{"id":10133,"date":"2021-02-07T19:49:37","date_gmt":"2021-02-07T19:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10133"},"modified":"2022-10-06T10:42:22","modified_gmt":"2022-10-06T08:42:22","slug":"roemer-147-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-147-9-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,7-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>&#8222;Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.<br \/>\nLeben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.<br \/>\nDenn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, da ss er \u00fc ber Tote und Lebende Herr sei.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nschmerzliche Erinnerungen wecken diese Worte in den meisten von uns: dunkel gekleidete Menschen, Kr\u00e4nze und Blumen, getragene Musik und ein offenes Grab. Und dann die Stimme des Seelsorgers\/der Seelsorgerin: \u201eLeben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.\u201c \u2013 Das sind uns wohl bekannte Worte. Wie oft haben wir sie schon geh\u00f6rt, als selbst von der Trauer Betroffene, oder als solche, die andere auf den Friedhof begleitet haben. Das sind so bekannte Worte, die wir oft schon geh\u00f6rt haben, die uns aber immer noch so r\u00e4tselhaft erscheinen. Sind das Worte des Trostes? Kann man an einer solchen Vorstellung Halt und Hoffnung finden \u2013 im Tod und im Leben dem Herrn zu geh\u00f6ren? Was soll an dieser Vorstellung tr\u00f6stlich sein?<\/p>\n<p align=\"center\">I. Zweierlei Sprachlosigkeit<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst stehen uns ja zwei Dinge entscheidend im Wege: Wir sprechen nicht gern <em>\u00fcber den Tod<\/em>. Und wir sprechen nicht gerne <em>\u00fcber den Glauben<\/em>. Beides ist uns unangenehm.<\/p>\n<p>Um den Tod machen wir am liebsten einen gro\u00dfen Bogen. Schlimm genug, wenn der Tod anderer einen Schatten auf unser Leben wirft. Kaum ein Mensch \u00fcberspringt morgens beim Zeitunglesen die Seite mit den Todesanzeigen. Es ersch\u00fcttert uns, wenn wir lesen, dass ein junger Mensch gestorben ist. Es ber\u00fchrt uns, wenn wir lesen, dass ein Mensch aus unserem eigenen Jahrgang gestorben ist, oder ein Klassenkamerad oder ein Nachbar. Viele Namen aber sind uns unbekannt, und wir schlie\u00dfen die Zeitung mit einem leichten Seufzen: Gott sei Dank \u2013 ich lebe noch! M\u00f6ge es noch eine Weile so bleiben &#8230; und schon sind wir wieder zur\u00fcck im Alltag, in der Arbeit, unter den Lebenden.<\/p>\n<p>Mag sein, dass wir auch einmal eine Trauerkarte schreiben oder kondolieren m\u00fcssen bei einer Bestattung. Es f\u00e4llt uns schwer, dann die richtigen Worte zu finden. Weil wir selber sprachlos sind. Ja, wir k\u00f6nnen unser Beileid ausdr\u00fccken \u2013 unser Mitgef\u00fchl. Aber Trost? Wie kleidet man den in Worte? Was macht uns stark, wenn der Tod kommt?<\/p>\n<p>Dieses unangenehme Gef\u00fchl bei den Todesanzeigen oder diese Not, die richtigen Worte zu finden, haben einen einfachen Grund: Wir selbst sind uns nicht sicher, ob es nach dem Tod wirklich weitergeht \u2013 und wenn ja, wie! Und dar\u00fcber auch noch reden m\u00f6gen wir schon gar nicht.