{"id":10169,"date":"2021-02-07T19:49:33","date_gmt":"2021-02-07T19:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10169"},"modified":"2022-10-22T12:17:44","modified_gmt":"2022-10-22T10:17:44","slug":"predigt-zu-luthers-2-invokavit-predigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-2-invokavit-predigt-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 2. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Vom Irrtum der Zwangsma\u00dfnahmen f\u00fcr die<br \/>\nFreiheit<\/strong><\/p>\n<p>Meine lieben Freunde!<\/p>\n<p>Mit der Freiheit ist es eine eigene und komplizierte Sache. Was nicht<br \/>\nneu und womit es seit den Tagen der Reformation auch nicht eben leichter<br \/>\ngeworden ist. Man kann die Freiheit nicht einfach her zeigen oder sie<br \/>\nim strengen Sinne beweisen. Man kann, wenn man einmal von ihr geschmeckt<br \/>\nhat, auch nicht mehr von ihr schweigen und muss zugleich damit leben,<br \/>\ndass sie sich nicht mit Zwangsma\u00dfnahmen herstellen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wir diskutieren heute dar\u00fcber, ob und wann und wo muslimische Frauen<br \/>\nKopft\u00fccher sollen tragen d\u00fcrfen oder ob und wann und wo gerade<br \/>\nnicht. In dieser Debatte sind sie wieder alle versammelt, die gro\u00dfen<br \/>\nFragen; was die Freiheit sei, was man um ihretwillen zulassen und was<br \/>\nzu ihrem Schutz unterbinden soll.<\/p>\n<p>Zu der aktuellen Streitfrage eine Meinung zu haben, ist nicht schwer.<br \/>\nBei den Begr\u00fcndungen der beherzt bezogenen Positionen lauern jedoch<br \/>\ndie Probleme. Nat\u00fcrlich soll in Schulen keine religi\u00f6se Beeinflussung<br \/>\nstattfinden \u0096 schon gar nicht durch Leute, die Frauen vorschreiben wollen,<br \/>\nwie sie sich zu kleiden und bis zu welchem Grade sie sich zu verh\u00fcllen<br \/>\nhaben. Was aber, wenn eine Frau nun aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u0096 so<br \/>\nweit man sehen kann aber aus einigerma\u00dfen freien St\u00fccken \u0096 ein<br \/>\nKopftuch tragen m\u00f6chte? Was, wenn sie es \u0096 und halten wir es noch<br \/>\nso sehr f\u00fcr einen Irrtum \u0096 f\u00fcr ein Gebot Gottes h\u00e4lt,<br \/>\nsich mittels Kopftuch, Schleier oder Burka symbolisch oder tats\u00e4chlich,<br \/>\nganz oder teilweise zu verh\u00fcllen?<\/p>\n<p>Wie weit darf eine Gesellschaft, welche die Freiheit zu ihren Grundwerten<br \/>\nz\u00e4hlt, in die individuelle Entscheidung und die religi\u00f6se Symbolsprache<br \/>\nvon Menschen eingreifen? Und wie hilfreich wird es sein, dem Zwang zur<br \/>\nVerh\u00fcllung, der gestrengen Muslimen geboten erscheint, mit Regeln<br \/>\nzu begegnen, die nun \u0096 ihrerseits verbindlich \u0096 solche Verh\u00fcllung<br \/>\nverbieten? Die Freiheit ist schon ein eigenartiger Vogel. Sie kann ohne<br \/>\nSchutz nicht sein. Und irgendwelchen Fundamentalisten wollen wir sie<br \/>\nnicht ausliefern. Wo aber aus dem sch\u00fctzenden Zaun ein hemmendes<br \/>\nGatter wird, wird am Ende auch die Freiheit selber Schaden nehmen.