{"id":10170,"date":"2021-02-07T19:49:29","date_gmt":"2021-02-07T19:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10170"},"modified":"2022-10-27T13:00:48","modified_gmt":"2022-10-27T11:00:48","slug":"predigt-zu-luthers-3-invokavit-predigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-3-invokavit-predigt-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 3. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Freiheit und Gewissen <\/strong><\/p>\n<p>( <em>1. Die Frage lautet nicht, \u00e4ngstlich: Wie <\/em>verbinden <em> wir Freiheit und Ordnung, sondern, riskanter: Akzeptieren wir, dass <\/em>Freiheit <em> auf gewissen Handlungsfeldern die <\/em>Ordnung <em> Gottes f\u00fcr Christen ist? <\/em>)<\/p>\n<p>\u0084Was Gott frei gemacht hat, das soll frei bleiben. Verbietet dir&#8217;s aber jemand, wie es der Papst getan hat, der Antichrist, dem sollst du nicht folgen.\u0093 Es scheint, liebe Gemeinde, dass Martin Luther in seiner dritten Invokavitpredigt nun doch nicht umhin kann, den Wittenberger Bilderst\u00fcrmern im Grundsatz recht zu geben. \u0084Was Gott frei gemacht hat, das soll frei bleiben\u0093 \u0096 einem Verbot durch die kirchliche Obrigkeit muss ein Christ mit Ungehorsam begegnen. Der Antichrist ist da am Werk!<\/p>\n<p>Um Himmels willen, muss man gleich vom Antichrist reden? Muss man gleich den Aufstand proben? Sollte man um des lieben Friedens willen sich nicht besser der kirchlichen F\u00fchrung unterwerfen, die es doch gewiss gut mit ihren Sch\u00e4flein meint und auch nicht dumm ist? Au\u00dferdem handelt es sich bei den Dingen, die frei sind, ja erkl\u00e4rterma\u00dfen um weniger Wichtiges, nicht Entscheidendes \u0096 sonst geh\u00f6rten sie nicht in die Gruppe \u0084frei sein\u0093, sondern in die Gruppe \u0084m\u00fcssen sein\u0093, wie Luther das in der ersten Invokavitpredigt klar unterschieden hatte. Wie er auch in der dritten Invokavitpredigt wiederholt, dass es sich um solche Dinge handele, \u0084die nicht notwendig sind, sondern von Gott frei gelassen, die man halten kann oder nicht, wie ehelich werden oder nicht, ob M\u00f6nche und Nonnen aus den Kl\u00f6stern gehen sollen\u0093 oder nicht.<\/p>\n<p>\u0084Frei <em>gelassen <\/em>\u0093, das ist ein Wort, das man allerdings leicht missversteht, als sei das, was Gott uns frei l\u00e4sst, f\u00fcr Gott gleichg\u00fcltig. Nein, einen Gott, der sich desinteressiert abwendet, wenn er uns etwas \u00fcberlassen hat, der war Luther unvorstellbar. Anders als manche antike Heiden und viele moderne Menschen, die sich Gott sehr weit entfernt von den irdischen Angelegenheiten vorstellen, als passiven Zuschauer. Man kann&#8217;s verstehen, geht es doch hier auf Erden oft genug so b\u00f6se zu, dass man nicht glauben mag, der liebe Gott mische da aktiv mit, und alles Missratene lieber der menschlichen Freiheit zurechnet. Und geht es hier nicht eben darum, dass Gott zwar manches direkt will, uns n\u00e4mlich etwas gebietet oder verbietet, uns manches aber eben frei l\u00e4sst, uns \u00fcberl\u00e4sst?<\/p>\n<p>Ja, darum geht es Luther: Gott l\u00e4sst uns Menschen Entscheidungen wie die zwischen Ehe und Ehelosigkeit oder zwischen kl\u00f6sterlichem und weltlichem Leben frei, er \u00fcberl\u00e4sst das uns. Aber er ist, der es uns \u00fcberl\u00e4sst, <em>Gott <\/em> l\u00e4sst es uns frei. Schauen wir genau hin: Gott will diese Freiheit ebenso bestimmt wie die Handlungen, die er uns gebietet oder verbietet. Die von Gott f\u00fcr uns gewollte Freiheit ist keineswegs beliebig. Sie darf von Menschen nicht eingeschr\u00e4nkt oder aufgehoben werden. Verbieten Menschen etwas, was Gott frei gelassen hat, so ist das, wie Luther ausdr\u00fccklich sagt, \u0084Unrecht, denn es ist gegen Gottes Ordnung.