{"id":10137,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10137"},"modified":"2022-10-24T11:24:34","modified_gmt":"2022-10-24T09:24:34","slug":"roemer-147-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-147-9-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,7-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Gott \u2013 das ist die alles bestimmende Wirklichkeit.<br \/>\nSo lautet die allgemein anerkannte Definition dieses Begriffs.<br \/>\nGott \u2013 die alles bestimmende Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Das ist auch die zentrale Botschaft des Apostels Paulus in den Versen des R\u00f6merbriefes, in denen es hei\u00dft (R\u00f6m. 14,7-9):<br \/>\n\u201eDenn keiner von uns lebt f\u00fcr sich selbst, und keiner stirbt f\u00fcr sich selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: ob wir leben oder sterben, geh\u00f6ren wir dem Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er \u00fcber Tote und Lebende Herr sei.\u201c<\/p>\n<p>Gott \u2013 die alles bestimmende Wirklichkeit. Kein Lebensbereich, kein Bereich der Welt, in dem Gott nicht wirksam w\u00e4re. Kein Bereich, auf den er nicht Anspruch erheben w\u00fcrde, in dem seine Ma\u00dfst\u00e4be und Regeln nicht anzuwenden w\u00e4ren. Nicht einmal der Tod ist seinem Machtbereich entzogen. So lautet die Botschaft des Paulus. Aber nicht in theoretischer Absicht, nicht weil er eine Definition des Begriffs \u201eGott\u201c abliefern wollte. Sondern in praktischer Absicht. Einmal, um zu tr\u00f6sten. Nicht umsonst werden diese Worte h\u00e4ufig am Grab gesprochen. Weil sie die Trauernden gewiss machen wollen: Mit dem Tod ist eben nicht alles aus. Die Verstorbenen verschwinden nicht einfach ins Nichts. Vielmehr gibt es die Hoffnung auf eine lebendige Zukunft auch jenseits der Todesgrenze. Eine lebendige Zukunft in der N\u00e4he und im Schutz Gottes. Trost, dass Christi Schicksal, seine Wiederbelebung aus dem Tod, auch das Schicksal der Verstorbenen, auch unser Schicksal ist, wenn wir einmal sterben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur zu tr\u00f6sten ist die Absicht des Paulus. Er will auch ermahnen. Die Worte enthalten einen Anspruch an die Leser und H\u00f6rer, eine Aufforderung. Sie stehen auch inmitten von Aufforderungen an die Christen in Rom. Lasst euer ganzes Leben von Gott bestimmt sein! Tut alles, was ihr tut, im Bewusstsein, dass Gott die alles bestimmende Wirklichkeit ist. Da gibt es keinen Lebensbereich in eurer Lebenswelt, der nicht von Gott bestimmt sein will. Die Lebensregeln Gottes, die Gebote, gelten nicht nur in eurem Privatleben, in den privaten zwischenmenschlichen Beziehungen, sie beanspruchen Geltung auch im \u00f6ffentlichen Leben, in der Wirtschaft und in eurem Berufsleben. Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit. Es gibt in der Welt keinen Bereich, in dem eigene Gesetze und andere Regeln gelten. Wie gesagt: Auch Staat, Politik und Wirtschaft sind keine eigengesetzlichen, gottfreien R\u00e4ume. Auch hier will Gott seine Herrschaft zur Geltung bringen. Staat, Wirtschaft und Politik sind etwas Vorletztes und stehen im Dienst der letzten Wirklichkeit, eben der alles bestimmenden Wirklichkeit Gottes. Sie haben die Funktion, dem Menschen zu dienen, seinem Wohlergehen, dem Schutz seines Lebens und seiner W\u00fcrde.