<\/p>\n<p><strong><em>Wie sich die Bilder gleichen <\/em><\/strong><\/p>\n<p>In Wittenberg war einigen Vertretern der Reformation der Geduldsfaden<br \/>\ngerissen. Mit guten Gr\u00fcnden. Seit nunmehr bald f\u00fcnf Jahren<br \/>\nwar es \u00f6ffentlich: der christliche Glaube sollte wahrhaft geistige<br \/>\nund geistliche Religion sein. Die Gatter religi\u00f6ser Regulierung<br \/>\nihren Schrecken verloren. Gepredigt wurde in der Sprache der Leute. Die<br \/>\ndeutsche Bibel\u00fcbersetzung Martin Luthers war beinahe fertig. Der<br \/>\nGottesdienst sollte der pers\u00f6nlichen Erbauung und der Sch\u00e4rfung<br \/>\nder Gewissen dienen, anstatt S\u00fcndenangst zu verbreiten und kleinkr\u00e4merisches<br \/>\nAbstottern vermeintlicher Fegfeuerjahre zu behaupten. Jeder sollte beim<br \/>\nAbendmahl jeder Brot und Wein empfangen. Mit dem Gott, von dem da die<br \/>\nRede war, konnte man \u00fcber Mauern und geradewegs in die Freiheit<br \/>\nspringen.<\/p>\n<p>Das alles h\u00e4tte so sch\u00f6n sein k\u00f6nnen, wenn, ja wenn nicht<br \/>\nallenthalben das Alte noch sichtbar und lebendig gewesen w\u00e4re. Noch<br \/>\nimmer gab es so genannte Winkelmessen, die als frommes Werk verstanden<br \/>\nwurden und in denen der Priester gewisserma\u00dfen den Bestand der<br \/>\nWelt dadurch garantierte, dass er mit dem Vollzug des S\u00fchnopfers<br \/>\nden Zorn Gottes zu bes\u00e4nftigen suchte. All das hatte sich tief in<br \/>\nden Volksglauben eingewurzelt. Und der wurde durch die ungez\u00e4hlten<br \/>\nBilder von H\u00f6llenqual und Himmelreich gen\u00e4hrt, die weiter in<br \/>\nden Kirchen hingen. In den Tausenden von mehr oder weniger geschmackvollen<br \/>\nReliquien hatte der Aberglauben den Wurzelgrund, in den er sich krallte<br \/>\nund aus dem er \u0096 versch\u00e4mter zwar aber immer noch kr\u00e4ftig genug \u0096 neue<br \/>\nBl\u00fcten trieb.<\/p>\n<p>Es war an der Zeit, dem \u00dcbel an genau diese Wurzel zu gehen, Schluss<br \/>\nzu machen mit Winkelmessen und Bildermagie. Das geistliche Christentum<br \/>\nbrauchte Luft zum Atmen. Nichts anderes hatte die Leute bewegt, die Messen<br \/>\ngest\u00f6rt und Bilder zerschlagen und verbrannt hatten. Und genau diese<br \/>\nAusschreitungen nun hatten Martin Luther vorzeitig von der Wartburg zur\u00fcck<br \/>\nnach Wittenberg eilen lassen.<\/p>\n<p>Uns, die wir den Bildersturm vorwiegend von seiner kunstgeschichtlichen<br \/>\nBilanz her lesen \u0096 neben unglaublichen Kitsch und Schund wurden eben<br \/>\nauch unglaubliche Werte vernichtet \u0096, will das Eingreifen Luthers sozusagen<br \/>\nals das Mindeste erscheinen, was er zu tun hatte. Schlie\u00dflich hatte<br \/>\ner doch mehr als nur ein Scherflein dazu beigesteuert, die Gem\u00fcter<br \/>\nderart zu erhitzen. Nun, da die Rollkommandos der Reformation losgelassen<br \/>\nwaren, da war es gewisserma\u00dfen seine Pflicht, ihnen Einhalt zu<br \/>\ngebieten.