{"id":10164,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10164"},"modified":"2022-10-24T09:45:12","modified_gmt":"2022-10-24T07:45:12","slug":"predigt-zu-luthers-1-invokavit-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-1-invokavit-predigt\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 1. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Vorbemerkungen:<br \/>\n1. Ich habe um der Verst\u00e4ndlichkeit willen, die bei einer Predigt immer<br \/>\nzu beherzigen ist, den Text der von Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling besorgten<br \/>\nAusgabe &#8222;Martin Luther, Ausgew\u00e4hlte Schriften&#8220;, Bd.I, S.271ff.,<br \/>\nInsel-Verlag, Frankfurt 1983, zugrunde gelegt.<br \/>\n2. Leitmotiv soll laut Vorgabe das Thema &#8222;Freiheit&#8220; sein. Neben den<br \/>\nInvokavit-Predigten habe ich deshalb auch Luthers Schrift aus dem Jahr 1520 &#8222;Von<br \/>\nder Freiheit eines Christenmenschen&#8220; herangezogen, in welcher das Thema<br \/>\ndurch reflektiert wird und pr\u00e4zise formuliert ist.<br \/>\n3. Da jede Predigt gegenwartsbezogen sein soll, ziehe ich die von Luther gelegte<br \/>\nSpur bis in unsere Tage aus. Um einen Eindruck von den historischen Ereignissen<br \/>\nam Beginn des Jahres 1522 in Wittenberg zu vermitteln, schildere ich am Anfang<br \/>\nin wenigen Strichen die damalige Situation.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nam Beginn des Jahres 1522 brachen dramatische Ereignisse auf die Kirche der<br \/>\nReformation herein. Martin Luther war nach wie vor auf der Wartburg, versteckt<br \/>\nals Junker J\u00f6rg. Viele meinten, er sei l\u00e4ngst tot. In Wittenberg hatten andere<br \/>\ndie Reformation in die Hand genommen, &#8222;Schwarmgeister&#8220;, wie Luther<br \/>\nsie nannte, vorneweg Karlstadt, im Gefolge Zwilling und weitere auf Erneuerung<br \/>\nbedachte Akteure. Die r\u00f6mische Messe wurde abgeschafft, nun das mochte hingehen.<br \/>\nDas Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt gereicht, in Brot und Wein, auch das<br \/>\nwar konsequent. Doch die Gl\u00e4ubigen wurden gezwungen, die Hostie in die Hand<br \/>\nzu nehmen, was bis dahin als Tods\u00fcnde galt und was viele deshalb nur mit<br \/>\nZittern und Zagen taten. Heiligenbilder wurden gest\u00fcrmt und zerst\u00f6rt.<br \/>\nDas war Vandalismus. Luther hielt es nicht l\u00e4nger auf seiner Burg. Sein &#8222;Ausbrechen<br \/>\naus dem Gef\u00e4ngnis auf der Wartburg..ist..die mutigste Tat seiner Laufbahn,<br \/>\ntollk\u00fchn, nahezu wahnwitzig&#8220;, so sein Biograph Richard Friedenthal.<br \/>\nEr &#8222;w\u00fcnschte keine Gewaltanwendung. Die Gewalt seiner Worte gen\u00fcgte.<br \/>\nEine Woche lang sprach er von der Kanzel, und die Stadt wurde ruhig.&#8220; Wann<br \/>\nhaben Predigten je eine solche Wirkung gehabt?<\/p>\n<p>1.