{"id":10125,"date":"2021-02-07T19:49:36","date_gmt":"2021-02-07T19:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10125"},"modified":"2022-10-06T15:13:57","modified_gmt":"2022-10-06T13:13:57","slug":"roemer-3-21-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-3-21-28\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 3, 21-28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Ein alter Text, ein bekannter, ein ber\u00fchmter, ein schwieriger, ein umk\u00e4mpfter und umstrittener, ein unz\u00e4hlige Mal gepredigter, kommentierter, ausgelegter Text.<\/p>\n<p>Soll man sich mit ihm noch besch\u00e4ftigen, soll man ihn ein weiteres Mal traktieren und die Gemeinde damit qu\u00e4len? Ist er nicht ausgepredigt, verbraucht? Als eminent anspruchsvoll, als hochtheologisch gilt er, als \u00e4u\u00dferst komplex, und wer kann heute mit der hohen Theologie schon noch etwas anfangen, wer interessiert sich noch f\u00fcr sie, wen k\u00fcmmern noch ihre feinziselierten Distinktionen, wer versteht sie, was gehen sie die Gemeinde an, und wer ist letztere noch? Selbst Theologiestudenten tun sich da bekanntlich schwer und machen leicht gelangweilte, verst\u00e4ndnislose Gesichter. Geht dieser Text nicht \u00fcber die K\u00f6pfe hinweg?! Mu\u00df man sich damit heute noch befassen, was soll das bringen? Ist diese ganze Rede von Gesetz und Gerechtigkeit, von S\u00fcnde und Gnade, von S\u00fchne und Erl\u00f6sung, von Blut und Vergebung, von Glaube und Werke, gar von Rechtfertigung des Gottlosen ohne des Gesetzes Werke mit all den feinen Subtilit\u00e4ten der Theologen, mit ihrem Gez\u00e4nk um die angemessene, richtige Interpretation, ist das alles nicht l\u00e4ngst obsolet und zu einer Besch\u00e4ftigung von ein paar Unentwegten geworden, einer verschwindenden Minderheit, die keiner mehr ernst nimmt, ja mehr noch: auf die kaum noch einer h\u00f6rt, die im Stimmengewirr der Gegenwart gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird, so da\u00df selbst die mit allem Gepr\u00e4nge erst vor wenigen Jahren nach langer, erm\u00fcdender Vorbereitungszeit und vielen Abschw\u00e4chungen und Kompromi\u00dfformeln gefeierte und als Jahrhundertwerk gepriesene Einigung von Katholiken und Lutheranern in der Gemeinsamen Erkl\u00e4rung zur Rechtfertigungslehre, mit welcher nicht nur die gegenseitigen Verdammungsurteile des 16. Jh.s au\u00dfer Kraft gesetzt, sondern auch ein Konsens in der Sache erreicht werden sollte, nur sehr kurzfristig noch ein paar kleinere mediale Wellen schlagen konnten, die dann schnell verebbt sind und man heute fragen k\u00f6nnte: war was, was war da eigentlich? Nicht einmal in den kirchlichen Milieus hat das noch eine weitergehende Bedeutung, nimmt man noch Notiz davon. Verraucht, verrauscht, wie alles, was heute im medialen Zirkus so geschieht, in der Informationsflut, in der Schnellebigkeit der Epoche, wo jeder froh ist, wenn er nicht bel\u00e4stigt und behelligt wird, sondern man ihn in Ruhe l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Und unser Predigttext mit all den oben genannten schwergewichtigen Begriffen, die in ihm auftauchen und sehr voraussetzungsvoll und hintergr\u00fcndig behandelt werden, ist er nicht geradezu das Musterbeispiel f\u00fcr einen heute anachronistisch wirkenden Sprachstil und Gestus, und vor allem: f\u00fcr einen nicht mehr verstehbaren Inhalt, \u00fcber den Jugendliche zumal nur noch den Kopf sch\u00fctteln. So hei\u00dft es doch, oder mindestens k\u00f6nnte man als Reaktion vermuten, wenn diese ntl. Zeilen vorgelesen werden: \u201eDas kann doch heute niemand mehr verstehen. Was meint der Paulus denn?