{"id":10151,"date":"2021-02-07T19:49:34","date_gmt":"2021-02-07T19:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10151"},"modified":"2022-10-21T17:53:18","modified_gmt":"2022-10-21T15:53:18","slug":"jesaja-121-6-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-121-6-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 12:1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Rede von Gottes Zorn ist in der Kirche so gut wie verstummt. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass sie so oft missbraucht wurde. Missbraucht wurde dazu, die Kleinen dem Willen der Gro\u00dfen gef\u00fcgig zu machen. Nach der Devise: Wenn du tust, was ich nicht will, wird Gott zornig und straft dich. Gott sei Dank haben wir das inzwischen durchschaut und wissen: Nein, die Rede von Gottes Zorn eignet sich nicht mehr als himmlischer Druckverst\u00e4rker f\u00fcr irdische Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Und in der Kindererziehung ist sie allemal unangebracht.<\/p>\n<p>Aber nun nur noch vom lieben Gott zu reden, der f\u00fcr alles Verst\u00e4ndnis hat, der jeden so annimmt und l\u00e4sst, wie er ist &#8211; das macht aus dem Sch\u00f6pfer und Eigent\u00fcmer der Welt, dem Ursprung und Sinngeber menschlichen Lebens, eine nichtssagende Belanglosigkeit, nimmt ihm die Ehre, von erwachsenen Menschen ernstgenommen und respektiert zu werden. Dass Gott in der heutigen Welt so bedeutungslos erscheint, das haben die Kirchen mit ihrer Rede vom immer lieben Gott selber mit verursacht. Was f\u00e4llt uns eigentlich ein, ihm, der uns Menschen erdacht hat, die F\u00e4higkeit abzusprechen, wie wir im Innersten getroffen und verletzt zu sein &#8211; \u00fcber das, was wir aus seiner Sch\u00f6pfung, aus uns selbst und aus ihm gemacht haben?<br \/>\nWas w\u00e4re das f\u00fcr ein Gott, der sich seine Welt einfach nehmen lie\u00dfe und sich zufrieden damit g\u00e4be, von den Herren und Damen, die sie ihm genommen haben, noch toleriert zu werden \u2013 als Zugest\u00e4ndnis an die Ewig-Gestrigen und die geistig Zur\u00fcckgebliebenen?<br \/>\nUnd ebenso wenig l\u00e4sst er es sich nehmen, den Menschen zur Rechenschaft zu ziehen f\u00fcr das, was er getan hat.<\/p>\n<p>Und diese Vorstellung mag einen &#8211; wenn auch ungewohnt &#8211; doch mit einer gewissen Befriedigung erf\u00fcllen: dass Gott sich nicht alles gefallen l\u00e4sst und auch diejenigen, die in diesem Leben mit ihren Untaten unbehelligt davonzukommen scheinen, ihn am Ende immer noch vor sich haben. Wenn Gott nicht nur lieb ist, sondern auch richtet, dann ist die Weltgeschichte nicht das Weltgericht. Dann triumphieren die T\u00e4ter am Ende nicht \u00fcber die Opfer. Und dann ist es kein Zufall, da\u00df wir den Sinn f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit in uns tragen. Obwohl man doch am besten zu fahren scheint, wenn man sich nur nach dem richtet, was einem n\u00fctzt. Das ganze erste Kapitel seines Briefes an die R\u00f6mer hat Paulus darauf verwandt, die Menschen vorzuf\u00fchren, die die Gebote in flagranter Weise verletzen und die Welt so durcheinander bringen, dass man dar\u00fcber nur in heiligen Zorn geraten kann.<\/p>\n<p>Und jetzt, im zweiten Kapitel, richtet er sich genau an sie, die gepackt sind von heiligem Zorn \u00fcber die Ungerechtigkeit und die Bosheit dieser Welt.. &#8222;O Mensch&#8220;, ruft er aus, so als m\u00fcsse er sich gleich gegen mehrere Vorw\u00fcrfe erwehren &#8211; etwa solche: Warum erz\u00e4hlst du denn <em>uns<\/em> von all den Gr\u00e4ueltaten, die da drau\u00dfen von den Gottlosen begangen werden? Denen musst du das sagen! Statt dich mit deiner Bu\u00df- und Strafpredigt vor uns unbescholtenen und rechtschaffenen B\u00fcrgern und Christen dicke zu tun! &#8222;O Mensch&#8220;, so h\u00e4lt er ihnen entgegen, &#8222;du kannst dich nicht entschuldigen, auch wenn du noch so sehr meinst, im Recht zu sein.&#8220; Und dann stellt Paulus in schon unerh\u00f6rter Weise die, die sich in heiligem Zorn \u00fcber schreiendes Unrecht emp\u00f6ren, auf ein und dieselbe Stufe mit den T\u00e4tern. Nicht, weil er &#8211; wie ein Psychologe &#8211; an die Abgr\u00fcnde auch in der Seele des Anst\u00e4ndigsten denkt. Er hebt vielmehr darauf ab, dass wir bei unserem Richten und Verurteilen dazu neigen, uns mit Gott an die Stelle Gottes zu setzen und uns gegen\u00fcber, seinem Rechtsanspruch an uns faktisch zu immunisieren. Und das haben wir \u2013 anders als die Zeitgenossen des Paulus \u2013 damit zur Perfektion gebracht, dass wir ihn als st\u00e4ndig lieben Gott verharmlosen. Wir die Richter &#8211; und er, dessen Beruf es ist, gn\u00e4dig zu sein Was f\u00fcr eine Perversion!