\u0093 Gegen Gottes <em>Ordnung <\/em>! Das ist nun das Gegenteil von Beliebigkeit: Dass wir auf manchen Feldern unseres Handelns entscheidungsfrei sind, genau dies ist Gottes Wille und Gottes Anordnung! Deshalb ist die <em>Freiheit <\/em> eines Christenmenschen, so paradox es klingt, Gottes <em>Gebot <\/em>.<\/p>\n<p>In Wahrheit ist das \u00fcberhaupt nicht paradox. Denn Freiheit kommt nicht von nichts. Freiheit kann man sich manchmal nehmen, manchmal erwirbt man sie in harter Arbeit, manchmal wird sie einem geschenkt. Wenn Gott sie schenkt, dann kann sie einem niemand wegnehmen au\u00dfer mit Unrecht und Gewalt. \u0084Ich meine\u0093, sagt Luther, \u0084ihr solltet&#8217;s verstehn und kein Gebot aus der Freiheit machen.\u0093 Kein Gebot aus der Freiheit machen \u0096 das ist die durch Gottes Gebot eingerichtete Ordnung unter uns Menschen. \u0084Darum musst du eine Freiheit bleiben und nicht einen Zwang draus machen lassen &#8230; Gott hat verordnet, ich solle frei sein.\u0093<\/p>\n<p>( <em>2. Die gebotene Freiheit in eigenen Entscheidungen auszu\u00fcben, erfordert unvertretbar das <\/em>eigene Gewissen <em>, ein beratenes und starkes Gewissen. <\/em>)<\/p>\n<p>Alles okay, alles super? Leider nein, liebe Gemeinde, jetzt fangen die Probleme erst recht an. Mit dieser von Gott gebotenen Freiheit eines Christenmenschen ist n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht zu spa\u00dfen. Zwar kann uns diese Freiheit niemand wirklich rauben. Nicht einmal wir selbst, wir k\u00f6nnen uns allenfalls selbst betr\u00fcgen und den \u0084Narren\u0093 spielen, wie Luther das dann nennt. In Wahrheit sind auch wir selbst sind nicht frei, die von Gott verordnete Freiheit wieder zur\u00fcckgeben, um doch lieber ein Knecht ohne eigene Verantwortung zu bleiben. Wo Gott Entscheidungen uns \u00fcberl\u00e4sst, <em>m\u00fcssen <\/em> wir uns auch entscheiden, da gibt es keine Ausflucht. Und schon gar nicht kann uns eine menschliche Autorit\u00e4t aus unserer Freiheit wieder ins Untertanendasein zur\u00fcckholen. Niemand kann uns von unserem Freiheitsrisiko wieder entlasten und befreien.<\/p>\n<p>Luther macht da nicht viel Federlesens: Du musst dich selbst orientieren und st\u00e4rken f\u00fcr deine Entscheidung in den freien Dingen, und zwar du selbst f\u00fcr dich allein. \u0084Es ist nicht genug, wenn du sagen wolltest: Der und der hat es getan, ich bin dem gro\u00dfen Haufen gefolgt&#8230;\u0093 Was immer man tut, man muss es aufs eigene Gewissen nehmen.<\/p>\n<p>Da ist es nun, diese letzte Instanz, das <em>Gewissen <\/em>. Luther hat dieses deutsche Wort in Gebrauch gebracht und gepr\u00e4gt weit \u00fcber seinen lateinischen Vorl\u00e4ufer hinausgehend. Nicht nur in einmaligen Situationen des Bekenntnisses auf Tod und Leben ist es das Letzte, auf das wir uns berufen k\u00f6nnen, sondern auch auf dem t\u00e4glichen Weg mit Gott und im Umgang mit den N\u00e4chsten kommt alles hierauf an: Kannst du in deinem Gewissen verantworten, was du glaubst und tust? Ist dein Gewissen stark genug?