\u201c Mehr noch, man kann auch unter den entsprechenden Kreisen oft die Parole h\u00f6ren: \u201eLa\u00dft uns das auf den Schutthaufen der Theologiegeschichte werfen, wo es hingeh\u00f6rt, mit S\u00fchneopfer und Gesetzeswerken, mit blutigem Opfertod des Erl\u00f6sers, der Menschen und Gott damit vers\u00f6hnen soll, da k\u00f6nnen, nein, da wollen wir nichts mehr mit anfangen; das ist ja gr\u00e4\u00dflich und archaisch, blutr\u00fcnstig und absto\u00dfend, das ist nicht modern und schon gar nicht politisch und theologisch korrekt\u201c, so schallt es nicht nur aus einer bestimmten Ecke, die sich im Ver\u00e4chtlichmachen des Unangepa\u00dften gro\u00df tut. Viele Theologen\/Innen und gro\u00dfe Teile des \u201eaufgekl\u00e4rten\u201c Publikums sind derzeit ja dabei, den S\u00fchnetod Jesu und die Rede von ihm aus der kirchlich korrekten und zugelassenen Sprache zu eskamotieren, zu verbannen, ein Verdikt dar\u00fcber zu erteilen, mindestens eine massive Umdeutung und Transformation vorzunehmen und zumal das paulinische Evangelium von Kreuz und Auferstehung an den Zeitbedarf und Zeitgeschmack und Zeitgeist anzupassen. Wie soll man da mit diesem Predigttext umgehen, wenn nicht wie befohlen kritisch-destruktiv? W\u00e4re es dann nicht sogar besser, ihn ganz von der Perikopenordnung zu streichen, um sich dieser unangenehmen Last zu entledigen und der Skandalvermeidung zu dienen und niemanden weh zu tun? Schuld und S\u00fchne, Kreuz und Vergebung, wie unangenehm, wie peinlich, igittigit.<\/p>\n<p>Nun, es ist nicht von ungef\u00e4hr, da\u00df es eben derselbe Paulus war, der die Auffassung vertreten hat, dieser Skandal sei n\u00f6tig, ja das Evangelium sei ipso facto ein solcher Skandal, Torheit und \u00c4rgernis (1. Kor 1, 18-25). Skandal also mu\u00df man als Christ und Prediger wohl machen, heute zumal, man soll, man darf sich davor nicht scheuen! Schlie\u00dflich war Jesus selbst ein einziger Skandal, in vielerlei Hinsicht. Und Paulus mit seiner Christusbotschaft nicht minder. Da\u00df n\u00e4mlich die Gerechtigkeit Gottes, also das, was vor Gott als dem Grund und Horizont von Sein und Leben Geltung hat, unabh\u00e4ngig und jenseits vom Gesetz erschienen sei, also jenseits alles dessen, was die Welt zusammenh\u00e4lt, was unser Dasein und Leben ausmacht, wonach wir uns richten und einrichten, worauf wir bauen und was den Kern unserer irdischen Existenz ausmacht, ja, das ist wahrhaft f\u00fcr den Menschen ein Skandal, eine Ungeheuerlichkeit, weil es unserer ganzen Wesensrichtung wiederspricht; und da\u00df dies auch noch an einem gescheiterten und gekreuzigten einfachen galil\u00e4ischen Mann zu erkennen und an und in ihm realisiert sei, und da\u00df man, indem man dies glaube, gerecht sei, das bringt das Fa\u00df zum \u00dcberlaufen, denn dann gilt nichts mehr, was in unserem Leben sonst so Geltung hat, wonach es tickt, was ihm schlicht eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, dann ist ein schlechthin neues Paradigma aufgerichtet. Dann schnurren alle die sch\u00f6nen und die h\u00e4\u00dflichen Unterschiede zwischen uns, um deren Installierung und Bestand es uns doch so innig zu tun ist, f\u00fcr die wir uns so abgearbeitet und gem\u00fcht, f\u00fcr die wir so viel investiert haben, auf die wir so viel Wert legen, bis zum Nullpunkt zusammen, sie werden geradezu nichtig, alle