{"id":10110,"date":"2021-02-07T19:49:29","date_gmt":"2021-02-07T19:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10110"},"modified":"2022-10-27T14:22:51","modified_gmt":"2022-10-27T12:22:51","slug":"roemer-1417-19-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1417-19-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,17-19"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><em>17. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern<br \/>\nGerechtigkeit und Friede und Freude in den Heiligen Geist.<\/em><\/p>\n<p><em>18. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgef\u00e4llig und<br \/>\nbei den Menschen geachtet.<\/em><\/p>\n<p><em>19. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und<br \/>\nzur Erbauung untereinander.<br \/>\nR\u00f6m, 14, 17-19<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Gottesdienstbesucher und \u2013 besucherinnen!<\/p>\n<p>Ich las, wie ich es bei der Predigtvorbereitung oft tue, den ersten<br \/>\nVers unseres Predigttextes einem vertrauten Freund vor und bat ihn um<br \/>\nseine Assoziationen: \u201eDas Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,<br \/>\nsondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist\u201c.<br \/>\nEr reagierte spontan: \u201eIch halte das f\u00fcr ein typisches Missverst\u00e4ndnis<br \/>\nvon Paulus, zu behaupten, dass es im Reich Gottes nicht um Essen und<br \/>\nTrinken, sondern allein um Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen<br \/>\nGeist geht. Warum seit ihr Christen immer so asketisch? Jesus war doch<br \/>\nauch kein Asket. Er wurde sogar als \u201aFresser und S\u00e4ufer\u2019<br \/>\nvon seinen Gegnern verunglimpft, Mt 11,19. Da ist es doch unsinnig zu<br \/>\nbehaupten, dass es bei Gott nicht die Freuden des Essens und Trinkens<br \/>\ng\u00e4be. Ich stelle mir vor, dass es im Reich Gottes sowohl die Freude<br \/>\ndes Essens und Trinkens als auch die Freude wahrer Gerechtigkeit und<br \/>\ng\u00f6ttlichen Friedens gibt!\u201c \u201eDu verstehst Paulus v\u00f6llig<br \/>\nfalsch\u201c, replizierte ich meinem Freund, der nat\u00fcrlich etwas<br \/>\n\u00e4rgerlich wurde und meinte, ich solle ihn doch gar nicht erst fragen,<br \/>\nwenn er doch alles falsch verst\u00fcnde. \u201eNein\u201c, beschwichtigte<br \/>\nich, \u201edu kannst die Situation damals in der r\u00f6mischen Gemeinde<br \/>\nja gar nicht kennen. Es geht hier um etwas ganz anderes als um die Verweigerung<br \/>\nvon Essen und Trinken im Reich Gottes. Stell dir vor, Paulus h\u00e4tte<br \/>\ngesagt: \u201aMan kommt in das Reich Gottes nicht durch Einhaltung<br \/>\nbestimmter Speisevorschriften\u2019, dann hast du Paulus richtig verstanden.\u201c<br \/>\nMein Freund bat mich um genauere Erl\u00e4uterungen. Und diese m\u00f6chte<br \/>\nich jetzt auch Ihnen, liebe Predigth\u00f6rer und \u2013h\u00f6rerinnen<br \/>\nmitteilen, denn ich vermute, dass auch viele von Ihnen diesen Text im<br \/>\nSinne meines Freundes missverstanden haben. \u2013 Als ob es um die<br \/>\nAussage geht, dass es im Reich Gottes nicht die Freuden des Essens und<br \/>\nTrinkens g\u00e4be. \u2013<br \/>\nDie ersten Christen der r\u00f6mischen Gemeinde, ca. 20 Jahre nach Jesu<br \/>\nTod und Auferstehung, stritten sich \u00fcber die Einhaltung von Speisevorschriften.