<\/p>\n<p>Aber nur, weil Luther dem verderblichen Treiben mit seinen Invokavit-Predigten<br \/>\nEinhalt einen Schluss setzen wollte, m\u00fcssen wir den Bilderst\u00fcrmern<br \/>\nnicht jegliches Verst\u00e4ndnis versagen. F\u00fcr einen, der unter<br \/>\nder Macht der Bilder gelitten hat stellt sich die Sache freilich anders<br \/>\ndar als unter dem Blickwinkel der Kunstgeschichte. Ist die gerade abgestreifte<br \/>\nGewaltherrschaft nur noch nahe genug, vergegenw\u00e4rtigt sie sich noch<br \/>\nimmer in den Bildern und Gebr\u00e4uchen. So wird mindestens verst\u00e4ndlich,<br \/>\nwarum sich am Bild entl\u00e4dt, was sich an der Sache aufgestaut hatte.<br \/>\nMan denke nur an das Standbild Saddam Husseins vor einem Jahr in Bagdad.<br \/>\nEs w\u00e4re doch ein putziger Gedanke, vor seiner Demontage erst einmal<br \/>\nkunstgeschichtliche, handwerkliche und materialtechnische Expertisen<br \/>\neingeholt zu haben, um den Koloss dann in geregeltem Abtransport zu entfernen.<br \/>\nNein, der musste gleich weg, mittels Panzer und Abschleppseil. Und er<br \/>\nmusste nicht nur weg, sondern es musste sichtbar fallen und kaputt gemacht<br \/>\nwerden, so wie mit Symbolen der Macht nun einmal im Umsturz verfahren<br \/>\nwird. Nach keinem anderen Motto verfuhren die Rollkommandos der Reformation:<br \/>\nMacht kaputt, was euch kaputt macht.<\/p>\n<p>Und Luther? Der hatte die Schwierigkeit, diejenigen nur zu gut zu kennen,<br \/>\ndie in den Rollkommandos wirkten. Es waren seine Leute, und ihre Gr\u00fcnde<br \/>\nwaren seine Gr\u00fcnde. Nur eben, dass Luther den Kindergehalt des von<br \/>\nihnen ausgesch\u00fctteten Badewassers nicht tolerieren wollte. Worin<br \/>\ngenau ihr Fehler bestand, dem gilt es noch einmal mit Bedacht und mit<br \/>\nVerst\u00e4ndnis nachzusp\u00fcren. Und Luthers Predigten lohnen schon<br \/>\ndeshalb die Lekt\u00fcre, weil sie nicht einfach Gardinenpredigten an<br \/>\nungezogene Kinder sind, die, kaum dass man ihnen einmal den R\u00fccken<br \/>\nzuwendet, lauter Dummheiten machen.<\/p>\n<p>Martin Luther nennt seine H\u00f6rer \u0084meine lieben Freunde\u0093. Er kanzelt<br \/>\nnicht ab, nimmt aber auch nichts zur\u00fcck, zetert nicht dar\u00fcber,<br \/>\ndass er das alles doch so nicht gemeint habe. In seiner zweiten Predigt<br \/>\nam Montag nach Invokavit spricht er \u00fcber den Glauben an Gott und \u00fcber<br \/>\ndie Liebe zum N\u00e4chsten. Er spricht \u00fcber das, was mit Notwendigkeit<br \/>\nzum Glauben geh\u00f6rt, und dasjenige, was die Freiheit des Christenmenschen<br \/>\nsein soll, dar\u00fcber, was dieser Freiheit dient und was ihr schadet.<br \/>\nUnd notwendig zum Glauben und zur Freiheit geh\u00f6rt nun einmal die<br \/>\nLiebe.<\/p>\n<p>Martin Luther zeigt sich in seinen Predigten als P\u00e4dagoge. Es geht<br \/>\nihm nicht in erster Linie darum, Recht zu haben, sondern seine H\u00f6rerinnen<br \/>\nund H\u00f6rer verstehen zu lassen, worauf es ankommt; n\u00e4mlich darauf,<br \/>\ndas Erlebnis der von Gott geschenkten Freiheit nicht in Verruf zu bringen,<br \/>\nsondern sie in Nachsicht und Liebe zum N\u00e4chsten sich bew\u00e4hren<br \/>\nzu lassen. Wer selbst das Gatter religi\u00f6ser Regulierung \u00fcbersprungen<br \/>\nhat, soll acht geben, die neue Freiheit nicht zu missbrauchen. Wer sie<br \/>\ngebraucht, um denjenigen, die noch nicht mit gesprungen sind, die N\u00e4chstenliebe<br \/>\naufzuk\u00fcndigen, der ist auf dem besten Wege, aus den gerade zerfallenen<br \/>\nGattern einen neuen Pferch zu zimmern.