diese Unterscheidungszeichen von Gehalt und Gestalt, von Stellung und Ansehen, von Armut und Reichtum, von Mercedes und VW, von Chef und Bedienstetem, dann wird all das, vom dem diese Gesellschaft so zentral und fundamental lebt, mit einem mal zunichte. Dann kann man auch nicht so weiterleben, wie es alle Welt tut. Das m\u00f6chte man sich nicht gern sagen lassen, da\u00df man gemeinsam mit dem Penner in der Gosse liegt. An den Unterschieden liegt einem doch alles, man m\u00f6chte nicht verwechselt werden; Gleichheit in der S\u00fcnde, wie pfui.<\/p>\n<p>Ja, in der Tat, hier geht es ums Prinzip. Entweder es gilt der Satz des Aristoteles, den das Individuum als Ich-AG so prima verinnerlicht hat und der ihm beinahe pausenlos und multimedial eingetrichtert wird, der da lautet: die das Gerechte tun, sind gerecht, oder es gilt der Satz des Evangeliums: wer an Jesus als den gekreuzigten Christus ohne eigenes Zutun als den Herrn \u00fcber sein Leben glaubt, der ist gerecht. Das ist wahrhaft eine echte Alternative, denn die Behauptung des Evangeliums lautet, eine menschliche Gerechtigkeit gibt es nicht, weil: alle haben ges\u00fcndigt und ermangeln des eigenen Ruhmes! Darum erlangen sie Gerechtigkeit nur geschenkweise durch die Gnade kraft der Erl\u00f6sung in Christus Jesus. Also, ihr lieben Mitmenschen, ihr k\u00f6nnt euch noch so m\u00fchen, ihr werdet es nicht erreichen, auch wenn ihr euch von Goethes Faust noch so lange ins Ohr fl\u00fcstern la\u00dft: \u201ewer ewig strebend sich bem\u00fcht, den k\u00f6nnen wir erl\u00f6sen\u201c. Mitnichten, auch Geistesriesen k\u00f6nnen irren. Das ist in den Hochzeiten eines irrlichternden Kapitalismus und seines verfeinerten Warensystems ein Sakrileg, das geht nicht an, das kann man nicht stehen lassen, nicht annehmen.<\/p>\n<p>Und doch, schon Wilhelm Raabe wu\u00dfte es besser als Goethe:<\/p>\n<p>\u201eAuf alle H\u00f6hen, da wollt ich steigen,<br \/>\nzu allen Tiefen mich niederneigen.<br \/>\nDas Nah und Ferne wollt ich erk\u00fcnden,<br \/>\ngeheimste Wunder wollt ich ergr\u00fcnden.<br \/>\nGewaltig Sehnen, unendlich Schweifen,<br \/>\nim ewigen Streben ein Nieergreifen-<br \/>\ndas war mein Leben.\u201c<\/p>\n<p>Und Paulus spricht hier deutlich von einem Kollektivschicksal, es geht um den Menschen schlechthin und als solchen, um das Genus, und damit liegt er nat\u00fcrlich weit ab von der modernen Individualisierung und Egoit\u00e4t des Durchschnittsbewu\u00dftseins des gegenw\u00e4rtigen Westeurop\u00e4ers und Amerikaners zumal. Und ebensoweit mit seiner Rede von Schuld und S\u00fcnde von der aktuellen Blau\u00e4ugigkeit der Gutmenschen und Moralapostel, der Erziehungs- und Fortschrittsideologen, und gleiches gilt auch f\u00fcr den Hinweis auf Leiden und Kreuz als Merkmale des Christus wie des Christenlebens im Blick auf die gegenw\u00e4rtige Kultur der Analgetica, des permanenten Wohlbefindens und der luxurierenden Fun-Industrie, der st\u00e4ndigen Suche nach Spa\u00df. Blut und Tr\u00e4nen stehen den Harmlosigkeiten eines saturierten, angepa\u00dften, liberalistischen Mittelstandschristentums mit Wohlstandsbauch und Lebensversicherung, mit prangendem Gehaltszettel, m\u00f6glichst doppelt, nicht gerade attraktiv gegen\u00fcber, in der Tat. Und schlie\u00dflich mu\u00df auch der Gedanke der Stellvertretung gegen die allf\u00e4llige Ichsucht der Selbstverwirklichung wie ein Dinosaurier aus vorgeschichtlichen Zeiten wirken. Alles abgehalfterte Theologoumena einer unsichtig gewordenen Vorzeit.