{"id":10103,"date":"2021-02-07T19:49:38","date_gmt":"2021-02-07T19:49:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10103"},"modified":"2022-10-06T08:40:23","modified_gmt":"2022-10-06T06:40:23","slug":"roemer-10-9-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-10-9-17\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 10, 9-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>I.<br \/>\n<\/strong><strong>H\u00f6ren und \u00dcberh\u00f6ren <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Der Lebensalltag ist voller bewegter Bilder, T\u00f6ne und Musik. Dutzende Fernsehprogramme und Radiosender machen das Leben immer lauter. In \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln und Tankstellen lenken gro\u00dfe Bildschirme die Konzentration auf sich und beim Einkaufen sollen musikalische Kl\u00e4nge den Konsum befl\u00fcgeln. Wer aber wei\u00df wirklich heute noch, was er gestern gesehen, geh\u00f6rt und zwischendurch auf den Werbeplakaten oder in der Zeitung gelesen hat? Das meiste ger\u00e4t in Vergessenheit. Die jugendliche Sprachkultur hat daf\u00fcr das Wort vom \u201ezutexten\u201c gefunden und dr\u00fcckt damit aus, dass ein zuviel an Sprache und Information nur die innere Weigerung des Zuh\u00f6rens bewirkt. In der F\u00fclle des t\u00e4glichen Informationsm\u00fclls bleibt eigentlich nur weniges in Erinnerung, was sich dem Ged\u00e4chtnis tief einpr\u00e4gt und wirklich einen bleibenden Eindruck hinterl\u00e4\u00dft: die Ermordung Kennedys, der ber\u00fchmte Kniefall Willy Brandts, die Bilder vom Fall der Mauer und die einst\u00fcrzenden T\u00fcrme in New York am 11. September 2001. Und bei allen Bildern sind mir immer auch die Stimmen der Kommentatoren im Ohr, die das Unbegreifliche in Worte und Sprache zu fassen versuchten. Bilder ohne Worte sind schnell missverst\u00e4ndlich, und nur wer h\u00f6rt und sieht, kann wohl auch verstehen. Bei der gro\u00dfen Lautst\u00e4rke um uns herum und inmitten aller Informationsgesellschaft kann man dabei schon mal wichtiges \u00fcberh\u00f6ren und \u00fcbersehen, das n\u00e4mlich, was f\u00fcr einen selber entscheidend und wichtig ist: Worte, die dem Leben Sinn geben! Es gibt sie dennoch und das sind f\u00fcr mich dann s\u00e4kulare Predigten wie etwa in Filmen, in denen Geschichten vom Leben erz\u00e4hlt werden, die mich angehen. Es sind Lebensgeschichten, in denen Menschen aufeinander h\u00f6ren und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Eine solche Geschichte erz\u00e4hlt der aktuelle italienische Film \u201eCasomai\u201c, der von einer ungew\u00f6hnlichen Hochzeit in einer Dorfkirche erz\u00e4hlt, die am Ende eine ungewohnte Wendung nimmt, weil wir als Zuschauer zum H\u00f6ren des Ungesagten gezwungen werden.<\/p>\n<p align=\"left\">Inmitten der Medien- und Bilderflut von heute, der \u00dcberh\u00e4ufung von Sinneseindr\u00fccken und der musikalischen Reiz\u00fcberflutung entdecke ich darum f\u00fcr mich selbst seit wenigen Jahren wieder die Faszination des H\u00f6rens. Statt mir beim Autofahren die ewig gleichen Lieder in ununterscheidbaren Radioprogrammen anh\u00f6ren zu m\u00fcssen, liebe ich inzwischen die Welt der H\u00f6rcassetten. Die Konzentration auf das gesprochene Wort l\u00e4sst mich auf ganz andere Weise in die erz\u00e4hlte Geschichte eintauchen. Ich werde verwickelt in die Abenteuer, Reflexionen und Gedanken der Geschichtenerz\u00e4hler und setze mich mit dem Erz\u00e4hlten intensiver auseinander. Aus dem H\u00f6ren folgt unmittelbar die innere und emotionale Beteiligung an der Geschichte!<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>II.