<\/p>\n<p>Es m\u00f6gen die Winkelmessen noch so falsch sein. Mindestens genau<br \/>\nso falsch ist es, Priester und Gl\u00e4ubige an den Haaren daraus weg<br \/>\nzu schleppen, ihnen die Bilder zu verbieten und zu zertr\u00fcmmern,<br \/>\ndie sie \u0096 und sei es aus Kleinmut, Irrtum und Unglauben \u0096 doch f\u00fcr<br \/>\nheilig halten.<\/p>\n<p>Was daran falsch ist, beginnt Luther schon mit seiner Anrede zu zeigen: \u0084Meine<br \/>\nlieben Freunde!\u0093 Freunde sind wir geworden, bedeutet Luther mit dem Ton<br \/>\nseiner Rede, weil wir es so gerade nicht angefangen haben. Beinahe jeder<br \/>\nvon uns hat bis vor nicht allzu langer Zeit selber Messen gefeiert. Haben<br \/>\nwir einander denn unter Androhung von Gewalt da heraus geschleppt? Doch<br \/>\nwohl nicht. Sondern allein der Kraft des Wortes haben wir vertraut. Und<br \/>\nsie hat uns weit gebracht. Sie hat Papst und Kaiser wanken lassen. Sie<br \/>\nhat uns zu Kindern des Lichts und zu Freunden gemacht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte es in den Debatten auch manch lautes Wort gegeben.<br \/>\nGerade der gute Doctor Martinus war nicht eben f\u00fcr seine Leisetreterei<br \/>\nber\u00fchmt. Aber das Wort hatte doch Manches geleistet. Es hatte offen<br \/>\nund im Stillen bei jedem einzelnen gewirkt. Es hatte einem jeden seinen<br \/>\neigenen Rhythmus und hatte ihm auch im Streit seine W\u00fcrde gelassen.<br \/>\nUnd es hatte sie doch wohl tiefer ber\u00fchrt als jede \u00e4u\u00dfere<br \/>\nGewalt es je vermag: tief im Grund des eigenen Herzens.<\/p>\n<p>Es gibt also keinen Grund, dieser Macht des Wortes das Vertrauen zu<br \/>\nentziehen. Auch nicht in Bezug auf diejenigen, die sich noch immer an<br \/>\ndie Bilder, Messen und Opfer halten. Es gibt, Freunde, gute Gr\u00fcnde<br \/>\ndaf\u00fcr, dass einem der Faden der Geduld einmal rei\u00dft. Aber<br \/>\nes gibt noch bessere Gr\u00fcnde, die Grenze zur \u00e4u\u00dferen Gewalt<br \/>\ndeswegen nicht zu \u00fcberschreiten, um nicht einzurei\u00dfen, worauf<br \/>\nes doch im Kern ankommt: auf die Liebe, an der wir einander erkennen<br \/>\nund mit der wir anderen begegnen. Sie ebenso Teil der Freiheit wie das<br \/>\noffene Wort, wie der Streit um den richtigen Weg und wie der Glaube an<br \/>\nden gn\u00e4digen Gott. Und sie allein vermag, was Zwang und \u00e4u\u00dfere<br \/>\nGewalt nie und nimmer erreichen: Menschenherzen zu gewinnen.<\/p>\n<p>Im Geist der Liebe lassen sich ein paar gute Gr\u00fcnde gegen Zwangsmittel<br \/>\nund f\u00fcr den Geist der Freiheit aufz\u00e4hlen: Erstens taktische:<br \/>\ndie Reformation ist aufs Ganze gesehen noch ein ziemlich zartes Pfl\u00e4nzchen.<br \/>\nManche z\u00f6gern noch, sich ihr anzuschlie\u00dfen, andere sind m\u00e4chtige<br \/>\nWidersachern. Erstere sollten nicht abgeschreckt werden, Letztere sollten<br \/>\nnicht Gelegenheit erhalten, der Reformation Schlechtes nachzusagen.