<\/p>\n<p>Damit bin ich bei unserem zweiten Problem: Wir sprechen nicht gerne \u00fcber unseren Glauben. Es ist merkw\u00fcrdig: Wir k\u00f6nnen miteinander \u00fcber fast alles sprechen \u2013 ja, sogar \u00fcber intimste Dinge sprechen wir uns aus unter Freunden, unter Nachbarn vielleicht, als Ehepaar oder als Familie. Finanzielles, Medizinisches, Erotisches \u2013 ohne Scheu teilen wir uns Einzelheiten mit und lassen andere teilhaben an unseren Freuden und Sorgen. Aber \u00fcber Glaubensdinge? Dar\u00fcber reden wir lieber nicht. Einerseits \u2013 geben wir es zu \u2013 weil es uns nicht ganz so wichtig ist wie anderes, und vor allen Dingen weil wir uns sch\u00e4men. Oder w\u00fcrden Sie einem Reporter von \u201ebrisant\u201c auf offener Stra\u00dfe Auskunft geben wollen, ob Sie abends im Bett beten, mit Ihrem Ehepartner zusammen die Bibel lesen, ihre Kinder in den Kindergottesdienst schicken oder an die Wirkung des Heiligen Geistes glauben? Es w\u00fcrde uns unangenehm ber\u00fchren, dar\u00fcber Auskunft geben zu m\u00fcssen. Mein Glaube ist meine Privatsache. Eingeschlossen in meinem Herzen. Das geht niemanden etwas an.<\/p>\n<p>Daher kommt es, dass wir uns nie so recht trauen zu sagen: Dieses Wort, das immer an den Gr\u00e4bern gesprochen wird, verstehe ich nicht. Da hei\u00dft es: \u201eLeben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.\u201c Und ich begreife diese Logik nicht.<\/p>\n<p align=\"center\">II. Sein in Christus<\/p>\n<p>Um diese Logik zu verstehen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst einmal danach fragen, wer dieses Wort gepr\u00e4gt hat. Diese Worte schreibt der Apostel Paulus.<\/p>\n<p>Paulus war ein gro\u00dfer Theologe. Zun\u00e4chst war er hellenistischer Jude, theologisch gebildet und \u00e4u\u00dferst sprachgewandt. Er war eigentlich der erste Zeuge des Neuen Testaments, der ansatzweise eine richtige Theologie entwickelt hat und diese Theologie mit Argumenten, Gegenargumenten und allen Mitteln der sprachlichen \u00dcberzeugungskraft seinen Gemeinden versucht hat verst\u00e4ndlich zu machen. Diese Redegewandtheit macht den guten Paulus einerseits so faszinierend. Andererseits aber auch manchmal schwer verst\u00e4ndlich. Wir m\u00fcssen also fragen: Worauf will Paulus hinaus mit seiner kunstvollen Sprache?<\/p>\n<p>Ein ganz wesentlicher Grundzug der Botschaft des Paulus ist \u201eDas neue Leben in Christus\u201c.<br \/>\nPaulus betrachtet uns Menschen als Gottes Gesch\u00f6pfe. Wir wissen sehr genau, dass wir vor Gott eine Verantwortung tragen; aber trotzdem verweigern wir Gott den Gehorsam und den Dank, den er verdient. Durch unsere eigene Leistung wollen wir zeigen, dass wir gro\u00dfartig sind. Gott brauchen wir dazu nicht.<\/p>\n<p>Weil Gott sich aber mit uns Menschen vers\u00f6hnen wollte, offenbart er sich in Christus und gab uns Menschen zu verstehen: Wenn Du Mensch endlich auf den Versuch verzichtest, deine eigene Gerechtigkeit aufzurichten und dich allein auf Christus verl\u00e4sst, der dich mit Gott vers\u00f6hnt hat, dann bist du gerettet. Allein der Glaube macht dich vor Gott gerecht und gut. Allein der Glaube verbindet dich so fest mit Christus, dass dich nichts mehr von ihm trennen kann.<\/p>\n<p>So entsteht bei Paulus das Bild des neuen christlichen Menschen: Unser ganzes Leben ist von Christus bestimmt. Wir sind wie neu geschaffen. Denn durch Christus haben wir jetzt schon die Liebe Gottes und brauchen uns nie wieder davor f\u00fcrchten, sie zu verlieren.<\/p>\n<p align=\"center\">III. Leben und Sterben in Christus<\/p>\n<p>Versuchen wir also von dieser Seite her, das Pauluswort zum heutigen Sonntag zu verstehen.<\/p>\n<p>Leben, liebe Gemeinde, ist nichts anderes als Beziehungen zu haben.<br \/>\nWer lebt, der denkt an andere, \u00e4rgert sich, sehnt sich, macht sich Sorgen, liebt.<br \/>\nWer lebt, der spricht mit anderen, erz\u00e4hlt, fragt nach, zankt und schimpft, tr\u00f6stet und macht Mut.