<br \/>\n<\/strong><strong>Worte wirken \u2013 wirken Worte immer und \u00fcberall? <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Der Predigttext aus dem R\u00f6merbrief, der f\u00fcr den 17. Sonntag nach Trinitatis in diesem Jahr vorgesehen ist, bietet f\u00fcr mich eine solche H\u00f6rgeschichte oder besser: er bietet die theologische Grundlegung daf\u00fcr, dass wir die biblischen Geschichten als H\u00f6rgeschichten auffassen k\u00f6nnen, um unser Leben besser einordnen und verstehen zu k\u00f6nnen. Und es ist f\u00fcr mich ein gelungener Zufall, dass dieser Kerntext des protestantischen Glaubensverst\u00e4ndnisses aus dem Kontext von R\u00f6m 9-11 in diesem Jahr mit dem 3. Oktober, also der symbolischen Erinnerung an die politische Wende in der DDR im Herbst 1989 zusammenf\u00e4llt. Damals waren es die mutigen Taten des Protestes, die eine Folge und praktische Umsetzung der Worte und Predigten der Montagsgebete in den Kirchen in Leipzig und anderswo waren. Damals gewann die Predigt ihre politische Dimension wieder, die sie in den etablierten westdeutschen Kirchen mit den 80er Jahren verloren hatte. Die Predigten hatten Folgen \u2013 die Worte der Verk\u00fcndigung blieben nicht ungeh\u00f6rt, sondern fanden in den Herzen und Gedanken der Menschen ihr Ziel. Die Verk\u00fcndigung der Kirche b\u00fcndelte ausgehend von biblischen Texten die Gedanken und Gef\u00fchle und deutete stellvertretend f\u00fcr die Menschen das aktuelle Zeitgeschehen. Die Worte der Predigten \u00fcbernahmen eine Orientierungsfunktion. Der Theologe Friedrich Schorlemmer stellte bezeichnenderweise einen Aufsatzband \u00fcber diese Zeit unter den Titel: \u201eWorte \u00f6ffnen F\u00e4uste\u201c und vielleicht hat in irgendeiner Predigt dieser Text aus R\u00f6m 10,9-17 damals eine Rolle gespielt?<\/p>\n<p align=\"left\">Einer der S\u00e4tze aus dem R\u00f6merbrief, die wohl innerhalb der protestantischen Theologie eine eminente Wirkungsgeschichte gehabt haben, steht zum Schlu\u00df dieser Perikope in Kapitel 10: \u201eSo kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Christi.\u201c (R\u00f6m 10,17) Auf diesem Satz baut sich letzten Endes die evangelische Glaubensauffassung seit der Reformation auf, die mit dem zweiten Kernsatz paulinischer Theologie aus R\u00f6m 10,4 zusammen gesehen werden muss: \u201eChristus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.\u201c Aber aus der Sicht der gegenw\u00e4rtigen Kirchenkrisen zwischen Mitgliederschwund und inhaltlichen Profilneurosen sollte der indirekte Automatismus von Predigt und Glaube, wie er f\u00fcr Paulus relevant ist, durchaus einer kritischen Pr\u00fcfung unterzogen werden. L\u00e4\u00dft sich dies aus der heutigen Gemeindewirklichkeit noch ableiten, was seit den Tagen der Reformation als Selbstverst\u00e4ndlichkeit gilt: der Glaube kommt aus der Predigt? Und ebenso selbstverst\u00e4ndlich behaupten wir in der evangelischen Theologie, dass der Gottesdienst und die Predigt in ihm die Mitte aller Gemeinde bildet. Beide Felder aber \u2013 der Glaube und die Gemeinde \u2013 haben sich in den vergangenen Jahren stark ver\u00e4ndert. Der Text l\u00e4dt also dazu ein, eine moderne Verh\u00e4ltnisbestimmung von Glaube und Predigt vorzunehmen, denn heute gilt durchaus der Umkehrschlu\u00df: Der Glaube kommt immer weniger aus der Predigt und die Predigt best\u00e4tigt eher den bestehenden Glauben einer immer kleiner werdenden Kerngemeinde. Das Faktum gegenw\u00e4rtiger Gemeinderealit\u00e4t f\u00fchrt mich zu kritischen Fragen an den Bibeltext: Wirken die Worte immer und \u00fcberall? Ist die Predigt immer auf den Ort des Gottesdienstes und der Kirche konzentriert oder gibt es auch s\u00e4kulare Orte und Gelegenheiten, an denen ganz unkirchlich und dennoch religi\u00f6s von dem die Rede ist, was der Apostel Paulus meint? Das hilft dazu, die M\u00f6glichkeiten und Grenzen des Zusammenspieles von \u201eGlaube\u201c \u2013 \u201eH\u00f6ren\u201c \u2013 und \u201ePredigt\u201c vor dem Hintergrund pluralistischer Religionsauffassungen realistischer zu sehen.