<\/p>\n<p>Darum ist es sehr naheliegend und erkl\u00e4rlich, warum wir das nicht mehr h\u00f6ren wollen, warum das paulinische Evangelium uns so fremd geworden ist. Unser Leben ist ein Skandal vom Evangelium her, und darum ist uns dieses ein solcher, wenn wir es denn ernst nehmen. Wir leben ja nach der aristotelischen Gerechtigkeit und wollen uns an ihrer Geltung nichts abmarkten lassen. Wir w\u00fcrden unser gutes Gewissen verlieren, das sanfte Ruhekissen. Wir haben uns l\u00e4ngst eine eigene Auffassung vom Leben und vom Guten und von Gott zurechtgezimmert, die wir nicht in Frage stellen lassen m\u00f6chten, da kann die Bibel sagen was sie will. Wir kriegen es schon so hin, wie wir es brauchen. Wir meinen ja zu wissen, wie es geht und wie Gott \u00fcber uns zu denken, wie er f\u00fcr uns zu sein hat. Da lassen wir uns nicht reinreden, auch von ihm nicht, wenn er uns sagt, du bist ein verlorener S\u00fcnder, Mensch, ein Heuchler, du kannst dich nicht rechtfertigen, du kriegst dich nicht hin, du brauchst die Vergebung, du brauchst das Vers\u00f6hnungs-Blut Jesu, ohne dies ist es nichts mit dir, bist du ein Nichts. Das geht dem Menschen schwer ein, er will nicht nichts sein, vielmehr etwas und mehr als etwas, n\u00e4mlich alles, er will ja sein Leben in die Hand bekommen, sich in die Hand nehmen und die Zukunft, die Welt, die Andern. Dahin geht die nat\u00fcrliche Tendenz des Menschen. Und heute will er vor allem Spa\u00df haben und sich selbst verwirklichen, das sind ja die gro\u00dfen Schlagwort von Moderne und Postmoderne. Und nun sagt ihm das paulinische Evangelium, was du da verwirklichst, ist nichts anderes als der Tod, dein Versuch hat t\u00f6dliche Konsequenzen, denn der ist das, was zutiefst in dir ist und dich ausmacht, dich bestimmt, denn du bist weniger als ein Nichts, du bist ein S\u00fcnder, und als ein solcher bist du es wert, hingerichtet zu werden. Das ist dein Recht, das ist deine Rechtfertigung, der Tod, die Hinrichtung, so steht es mit dir, das ist die Konsequenz deines Lebens, denn gerechtfertigt werden hei\u00dft auch nach Luther, zu Tode gebracht werden. Das menschliche Leben hat eo ipso diesen Tod in sich, es lebt ihn best\u00e4ndig, es br\u00fctet ihn aus, es exerziert ihn in tausend Formen, und es kann gar nicht anders, und so vollzieht es in seiner permanenten Anwesenheit das Gericht \u00fcber sich, was von Gott her \u00fcber sein Leben verh\u00e4ngt ist, denn dieses Leben ist als ein s\u00fcndverhaftetes dem Tod als der gerichtlichen Konsequenz verfallen. Dieses Leben harrt der Erl\u00f6sung, der Erl\u00f6sung von sich, es ist ein durch und durch erl\u00f6sungsbed\u00fcrftiges. Und durch den Tod wird ihm diese zuteil. Nun aber nicht durch seinen eigenen, wie man glauben k\u00f6nnte, sondern durch den Tod des Sohnes, des Gottessohnes, des Christus. Er ist der Tod des Menschen, an welchem sich dessen t\u00f6dliches Leben auswirkt und zuendebringt. Und in dem Akt der Taufe wird der Glaubende in diesen Tod, der doch im Grunde als die Konsequenz seines Lebens sein eigener ist, hineingetauft, wird sein verfehltes Leben get\u00f6tet, damit sein wahres erscheinen kann. Der Mensch als Mensch jedoch, also als ein auf Werke angewiesener und gestellter, der dem Gesetz des Weltwirkens gehorcht, kann nur Tod hervorbringen. Mit ihm ist es nichts, er mu\u00df ad nihilum zusammenschmelzen. Anders kann er nicht zum Glauben finden. Der Glaube steht also auf nichts, er hat sein Sach auf nichts