<br \/>\nDer Streit war rabiat, weil es hier wirklich um das richtige oder falsche<br \/>\nVerst\u00e4ndnis der Botschaft Jesu ging. Wieso? Einige Gemeindemitglieder<br \/>\nenthielten sich skrupellos jeglichem Fleisch- und Alkohol- bzw. Weingenuss.<br \/>\nSie argumentierten folgenderma\u00dfen: \u201eAlles Fleisch, was wir<br \/>\nhier in Rom an den Marktst\u00e4nden kaufen, stammt aus den \u00dcberresten<br \/>\ngeopferter Tiere in den Tempeln r\u00f6mischer, helenistischer oder<br \/>\n\u00e4gyptischer Kulte. (So war es auch. Es fanden t\u00e4glich so viele<br \/>\nOpferungen in verschiedenen Tempeln statt, dass alles Fleisch, das zum<br \/>\nVerkauf in Rom angeboten wurde, aus solchen \u00dcberresten bestand.)<br \/>\nMit solchen \u201aG\u00f6tzenopferfleisch\u2019, so sagten sie, m\u00f6chten<br \/>\nwir nichts zu tun haben. Ihm haftet noch der Glaube an r\u00f6mische,<br \/>\ngriechische und \u00e4gyptische G\u00f6tter und Geister an. Au\u00dferdem,<br \/>\nso meinten sie, enthalte dieses Fleisch noch das Blut des geopferten<br \/>\nTieres. Gott aber hat in 3. Mose 17, 10 ff. strengstens untersagt, Blut<br \/>\nzu genie\u00dfen, weil jegliches Blut allein Gott, dem HERRN, nicht<br \/>\naber uns Menschen geh\u00f6re. Deshalb enthalten wir uns des Fleischgenusses\u201c.<br \/>\nIhre Enthaltung vom Alkohol- bzw. Weingenuss begr\u00fcndeten sie anders:<br \/>\n\u201eWir wollen uns von der verfallenen Lebensweise der R\u00f6mer,<br \/>\ndie oft betrunken durch die Stra\u00dfen wanken, unterscheiden; deshalb<br \/>\nversagen wir uns den Alkoholgenuss. Wir m\u00f6chten immer mit klarem<br \/>\nGeist und ohne Rauschmittel unseren Mitmenschen und Gott begegnen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nAu\u00dferdem argumentierten sie, dass auch Jesus das Fasten unterst\u00fctzt<br \/>\nh\u00e4tte, wie z. B. in der Bergpredigt (Mt 16-18). Er h\u00e4tte nur<br \/>\ndazu aufgefordert, nicht in der \u00d6ffentlichkeit mit der Absicht<br \/>\nauf \u00f6ffentliche Anerkennung solcher schmerzhaften Askese wegen,<br \/>\nzu fasten; sondern man solle im Verborgenen und in direkter Beziehung<br \/>\nzu Gott, dem Vater, fasten. Das wollten sie, so argumentierten diese<br \/>\nr\u00f6mische Christen, auch gerne tun. Sie wollten ohne Aufsehen in<br \/>\naller Stille sich des Fleisch- und Weingenusses enthalten.<br \/>\nDieser grob asketischen \u2013 oder soll ich sagen: vegetarischen \u2013<br \/>\nChristen stand eine andere Gruppe in der Gemeinde gegen\u00fcber. Sie<br \/>\nargumentierten folgenderma\u00dfen: \u201eWir wissen doch ganz genau,<br \/>\ndass es nur einen Gott und nicht viele G\u00f6tter gibt. Wir sind doch<br \/>\naufgekl\u00e4rt und glauben nur an den Vater Jesu Christi. Also wissen<br \/>\nwir doch, dass dem in Tempeln geopferten Tierfleisch gar kein Geist<br \/>\nvon G\u00f6ttern und Geistern anh\u00e4ngen kann, weil es solche Geister<br \/>\nund G\u00f6tter gar nicht gibt. Ihr Fleischasketen, so beschimpften<br \/>\nsie die anderen Mitglieder ihrer Gemeinde, seid doch nur Kleingl\u00e4ubige,<br \/>\nwenn nicht gar Ungl\u00e4ubige. \u2013 Und das mit dem Blutverzehr<br \/>\ngilt doch nur f\u00fcr die altgl\u00e4ubigen Juden, nicht aber f\u00fcr<br \/>\nuns, die wir jetzt zum christlichen Glauben \u00fcbergetreten sind.<br \/>\nWir sollten doch vielmehr dankbar sein, dass uns Gott, unser Sch\u00f6pfer,<br \/>\nNahrung zum Leben gegeben hat. Also, so warfen sie ihren Mitbr\u00fcdern<br \/>\nund Mitschwestern vor, seid doch nicht so j\u00fcdisch-skrupul\u00f6s<br \/>\nmit solchen kosher-Speisevorschriften.