gott gegeben, sondern der Kraft und der Liebe. Wo dieser Geist herrscht, da ist Liebe. Mag der Geist uns zun\u00e4chst als etwas kaum Greifbares vorkommen, die Liebe ist etwas, was man durchaus auch sehen kann. Daran soll jedermann erkennen, dass ihr meine J\u00fcnger seid, dass ihr Liebe untereinander habt, sagt Jesus. Zeigen, dass wir Christen sind, ist ja gar nicht nur und in erster Linie eine Sache von Worten, wom\u00f6glich noch gro\u00dfen Worten, hinter denen dann oft nichts steckt und die sich selbst entlarven, wenn die Liebe fehlt. Die Menschen interessieren meist nicht so sehr unsere Worte, sondern wie wir miteinander umgehen.<\/p>\n<p>Nicht den Geist der Furcht, sondern der Besonnenheit. Der Zucht hie\u00df es fr\u00fcher, ein Wort, das uns fremd geworden ist. \u00dcber einer Schule, an der ich unterrichtet habe, stand es noch: Wie die Zucht, so die Frucht. Ob \u201eBesonnenheit\u201c die gemeinte Sache besser umschreibt und zum Ausdruck bringt? Denn diese Sache gilt es festzuhalten, um des Lebens willen, n\u00e4mlich die Zucht, die Besonnenheit, dass wir nicht alles tun, was wir tun k\u00f6nnen. Das mag nach Einschr\u00e4nkung, nach Askese klingen. Aber wir merken doch in unserer Zeit, wie wir das neu lernen und begreifen m\u00fcssen: Im Umgang, ja oft geradezu der Ausnutzung der Natur; in der Produktion von Waffen; in der Manipulation des Menschen durch die Medizin, aber auch durch die \u00dcberflutung mit Bildern. Und was da im Gro\u00dfen gilt, sollte das keine G\u00fcltigkeit haben f\u00fcr unser pers\u00f6nliches Leben, unsere Einstellungen und unser Verhalten? Der Theologe Helmut Thielicke hat wiederholt gesagt, der Makrokosmos, die Welt der Menschen im Gro\u00dfen, sei nur eine Widerspiegelung des Mikrokosmos, des menschlichen Herzens, wie es darin aussehe. Ich glaube, er hat recht. Meinen wir im Ernst, die Welt in Ordnung halten zu k\u00f6nnen, ohne dass Besonnenheit und in diesem Sinn eben Ordnung in unserem Herzen besteht?<\/p>\n<p>Ich halte hier inne. Bislang habe ich, vor allem \u00fcber den ersten Satz unseres Abschnitts, eher im allgemeinen nachgedacht. Der Apostel allerdings wendet ihn in einer ganz bestimmten und konkreten Richtung an. Er bittet Timotheus, nicht wegzusehen, gleichsam abzutauchen in falscher, feiger Scham, weil er ihn, den Apostel leiden sieht um des Evangeliums willen. Der Apostel schreibt das aus dem Gef\u00e4ngnis. Und er sieht das Verhalten ihm selbst gegen\u00fcber vor einem noch viel weiter reichenden Hintergrund. Er selbst steht ja f\u00fcr seinen Herrn, den Herrn Jesus Christus ein. Deswegen sagt er Timotheus: Sch\u00e4me dich nicht, dass unser Herr gelitten hat. Weil da kein Erfolg, kein Glanz zu sehen ist, sondern Leiden, bis hin zum Kreuz, sch\u00e4mt man sich. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit zeigt sich darin, dass er den Leidenden nicht verachtet, nicht verleugnet. In denen, die um des Evangeliums willen leiden, geht der Leidensweg des Herrn weiter.<\/p>\n<p>Das gilt bis heute. Vielleicht nicht so sehr bei uns, auf jeden Fall aber in der Weite der Welt. Es hat noch nie so viele christliche M\u00e4rtyrer gegeben wie in unserer Zeit. Woran liegt es, dass wir so wenig dar\u00fcber erfahren, wo es doch noch nie so umfassende Informationsm\u00f6glichkeiten gegeben hat wie heute? Da f\u00e4llt uns nach einigem Nachdenken vielleicht gerade noch ein, dass es \u00dcbergriffe auf Christen in Indien oder in Indonesien gegeben hat. H\u00e4ngt diese Informationsl\u00fccke vielleicht mit einer untergr\u00fcndigen Scheu davor zusammen, wir k\u00f6nnten dadurch daran erinnert werden, wo auch unser Platz sein k\u00f6nnte, wenn wir zu Recht Nachfolger Jesu hei\u00dfen sollen?