{"id":10118,"date":"2021-02-07T19:49:33","date_gmt":"2021-02-07T19:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10118"},"modified":"2022-10-22T13:57:36","modified_gmt":"2022-10-22T11:57:36","slug":"roemer-14-17-19-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-14-17-19-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14, 17-19"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/div>\n<div align=\"left\">\n<p>Ich war\u00b4s nicht, ehrlich! Ich habe diese kantigen Paulusworte nicht als Predigttext ausgesucht. Sie sind halt vorgeschlagen f\u00fcr den heutigen Sonntag. Und wer sich immer nur die angenehmen Bibeltexte heraussucht, der nimmt die Heilige Schrift in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer \u00c4u\u00dferungen nicht wirklich ernst.<\/p>\n<p>Ja, der Wochenspruch, \u00fcber den lie\u00dfe sich leichter predigen : <em>\u201eEs ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: n\u00e4mlich Gottes Wort halten und Liebe \u00fcben und dem\u00fctig sein vor deinem Gott.\u201c <\/em>Ein Satz des Propheten Micha, wie geschaffen zum Eintrag in ein Poesiealbum. Dabei geht es auch hier um Forderungen Gottes an uns Menschen \u2013 aber sie sind allgemeiner gehalten, so da\u00df sich viele darin wiederfinden k\u00f6nnen, wenigstens im Prinzip.<\/p>\n<p>Wenn man dann allerdings nach den Konkretionen fragt: Wie es denn im Alltag funktioniert, Gottes Wort zu halten, Liebe zu \u00fcben und in Demut vor Gott zu leben \u2013 dann sehe ich schon die ersten Stirnen in Falten gelegt. Und eigentlich enth\u00e4lt der schroffe Anfang <em>\u201eEs ist dir gesagt \u2026\u201c <\/em>weit mehr als eine unverbindliche Einladung &#8211; und will im Grunde als Protestwort verstanden werden gegen all jene, die sich \u00fcberhaupt nicht darum k\u00fcmmern, was gut ist und welche Lebensgestaltung Gott von uns erwartet.<\/p>\n<p>Also fassen wir uns ein Herz und geben wir Paulus noch eine Chance! Gewi\u00df darf ein gewisser \u00c4rger dabei nicht verschwiegen werden, aber es gibt auch durchaus erfreuliche Seiten an unserem Predigttext, dessen Schwergewicht auf die Heiligung zielt. Unter diesen drei Aspekten m\u00f6chte ich nun 1Thess 4 genauer betrachten.<\/p>\n<p><strong>1.) Was mich an Paulus \u00e4rgert <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eLiebe Br\u00fcder\u201c <\/em> lautet die Anrede zu Beginn. Und genau so ist sie auch tats\u00e4chlich gemeint. An vielen Stellen in der Bibel darf man durchaus die <em>\u201eSchwestern\u201c <\/em>erg\u00e4nzen, weil sie dort eigentlich mit angesprochen werden. Hier aber nicht. Der Mann Paulus redet ganz offensichtlich zu einer reinen M\u00e4nnerrunde: Die Herren schw\u00e4tzen \u00fcber Frauen und \u00fcber Gesch\u00e4fte. So etwas k\u00f6nnte heutzutage am Thresen in der Eckkneipe passieren \u2013 so reden M\u00e4nner halt, wenn sie unter ihresgleichen sind.<\/p>\n<p>An einer Stelle wird es dann allerdings ziemlich peinlich. <em>\u201eJeder von euch suche seine eigene Frau zu gewinnen\u201c, <\/em>hat Martin Luther \u00fcbersetzt. Nett von ihm. Ist auch sinngem\u00e4\u00df richtig. Aber im Griechischen steht da ein Wort mit der Grundbedeutung <em>\u201eK\u00f6rper \/ Gef\u00e4\u00df\u201c. <\/em>Und eine Frau blo\u00df als K\u00f6rper oder gar als Gef\u00e4\u00df zu bezeichnen, das ist nicht nur unversch\u00e4mt, sondern in \u00fcbelster Weise menschenverachtend. Bei den M\u00e4nnern am Thresen mag man das ja noch hinnehmen; aber wenn ein Apostel seiner Gemeinde schreibt, d\u00fcrfte man vielleicht doch etwas mehr Feingef\u00fchl erwarten.<\/p>\n<p>Zur christlichen Gemeinde geh\u00f6ren M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen. Nicht, weil die M\u00e4nner das dem anderen Geschlecht in gn\u00e4diger Herablassung erlauben w\u00fcrden. Sondern weil GOTT den Menschen zu seinem Bilde geschaffen hat \u2013 und zwar als Mann und Frau. Immer wieder und auch heute noch neigen M\u00e4nner dazu, sich vorzudr\u00e4ngeln in der \u00d6ffentlichkeit, w\u00e4hrend sich die Frau um die Kinder k\u00fcmmert oder Haushalt und Garten in Ordnung h\u00e4lt. Es ist gut, da\u00df dieses offensichtliche oder stillschweigende Patriarchat in unseren Breiten mehr und mehr von gleichberechtigten Formen des Miteinanders abgel\u00f6st wird. Denn wo Mann und Frau gemeinsam eine Sache anpacken, kommt oft viel mehr dabei heraus.