<br \/>\nDie erste Predigt, am Sonntag Invokavit, dem 9. M\u00e4rz 1522 gehalten, beginnt<br \/>\nmit dem Satz: &#8222;Wir sind allesamt zu dem Tod gefordert, und keiner wird<br \/>\nf\u00fcr den anderen sterben, sondern jeder in eigener Person f\u00fcr sich<br \/>\nmit dem Tod k\u00e4mpfen.&#8220; Dies ist kein theoretischer Satz, einfach dahin<br \/>\ngesagt. Luther wei\u00df sehr wohl, da\u00df er vogelfrei ist, jedermann<br \/>\nkann ihn erschlagen, ohne daf\u00fcr bestraft zu werden. Er h\u00e4lt sich<br \/>\nf\u00fcr extrem gef\u00e4hrdet, und er schl\u00e4gt dies gleichzeitig in den<br \/>\nWind. Er habe sich dem Kurf\u00fcrsten zuliebe ein Jahr lang auf der Wartburg<br \/>\nverstecken lassen. Jetzt sei es genug, er brauche keinen Schutz mehr. &#8222;Ich<br \/>\nkomme gen Wittenberg in gar viel einem h\u00f6heren Schutz denn des Kurf\u00fcrsten.&#8220; Er<br \/>\nmeint sogar, er wolle Friedrich &#8222;mehr sch\u00fctzen, denn Ihr mich sch\u00fctzen<br \/>\nk\u00f6nnt&#8220;. Er f\u00fchlt sich unter der Obhut Gottes sicher und zugleich<br \/>\nfrei. Er versteht sich als jemanden, den Gott nun wieder als sein Werkzeug<br \/>\ngebrauchen will.<\/p>\n<p>Was in Wittenberg geschehen ist, stellt eine Schmach f\u00fcr das Evangelium<br \/>\ndar: &#8222;Denn es ist so gehandelt, da\u00df wir&#8217;s weder vor Gott noch<br \/>\nvor der Welt verantworten k\u00f6nnen&#8220;, so der von der Kanzel donnerde<br \/>\nLuther. Es darf keinen R\u00fcckfall in fr\u00fchere religi\u00f6se Zw\u00e4nge<br \/>\ngeben. Die Freiheit des Glaubens und des Gewissens ist vor allem anderen<br \/>\nhoch zu halten. Den Tod f\u00fcrchtet er nicht, wohl aber die Frage,<br \/>\nob er vor Gott bestehen kann. Dies zumal mit der von ihm ingang gesetzten<br \/>\nReformation der Kirche, die nun andere in Zwang und Gewalt verkehrt haben.<br \/>\nJeder mu\u00df &#8222;die Hauptst\u00fccke, die einen Christen angehen, genau<br \/>\nwissen und ger\u00fcstet sein.&#8220; Da\u00df wir n\u00e4mlich &#8222;Kinder<br \/>\ndes Zorns&#8220; sind und da\u00df wir, weil Gott seinen Sohn gesandt hat, &#8222;von<br \/>\nS\u00fcnde frei&#8220; sind und &#8222;Kinder Gottes&#8220;: &#8222;In diesen zwei<br \/>\nSt\u00fccken sp\u00fcre ich noch keinen Fehler oder Mangel, sondern sie sind<br \/>\neuch auf reinste gepredigt..Ja, ich sehe gut und darf es sagen, da\u00df ihr<br \/>\ngelehrter seid, als ich es bin&#8220;. Ob der Doktor Martinus hier nicht \u00fcbertreibt?<br \/>\nEr zieht alle Register, ja er m\u00f6chte die lieben Wittenberger wieder auf<br \/>\nseine Seite bringen. Zugleich sp\u00fcrt man seine Freude und seinen Stolz,<br \/>\nda\u00df das &#8222;liebe Evangelium&#8220; so schnell durch die deutschen Lande<br \/>\ngelaufen ist, da\u00df es viele Menschen gepackt und in seiner Stadt erst<br \/>\nrecht Fu\u00df gefa\u00dft hat, wenn auch kurzzeitig ins Gegenteil verkehrt<\/p>\n<p>2.<br \/>\nMit der ersten Predigt spricht er sofort das Thema &#8222;Freiheit&#8220; an.