\u201c<br \/>\nUnd die Enthaltung vom Weingenuss lehnten sie mit folgenden Argumenten<br \/>\nab: \u201eAlkohol-Askese praktizieren doch auch die Pythagor\u00e4er<br \/>\nund auch manche helenistische Sekten. Wollt ihr euch mit denen identifizieren.<br \/>\nWir nicht! Wir unterscheiden uns im Glauben, nicht aber durch Speisevorschriften<br \/>\nvon diesen Andersgl\u00e4ubigen.\u201c<br \/>\nDer Streit eskalierte in Rom \u00e4hnlich wie in der korinthischen Gemeinde.<br \/>\nDer Gemeinde drohte eine Spaltung. Das wurde noch dadurch forciert,<br \/>\ndass die asketische Gruppe behauptete, man k\u00f6nne das Reich Gottes<br \/>\nnur erreichen, wenn man solche Speisevorschriften wie Fleisch- und Wein-Enthaltung<br \/>\nauch wirklich praktiziere. Dazu kam noch deren Behauptung, R\u00f6m.<br \/>\n14, 5, dass man auch den Sabbat und den Sonntag als arbeitsfreien Ruhetag<br \/>\neinhalten m\u00fcsse, um gottwohlgef\u00e4llig zu leben. Das alles bestritten<br \/>\ndie \u201aGenie\u00dfer\u2019.<\/p>\n<p>Paulus kannte diesen Streit in Rom, der demjenigen in Korinth (vgl.<br \/>\n1 Kor 8 und 10) \u00e4hnelte. Wie in seinem Brief an die Korinther nannte<br \/>\ner auch hier im R\u00f6merbrief die gesetzlichen Asketen \u201eSchwache<br \/>\nim Glauben\u201c und die anderen \u201eStarke im Glauben\u201c. Und<br \/>\ner nimmt eben klipp und klar f\u00fcr letztere Partei, indem er sagt:<br \/>\n\u201eDas Reich Gottes besteht nicht aus Speisevorschriften.\u201c<br \/>\nDenn er ist ja der \u00dcberzeugung, dass \u201eChristus das Ende des<br \/>\nGesetztes\u201c sei. (R\u00f6m 10, 4). Nichts an der Sch\u00f6pfung<br \/>\nsei unrein an sich selbst\u201c (R\u00f6m 14,4) Wir Menschen br\u00e4uchten<br \/>\nnicht Bedingungen zu erf\u00fcllen, um Gottes Liebe, Frieden und Gerechtigkeit<br \/>\nbzw. sein Reich schon mitten im Leben zu erreichen. Gott habe uns das<br \/>\nalles durch seinen Sohn Jesus Christus geschenkt.<br \/>\nSoweit steht Paulus also den Starken zur Seite. Aber er geht in anderer<br \/>\nHinsicht mit ihnen scharf ins Gericht: Wir wissen n\u00e4mlich, dass<br \/>\ndie \u201eStarken\u201c in Korinth die \u201eSchwachen\u201c demonstrativ<br \/>\nzu sich nach Hause zum Essen eingeladen hatten, um ihnen Fleisch zum<br \/>\nVerzehr zu servieren. Und sie hatten sich offensichtlich lustig gemacht,<br \/>\nwenn diese, obwohl sie bettelarm waren und sich fast nichts leisten<br \/>\nkonnten, diesen Genuss aus religi\u00f6sen Skrupeln heraus ablehnten.<br \/>\nSo mag es vielleicht auch in Rom gewesen sein. Und deshalb redet Paulus,<br \/>\nden \u201eStarken\u201c in Rom ins Gewissen: \u201eBringe nicht durch<br \/>\ndeine Speisegewohnheit den ins Verderben, f\u00fcr den Christus gestorben<br \/>\nist. Es soll doch nicht verl\u00e4stert werden, was ihr Gutes habt.\u201c<br \/>\n(R\u00f6m 14, 15f) Er mahnt sie, sich nicht arrogant und stolz zu verhalten<br \/>\nmit ihrem aufgekl\u00e4rten Glauben, sondern die anderen Gemeindeglieder<br \/>\nin ihrer Skrupel\u00f6sit\u00e4t genauso zu achten, wie sich selbst,<br \/>\n&#8211; denn Christus sei sowohl f\u00fcr diese als auch f\u00fcr sie gestorben<br \/>\nIntensiv fordert er sie auf, wie unser Predigttext V 19 sagt: \u201eLasst<br \/>\nuns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung (in der<br \/>\nGemeinde) untereinander.