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>III.<br \/>\n<\/strong><strong>Das H\u00f6ren als Wesen des Glaubens? <\/strong><\/p>\n<p>Jenseits des paulinischen Kontextes einer Christusverk\u00fcndigung gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Gemeinde, wie sie den exegetischen Hintergrund in R\u00f6m 9-11 bildet, laden folgende Erw\u00e4gungen des Apostels zu einer zeitgebundenen Aktualisierung ein. Paulus argumentiert im Stil der hellenistischen Rhetorik mit einer Fragenkette, die er einem hypothetischen Gegen\u00fcber \u2013 den Juden seiner Zeit \u2013 stellt:<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eWie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts geh\u00f6rt haben? Wie sollen sie aber h\u00f6ren ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden.\u201c (R\u00f6m 10, 14-15)<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig aller Diskussionen des j\u00fcdisch-christlichen Dialoges lese ich diese Zeilen aus dem R\u00f6merbrief mitten in einer Zeit schwerwiegender finanzieller und struktureller kirchlicher Entscheidungen unter einem doppelten Focus: Einerseits dem Abbau von Gemeinde und andererseits einer diffusen Religiosit\u00e4t inmitten individualistischer Lebensauffassung. Es steht au\u00dfer Zweifel, dass der \u201eNicht-Glaube\u201c inzwischen zu einer gesellschaftlichen Normalit\u00e4t geworden ist. So fragt etwa der katholische Pfarrer in dem italienischen Film \u201eCasomai\u201c die jungen Brautleute, die offensichtlich typische \u201eKasualchristen\u201c mit dem Sinn f\u00fcr eine \u00e4sthetisch sch\u00f6ne Hochzeitsfeier sind, ob sie denn glauben und die Antwort f\u00e4llt ebenso verlegen wie typisch aus: \u201eAch wissen Sie, bei unserem hektischen Alltag\u2026\u201c Wie also \u2013 so kann ich mit Paulus fragen \u2013 sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Aus der Innensicht der Kirche und vom Standpunkt des eigenen Glaubens aus betrachtet, empfinden wir als Pfarrerinnen und Pfarrer oder als gl\u00e4ubige Gemeindeglieder immer neu die Faktizit\u00e4t des \u201eNicht-Glaubens\u201c vieler Menschen als Provokation. Ganz selbstverst\u00e4ndlich sind wir innerhalb der Kirche der \u00dcberzeugung, dass es wichtig ist, andere Menschen vom Glauben zu \u00fcberzeugen, weil wir selber diesem Glauben eine \u00dcberzeugungskraft und vor allem auch Lebenskraft zutrauen. Wir akzeptieren nicht, dass es in unserer Zeit und Gesellschaft Menschen gibt, die nicht glauben wollen \u2013 oder zumindest nicht an einen christlichen Gott glauben wollen. Wir \u00fcberh\u00f6ren den Wunsch der einen, die nicht an Gott glauben wollen, oder aber sich mit ihrer diffusen Religiosit\u00e4t begn\u00fcgen, und wir \u201e\u00fcberh\u00f6ren\u201c vermutlich auch diejenigen, die glauben wollen, aber bisher noch gar nicht die M\u00f6glichkeit gefunden haben, von Gott zu h\u00f6ren. Von heute aus gesehen hat der Automatismus, den Paulus logisch konstruiert, seine Funktionsf\u00e4higkeit eingeb\u00fc\u00dft. Denn der Satz: der Glaube kommt aus der Predigt setzt immer voraus, dass alle, die glauben wollen, der Predigt der Kirche auch teilhaftig werden oder die M\u00f6glichkeit haben, eine Predigt zu h\u00f6ren. Nun ist der kirchliche Einsatz um die Predigt immens und es fehlt nicht an Gelegenheiten, um eine Predigt h\u00f6ren zu k\u00f6nnen: jeden Sonntag findet in allen Gemeinden ein Gottesdienst statt, in dessen Mitte die Predigt steht \u2013 Verk\u00fcndigung und Predigt begegnet in unterschiedlichen Formen im Fernsehen, im Radio, im Internet, per SMS auf dem Handy und findet inzwischen auch auf gro\u00dffl\u00e4chigen Werbeplakaten statt. Und dennoch h\u00f6ren die Predigt der Kirche immer wieder nur eine geringe Anzahl von Menschen. Im Sinne des Apostel Paulus m\u00fcsste das H\u00f6ren der Botschaft doch Glauben wirken! Und wenn nicht, so fragt Paulus: \u201eHaben sie es nicht geh\u00f6rt?