<br \/>\nEr nimmt auf, was er bereits zwei Jahre zuvor in einer eigenen Schrift mit<br \/>\ndem Titel &#8222;Von der Freiheit eines Christenmenschen&#8220; entfaltet hat.<br \/>\nIn ihr setzt er eine These gleich vorneweg, um Klarheit zu schaffen und seine<br \/>\nBotschaft zuzuspitzen: &#8222;Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge<br \/>\nund niemand untertan.&#8220; Es folgt alsbald die zweite These, wie Kundige<br \/>\nwissen, doch sie sei einen Augenblick zur\u00fcckgestellt. Der Christ &#8211; ein<br \/>\nfreier Mensch. In Sachen des Glaubens und des Gewissens niemandem untertan,<br \/>\nnicht Kurf\u00fcrst, nicht Kaiser, nicht Papst, nicht Kirche, nicht irgendeiner<br \/>\nanderen Autorit\u00e4t &#8211; wie er es selbst auf dem Reichstag zu Worms 1521 demonstriert<br \/>\nhat. Das klingt wie Freiherr und Freifrau, es klingt nach Adel, und in der<br \/>\nTat ist jeder Christenmensch geadelt. Obwohl er aus krummem Holz geschnitzt<br \/>\nist, geht er den Gang des Aufrechten, aufgerichtet von Gott. Der Ruf der Freiheit<br \/>\nist fortan mit der Reformation verbunden.<\/p>\n<p>Wie steht es heute damit? Der hohe Ton der Freiheit ist ungebrochen.<br \/>\nIn Umfragen kann man sich best\u00e4tigen lassen: Auf Platz eins aller<br \/>\nWertsch\u00e4tzungen rangiert der Wunsch nach pers\u00f6nlicher Freiheit.<br \/>\nWir brauchen nicht einmal eine Befragung, wir wissen es von uns selbst:<br \/>\nKeiner und keine l\u00e4\u00dft sich heute mehr etwas vormachen oder<br \/>\nvorschreiben. Was ich denke oder glaube, bestimme ich. Hier steht eine<br \/>\nandere gro\u00dfe Gestalt, deren 200j\u00e4hrigen Todestag wir in diesem<br \/>\nJahr begehen, Pate: Immanuel Kant. Von ihm stammt die Definition: &#8222;Aufkl\u00e4rung<br \/>\nist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit.&#8220; Und<br \/>\ner f\u00fcgt gleich hinzu: &#8222;Habe Mut, dich deines Verstandes zu<br \/>\nbedienen!&#8220; M\u00fcndigkeit ist mithin das Erbe der Reformation und<br \/>\nder Aufkl\u00e4rung. Jeder und jede hat die M\u00f6glichkeit in Freiheit<br \/>\nzu glauben und als m\u00fcndiger Mensch zu denken. Sogar Kinder sind<br \/>\nl\u00e4ngst auf dem Weg der Autonomie. Die heutigen Menschen sind dabei<br \/>\nsie selbst zu werden, mit sich identisch. Doch ob sie dabei immer ihren<br \/>\nVerstand gebrauchen, ist zweifelhaft. Und ob sie dabei tats\u00e4chlich<br \/>\nfrei werden, ist fraglich.<\/p>\n<p>Fr\u00fch morgens jedenfalls will es noch nicht recht gelingen. &#8222;Ich mu\u00df erst<br \/>\nzu mir selbst kommen&#8220;, sagt schl\u00e4frig der heranwachsende Sohn. Er<br \/>\nbraucht daf\u00fcr den Morgen und auch noch den Abend, mitunter die ganze Woche,<br \/>\ndas Jahr, bei Lichte besehen das ganze Leben. Kommen wir irgendwann bei uns<br \/>\nselbst an? Das ist die entscheidende Frage. Wann bin ich bei mir selbst? Wann<br \/>\nbin ich bei Verstand? Oder bin ich nie bei Trost? Diesen Widerspruch kriegt<br \/>\nman so leicht nicht weg. Wenn sich alle um sich selbst drehen, wer sorgt dann<br \/>\nf\u00fcr die anderen?