\u201c Entscheidend, so f\u00fcgt er noch hinzu,<br \/>\nsei nicht, was man isst bzw. was man nicht isst und trinkt, sondern<br \/>\ndass man ein gemeinsames Tischgebet (R\u00f6m 14,6) spricht. Solches<br \/>\nDankgebet vereine die Gegens\u00e4tze in der Gemeinde.<br \/>\nAnstelle des rabiaten Streiten \u00fcber Speisevorschriften mutet Paulus<br \/>\nbeiden Gruppen, denen \u201eStarken\u201c und den \u201eSchwachen\u201c<br \/>\nnun etwas Ungeheuerliches zu: Sie sollten \u201egeistlich leben\u201c.<br \/>\nWie begr\u00fcndet er das? Er behauptet, dass das Reich Gottes \u201eGerechtigkeit,<br \/>\nFriede und Freude im Heiligen Geist\u201c sei. Das war und ist noch<br \/>\nimmer eine ungeheuerliche Zumutung! Es ist doch viel leichter, irgendwelche<br \/>\nSpeisevorschriften, Arbeitsvorschriften, Gesundheitsvorschriften usw.<br \/>\nzu befolgen, als mit dem Gef\u00fchl eines \u201ageistlichen Friedens\u2019<br \/>\nund einer \u201ageistlichen Gerechtigkeit\u2019 im Herzen und im Gewissen<br \/>\nzu leben. Was hei\u00dft denn \u201ageistlicher Friede\u2019? Ich<br \/>\nkann das nur beschreiben als inneren Gewissensfrieden, inneres Getr\u00f6stetsein,<br \/>\nin Dankbarkeit und \u00dcbereinstimmung mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen,<br \/>\nmit der Natur und mit Gott zu leben. \u201aGeistlicher Friede\u2019<br \/>\nist h\u00f6her als alle Vernunft, wie Paulus immer wieder sagt. Er bedeutet<br \/>\ndie Einstimmung und Zustimmung, das zu akzeptieren, was ich absolut<br \/>\nnicht \u00e4ndern kann und das zu \u00e4ndern, was ich \u00e4ndern kann.<br \/>\nUnd was bedeutet \u201ageistliche Gerechtigkeit\u2019? Sie bedeutet,<br \/>\ndass ich meinen Mitmenschen nicht allein nach seinen Leistungen, Sympathien<br \/>\nund F\u00e4higkeiten bemesse, sondern ihn als Mitgesch\u00f6pf, das<br \/>\nGottes und meine Liebe verdient, erachte. Ich halte diese Zumutung,<br \/>\ngeistlich und nicht gesetzlich zu leben, liebe Christen in unserer Gemeinde,<br \/>\nf\u00fcr die gr\u00f6\u00dfte Zumutung, die Paulus uns nahe legt.<\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rungen gab ich meinem Freund, um sein Missverst\u00e4ndnis<br \/>\naufzul\u00f6sen. Er wurde sehr nachdenklich. Er erinnerte sich an den<br \/>\nMartin Luther-Film, den wir k\u00fcrzlich zusammen gesehen hatten. Er<br \/>\nmeinte: \u201eIch muss dir sagen, dass f\u00fcr mich in dem Luther-Film<br \/>\nfast die eindr\u00fccklichste Szene gewesen ist, als der junge Martin<br \/>\nsich in seiner Klosterzelle auf dem Fu\u00dfboden schreiend w\u00e4lzt<br \/>\nund gequ\u00e4lt fragt: \u201aGott, wie kann ich deine Strafe verhindern,<br \/>\nwie kann ich im Endgericht vor dir bestehen? Ich habe alle deine Gebote<br \/>\ngehalten, den Sonntag geheiligt und oft gefastet, aber ich f\u00fchle<br \/>\nmich nicht als ein guter, sondern als ein s\u00fcndiger Mensch.\u2019<br \/>\nJetzt kann ich diesen mir so eindr\u00fccklichen Gewissenskamp besser<br \/>\nverstehen. Wahrscheinlich hatte Luther Angst vor Gottes Gericht. Und<br \/>\ner tat zur Bes\u00e4nftigung einer Angst das, was alle im Sp\u00e4tmittelalter<br \/>\ntaten, n\u00e4mlich Wallfahrten, Weihwasser schl\u00fcrfen, von Kirche<br \/>\nzu Kirche kniend rutschen, unendlich oft die Madonna-Figur k\u00fcssen<br \/>\nund eben fasten und Speisevorschriften einhalten. Und der junge Martin<br \/>\nhatte den Eindruck, dass das alles nichts n\u00fctzt. H\u00e4tte er<br \/>\ndoch blo\u00df schon damals unseren Vers von Paulus gelesen, dass die<br \/>\nEinhaltung von Speisevorschriften nicht zu Gott und zu Gottes Reich<br \/>\nf\u00fchren.