<\/p>\n<p>Luther wird oft als der starke und unbeirrbare Gewissensheld dargestellt, dem nichts etwas anhaben konnte. Aber er war nicht so stiernackig, er wurde sein ganzes Leben lang bis zur Verzweiflung von schweren Anfechtungen gebeutelt. Und er hat auch von seinen H\u00f6rern am Dienstag nach Invokavit nicht verlangt, dass sie es besser k\u00f6nnen m\u00fcssten. Er verlangte nur, dass sie nicht mehr und nichts anderes tun, als was sie im eigenen Gewissen tragen und verantworten k\u00f6nnen. Denen, die da gerne das Kloster verlassen und geheiratet h\u00e4tten, weil der Luther es sagt oder weil alle es jetzt so machen, sagt er ganz k\u00fchl: Wer das tut, ohne das im eigenen Gewissen tragen zu k\u00f6nnen und gar ohne zu wissen, dass es sich um eine freie Entscheidung handelt, \u0084das ist b\u00f6se\u0093. Nein, mein Lieber, kannst du dein Gel\u00fcbde ohne gro\u00dfe Beschwerung weiter halten, so halte es doch! \u0084Wer es ohne Schaden tun kann und dem N\u00e4chsten zur Liebe eine Kappe oder Tonsur tr\u00e4gt als M\u00f6nch, zumal es dir an deinem Glauben nicht schadet, der tue es. Die Kappe erw\u00fcrgt dich nicht, obschon du sie tr\u00e4gst\u0093 \u0096 solange du nicht deinerseits ein allgemeines Gebot daraus machst. Und wer die Ehelosigkeit nicht bewahren kann, der sehe auf sein Gewissen. \u0084Ist sein Herz und Gewissen so gest\u00e4rkt, dass er bestehen kann mit gutem Gewissen, der nehme eine Frau und sie nehme einen Mann.\u0093<\/p>\n<p>Das ist ja klar genug. Klar genug ist aber auch, dass dieses letztinstanzliche Gewissen in keiner beneidenswerten Lage ist. \u0084Achte darauf\u0093, empfiehlt Luther denn auch, \u0084dass du ger\u00fcstet und geharnischt bist, damit du vor Gott und der Welt bestehen kannst, wenn du angefochten w\u00fcrdest, besonders im Sterben vom Teufel &#8230; Jedermann muss f\u00fcr sich stehen und ger\u00fcstet sein, mit dem Teufel zu streiten &#8230;\u0093 Und wie r\u00fcstet man sich da? \u0084Du musst dich gr\u00fcnden auf einen starken, klaren Spruch der Schrift, mit dem du bestehen kannst. Wenn du den nicht hast, dann ist es nicht m\u00f6glich, dass du bestehen kannst. Dann rei\u00dft dich der Teufel hinweg wie ein d\u00fcrres Blatt.\u0093<\/p>\n<p>( <em>3. Warum es keine biblizistische Entlastung des Gewissens vom Risiko der Freiheit gibt <\/em>.)<\/p>\n<p>Ein starker, klarer <em>Bibelspruch <\/em> ist es also, was unser Gewissen entscheidungsstark macht. Oh, wie angenehm, dann muss das Gewissen letztlich doch nicht das Risiko der eigenen, selbst verantworteten Entscheidung tragen!? Das w\u00fcrde uns so passen&#8230;<\/p>\n<p>Nein, auch Luther kann und will uns da nicht in eine freiwillige Knechtschaft unter Autorit\u00e4ten zur\u00fcckf\u00fchren, und sei es die Knechtschaft von Bibelspr\u00fcchen. Schauen wir uns den \u0084starken\u0093 Spruch der Bibel an, den er hier anf\u00fchrt. Es ist 1. Timotheus 4,1, wo der Apostel prophezeit, dass in den letzten Zeiten Teufelslehrer auftreten werden, \u0084die verbieten werden die Ehe und die Speisen, die Gott geschaffen hat\u0093. Nun, dieser Spruch begr\u00fcndet mitnichten die Entscheidung eines M\u00f6nches oder einer Nonne, die Ehelosigkeit zu halten oder aber zu heiraten; er begr\u00fcndet mitnichten, ob ich heute faste oder aber nicht. Er begr\u00fcndet, dass man sich einem allgemeinen Verbot der Ehe oder des Essen widersetzen darf und muss, weil Gott die Ehe oder Speisen geschaffen hat. Dieser Bibelspruch begr\u00fcndet, und das ist nicht wenig, die <em>Freiheit <\/em> eines Christenmenschen im Umgang mit den Sch\u00f6pfungsg\u00fctern.