<\/p>\n<p>&#8222;Ich und mein Magnum&#8220; hie\u00df eine langj\u00e4hrige Eiscreme-Werbung.<br \/>\nDa schiebt sich jemand ein s\u00fcsses St\u00fcck Eiscreme in den rot<br \/>\ngef\u00e4rbten Mund, tut sich offensichtlich Gutes, und die anderen,<br \/>\ndie es sehen, m\u00f6chten es ihm nachtun. Die Reklame war sehr erfolgreich.<br \/>\nAm besten Magnum, was ins Deutsche \u00fcbersetzt bedeutet: &#8222;Das<br \/>\nGrosse&#8220;. Ja, ich bin mir selbst der Gr\u00f6\u00dfte. Die Eisverk\u00e4ufer<br \/>\nwissen es und f\u00fcttern dass Ich.<\/p>\n<p>Nur wie will ich es schaffen, mir selbst unendlich wichtig zu sein und<br \/>\ndoch kein Egoist zu werden? Die Antwort ist klar &#8211; es geht nicht. Hier<br \/>\nliegt die st\u00e4ndige Selbstt\u00e4uschung des Ich bei der Selbstverwirklichung.<br \/>\nIch tue mir nicht nur Gutes, ich werde auch von mir selbst geknechtet<br \/>\nund nicht zu knapp. Ich habe meine Launen und Macken. Mitunter merke<br \/>\nich es sogar und \u00e4rgere mich dar\u00fcber. Warum bist du wieder<br \/>\nin die Falle getappt? Dies bedeutet, mit Paulus gesprochen und danach<br \/>\nmit Luther: Ich mu\u00df zuallererst nicht zu mir, sondern von mir befreit<br \/>\nwerden. Von meiner Selbstbezogenheit. Von meiner Sorge um mich. &#8222;Zur<br \/>\nFreiheit hat uns Christus befreit&#8220;, schreibt Paulus im Galaterbrief<br \/>\n5,1. Und einige Kapitel vorher sch\u00e4rft er ein: &#8222;Ich lebe, doch<br \/>\nnun nicht ich, sondern Christus in mir&#8220; (2,20). Es ist gut, da\u00df er<br \/>\nin mir Gestalt gewinnt, da\u00df er mich durchflutet und erleuchtet.<br \/>\nDann geht mir ein Licht auf.<\/p>\n<p>Wir alle sind bed\u00fcrftig, der Nahrung, der frischen Luft, der Freundschaft,<br \/>\nder Liebe. Viele empfinden es freilich als Mangel auf andere angewiesen<br \/>\nzu sein. Sie m\u00f6chten sich alles erarbeiten oder besser noch kaufen<br \/>\nk\u00f6nnen. Das ist einfacher, macht aber auch einsamer. Vor allem aber:<br \/>\nDas Wichtigste im Leben kann man nicht erwerben. Gott kann man erst recht<br \/>\nnicht kaufen, nicht mit gutem Geld und auch nicht mit guten Taten.<\/p>\n<p>Anders herum gesagt und mit Kierkegaard gesprochen: &#8222;Gottes bed\u00fcrfen<br \/>\nist des Menschen h\u00f6chste Vollkommenheit.&#8220; Hier wird eine Wahrheit<br \/>\nauf den Punkt gebracht: Ich werde erst ein kompletter Mensch, wenn Gott<br \/>\nTeil meiner selbst wird, das bessere Teil. Wenn ich meine Macken, meine<br \/>\nUnausstehlichkeiten, meine Unvollkommenheit &#8211; oder auf den Punkt gebracht<br \/>\n&#8211; meine S\u00fcnde sehe und merke: &#8222;Nobody is perfect&#8220;, und<br \/>\nich erst recht nicht, ich kann ein Satansbraten sein, soda\u00df ich<br \/>\nnicht mehr wei\u00df, welcher Teufel in mich gefahren ist.<\/p>\n<p>Wenn ich dies alles zur Kenntnis nehme, dann bin ich bei mir selbst.