\u201c Ich stimmte ihm zu und erinnerte mich, wie eindrucksvoll<br \/>\nauch f\u00fcr mich diese Gewissensqual-Szene des jungen Martin Luther<br \/>\nim Film gewesen ist.<br \/>\nWir kamen tiefer ins Gespr\u00e4ch. Leben wir heute nicht auch oft nach<br \/>\nSpeisevorschriften, um unsere Gesundheit zu bewahren? Ist irgendetwas<br \/>\ndagegen einzuwenden? Meiden wir nicht vern\u00fcnftigerweise manche<br \/>\nSpeisen und Getr\u00e4nke, um Gesundheitssch\u00e4digungen zu vermeiden?<br \/>\nK\u00fcrzlich hat doch eine Redakteurin bewusst drei Monate sich nur<br \/>\nbei Mc Donald ern\u00e4hrt \u2013 und schwemmte daraufhin auf, wie<br \/>\nein Hefekuchen mit allen m\u00f6glichen Organsch\u00e4digungen. Was<br \/>\nist also gegen vern\u00fcnftige Speisevorschriften einzuwenden? Ist<br \/>\nFleisch- und Weinenthaltung nicht sehr vern\u00fcnftig? Ist die Vermeidung<br \/>\nvon Schweinefleisch auf muslimische und auf j\u00fcdischer Seite im<br \/>\nHinblick auf die Gesundheit nicht sehr vern\u00fcnftig? Sollten wir<br \/>\nnicht vielmehr beklagen, dass viel zu wenig B\u00fcrger und B\u00fcrgrinnen<br \/>\neinen vern\u00fcnftigen Speiseplan machen und viel zu h\u00e4ufig Fast-Food<br \/>\nund Gen-Food genie\u00dfen? Mit bewussterer Ern\u00e4hrung k\u00f6nnten<br \/>\nviele harmonischer, zufriedener und gl\u00fccklicher leben. Was also<br \/>\nwenden wir gegen vern\u00fcnftige Speisevorschriften ein?<br \/>\nDer Unterschied ist, ob man aus s\u00e4kularen oder aus religi\u00f6sen<br \/>\nGr\u00fcnden Speisevorschriften befolgt. Die \u201eSchwachen\u201c<br \/>\nin Rom und Korinth und auch der junge Martin Luther haben sie aus religi\u00f6se<br \/>\nGr\u00fcnden eingehalten. Sie wollten sich damit bei Gott wohlgef\u00e4llig<br \/>\nmachen. Bewusst Gesundheitspraktiker heute haben in der Regel \u00fcberhaupt<br \/>\nkeine religi\u00f6sen Gedanken dabei. Deshalb ist nat\u00fcrlich jedes<br \/>\nvern\u00fcnftige Essen und Trinken nur zu begr\u00fc\u00dfen! Problematisch<br \/>\nwird es aber, wenn die Befolgung solcher Speisevorschriften und der<br \/>\nWert Gesundheit zum einzigen oder zumindest zum Hauptziel des Lebens<br \/>\nwird. Wenn man zum \u201aGesundheitsapostel\u2019 changiert und die<br \/>\nEinhaltung des Speiseplans Absolutheits- und Unbedingtheits-Charakter<br \/>\nerh\u00e4lt. Paul Tillich meint, dass in solchen Situationen das Streben<br \/>\nnach Gesundheit einen d\u00e4monischen Charakter einnehmen k\u00f6nnte.<br \/>\nWenn die Befolgung von Speisevorschriften wichtiger wird als das Eintreten<br \/>\nf\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und N\u00e4chstenliebe, weil man nur<br \/>\nnoch sich selbst und seine eigene Leiblichkeit sieht, dann k\u00f6nnte<br \/>\nsich dieses an sich vern\u00fcnftige Bem\u00fchen in sein Gegenteil<br \/>\nverkehren und sehr unvern\u00fcnftig werden.<br \/>\nDeshalb kommt es auf die Begr\u00fcndung an, mit welcher wir Speisen<br \/>\nund Getr\u00e4nke zu uns nehmen und unseren N\u00e4chsten empfehlen.<br \/>\nMenschliche Gesundheitsgr\u00fcnde und auch rituelle Formen des gemeinsamen<br \/>\nEssens und Trinkens sind f\u00fcr menschliches Leben und Zusammenleben<br \/>\nunbedingt notwendig. Aber sie d\u00fcrfen nicht hypostasiert werden.