<\/p>\n<p>So, und jetzt sind wir genau an der Stelle wieder, wo wir schon einmal waren: Zum verantwortlichen Gebrauch der Freiheit eines Christenmenschen gibt es keine Alternative \u0096 wir k\u00f6nnen uns vor dem Gebrauch der uns von Gott gebotenen Freiheit, wir k\u00f6nnen uns vor unserer Gewissensentscheidung und ihrem Risiko der Irrtums nicht dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Denselben Befund ergeben auch die Bibelstellen, die Luther f\u00fcr ein anderes Beispiel der von Gott frei gelassen Dinge anf\u00fchrt, das er in seiner Predigt dann ausf\u00fchrlich behandelt. Es sind die gemalten, geschnitzten und gemei\u00dfelten <em>Bilder <\/em> von Christus, der Dreifaltigkeit und von den Heiligen, Maria vor allen, in und an den Kirchen; diese Bilder waren nun auch in Wittenberg den Bilderst\u00fcrmern zum Opfer gefallen. Die Bilderst\u00fcrmer beriefen sich auf den Zusatz zum Ersten Gebot, das die Verehrung anderer G\u00f6tter verbietet: Du sollst dir kein Bild oder Gleichnis machen, weder der Dinge im Himmel noch der auf Erden oder im Wasser &#8230; Bete sie nicht an und diene ihnen nicht (2.Mose 20,4f). Die Bilderst\u00fcrmer isolieren den ersten Teil des Gebots: kein Bild!; die Bilderfreunde sagen: kein Anbetung von Bildern! Luther neigt zur letzteren Auffassung: Die Erzv\u00e4ter h\u00e4tten doch Alt\u00e4re gebaut, auf der Bundeslade, wo ja Gott angebetet werden wollte, seien zwei \u0084V\u00f6gel\u0093 (Cherubim!) angebracht gewesen (2. Mose 37,7ff), und auch Moses habe ein Bild aufgerichtet, die eherne Schlange (4. Mose 21,9). Nur wenn sie angebetet w\u00fcrden, als sei Gott oder die Gotteskraft da drin, wurden sie zerst\u00f6rt, wie vom K\u00f6nig Hiskia (2. K\u00f6n. 18, 4).<\/p>\n<p>Das ist eine gut evangelische Begr\u00fcndung: Bilder ja, <em>Gnadenbilder <\/em> nein. Wie alle \u00e4u\u00dferlichen Dinge k\u00f6nnen sie \u0084dem Glauben keinen Schaden zuf\u00fcgen, nur das Herz darf nicht daran h\u00e4ngen, nicht darauf vertrauen.\u0093 Trotzdem sagt Luther, dass er Bilder nicht mag und dass es besser w\u00e4re, wenn wir sie gar nicht h\u00e4tten, denn Bilder sind an sich nichts und man tut Gott keinen Dienst damit, dass man sie aufrichtet. Au\u00dferdem entsteht an ihnen nur allzu leicht der Streit dar\u00fcber, ob sie entweder <em>nicht sein d\u00fcrfen <\/em> oder aber <em>sein m\u00fcssen <\/em>. Luther erinnert daf\u00fcr an den einstigen Bilderstreit zwischen dem Kaiser und dem Papst: \u0084beide haben geirrt\u0093. Obrigkeiten wollen klare Verh\u00e4ltnisse haben und definitiv regeln, was alle Sch\u00e4flein zu tun haben \u0096 wo k\u00e4men wir den hin, wenn jeder sein eigenes S\u00fcppchen kochen wollte?! Nun, was ist falsch an dieser Haltung? Sie macht \u0084aus der Freiheit ein \u0082M\u00fcssen&#8216; &#8230; Das kann Gott nicht leiden.\u0093 Originalton Luther.<\/p>\n<p>( <em>4. Warum das Gewissen mit gutem biblischem Grund seine Freiheit gebrauchen und entscheiden kann, was zu tun oder zu lassen gut ist <\/em>.)<\/p>\n<p>Luther selbst h\u00e4lt sich erstaunlich genau an das Verbot, aus der Freiheit ein Gebot zu machen. In dem F\u00fcr und Wider die Bilder verzichtet er auf ihre generelle Abschaffung, weil er nicht wei\u00df und nicht wissen kann, ob der Bilderfreund seine Bilder zugleich g\u00f6ttlich verehrt. So k\u00fchn will er nicht einmal den Papisten gegen\u00fcber sein, von denen er das durchaus annimmt. Aber: \u0084Sie werden entgegnen: Bist du der Mann, der uns beschuldigen darf, wir h\u00e4tten sie angebetet?