{"id":10106,"date":"2021-02-07T19:49:37","date_gmt":"2021-02-07T19:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10106"},"modified":"2022-10-06T09:34:27","modified_gmt":"2022-10-06T07:34:27","slug":"johannes-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-15\/","title":{"rendered":"Johannes 15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren erschien ein Buch \u00fcber B\u00e4ume in D\u00e4nemark. \u00dcber Sagen und Aberglauben, der sich mit heiligen B\u00e4umen \u00fcberall in D\u00e4nemark verbindet. Es gibt noch lebende frische B\u00e4ume, aber auch verdorrte Baumst\u00e4mme und knorrige Baumstumpfen, von denen die Menschen der Gegend erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Erz\u00e4hlungen von Leben und Tod, Krankheit und Heilung. So gibt es einen Baum, den man am Besten anl\u00e4\u00dflich der Empf\u00e4ngnis besucht. Es gibt einen Baum in S\u00fcdseeland &#8211; die &#8222;Lappeneiche&#8220; &#8211; der gegen Krankheiten jeder Art sch\u00fctzt. Da steht ein Dornenbaum an einem Hohlweg zur Warnung vor den Verfluchung der Gegend durch die Adelsfrau. Da liegt eine Esche in einem See zur Erinnerung an die verbotene Liebe, die in Tod und Ungl\u00fcck endete. Ein anderer Liebesbaum mit eingeritzten Herzen erz\u00e4hlt von Gl\u00fcck und Segen bei der Liebe. Jeder Ort hat seinen Baum. Jede Zeit ihren Baum. Nicht ohne Grund sind unsere wichtigsten Erfahrungen mit dem Baum verbunden. Der Baum schafft Erz\u00e4hlung und Mythos.<\/p>\n<p>Ich glaube, da\u00df wir alle unter den heiligen Baum wollen. Wo ich auch war, immer war da ein Baum in der Mitte. Auf dem Hofe meiner Eltern stand ein Baum, der Baum, der auf allen H\u00f6fen des Dorfes stand. Wenn mein Gro\u00dfvater meinen Bruder und mich zu den Sommerferien holte, f\u00fchren wir immer durch einen Wald, wo wir zu einem gro\u00dfen Baum fuhren, um zu sehen, ob wir ihn umringen konnten, indem wir einander in die Hand nahmen. War der Baum dicker geworden? Oder hatten wir l\u00e4ngere Arme bekommen &#8230;<\/p>\n<p>Als sich im Lesesaal der Universit\u00e4t Aarhus sa\u00df, konnten wir Studenten, wenn wir den Blick vom Buche hoben, auf das Relief sehen am Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t, das den Baum er Erkenntnis darstellte. Alle Wissenschaften der Universit\u00e4t verzweigten sich wie \u00c4ste an einem Stamm.<\/p>\n<p>Vor der Kirche stand ein Baum. Unter den wurden die Kinder getragen, ehe sie mit dem Wasser des Lebens getauft wurden. Und der Sarg mit dem Verstorbenen wurde unter dem Baum abgestellt, ehe er auf den Friedhof getragen wurde.<\/p>\n<p>Der Baum hat mich begleitet. Der Baum ist Teil meiner Landschaft. Er steht an jedem Ort in der Mitte und h\u00e4lt alles zusammen: die Universit\u00e4t, die Familie, die Generationen, das Dorf, die Gemeinschaft. Der Baum vermittelt ein Gef\u00fchl, da\u00df die Dinge zusammenh\u00e4ngen, organisch zusammenh\u00e4ngen. Wenn man sich geborgen f\u00fchlt und wenn keine Geborgenheit da ist. Der Baum segnet &#8211; deshalb wollen wir unter ihn.<\/p>\n<p>Wie es in Grundtvigs ber\u00fchmten Morgenlied hei\u00dft:<\/p>\n<p align=\"center\">Die Stunden la\u00df hier zu Gottes Ehr&#8216;<br \/>\nwie B\u00e4chlein durch Wiesen rinnen,<br \/>\nbis fr\u00f6hlich sie unterm Lindengr\u00fcn<br \/>\nden heimischen Lauf beginnen.<\/p>\n<p>Die Stunde, der Tag, das Jahr h\u00e4ngen zusammen. Da ist Kontinuit\u00e4t, und Zusammenhang.<\/p>\n<p>Aber dann ist da auch der andere Baum, von dem wir auch singen, der Baum des Lebens. Der Baum, der aus dem Stumpf erw\u00e4chst, dem angeschnittenen Stumpf. Hier ist keine Kontinuit\u00e4t und kein Zusammenhang. Die Zeit ist zerbrochen, die Tage wurden fragmentarisch. Jahre ohne roten Faden. Und doch: Der Lebensbaum w\u00e4chst aus der Wurzel des Kreuzes.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einem Baum. Es geht weiter mit einem Baum. Und es endet mit einem Baum.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Am Anfang waren zwei B\u00e4ume. Sie standen im Garten des Paradieses. In der Mitte. Der heiligen Mitte. Anziehend und absto\u00dfend zugleich, verlockend und erschreckend. Es waren B\u00e4ume des Segens. Und von dem einen wurde gegessen, und die B\u00e4ume verwandelten sich aus B\u00e4umen des Lebens und des Segens in B\u00e4ume des Todes und der Verdammnis. Darum gibt es nun den Baum wie alle mythologischen B\u00e4ume \u00fcberall in D\u00e4nemark in zwei Gestalten. Es gibt den Baum des Segens und des Fluchs. Den Baum der Pest und der Heilung, der Liebe wie auch des Ungl\u00fccks und Todes. Und den Liebesbaum f\u00fcr Gl\u00fcck und Segen.