<\/p>\n<p>Zweitens gibt es inhaltliche Gr\u00fcnde: Wer die Sache der Freiheit<br \/>\nbetreibt, wird eine nat\u00fcrlich Vorsicht in Bezug auf zwangsmittel<br \/>\nwalten lassen. Sie einzusetzen w\u00fcrde die Sache der Freiheit selbst<br \/>\nganz verdunkeln. Der Teufel w\u00fcrde sich fein die H\u00e4nde reiben,<br \/>\nk\u00f6nnte er sehen, wie schlecht da eine gute Sache vertreten wird.<br \/>\nEr, der selbst der F\u00fcrst der Unfreiheit ist, k\u00f6nnte sich bequem<br \/>\nzur\u00fcck lehnen und zusehen wie die Kinder des Lichts mit den Mitteln<br \/>\nder Finsternis k\u00e4mpften. Damit w\u00fcrden sie am Ende doch nur<br \/>\nsein Gesch\u00e4ft betreiben und ihm in die H\u00e4nde spielen.<\/p>\n<p>Und dar\u00fcber, dass sie ihm in die H\u00e4nde spielten, k\u00f6nne<br \/>\nnun einmal kein Zweifel sein. Wer die Ohnmacht der Winkelmessen, des<br \/>\nReliquienwesens, der Heiligenbilder und der religi\u00f6sen Verordnungen<br \/>\nerkannt habe, der sei doch gerade frei von ihren Zw\u00e4ngen. Wer aber<br \/>\nauf sie einschl\u00e4gt, befindet sich ganz offenkundig in einem erbitterten<br \/>\nMachtkampf mit ihnen. Wer aber den Machtkampf eingeht, der erkennt \u0096 und<br \/>\nwenn er es tausendmal vermeiden m\u00f6chte \u0096 doch eine Macht der Bilder<br \/>\nan. Wer sich aber vor der Macht der Bilder f\u00fcrchtet, der ist noch<br \/>\nnicht recht frei geworden.<\/p>\n<p><strong><em>Freiheit und Liebe <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Martin Luther bestreitet nicht, dass das Vorgehen der Rollkommandos<br \/>\norganisationsstrategische Erfolge zeitigen kann. Tats\u00e4chlich werden<br \/>\ndamit die Zeichen einer neuen Zeit aufgerichtet. Es fragt sich nur, was<br \/>\ndie unter diesen Bedingungen wert sind.<\/p>\n<p>So klingt bei Luther die Probe aufs Exempel: \u0084Wenn ich nun dreinfahre<br \/>\nund wollte es auf Gewalt anlegen, so gibt es viele, die darauf eingehen<br \/>\nm\u00fcssen und nicht wissen, wie sie damit dran sind, ob es Recht oder<br \/>\nUnrecht sei. Sie sprechen: Ich wei\u00df nicht, ob es Recht oder Unrecht<br \/>\nist, wei\u00df nicht, wie ich dran sei; ich habe der Allgemeinheit und<br \/>\nder Gewalt folgen m\u00fcssen.\u0093 Mit anderen Worten: Menschen werden aus<br \/>\nAngst und Bequemlichkeit, im \u00e4u\u00dfersten Fall aus schierem Selbsterhaltungstrieb,<br \/>\ntun, wozu sie gezwungen werden. Wer sie aber zwingt, hat der Freiheit<br \/>\neinen B\u00e4rendienst erwiesen. Mit wieder andern Worten: Mit unsrer<br \/>\nmacht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.<\/p>\n<p>Der Bildersturm und die St\u00f6rung der Messen werden denen, die die<br \/>\nBilder verehren, keinen Geschmack auf die Freiheit des Glaubens machen.