\u201c (V. 18) und \u201eHat Israel nicht verstanden?\u201c (V. 19) Offensichtlich funktioniert der postulierte Automatismus von \u201everk\u00fcndigen\u201c, \u201eh\u00f6ren\u201c und \u201eglauben\u201c nicht mehr unter den Bedingungen moderner Lebensauffassung. Eine dritte Erschwernis kommt gegenw\u00e4rtig hinzu: Die Schlie\u00dfung von Gemeinden und der Abbau der Pfarrstellen machen die Verk\u00fcndigung heute immer schwerer und so wird die rhetorische Frage des Paulus zu einem Kernproblem gegenw\u00e4rtiger Verk\u00fcndigung: Wie sollen sie aber h\u00f6ren ohne Prediger?\u201c Was ist dann aber der Glaube und welche M\u00f6glichkeit hat heute noch die Predigt? Es gilt, die leisen T\u00f6ne paulinischer Theologie zu h\u00f6ren und dabei das Angebot nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, das der Text dem Leser von heute macht.<\/p>\n<p align=\"center\"><strong>4.<br \/>\n<\/strong><strong>Glauben hei\u00dft Leben deuten <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">F\u00fcr den Apostel Paulus h\u00e4ngt am Glauben das Heil. Der Glaube gr\u00fcndet sich auf eine Grundtatsache, die jenseits eigener menschlicher Leistung liegt. In R\u00f6m 10,4 hei\u00dft es: Wer an Jesus Christus glaubt, der ist gerecht. Der innere Zusammenhang von Rechtfertigung und Glaube war es dann auch, der den M\u00f6nch Martin Luther in seinem pers\u00f6nlichen Bibelstudium aufmerken lie\u00df und der zu der Grunderkenntnis der reformatorischen Theologie f\u00fchrte. Ber\u00fchmt geworden ist in diesem Zusammenhang die Stelle aus R\u00f6m 1,17: \u201e Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: \u201aDer Gerechte wird aus Glauben leben.\u2019\u201c Jesus Christus ist der Grund des Glaubens und gleichzeitig der Motor aller Verk\u00fcndigung und Predigt. So ist f\u00fcr Paulus der Glaube ein Bekenntnis zu Jesus Christus und die Annahme dessen, was dieser stellvertretend f\u00fcr den Menschen mit seinem Tod am Kreuz erwirkt hat. Indem der Mensch das Wort von Christus, d.h. die Botschaft von seinem stellvertretenden Kreuzestod h\u00f6rt, erfasst es sein Gem\u00fct und Herz und wird zu einem Lebenswort, indem er das Geschehene auf sich bezieht. Wie in der Abendmahlsliturgie die Erkenntnis im Mittelpunkt steht, dass Christi Blut f\u00fcr mich vergossen wurde, so meint Paulus, dass derjenige, der dieses Wort Christi h\u00f6rt von Herzen glaubt. Der Glaube ist also im wahrsten Sinne des Wortes eine \u201eH\u00f6rgeschichte\u201c, weil er sich auf Erfahrungen gr\u00fcndet, die jenseits der eigenen Lebenswelt liegen und dennoch werde ich schon beim blo\u00dfen H\u00f6ren in die Geschichte verstrickt. Aber diese H\u00f6rgeschichte schl\u00e4gt die leisen T\u00f6ne an, weil sie dem Menschen zumutet, in aller Deutlichkeit einmal sich selbst zum Thema zu machen. Aus diesem Grund legt Paulus so gro\u00dfen Wert auf die Feststellung, dass man von \u201eHerzen\u201c glaubt und mit dem Mund bekennt (V. 10). Mit moderner Sprache ausgedr\u00fcckt kann man sagen, dass die Konzentration auf das H\u00f6ren eine bestimmte Form der Selbstwahrnehmung in Gang setzt. Wo dieser Zusammenhang von