<br \/>\nDies alles ist nicht nur ein Sch\u00f6nheitsfehler, gewisserma\u00dfen<br \/>\nein Kratzer im Lack. Es sitzt tiefer, eben da, wo ich selbst bin oder<br \/>\nsein m\u00f6chte oder mich suche. Oft genug bin ich gar nicht bei mir<br \/>\nselbst, sondern im Gegenteil au\u00dfer mir, vor \u00c4rger, vor Wut.<br \/>\nIch k\u00f6nnte mich in den Hintern bei\u00dfen, aber auch das geht<br \/>\nnicht. Wann endlich bin ich bei mir angekommen?<br \/>\nGottes bed\u00fcrfen ist des Menschen h\u00f6chste Vollkommenheit. Erst mit<br \/>\nGott wird ein Schuh daraus, aus dem ausgelatschten Menschen. Dies ist &#8211; salopp<br \/>\ngesagt &#8211; die reformatorische Erkenntnis. Wer Freiheit erreichen will, mu\u00df sehr<br \/>\ntief in sich ansetzen. Er oder sie mu\u00df frei werden von der ewigen Sorge<br \/>\num sich selbst, von der Pirouette um die eigene Person. Hierbei helfen auch<br \/>\ndie Guttaten nicht, mit Luther gesprochen: &#8222;Mein guten Werk die galten<br \/>\nnicht, es war mit ihnen verdorben&#8230;&#8220;. Sie m\u00f6gen gut gemeint sein,<br \/>\naber das ist bekanntlich das Gegenteil von gut. Befreiung geschieht dadurch,<br \/>\nda\u00df Gott f\u00fcr uns eintritt, da\u00df er sagt: &#8222;Ich bin dir<br \/>\ngut&#8220;, da\u00df er uns gerecht spricht.<\/p>\n<p>&#8222;Zur Freiheit hat euch Christus befreit! Darum steht nun fest und<br \/>\nla\u00dft euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!&#8220; &#8211;<br \/>\nso noch einmal der Anfang des 5. Kapitels aus dem Galaterbrief. Schlu\u00df mit<br \/>\ndem knechtischen Geist, her mit dem Geist der Befreiung. &#8218;Ein Christenmensch<br \/>\nist ein freier Herr, eine freie Frau aller Dinge und niemandem untertan.&#8216;<br \/>\nDies ist der erste, der grundlegende, der von Sorge um sich selbst befreiende<br \/>\nSatz.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nEs folgt notwendig der zweite, ebenfalls in der Freiheitsschrift stehend: &#8222;Ein<br \/>\nChristenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.&#8220; Das<br \/>\nklingt wie das genaue Gegenteil und ist doch die logische Folge. Aus der Befreiuung<br \/>\ndes einzelnen folgt die Zuwendung zum andern. Doch zwei Jahre sp\u00e4ter bei<br \/>\nden Vorg\u00e4ngen in Wittenberg scheint diese Einsicht nicht angekommen zu<br \/>\nsein. Luther findet in der 1. Invokavit-Predigt deutliche Worte. Wir &#8222;m\u00fcssen<br \/>\nauch die Liebe haben. Hierin, liebe Freunde, hat&#8217;s da nicht gefehlt? Ich sp\u00fcre<br \/>\nin keinem die Liebe und merke sehr gut, da\u00df ihr Gott nicht dankbar gewesen<br \/>\nseid f\u00fcr seinen reichen Schatz&#8230;Gott will nicht Zuh\u00f6rer oder Nachredner<br \/>\nhaben, sondern Nachfolger und Aus\u00fcbende, und das im Glauben durch die<br \/>\nLiebe.&#8220; &#8211; &#8222;Und macht mir nicht ein &#8218;mu\u00df sein&#8216; aus dem &#8218;frei<br \/>\nsein&#8216;, wie ihr getan habt, auf da\u00df ihr nicht f\u00fcr diejenigen, so<br \/>\nihr durch eure lieblose Freiheit verleitet habt, Rechenschaft mu\u00dft geben.