<br \/>\nIhnen aber mit Liebe und nachsucht zu begegnen, gibt der eigent\u00fcmlichen<br \/>\nmacht des Wortes Raum. Die Z\u00f6gernden, die Sicherheit in Bildern<br \/>\nund Messopfern suchen, k\u00f6nnen so selbst einen Geschmack der Freiheit<br \/>\nbekommen. Was nicht hei\u00dft, ihnen nicht deutlich zu sagen, was man<br \/>\nvon Bildmagie und Messopfer h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Luther musste das Kunstst\u00fcck vollbringen, Stellung gegen den Bildersturm<br \/>\nzu beziehen ohne zur\u00fcck zu rudern, ohne den Seinen die Freundschaft<br \/>\naufzuk\u00fcndigen und ohne mit eigenen neuen Vorschriften seinerseits<br \/>\nSchatten auf die Sache der Freiheit zu werfen. Gemeinsam m\u00fcssen<br \/>\ndie Freunde nun das Kunstst\u00fcck vollbringen, keinen Zweifel daran<br \/>\naufkommen zu lassen, was sie von Bildermagie und Messopfer halten, zugleich<br \/>\naber denen, die davon bislang nicht lassen mit Geduld und Liebe zu begegnen.<br \/>\nAber es hatte ja auch niemand behauptet, dass die Freiheit eine leichte<br \/>\nSache sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der Predigt am Montag nach dem Invokavit-Sonntag versucht Martin<br \/>\nLuther das Kunstst\u00fcck, nicht selbst in die Falle der Satzungen,<br \/>\nRegeln und Besserwisserei zu tappen. Liebe und Geduld lassen sich ebenso<br \/>\nwenig verordnen wie die Freiheit. Es ist vielmehr der innere Zusammenhang<br \/>\nder Liebe und der Freiheit: Weil wir die Machtlosigkeit der Satzungen,<br \/>\nBilder und Messopfer erkannt haben, gerade deshalb k\u00f6nnen wir in<br \/>\naller Geduld und Vergn\u00fcgtheit warten, bis sie in sich selbst zusammenfallen.<br \/>\nMit den Mitteln unserer macht, mit Dreinschlagen ist da nichts getan.<\/p>\n<p><strong><em>Hilflose Freiheit? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mit der Freiheit ist es eine eigene und komplizierte Sache. Und es wollte<br \/>\nes so scheinen, als k\u00f6nnte man f\u00fcr sie so gar nichts tun, w\u00e4re<br \/>\ndas nun auch wieder nicht ganz richtig ist. Der Verzicht auf Zwang ist<br \/>\nzwar zun\u00e4chst nur ein Unterlassen. Aber eben eines, das sich mit<br \/>\nNotwendigkeit aus der Freiheit selbst ergibt. Aus der Einsicht n\u00e4mlich,<br \/>\ndass in der Freiheit eben \u0096 man m\u00f6chte es bedauern oder nicht \u0096 eben<br \/>\nauch Raum f\u00fcr den Irrtum sein muss. Wer aber aufh\u00f6rt, die letzten<br \/>\nDinge durch religi\u00f6se und andere Regeln absichern zu wollen, hat<br \/>\nmehr f\u00fcr die Freiheit getan, als Rollkommandos je ausrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allein das Unterlassen kann, wenn man den Furor der Bilderst\u00fcrmer<br \/>\nbedenkt, schon eine h\u00f6chst anstrengende T\u00e4tigkeit sein. Zumal<br \/>\nein weiteres, h\u00f6chst anspruchsvolles Element hinzu treten muss.<br \/>\nIn der Freiheit auch dem Irrtum Raum zu gew\u00e4hren hei\u00dft eben<br \/>\nnicht, den Irrtum gew\u00e4hren zu lassen. Es bleibt ja doch Irrtum,<br \/>\nGott durch Opfer zu bes\u00e4nftigen und das Leben durch fromme \u00dcbungen<br \/>\nsichern zu wollen.<\/p>\n<p>Es bleibt falsch, wenn M\u00e4nner und Frauen durch Bekleidungs- und<br \/>\nVerh\u00fcllungsregeln unterschieden werden. Es darf keineswegs dazu<br \/>\ngeschwiegen werden, wenn durch vermeintliche Gottesregeln ihr \u00f6ffentliches<br \/>\nAuftreten reglementiert wird, wenn M\u00e4dchen in ihrem Selbstbestimmungsrecht<br \/>\nbehindert werden.