<\/p>\n<p>Timotheus soll sich nicht irritieren lassen durch das Leiden des Apostels. Vielleicht liegt f\u00fcr uns heute der Punkt des Ansto\u00dfes an anderer Stelle \u2013 und f\u00fchrt doch zum selben Ergebnis, dass n\u00e4mlich Menschen sich abwenden vom Glauben, von der Kirche. Ich beziehe mich dabei auf ein aufschlussreiches Ergebnis, das Untersuchungen \u00fcber das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und Zugeh\u00f6rigkeitsverhalten zur Kirche erbracht haben. Da zeigte sich, wie entscheidend die Erfahrungen waren, die die Menschen mit den haupts\u00e4chlichen Vertretern der Kirche, den Pastoren gemacht haben, vor allem in ihrer Jugend. Waren diese Erfahrungen gut, dann war meist auch ihr Verh\u00e4ltnis zum Glauben, zur Kirche intakt. Das Umgekehrte galt aber ebenso sehr.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df aus manchen Gespr\u00e4chen mit Leuten, die der Kirche distanziert oder ablehnend gegen\u00fcberstanden, dass dabei Erfahrungen mit der Unzul\u00e4nglichkeit von Pastoren ausschlaggebend gewesen waren. Man kann wenig gegen solche Erfahrungen sagen; sie werden ja stimmen. Und es stimmt ja auch: Je mehr einer die Kirche kennenlernt, desto mehr sieht er auch, wie menschlich, allzu menschlich es oft in ihr zugeht. Wir k\u00f6nnen nicht behaupten, und unser Glaube kann nie darauf beruhen, dass wir, die wir glauben, es wenigstens versuchen, oder den Glauben sogar verk\u00fcndigen, bessere oder vorbildliche Menschen seien. Wir m\u00fcssen es immer wieder neu erkennen und begreifen: Gott beruft uns nicht auf Grund unserer Verdienste und Leistungen, nicht nach unseren Werken, wie der Apostel hier sagt, sondern allein aus seiner Gnade und G\u00fcte.<\/p>\n<p>Dass er uns Unzul\u00e4nglichen mit all unseren Fehlern und Schw\u00e4chen, aber auch mit unseren Gaben dann trotzdem zu etwas gebrauchen will und das auch tut, das ist wunderbar, ein Wunder. Das gilt f\u00fcr uns, die wir den Auftrag zum Predigen haben, genauso wie f\u00fcr jeden \u201enormalen\u201c Christen. Der kann in seinem Alltag und Umfeld durch ein gutes Wort, eine hilfreiche Tat der Liebe die Sache Gottes bei den Menschen vertreten und bezeugen. Das ist genauso wichtig wie das Predigen.<\/p>\n<p>Ich komme zum Schluss noch einmal auf den Anfang zur\u00fcck. \u201eGott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.\u201c Ein sch\u00f6ner Satz ist das. Dabei bleibe ich. Und trotzdem: Wird dieser Satz nicht unter der Hand zu einer unerreichbaren Forderung, wie es sein sollte, wie es aber nicht ist bei uns? Und \u2013 stimmt das \u00fcberhaupt, wie der Apostel es sagt: Gott hat diesen Geist gegeben? Ist denn das so sicher?<\/p>\n<p>In der Tat: Ein Besitz ist dieser Geist nicht. Wir verf\u00fcgen nicht \u00fcber ihn; wenn, dann verf\u00fcgt er \u00fcber uns. Darum k\u00f6nnen wir auch nur um ihn bitten, immer wieder, immer neu. Aber diese Bitte geschieht in dem Vertrauen, dass Gott ihn wirklich gibt, \u00fcber Bitten und Verstehen hinaus, um Jesu Christi willen. Und so soll denn am Ende dieser Sch\u00f6ne Satz stehen als ebenso sch\u00f6ne wie n\u00f6tige Bitte: Gott, gib uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Amen<\/p>\n<p><strong>Klaus Steinmetz, Sup. i. R.<br \/>\nHainholzweg 8<br \/>\n37085 G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:kjsteinmetz@t-online.de\">kjsteinmetz@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! Wie eine Art Verm\u00e4chtnis des Apostels liest sich der zweite Timotheusbrief. Vieles in diesem sehr pers\u00f6nlich gehaltenen Brief deutet daraufhin, dass nicht Paulus selbst der Verfasser ist, sondern dass ein Nachfolger unter seinem Namen und damit doch auch in seinem Namen ihn geschrieben hat. Aus diesem Verm\u00e4chtnis also stammt unser heutiger Predigttext. 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