<br \/>\nWer lebt, gibt anderen die Hand, ber\u00fchrt, streichelt, h\u00e4lt fest, tr\u00e4gt oder st\u00fctzt.<br \/>\nWer lebt, interessiert sich f\u00fcr andere, liest Zeitung, h\u00f6rt die Nachrichten, surft im Internet, schreibt SMS, sehnt sich nach Post, schreibt Karten aus dem Urlaub.<br \/>\nWer lebt, der stellt Verbindungen, Beziehungen her, indem er sieht und h\u00f6rt, denkt und f\u00fchlt, spricht und ber\u00fchrt. Leben hei\u00dft Beziehungen haben.<\/p>\n<p>Und Sterben \u2013 genau das ist ja das Schreckliche und Schmerzliche am Tod \u2013 hei\u00dft: Beziehungen werden abgeschnitten. Oft brutal und unwiderruflich wird uns fast alles genommen, was unsere Beziehung ausgemacht hat: das Miteinander-Sprechen, das Aufeinander-H\u00f6ren, das Ber\u00fchren, die Z\u00e4rtlichkeit, die N\u00e4he, das Vertrautsein. Alles h\u00f6rt pl\u00f6tzlich auf, und es bleibt nur eines: die Erinnerung. Das ist oft viel zu wenig. Weil wir uns nicht nur erinnern wollen, sondern mit dem anderen, den wir lieb haben, zusammensein wollen \u2013 mit all dem, was eine Freundschafts- oder Liebes-Beziehung ausmacht.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft also: Der Tod hat eine gro\u00dfe Macht \u00fcber uns. Denn er bringt es fertig, uns Menschen so voneinander zu trennen, dass wir einander nicht mehr erreichen k\u00f6nnen \u2013 au\u00dfer mit unseren Gedanken. Das macht das Entsetzliche und Grausame des Todes aus.<\/p>\n<p><em> Ein<\/em> Band aber kann der Tod nicht zerschneiden: das Band zwischen uns und Gott.<br \/>\nDas ist das Entscheidende in den Worten des Paulus: Wenn der Tod auch alle B\u00e4nder und Verbindungen in eurem Leben zerschneidet, ein Band ist f\u00fcr ihn unerreichbar: das Band der Liebe Gottes zu euch. In Christus hat er uns ein f\u00fcr allemal mit sich selbst vers\u00f6hnt. Und wer sich Christus anschlie\u00dft und ihm vertraut, der wird niemals die Liebe Gottes verlieren.<\/p>\n<p>Genauso sind diese Worte gemeint, die uns so an Beerdigungen erinnern und uns oft r\u00e4tselhaft erscheinen:<\/p>\n<p>Lebst du im Glauben an Christus, dann bist du in der Liebe Gottes fest geborgen \u2013 jeden Tag.<br \/>\nStirbst du im Glauben an Christus, dann bist du auch in der Liebe Gottes fest geborgen \u2013 f\u00fcr alle Ewigkeit.<br \/>\nEs ist also die Liebe Gottes, die alles \u00fcberstrahlt.<br \/>\nEs ist die Liebe Gottes, die dich durch alles hindurchtr\u00e4gt.<br \/>\nEs ist die Liebe Gottes, die st\u00e4rker ist als alles, was dich \u00e4ngstigt oder dir Sorgen macht: \u201e Weder Tod noch Leben, weder Engel noch M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus zu uns gekommen ist. (Vgl. R\u00f6m 8,38f.)<\/p>\n<p>Dessen k\u00f6nnen wir sicher sein.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p>Wochenspruch: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.<br \/>\n(2. Kor 6,2b)<br \/>\nEpistelllesung: Der Mensch lebt kurze Zeit<br \/>\n(Hiob 14,1-6)<br \/>\nEvangeliumslesung: Vom Kommen des Gottesreiches (Lukas 17,20-30)<br \/>\nLiedvorschl\u00e4ge:<br \/>\nEingangslied EG 151,1-3: Ermuntert euch, ihr Frommen<br \/>\nWochenlied EG 152,1-4: Wir warten dein, o Gottes Sohn<br \/>\nLied nach der Predigt EG 560,1-4: Es kommt die Zeit<br \/>\nSchlusslied EG 151,8: O Jesu, meine Wonne<\/p>\n<p><strong>Dorothea Zager, Worms<br \/>\n<a href=\"mailto:DWZager@t-online.de\">DWZager@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. 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