&#8220;<\/p>\n<p>Solches Handeln bringt Menschen in Gewissensn\u00f6te. Vor dem Reichtstag<br \/>\nin Worms hat Luther in seiner Rede vorgetragen: &#8222;Die Gesetze des<br \/>\nPapstes und die Menschenlehren haben die Gewissen der Gl\u00e4ubigen<br \/>\nelend in Fesseln geschlagen, mi\u00dfhandelt und zu Tode gefoltert.&#8220; Die<br \/>\nGewissensfreiheit &#8211; sie ist f\u00fcr Luther das allerh\u00f6chste menschliche<br \/>\nGut. Sie darf man nicht belasten, nicht beschr\u00e4nken, nicht verspielen.<\/p>\n<p>Inzwischen gilt es in deutschen Landen als gut protestantisch, frei zu sein<br \/>\nvon Gott, vom N\u00e4chsten und von der Kirche. &#8222;Man kann gut Christ sein,<br \/>\nauch ohne in die Kirche zu gehen&#8220;, lautet ein viel gesprochener Satz,<br \/>\ngewisserma\u00dfen als Bekennntis des modernen Menschen, der sich von allem<br \/>\nbefreit hat. Es gilt nach wie vor: Keiner soll als Christ, d. h. als von Christus<br \/>\nBefreiter geknechtet werden &#8211; da sei Gott vor. Der feine Unterschied ist nur:<br \/>\nEin Christenmensch macht sich freiwillig zum Diener Gottes und zum hilfreichen<br \/>\nGeist des N\u00e4chsten. Paulus spricht von dem Glauben, der in der Liebe t\u00e4tig<br \/>\nist. Wer von seiner Befreiung durchdrungen ist, m\u00f6chte auch, da\u00df andere<br \/>\ndaran teilhaben.<\/p>\n<p>Am Ende seiner Freiheitsschrift hat Luther diesen Zusammenhang so ausgedr\u00fcckt:<br \/>\nAus dem allen ergibt sich, &#8222;da\u00df ein Christenmensch nicht in<br \/>\nsich selbst lebt, sondern in Christus und in dem N\u00e4chsten; in Christus<br \/>\ndurch den Glauben, im N\u00e4chsten durch die Liebe. Durch den Glauben<br \/>\nf\u00e4hrt er \u00fcber sich in Gott, aus Gott f\u00e4hrt er wieder unter<br \/>\nsich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in g\u00f6ttlicher<br \/>\nLiebe.&#8220;<\/p>\n<p>Da ist viel Bewegung in der gewonnenen Freiheit. Jemand, der nicht aus<br \/>\nseiner Haut kann, f\u00e4hrt aus derselben, zu Gott und zum N\u00e4chsten.<br \/>\nMan mu\u00df schon aus der Haut fahren, um sein altes Ich zu \u00fcberwinden<br \/>\nund das neue Ich zu erreichen.<br \/>\nDas ist, sagt der Reformator, &#8222;die rechte, geistliche, christliche Freiheit,<br \/>\ndie das Herz frei macht von allen S\u00fcnden, Gesetzen und Geboten, die alle<br \/>\nandere Freiheit \u00fcbertrifft wie der Himmel die Erde.&#8220;<br \/>\nDie alle andere Freiheit \u00fcbertrifft. Ein Juwel, das in unsere Herzen,<br \/>\nMund und H\u00e4nde gelegt ist, und sie zugleich himmelhoch \u00fcberragt.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Landessuperintendent i. R. Dr. Hinrich Bu\u00df<br \/>\nLudwig-Beck-Str.<br \/>\n4<br \/>\n37075 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel. 0551-5316683<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkungen: 1. 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