<\/p>\n<p>Neben den Irrt\u00fcmern, die im weitesten Sinne auch noch der Folklore,<br \/>\njedenfalls den sozialen Regeln einer Kultur, zugerechnet werden k\u00f6nnen,<br \/>\ngibt es auch solche, die nun \u00fcberhaupt nicht zu ertragen sind: wenn<br \/>\netwa jemand gar der Wert eines Menschenlebens nach seiner Volks- oder<br \/>\nReligionszugeh\u00f6rigkeit bemisst. Hier darf nicht geschwiegen und<br \/>\nhier muss in der Tat gehandelt werden. Wie hilfreich dabei Panzer und<br \/>\nRaketen sind \u0096 und k\u00e4men sie auch unter dem Titel \u0084enduring freedom\u0093 \u0096 mag<br \/>\njeder selbst ermessen.<\/p>\n<p><strong><em>Schluss <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Was also tun? Nachdenken, predigen, in die Debatte eingreifen und mit<br \/>\naller Leidenschaft f\u00fcr seine Sache eintreten. An die G\u00fcte Gottes<br \/>\nglauben und daran, dass Menschenherzen gewonnen werden k\u00f6nnen. Und<br \/>\ndas wahrscheinlich umso mehr, je weniger die Zug\u00e4nge dazu durch<br \/>\nneue Regeln verrammelt werden, die den alten doch wieder zum Verwechseln \u00e4hnlich<br \/>\nsind.<\/p>\n<p>Wir diskutieren heute dar\u00fcber, ob und wann und wo muslimische Frauen<br \/>\nKopft\u00fccher sollen tragen d\u00fcrfen oder ob und wann und wo gerade<br \/>\nnicht. In dieser Debatte sind sie wieder alle versammelt, die gro\u00dfen<br \/>\nFragen; was die Freiheit sei, was man um ihretwillen zulassen und was<br \/>\nzu ihrem Schutz unterbinden soll.<\/p>\n<p>Diese Fragen zu l\u00f6sen, das wird das Kunstst\u00fcck sein, das wir<br \/>\nvollbringen m\u00fcssen. Wir werden Position beziehen m\u00fcssen, und<br \/>\nes wird vermutlich nicht abgehen, ohne sich auf einen gewissen Regelrahmen<br \/>\nzu einigen. Entscheidend wird am Ende sein, ob unsere Regeln das leisten,<br \/>\nwas zu einem guten Zusammenleben n\u00f6tig ist, ob sie die individuellen<br \/>\nEntscheidungen von Menschen achten und die Freiheit der Vielen sch\u00fctzen.<br \/>\nGeduld und Liebe wird n\u00f6tig sein und Unterscheidungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Es tut niemandem etwas B\u00f6ses, wenn eine Muslimin ein Kopftuch tragen<br \/>\nm\u00f6chte, man mag ihren Glauben teilen oder nicht. Schwierig wird<br \/>\nes, wo ein \u00e4u\u00dferes Zeichen wie das Kopftuch f\u00fcr verbindlich<br \/>\ngehalten und erkl\u00e4rt werden soll. Noch schwieriger, wo der Wert<br \/>\neines Menschen nach seinem Geschlecht, seiner Volks- oder Religionszugeh\u00f6rigkeit<br \/>\nbemessen wird. Es wird viel Geduld und Liebe n\u00f6tig sein, die Kunstst\u00fccke<br \/>\nzu vollbringen, die von uns gefordert werden.