<\/p>\n<p><strong>2.) Wo ich mich \u00fcber Paulus freue<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, unser Predigttext ist ein Abschnitt aus dem \u00e4ltesten Teil des Neuen Testaments. Jahrzehnte bevor man in der Urchristenheit Geschichten von Jesus aufschrieb, hat Paulus in seinen Briefen Kontakt gesucht zu christlichen Gemeinden, die meist auch von ihm selbst gegr\u00fcndet worden sind. Er war also kein Verk\u00fcndiger, der seine Botschaft den Leuten sagt und sie dann damit allein l\u00e4\u00dft. Nein, Paulus sucht den Kontakt auch weiterhin; er ist erfreut, er ist besorgt \u2013 je nachdem, wie es nach seiner Abreise vor Ort weiter geht.<\/p>\n<p>Mit den Thessalonichern hat er sich wohl besonders gut verstanden. Das ganze erste Kapitel dieses Briefes ist eine einzige Lobeshymne auf die Christen dort und auf ihren Glauben. Und wenn Paulus auch in Kapitel 4 einen ermahnenden Ton anschl\u00e4gt, so geht es ihm dabei nicht um plattes Schimpfen &#8211; sondern er m\u00f6chte, da\u00df die Thessalonicher auf dem begonnenen guten Weg weitermachen und dabei nicht m\u00fcde werden.<\/p>\n<p>Hand aufs Herz: Manchmal ist es doch ganz hilfreich, wenn so ein Mahner da ist. Denn oft genug tr\u00fcbt die Bequemlichkeit meine Sinne, gem\u00e4chliche Routine hat sich eingeschlichen, oder der innere Schweinehund konnte unbemerkt seine Ketten absch\u00fctteln und treibt nun sein Unwesen. Der Mahner l\u00e4\u00dft sich kein X f\u00fcr ein U vormachen, klar durchschaut er die Nebelkerzen meiner Ausfl\u00fcchte und zeigt mit dem Finger auf das, was wirklich z\u00e4hlt. Ohne Ermahnungen w\u00e4re vieles in dieser Welt noch \u00e4rger!<\/p>\n<p><strong>3.) GOTT ruft uns zur Heiligung<\/strong><\/p>\n<p><em> \u201cDas ist der Wille Gottes, eure Heiligung.\u201c <\/em> Zweimal in unserem Predigttext finden wir diese Worte, verst\u00e4rkt noch durch den Hinweis, Gottes Heiliger Geist selbst w\u00fcrde durch Mi\u00dfachtung verachtet.<\/p>\n<p>Was aber meint Paulus damit?<\/p>\n<p>Bereits im Alten Testament h\u00f6rte das Volk Israel: <em>\u201eIch bin der HERR, euer Gott. Darum sollt ihr euch heiligen, so da\u00df ihr heilig werdet; denn ich bin heilig.\u201c <\/em>(Lev 11, 44) In Jesus Christus ist Gott den Menschen ganz nahe gekommen \u2013 das hatte Paulus am eigenen Leibe durchaus schmerzhaft erfahren. Gottes N\u00e4he hatte sein Leben von Grund auf verwandelt, ihn vom Saulus zum Paulus gemacht. Solch eine Verwandlung meines eigensinnigen Ichs zu einem Menschen nach dem Willen Gottes ist letztlich das Ziel, wenn Paulus von Heiligung spricht.<\/p>\n<p>Als konkrete Beispiele d\u00fcrfen wir das verstehen, was der Apostel \u00fcber die Gestaltung menschlicher Sexualit\u00e4t und \u00fcber faire Handelsbeziehungen ausf\u00fchrt. Zu beiden Bereichen g\u00e4be es gewi\u00df noch mehr zu sagen: aber Paulus konzentriert sich ganz auf den Aspekt der Heiligung. Gierige Sex-Lust ohne Ehrfurcht vor dem Partner oder hemmungsloses Durchsetzen eigener Gesch\u00e4ftsinteressen \u2013 das ist nun ganz sicher nicht mit dem Willen Gottes vereinbar, wie er uns in Jesus Christus deutlich vor Augen gestellt wurde.<\/p>\n<p>Mir wird klar: Der Ruf zur Heiligung will uns nicht aus dieser Welt herauslocken auf irgendeine Insel der Seligen. Nein, liebe Gemeinde, gerade in unseren Alltagsbez\u00fcgen sollen wir durchzubuchstabieren versuchen, was Heiligung meinen k\u00f6nnte: In Schule, Beruf oder Freizeit, in der Familie und unter Freunden, wo es ja nicht in der Hauptsache um religi\u00f6se Angelegenheiten geht \u2013 gerade dort ist uns der Auftrag zur Heiligung gestellt, gerade dort sollen wir so leben, wie es dem heiligen Gott entspricht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den \u00d6kumenischen Kirchentag in Berlin 2003 wurde mit Plakaten geworben, wo mitten in Alltagssituationen ganz normale Menschen eine Art Heiligenschein \u00fcberm Kopf trugen. Diese Alltags-Heiligenscheine konnte man dann an vielen Ecken der Hauptstadt wiederfinden. <em>\u201eIhr sollt ein Segen sein\u201c <\/em>hie\u00df damals das Motto. Nichts anderes ist heute mit der Heiligung gemeint (\u2026) Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrer J\u00fcrgen Berghaus<br \/>\n51377 Leverkusen, Scharnhorststr. 38<br \/>\nTel.\/Fax 0214 \/ 8707091<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kirche-manfort.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kirche-manfort.de<\/a><br \/>\n<a href=\"mailto:berghaus@ekir.de\">berghaus@ekir.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! Ich war\u00b4s nicht, ehrlich! Ich habe diese kantigen Paulusworte nicht als Predigttext ausgesucht. Sie sind halt vorgeschlagen f\u00fcr den heutigen Sonntag. Und wer sich immer nur die angenehmen Bibeltexte heraussucht, der nimmt die Heilige Schrift in der Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer \u00c4u\u00dferungen nicht wirklich ernst. 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