\u0093 Luther wei\u00df: \u0084Wir k\u00f6nnen sie nicht dahin bringen, dass sie das zugeben m\u00fcssten.\u0093 Es bleibt auch hier dabei, dass nicht schon \u00e4u\u00dferlich, sondern letztinstanzlich im Gewissen entschieden wird, was geschieht und was es bedeutet. Luther macht aus der Freiheit kein Gebot \u0096 auch nicht in der Absicht \u0084sicher ist sicher\u0093. Die w\u00e4re hier falsch am Platz. Gott mag das nicht leiden.<\/p>\n<p>Eine biblizistische Beseitigung des Risikos der Freiheit eines Christenmenschen gibt es also nicht, die Frage: \u0084H\u00e4lt mein Gewissen stand?\u0093, k\u00f6nnen wir nicht loswerden an einen Bibelspruch. Die St\u00e4rke des guten Gewissens eines Christenmenschen ruht nun aber nicht auf seiner menschlichen Entscheidungs- und Entschlusskraft, ist nichts rein Subjektives. Im Gegenteil! Es gibt f\u00fcr Luther auch ein <em>objektives <\/em> Kriterium der richtigen Entscheidung des Gewissens, des guten Gebrauchs unserer Freiheit. Und das erst ist die wirklich <em>biblische <\/em> Begr\u00fcndung unserer Verhaltens, es ist die Grundlage jeder evangelischen Ethik. Wir kennen es alle, seit Luther es in seiner ber\u00fchmten Schrift \u0084Von der Freiheit eines Christenmenschen\u0093 1520 formuliert hat: \u0084Ein Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan\u0093. Frei \u0096 im unbedingten, durch nichts \u00c4u\u00dferliches zu bedingendes Gottvertrauen; dienstbar in der <em>Liebe <\/em> zum N\u00e4chsten, einer echten Liebe, die nicht mehr nach himmlischem Lohn zu schielen braucht.<\/p>\n<p>Auch in seinen Invokavitpredigten richtet Luther den Dienst der Liebe zum N\u00e4chsten als einziges, aber immer geltendes Ma\u00df des Gebrauchs unserer christlichen Freiheit im gewissenhaften Tun und Lassen auf. Er begr\u00fcndet es mit den Evangeliumsgeschichten: mit Jesu Gebrauch des Doppelgebots der Liebe, mit Jesu Verhalten am Sabbat und mit den Gleichnissen Jesu wie dem vom barmherzigen Samariter. Diese biblische Begr\u00fcndung der Freiheitsregel des christlichen Gewissens ist uns seit der Reformation Luthers so v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich, dass wir manche Aspekte davon leicht oder sogar gern \u00fcbersehen. Zwei solcher Kennzeichen christlichen Freiheitsgebrauches macht Luther gerade in der Invokavitpredigt stark, mit der wir heute ins Gespr\u00e4ch getreten sind.<\/p>\n<p>( <em>5. Was aus der Regel der christlichen Freiheit folgt: die Pluralit\u00e4t der gewissenhaften Entscheidungen; die Liebe bestimmt auch das Glaubenszeugnis <\/em>.)<\/p>\n<p>Das eine Kennzeichen christlichen Freiheitsgebrauchs ist deshalb wichtig, weil es uns zwar wohlvertraut ist, wir es aber gar nicht so gern sehen. Das ist die <em>Pluralit\u00e4t <\/em> der gewissenhaften Entscheidungen des Gewissens. Luther, der gerade dabei ist, das Kloster endg\u00fcltig zu verlassen, sagt gleichwohl, ich wiederhole es: Wer im Gewissen stark genug ist und \u0084dem N\u00e4chsten zuliebe eine Kappe oder Tonsur tr\u00e4gt als M\u00f6nch, &#8230; der tue es.\u0093 Kl\u00f6sterlich oder weltlich \u0096 beides ist m\u00f6glich. Ehelos oder verheiratet \u0096 beides ist m\u00f6glich, Fasten oder nicht \u0096 beides ist m\u00f6glich, Bilder oder keine Bilder \u0096 beides ist m\u00f6glich, beides ist eine M\u00f6glichkeit des christlich freien Gewissens.