<\/p>\n<p>Als sich Gott Moses zu erkennen gab im Dornenbusch in der W\u00fcste, identifizierte er sich mit den Worten: <em>Ich bin<\/em>. Und auf die Frage des Moses, ob er nicht mehr sagen k\u00f6nnte, f\u00fcgte Gott hinzu: <em>Ich bin, der ich bin. <\/em>Der brennende Dornenbusch. Er enthielt das verzehrende Feuer und die anziehende W\u00e4rme und das Licht.<\/p>\n<p>So war es am Anfang mit dem Baum. Der Baum, der gef\u00e4hrlich ist und abschreckend. Der Baum, der lockt und fasziniert.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Aber in der Mitte der Zeit pflanzte Gott einen anderen Baum. Den Christusbaum. Einen ganz anderen Baum als den Busch mit dem faszinierenden und dennoch abschreckenden Namen: <em>Ich bin<\/em>. Ein Weinstock ist der Christusbaum. Und hiermit macht der Evangelist Johannes das neue Christusbild geltend. Gott ist nicht mehr mit dem brennenden Dornenbusch zu vergleichen &#8211; als ein verzehrendes Feuer. Sondern vielmehr mit einem Baum, der im Garten des Paradieses stand vor der Verdammnis, dem Baum des Lebens mit ewiger Frucht.<\/p>\n<p>Ich bin der wahre Weinstock, sagt Jesus von sich selbst zu seinen J\u00fcngern. Er spricht davon, da\u00df er der Stamm ist, sie sind die Zweige. Von der Erde durch die Wurzeln str\u00f6mt der Saft in den Stamm. Und vom Stamm in die Zweige. Der Zweig kann die S\u00e4fte nicht selbst der Erde entnehmen. Sie m\u00fcssen durch den Stamm. In der organischen Verbundenheit zwischen der Erde, dem Stamm und den Zweigen, wo alles str\u00f6mt, liegt eine Schleuse. Und wenn die Energie, die Kr\u00e4fte aus der Erde, nicht durch diese Schleuse gelangen, dann geschieht keine Verwandlung. Nur durch den Stamm wird das Wasser in n\u00e4hrende Stoffe verwandelt. Wir sind die Zweige, die Leben und Kraft durch den Stamm erhalten. Die S\u00e4fte aus dem Stamm gehen in den Zweig und halten ihn am Leben. Christus kann unsere Kr\u00e4fte und Energien in Leben und Gl\u00fcck verwandeln. Christentum ist Stoffwechsel. Stoffwechsel zwischen etwas anderem und uns.<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Als wir getauft wurden, wurden wir als Zweige in einen Stamm eingepflanzt. Und aus diesem Stamm erhalten wir Kraft und N\u00e4hrung. Wir wurden eingepflanzt in eine Menschlichkeit, ohne die Leben kein Ziel und keinen Zweck hat. Wir k\u00f6nnen vielleicht nicht immer den Sinn in unserem Leben ersp\u00e4hen. Aber der Baum bleibt stehen als ein Zeichen f\u00fcr die Heiligkeit und den Segen des Lebens.<\/p>\n<p>Wenn wir zum Abendmahl gehen, werden wir daran erinnert, da\u00df Leben Stoffwechsel ist. Wir erhalten Nahrung f\u00fcr unseren Weg und unser Tun. Abendmahl ist Wegzehrung, die uns auf der Reise st\u00e4rken kann. Abendmahl ist die Frucht vom Baum des Lebens. Wir nehmen den Wein in unserem K\u00f6rper auf und werden gest\u00e4rkt. Gemeinsam mit den anderen Abendmahlsg\u00e4sten. Man kann sich einsam trinken, aber man kann sich auch in eine Gemeinschaft trinken.<\/p>\n<p>Christentum ist Stoffwechsel. Eingehen in eine Gemeinschaft mit Christus und seinen Mitmenschen. Ich empfange und gebe, ich empfange und gebe weiter. Leben ist Kreislauf, Verbundenheit, Austausch.<\/p>\n<p>Wir wollen unter den heiligen Baum. Damit wir die Heiligkeit Gottes sp\u00fcren. Um gesegnet zu werden. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrer J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-45 88 40 Lyngby<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 45 88 40 75<br \/>\nemail: <a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">j.demant@wanadoo.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Vor einigen Jahren erschien ein Buch \u00fcber B\u00e4ume in D\u00e4nemark. \u00dcber Sagen und Aberglauben, der sich mit heiligen B\u00e4umen \u00fcberall in D\u00e4nemark verbindet. Es gibt noch lebende frische B\u00e4ume, aber auch verdorrte Baumst\u00e4mme und knorrige Baumstumpfen, von denen die Menschen der Gegend erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Erz\u00e4hlungen von Leben und Tod, Krankheit und Heilung. So gibt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,185,114,347,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10106","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-aus-dem-daenischen","category-deut","category-kapitel-15-chapter-15-johannes","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10106"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14029,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10106\/revisions\/14029"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10106"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10106"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10106"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10106"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}