<br \/>\nDann werden sie zu G\u00f6tzen.<\/p>\n<p>Aber jetzt muss ich mich wieder an die Mahnung von Paulus im letzten<br \/>\nVers unseres Predigttextes erinnern lassen: \u201eLasst uns dem nachstreben,<br \/>\nwas zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.\u201c Wenn ich<br \/>\nauch der Meinung bin, dass manche mit ihrem Gesundheitsprogramm zu \u201aGesundheitsaposteln\u2019<br \/>\nwerden und ihre Ern\u00e4hrungsideologie verabsolutieren, so habe ich<br \/>\n\u00fcberhaupt kein Recht, sie deswegen zu verurteilen oder mich selbst<br \/>\ndeshalb demonstrativ vor ihnen g\u00e4nzlich anders zu ern\u00e4hren.<br \/>\nDas Gleiche gilt f\u00fcr andere, aber \u00e4hnliche Auseinandersetzung<br \/>\nin Gemeinden heute: Die einen lehnen einen homosexuell ausgerichteten<br \/>\nPfarrer und erst recht die M\u00f6glich einer Eheschlie\u00dfung f\u00fcr<br \/>\nhomosexuelle aus geradezu religi\u00f6sen Gr\u00fcnden entschieden ab,<br \/>\nw\u00e4hrend andere das akzeptieren. Oder es herrscht zur Zeit ein Streit<br \/>\nin manchen Gemeinden, ob kirchliche Rituale nach einer Ehescheidung<br \/>\nangebracht seien oder nicht. Dieser Streit ist wichtig, wenn es um s\u00e4kulare<br \/>\nund rituelle Fragen geht, aber er ist nicht angebracht, wenn er religi\u00f6s<br \/>\n\u00fcberh\u00f6ht wird.<br \/>\nIn allen Fragen des Streites fordert Paulus aber eindeutig auf, gemeinsam<br \/>\nzu beten und dann aus dem Geist einer \u201ageistlichen Gerechtigkeit\u2019<br \/>\nund eines \u201ageistlichen Friedens\u2019 miteinander zu streiten<br \/>\nund zu leben. Wer Gottes Frieden und Gerechtigkeit in sich sp\u00fcrt,<br \/>\nder kann nicht andere verurteilen und sich selbst allein rechtgl\u00e4ubig<br \/>\nverstehen. Er kann sich selbst zur\u00fccknehmen und ggf. Unrecht leiden.<br \/>\nGottes Geist bef\u00e4higt dich, Frieden zu stiften und Gerechtigkeit<br \/>\nauszubreiten, &#8211; s\u00e4kular und geistlich.<\/p>\n<p>Dieser Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre<br \/>\ndein Herz und deine Sinne in Christus Jesus, Amen<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Reinhold Mokrosch<br \/>\nInstitut f\u00fcr Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck<br \/>\n<a href=\"mailto:rmokrosc@uos.de\">rmokrosc@uos.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in den Heiligen Geist. 18. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgef\u00e4llig und bei den Menschen geachtet. 19. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. R\u00f6m, 14, 17-19 Liebe Gemeinde, liebe Gottesdienstbesucher [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41,1,727,114,916,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10110","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-roemer","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-kapitel-14-chapter-14-roemer","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10110"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14474,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10110\/revisions\/14474"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10110"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10110"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10110"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10110"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}