gestellt, auf nichts, was er sich zurechnen kann. Und siehe da, Leben, unvermuteterweise, unvorausgesehenerweise, ungeschuldet, unverdient. Die Botschaft, da\u00df da Leben ist, statt Tod, das ist das Evangelium, das Paulus im R\u00f6merbrief statuiert. Und da\u00df dies nur gilt, weil da dieser Christus Jesus ist als der Stellvertreter von Tod und Leben, als der auferstandene und gerechtfertigte Gerichtete, der die Macht der S\u00fcnde \u00fcberwunden hat durch seinen Kreuzestod. Wo sich der Mensch aus diesem Zusammenhang entfernt bzw. nicht in ihn eintritt ist er rettungslos dem Tode verfallen und mu\u00df ihn bei allem Bem\u00fchen immer erneut vollziehen. Und so werden die t\u00f6dlichen Konsequenzen der Ablehnung dieser Einsicht und ihres Nichtwahrhabenwollens und der Vergleichg\u00fcltigung dieser S\u00fchnebotschaft in unserer Gesellschaft immer schneller und brutaler vollzogen. Ihr Weg verliert sich wie der der Gottlosen von Psalm 1. Billiger ist es nicht zu haben, denn die Gnade ist teuer erkauft, weil es mit dem B\u00f6sen so teuflisch, so gnadenlos ernst ist. Aber wo ein Mensch sich im Zusammenhang dieses Jesusgeschehens verortet, da ist er ein Glaubender, und im Raum des Glaubens ist er als begnadigter S\u00fcnder lebendig, von der t\u00f6dlichen Macht der S\u00fcnde befreit, eben ein neuer, ein anderer Mensch. Es ist deutlich, da\u00df Paulus meint, es sei dies Hervortreten Jesu die Wende der Welt, die Mitte der Geschichte, die Selbstoffenbarung Gottes an die Menschheit als die Offenbarung seiner Gerechtigkeit, die un\u00fcberholbare, irreversible G\u00fcltigkeit besitzt, welche auch die irdischen Unterschiede zwischen den Menschen zunichte macht, sie entwertet, vergleichg\u00fcltigt. Denn von Gott her ist ein Urteil ergangen: \u201eDer Mensch wird durch den Glauben gerecht, ohne Gesetzeswerke.\u201c Diesseits dieses Urteils ist er S\u00fcnder und nichts sonst, todverfallen, nichtig, ruhmlos. Das aber hat ungeheure Folgen, kein Stein kann dann auf dem anderen bleiben, nichts ist dann mehr so wie vorher, eine v\u00f6llige Umwertung aller Werte beginnt dann, die Lebensrichtung hat sich ver\u00e4ndert, alle Dinge des Lebens sehen sich nun anders an, und wo dieses nicht irdisch-weltlich wirksam wird, da ist auch kein Glaube, da ist auch kein wahres Leben aus der Gnade, da ist noch die Knechtschaft unter der S\u00fcnde.<\/p>\n<p>Kann der hiesige Mensch der Gegenwart dies noch h\u00f6ren, kann sich an ihm und in ihm dies noch ereignen? Hat er noch die Kraft, aus diesem Glauben zu leben? Oft scheint es so, als ob er die alte lutherische Frage nach dem gn\u00e4digen Gott und damit das Bewu\u00dftsein der Schuld des Menschseins nicht mehr versteht, sie auch nicht mehr h\u00f6ren und annehmen will, weil er sich nicht mehr im Kosmos metaphysischer Verantwortung verankert wei\u00df, die Idee eines Rechenschaft fordernden Gottes ihm dunkel und schwach geworden ist, er auch das Gesp\u00fcr f\u00fcr Selbsttranszendenz verloren hat und sein aufgekl\u00e4rter Stolz ihm die Annahme der menschlichen Gleichheit in der S\u00fcnde verbietet.