<\/p>\n<p>So gilt denn auch heute \u2013 angesichts des eigengesetzlichen, scheinbar die ganze Wirklichkeit bestimmenden Charakters der globalisierten Wirtschaft \u2013 was im Barmer Bekenntnis von 1934 gegen eine eigengesetzliche totalit\u00e4re Politik von Christen der Bekennenden Kirche formuliert wurde: \u201eWir verwerfen die falsche Lehre, als g\u00e4be es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen w\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>Gott allein ist es, die alles bestimmende Wirklichkeit, der zu Recht Anspruch erhebt auf unser ganzes Leben und auf alle Bereiche der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Aber ist uns diese Auffassung nicht suspekt geworden? Zeichnet solch ein Absolutheits- und Totalit\u00e4tsanspruch nicht gerade jenes Ph\u00e4nomen aus, das wir \u201eFundamentalismus\u201c nennen, der in letzter Zeit wieder erstarkt ist. Einen Fundamentalismus, der ohne R\u00fccksicht auf Verluste versucht, Gottesrecht in staatliches Recht zu gie\u00dfen. Ja, noch mehr, wo Terrorakte ebenso wie Kriegshandlungen mit dem Gottesrecht begr\u00fcndet werden? Damit Gott die alles bestimmende Wirklichkeit wird?<\/p>\n<p>Hier m\u00fcssen wir nun zwischen zwei Perspektiven unterscheiden, die beide ihr Recht haben und von denen keine auf die jeweils andere zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann. Es sind die Binnen- und die Au\u00dfenperspektive.<\/p>\n<p>Wenn Paulus in seinem Brief Menschen dazu auffordert, ihr gesamtes Lebens, das private wie das \u00f6ffentliche, von Gott durchdrungen sein zu lassen, die gesamte Lebensf\u00fchrung nach Gottes Regeln zu gestalten, dann handelt es sich bei den Angesprochenen um Christen, um Menschen, die an die Existenz Gottes glauben. Mehr noch: an Menschen, die an <em>den <\/em>Gott glauben, der sich in Jesus von Nazareth gezeigt hat, der in ihm seine menschenfreundliche Natur geoffenbart hat. Paulus schreibt seinen Brief an Menschen, die f\u00fcr wahr halten, dass es einen Gott gibt, der das ganze Universum in seiner Hand h\u00e4lt und es zu einem guten Ausgang f\u00fchren will. Ein Brief von Christ zu Christ. Aus der binnenchristlichen Perspektive.<\/p>\n<p>Daneben aber gibt es eine Au\u00dfenperspektive. Die Perspektive derer, die nicht an Gott glauben oder an andere G\u00f6tter und an andere Regeln. Aus der Binnenperspektive werden die Existenz Gottes und dessen Totalit\u00e4tsanspruch als wahr und universal g\u00fcltig angesehen und die Geltung seiner Gebote als absolut verbindlich vorausgesetzt. Von der Au\u00dfenperspektive her jedoch handelt es sich bei den christlichen Glaubens\u00fcberzeugungen lediglich um einen partikularen Wahrheitsanspruch einer Gruppe von Menschen. Um einen Wahrheitsanspruch, der momentan nicht eingel\u00f6st werden kann, weil sich Gott nicht eindeutig als die alles bestimmende Wirklichkeit zeigt. Um einen Wahrheitsanspruch, der mit anderen Wahrheitsanspr\u00fcchen konkurriert. Die in der Binnenperspektive zu Recht behauptete universale Herrschaft Gottes \u00fcber alle Lebensbereiche erscheint in der Au\u00dfenperspektive als ein blo\u00df auf eine Menschengruppe begrenzter partikularer Glaube.