<\/p>\n<p>Es wird am Ende nicht unser Ziel sein, uns mit der Reglementierung von<br \/>\nZeichen zu begn\u00fcgen. Diejenigen, die die Kopft\u00fccher und Schleier<br \/>\ntragen, und diejenigen, die sie verordnen, sollen doch nicht andere zwingen<br \/>\nd\u00fcrfen. Das ist klar. Die Freiheit derer, die sonst unter einen<br \/>\nZwang geraten, m\u00fcssen wir sch\u00fctzen. Ganz ohne Regeln wird das<br \/>\nnicht gehen. Aber zugleich sollen diejenigen, die den Schleier tragen<br \/>\noder verordnen wollen, doch Schwestern und Br\u00fcder sein und am Ende<br \/>\nFreunde werden k\u00f6nnen, die selbst die Freiheit schmecken. \u00dcbrigens:<br \/>\nwer einmal die Freiheit von den Bildern und Opfern und Menschensatzungen<br \/>\ngeschmeckt hat, wird daraus auch zur Unterscheidung der Zeichen bef\u00e4higt:<br \/>\nEs gibt religi\u00f6se Zeichen der Freiheit und solche der Unfreiheit.<\/p>\n<p>Zeichen der Freiheit sind die Liebe und die Geduld. Zeichen der Freiheit<br \/>\nist die Einsicht, dass M\u00e4chte und Gewalten nicht verm\u00f6gen,<br \/>\nwas doch das Wort der Freiheit kann: Menschenherzen wenden.<\/p>\n<p>Meine lieben Freunde! Wenig spricht daf\u00fcr, dass wir den Streit<br \/>\num Bilder, Kopft\u00fccher und die Freiheit schon recht bald werden beilegen<br \/>\nk\u00f6nnen. Wir werden uns gleicherma\u00dfen vor Blau\u00e4ugigkeit,<br \/>\nEiferertum, Kleinmut und Lieblosigkeit h\u00fcten m\u00fcssen; denn die<br \/>\nFreiheit ist eine empfindliche Sache, die ohne Schutz nicht sein kann.<br \/>\nWas wir zu ihrem Schutz verbieten, was um ihretwillen zulassen wollen,<br \/>\ndas will erst noch erstritten sein. Da wird noch manches Kunstst\u00fcck<br \/>\nvon uns verlangt. Es sage niemand, dass es mit Freiheit eine leichte<br \/>\nSache sei. Doch einen lohnenderen Grund kann niemand legen als den Grund<br \/>\nder Freiheit selbst. Der hat die Macht der \u00e4u\u00dferen Zeichen<br \/>\nund Bilder schon gebrochen und kann, was Menschen und M\u00e4chte nimmermehr<br \/>\nverm\u00f6gen: bis in die Herzen von Menschen reichen. Lasst uns Zeichen<br \/>\nder Freiheit setzen und damit Gott befohlen sein.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Ulrich Braun<br \/>\nPastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.braun@nikolausberg.de\">eMail: ulrich.braun@nikolausberg.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Irrtum der Zwangsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Freiheit Meine lieben Freunde! Mit der Freiheit ist es eine eigene und komplizierte Sache. Was nicht neu und womit es seit den Tagen der Reformation auch nicht eben leichter geworden ist. Man kann die Freiheit nicht einfach her zeigen oder sie im strengen Sinne beweisen. Man kann, wenn man [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,114,349,109,682],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10169","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-kasus","category-predigten","category-reminiszere"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10169"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14256,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10169\/revisions\/14256"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10169"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10169"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10169"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10169"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}