<\/p>\n<p>So irrt er ortlos und obdachlos geworden unter einem leeren Himmel und in einer sinnlosen, entseelten Welt dahin, hingegeben an die Erfordernisse der Materie und ihrer permanenten Umbildung und Beherrschung, Vernutzung und Ausbeutung, schwankend von Begierde zu Genu\u00df, von Genu\u00df zu Begierde, wie in einem rauschhaften Drogendelirium in seinem ameisenartigen, bankrotteurhaften Aktivismus befangen, der doch nur in all seinen vermeintlichen Fortschritten und Errungenschaften den Verlust an gewachsener, bodenst\u00e4ndiger Erdn\u00e4he und das Verschwinden \u00fcberweltlicher Heimat signalisiert. Irgendwann wird er sich selbst in seiner durchgestylten Warenwelt, umstellt von den k\u00fcnstlichen Paradiesen der animierten Tr\u00e4ume und dem Elend der Ausgeschlossenen, Heruntergekommenen, Abgehalfterten, die es nicht geschafft haben, der so l\u00e4stigen wie gef\u00e4hrlichen Versager und Verlierer, eine Last sein, so wie einst den \u00c4gyptern ihr Licht zur Finsternis wurde und sie sich in dieser selber zur Last (Sap 17,20).<\/p>\n<p>W\u00e4re es so, m\u00fc\u00dfte das Evangelium an der morbiden Ichgewi\u00dfheit der Epoche gleichsam abprallen, wirkungslos verpuffen. Daran aber zeigte sich auch, wie es um den gegenw\u00e4rtigen Menschen und seine Welt bestellt ist: \u201eDa sie sich weise d\u00fcnkten, sind sie zu Narren geworden\u201c (R\u00f6m 1,22). \u00dcber solche Narrheit, die sich in ihrer Verkehrung der Wahrheit in L\u00fcge und der L\u00fcge in Wahrheit klug d\u00fcnkt, ergeht der Zorn Gottes vom Himmel herunter (R\u00f6m 1,18), der sich darin auswirkt, da\u00df sie an die Folgen ihrer Ungerechtigkeit, ihrer Sinnesverkehrung, an die Begierden ihres Herzens preisgegeben werden (R\u00f6m 1,24), und folglich besteht das g\u00f6ttliche Zornesgericht in nichts anderem, als da\u00df sie die Konsequenzen ihres eigenen verfehlten Tuns zu tragen haben durch den Verfall an dessen Sinnlosigkeit und durch die Verfinsterung ihrer Herzen (R\u00f6m 1,21). Die Bande der menschlichen Sozialit\u00e4t l\u00f6sen sich in ma\u00dflosem Individualismus und Subjektivismus, in narzi\u00dftischem Egoismus auf, und der Tod als der gro\u00dfe Verh\u00e4ltnislose h\u00e4lt ins Leben Einzug. Vieles scheint in unserer heutigen westlichen Lebenswelt darauf hinzudeuten.<\/p>\n<p>Oder k\u00f6nnte es sein, da\u00df dann das alte Evangelium eine neue Wirksamkeit gewinnt, wenn das Salz bis dahin nicht ganz dumm geworden ist. Vielleicht sind wir nur noch nicht soweit und es herrscht bei vielen noch die Not der Notlosigkeit. Wie dem auch sei, in dieser wie in jeder Situation schulden die Kirche, der Christ, der Prediger dem in die Nacht des Selbsthasses und des Lebens\u00fcberdrusses abdriftenden Volk, was sich und seine vorgeblichen Errungenschaften offensichtlich noch so naiv zu feiern scheint, die Botschaft von Gericht und Gnade, von Recht und Rechtfertigung, von Schuld und Vergebung, sprich von der in Christus Jesus offenbarten Gerechtigkeit Gottes, von seinem stellvertretenden Tod und errungenen Leben.<\/p>\n<p>Ob sie noch einmal zu den Ohren und zu den Herzen zu sprechen vermag, wird die Zukunft weisen. Das steht letztlich in Gottes und nicht in des Christen und auch nicht des Predigers Hand.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<p><strong>PD Dr. Reinhard Weber<br \/>\nStud.-Pfr. in der ESG Marburg<br \/>\n<a href=\"mailto:weber@esg-marburg.de\">weber@esg-marburg.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein alter Text, ein bekannter, ein ber\u00fchmter, ein schwieriger, ein umk\u00e4mpfter und umstrittener, ein unz\u00e4hlige Mal gepredigter, kommentierter, ausgelegter Text. Soll man sich mit ihm noch besch\u00e4ftigen, soll man ihn ein weiteres Mal traktieren und die Gemeinde damit qu\u00e4len? Ist er nicht ausgepredigt, verbraucht? 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