Menschsein und eigener Erl\u00f6sung hergestellt wird, da ist meiner Meinung nach heute unabh\u00e4ngig vom Ort und Geschehen des Sonntagsgottesdienstes Verk\u00fcndigung und Predigt. Der christliche Glaube thematisiert die Grunderkenntnis, dass ich als Mensch mir mein Heil nicht selbst als Leistung erschaffen kann, sondern angewiesen bleibe auf die Gnade Gottes, die durch den Erl\u00f6ser Jesus Christus erwirkt wurde. Von dieser Erkenntnis her erschlie\u00dft sich mir als Glaubenden das eigene Leben. Und so liegt die Bedeutung der Predigt in der Vermittlung einer spezifischen Welt- und Lebensdeutung im Horizont der Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p align=\"left\">Diese Lebensdeutung kann sich dem Menschen indes auch unabh\u00e4ngig und jenseits des kirchlichen Ortes eines Gottesdienstes aufdr\u00e4ngen. Es ist wohl wahr: Der Glaube kommt aus dem H\u00f6ren, weil mir das Geh\u00f6rte einen perspektivischen Lebenssinn erschlie\u00dft. Aber dass das H\u00f6ren exklusiv an die Predigt gebunden ist, will mir aus heutigem Verst\u00e4ndnis pluraler Lebenswelten nicht mehr unbedingt einleuchten, es sei denn, mit Predigt sei \u00fcber die konventionelle Form kirchlicher Sonntagsrede hinaus im weitesten Sinne ein kommunikatives und \u00e4sthetisches Ereignis gemeint, das die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, den Glauben als eine Form der Deutungs- und Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit des eigenen Lebens zu verstehen. So gesehen kann auch ein literarisches Buch, ein Kinofilm, ein Kunstwerk mir zur Predigt werden, indem es die Frage nach Erl\u00f6sung und Heil stellt.<\/p>\n<p align=\"left\">Wenn die Verk\u00fcndigung zum Kommunikationsraum \u00fcber die Lebens- und Weltdeutung wird, dann kommt hoffentlich auch das, was Paulus als Gegenargumente gegen allerlei Einw\u00e4nde formulierte, zum Zuge: \u201eIch lie\u00df mich finden von denen, die mich nicht suchten, und erschien denen, die nicht nach mir fragten.\u201c (R\u00f6m 10, 20) Mir macht dieses Zitat aus aus Jes. 65,1, das Paulus hier aus der hebr\u00e4ischen Bibel anf\u00fchrt, unmissverst\u00e4ndlich klar, wie relativ alle Bem\u00fchungen sind und wie vermessen unser kirchlicher Anspruch ist, allein durch die Predigt den Glauben erwirken zu wollen. Vielleicht t\u00e4te gerade in angefochtener Zeit aller kirchlichen Selbstr\u00fccknahme die Erkenntnis gut: Predigt ist \u00fcberall da, von der Mensch von der Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit des Lebens h\u00f6rt und der Glaube ist dort, wo die eigene Lebensdeutung mit dem Kreuzestod Jesu Christi verbunden wird. In dieser Form kann ich auch gegenw\u00e4rtig den Satz des Paulus mittragen: \u201eSo kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Christi\u201c. Denn dann kommt es f\u00fcr uns theologisch darauf an, die Menschen an den unterschiedlichsten Orten der Gegenwart daf\u00fcr sensibel daf\u00fcr zu machen, dass sie inmitten aller lauten T\u00f6ne und Bilder die biblischen Texte als eine \u201eH\u00f6rgeschichte\u201c wahrnehmbarer zu machen und daf\u00fcr zu sorgen, dass sie einen bleibenden Eindruck hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Prof. Dr. Ralf Hoburg<br \/>\nEvangelische Fachhochschule Hannover<br \/>\nBlumhardtstr. 2<br \/>\n30625 Hannover<br \/>\nTel.: 0171-8373196<br \/>\n<a href=\"mailto:RalfHoburg@aol.com\">RalfHoburg@aol.com <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, I. H\u00f6ren und \u00dcberh\u00f6ren Der Lebensalltag ist voller bewegter Bilder, T\u00f6ne und Musik. Dutzende Fernsehprogramme und Radiosender machen das Leben immer lauter. 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