<br \/>\nDamit wir uns nicht falsch verstehen: Es liegen Welten zwischen uns und den Folterknechten, Kindessch\u00e4ndern, gnadenlosen Kredithaien, gewissenlosen Betr\u00fcgern und bedenkenlosen L\u00fcstlingen. Hier alles in einen Topf zu werfen, w\u00e4re unverantwortlich.<\/p>\n<p>Und doch gibt es etwas, was uns mit ihnen verbindet und uns vor Gott mit ihnen auf eine Stufe stellt: n\u00e4mlich ein Leben, das ziemlich weit entfernt ist von dem, der nicht nur hier und da eine freundliche oder gar fromme Erw\u00e4hnung von uns erwartet, sondern der uns mit Herz und Kopf und Hand und Fu\u00df &#8211; ganz und gar &#8211; als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben will. Wer sich so Gott zur Verf\u00fcgung stellt, der \u00fcberl\u00e4sst ihm das Richten \u00fcber andere Menschen, und der schl\u00e4gt bei der Bu\u00dfe wie es vom verlorenen Sohn hei\u00dft &#8211; &#8222;in sich&#8220;, statt mit seinen Urteilen um sich.<br \/>\nIn der Tat und Gott sei Dank gibt es ja diese Menschen, die durchdrungen sind von der N\u00e4he Gottes, gepr\u00e4gt von seinem Willen, ohne anderen dabei die Luft zu nehmen, sondern im Gegenteil: Raum geben sie und strahlen eine G\u00fcte aus, die aufatmen l\u00e4sst.<br \/>\nNur: mein Leben ist weit weg davon. Was tue ich denn schon, die Verh\u00e4ltnisse, die ich gerne so lauthals beklage, an meinem Platz, mit meinen M\u00f6glichkeiten zu \u00e4ndern? Wenn ich darauf achte, was in meinem t\u00e4glichen Leben f\u00fcr mich wichtig ist, wonach ich mich richte. wovon ich mich leiten lasse: da spielt der Wille Gottes nur sehr indirekt eine Rolle. Und wenn der Gedanke auf ihn kommt, was bei einem Pastor ja unvermeidlich ist, dann vor allem in der Weise der Illusion, als sei zwischen ihm und mir im wesentlichen alles in Ordnung. Diese Art von Ordnung, da muss ich Paulus recht geben, beleidigt Gott. Er wird sie sich nicht gefallen lassen. Und was das am Ende f\u00fcr mich bedeutet &#8211; ich wage es mir nicht auszumalen.<\/p>\n<p>Doch merkw\u00fcrdig, mitten in dem Text \u00fcber den zornigen Gott auf dem Weg zum Gericht, erklingen ganz andere T\u00f6ne: &#8222;Verachtest du den Reichtum, seiner G\u00fcte, Geduld und Langmut? Wei\u00dft du nicht, da\u00df Gottes G\u00fcte dich zur Umkehr treibt?&#8220; Denn da ist etwas Unglaubliches geschehen: Auf dem Weg zum Gericht ist der Richter umgekehrt, weil er nicht auf die Angst des Angeklagten aus ist. Sein und ihr Herz m\u00f6chte er haben, das sich anstecken l\u00e4sst von seiner G\u00fcte. Das Wort Bu\u00dfe w\u00e4re etwas Schreckliches, weil Aussichtsloses, wenn nicht er, der es uns zuruft, die Arme aufhielte und sagte: Und jetzt kommt, und lasst euch auf die F\u00fc\u00dfe stellen. Kommt, und lasst euch helfen, dass ihr heraus kommt aus dem leichtfertigen Schlechtreden, der gnadenlosen Gesch\u00e4ftigkeit, der ungl\u00e4ubigen Skepsis, dem routinem\u00e4\u00dfigen Umgang ,it der Not anderer, der Schwerh\u00f6rigkeit gegen\u00fcber eurem Gewissen. Lasst euch helfen, dass ihr da heraus kommt und ihr die Zeit nutzt zur G\u00fcte! Dazu habe ich euch das Leben gegeben. Dass es gut wird mit euch und meiner Welt im ganzen, das ist das Recht, auf das ich aus bin. Und auf diesen Weg m\u00f6chte ich euch mitnehmen. Amen.<\/p>\n<div><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\"><strong>Superintendent Rudolf Rengstorf<\/strong><\/span><\/div>\n<div><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">Wilhadikirchhof 11<\/span><\/strong><\/div>\n<div><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\">21682 Stade<\/span><\/strong><\/div>\n<div><strong><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\"><a title=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\" href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\">Rudolf.Rengstorf@evlka.de<\/a><\/span><\/strong><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! Die Rede von Gottes Zorn ist in der Kirche so gut wie verstummt. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass sie so oft missbraucht wurde. Missbraucht wurde dazu, die Kleinen dem Willen der Gro\u00dfen gef\u00fcgig zu machen. 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