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, zwischen den beiden Perspektiven unterscheiden zu k\u00f6nnen, steht zwischen aufgekl\u00e4rten Gl\u00e4ubigen und Fundamentalisten. Letztere ignorieren die Au\u00dfenperspektive und ziehen sie in die Innenperspektive ein. Auf diese Weise wird der eigene Wahrheitsanspruch als die f\u00fcr alle g\u00fcltige Wahrheit ausgegeben.<\/p>\n<p>Um den Perspektivenunterschied wussten die Christen der Bekennenden Kirche, die im Barmer Bekenntnis die falsche Lehre verworfen haben, nach der es Bereiche unseres Lebens gibt, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen w\u00e4ren. Sie erkl\u00e4rten n\u00e4mlich auch: \u201eNun ist uns sehr wohl bekannt, dass solche Erkenntnis und solcher Glaube nur der christlichen Kirche gegeben ist, und also auch nur von ihr und ihren Gliedern, vor allem von ihren Dienern verlangt werden kann. Darum w\u00fcrden wir auch in einem anderen Ton sprechen m\u00fcssen, wenn wir zu der Welt spr\u00e4chen, die keinen Wert darauf legt, Kirche zu sein. Wir sprechen aber zu <em>der<\/em> Welt, die den Anspruch erhebt, Kirche zu sein, und <em>den<\/em> Christen, die sich dieser Welt verb\u00fcndet haben.\u201c (Hans Asmussen) Und &#8211; so k\u00f6nnte man fortfahren &#8211; aus der Binnenperspektive sagen wir, dass es keinen Bereich gibt, auch nicht die Politik, \u00fcber den Gott nicht der Herr ist.<\/p>\n<p>Wie aber sollen wir umgehen mit der unaufl\u00f6sbaren Spannung zwischen dem f\u00fcr uns absolut g\u00fcltigen Glauben an die universale Herrschaft Gottes \u00fcber alle Lebensbereiche einerseits und dem Wissen um die Relativit\u00e4t dieses Glaubens aus der Au\u00dfenperspektive?<\/p>\n<p>Nun, genau so, wie Paulus es beschreibt:<br \/>\nF\u00fchrt euer Leben nach euren \u00dcberzeugungen. Lebt so, als w\u00e4re wahr, was ihr glaubt, in der vertrauten Gemeinschaft ebenso wie im \u00f6ffentlichen und beruflichen Leben. Lebt nach den Regeln des Gottes, der in Jesus von Nazareth seine wahre Natur gezeigt hat: solidarisch mit den Schwachen. Nehmt selbst R\u00fccksicht auf sie, und ergreift f\u00fcr sie Partei, wenn ihre W\u00fcrde und ihre Rechte verletzt werden. Widersetzt euch denen, die Menschen nur als heuer- und feuerbare Mittel f\u00fcr h\u00f6chste wirtschaftliche Endzwecke betrachten und behandeln. Verb\u00fcndet euch nicht mit der Welt und erkl\u00e4rt nicht, dass es irgendwo anders zugehen m\u00fcsse als nach den guten Regeln eures Gottes. Bleibt in \u00dcbereinstimmung mit euren \u00dcberzeugungen. \u00dcberall, wo ihr seid. Und haltet fest an der Hoffnung, dass das, was ihr f\u00fcr richtig und wahr haltet, einmal f\u00fcr alle eindeutig sichtbar als die alles bestimmende Wirklichkeit in Erscheinung treten wird. Bis dahin aber macht Werbung. \u00dcberzeugende Werbung mit eurem Leben. Werbung f\u00fcr den menschenfreundlichen Gott, der nicht die Schwachen und auch nicht die Toten preisgibt, sondern als die alles bestimmende Wirklichkeit am gelingenden Leben aller interessiert ist.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Dr. Hans-Georg Babke<br \/>\nArbeitsbereich Religionsp\u00e4dagogik und Medienp\u00e4dagogik Wolfenb\u00fcttel<br \/>\n<a href=\"mailto:Hans-Georg.Babke@t-online.de\">Hans-Georg.Babke@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! Gott \u2013 das ist die alles bestimmende Wirklichkeit. So lautet die allgemein anerkannte Definition dieses Begriffs. Gott \u2013 die alles bestimmende Wirklichkeit. 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