<\/p>\n<p>Luthers Konkretionen christlicher Freiheit m\u00f6gen uns nicht mehr aufregen. Aber verl\u00e4ngern wir diese Liste versuchsweise in unsere Zeit! Da merken wir schnell, das uns Einheitlichkeit und \u00dcbersichtlichkeit dann doch lieber ist als Vielfalt und Un\u00fcbersichtlichkeit! \u0084Sicher ist sicher\u0093, das ist auch in christlichen (Kern-)Gemeinden die gro\u00dfe Tendenz. Dabei ist christlich frommes Leben vielmehr dadurch ausgezeichnet, dass es bei allen Christen dasselbe ist im Christusglauben, aber schon recht verschieden in den Formen des Christuszeugnisses und vollends unterschiedlich im Reichtum der vielen m\u00f6glichen Lebensgestaltungen. Ein Christ \u00fcberzeugt ja dann am meisten, wenn er oder sie eine ganz und gar individuelle Person geworden ist und nicht wie der gro\u00dfe Haufe trottet, sondern ganz pers\u00f6nlich, eigenartig, ja eigen-sinnig den gemeinsamen, gewissenhaften Bezug auf Jesus Christus erkennen l\u00e4sst. Gott sei Dank, es gibt sie, solche eigene Gestalten christlicher Freiheit! Nehmen wir Pluralit\u00e4t nicht l\u00e4nger als notwendiges \u00dcbel hin; betrachten wir, \u00fcbrigens auch bei uns selbst, Individualit\u00e4t und Pluralit\u00e4t als wesentliches Kennzeichen der Freiheit von Christenmenschen \u0096 einer von Gott <em>gebotenen <\/em> Freiheit!<\/p>\n<p>Das andere Kennzeichen der christlichen Freiheitsregel, das Luther in seiner Invokavitpredigt herausstellt, ist wom\u00f6glich noch brisanter. Denn die Regel der Liebe ist f\u00fcr Luther so fundamental, dass sie nicht nur den Gebrauch dessen regeln soll, was frei gelassen ist, sondern auch den Umgang mit dem, was Gott direkt geboten oder verboten hat. Luther ist zum Beispiel \u00fcberzeugt, dass die Winkelmessen, in denen der Priester die Verdienste der Heiligen gegen Bezahlung an Tote vermittelt, widerchristlich sind und abgeschafft werden m\u00fcssen. Aber \u0084man soll keinen an den Haaren davon weg- oder dazu hinziehen. Denn ich kann keinen zum Himmel treiben oder mit Kn\u00fcppel hineinpr\u00fcgeln. Das ist deutlich genug. Ich meine, ihr habt es verstanden\u0093, sagt Luther in Erinnerung an seine vorige Predigt. Haben wir es verstanden?<\/p>\n<p>Auch bei der Bilderfrage sagt Luther, dass er niemand zum wahren Glauben zwingen, sondern nur predigen kann und Gott die Wirkung \u00fcberlassen muss und auch ruhig \u00fcberlassen darf. Wie Paulus in Athen mache er es auch: \u0084Gegen die Abg\u00f6tterei predigte er, aber er riss keinen mit Gewalt weg\u0093 (Apg. 17,22). Nicht nur in den Dingen, die frei sind, sondern auch \u0084in den Dingen, die da sein m\u00fcssen und notwendig sind, n\u00e4mlich an Christus glauben, handelt die Liebe dennoch so, dass sie nicht zwingt oder zu streng verf\u00e4hrt,\u0093 so hatte er schon in der vorigen Predigt mit Hinweis auf Paulus in Athen betont. Beides gilt: Eine \u0084lieblose Freiheit\u0093, der die Geschwister gleichg\u00fcltig sind und die im Gewissen Schwachen und \u00c4ngstlichen als \u00c4rgernis ansieht und nicht als Herausforderung der Liebe, diese lieblose Freiheit widerspricht der christlichen Freiheitsregel. Und auch ein liebloses Rechthaben und Durchdr\u00fccken des Gebotenen und Notwendigen widerspricht der Basis dieser Freiheitsregel, dem Evangelium. Denn das Evangelium wird ungen\u00f6tigt und willig angenommen \u0096 oder gar nicht. Selbst im Blick auf die glaubenswidrige Praxis der bisherigen Messe gilt: \u0084Macht kein Gesetz, dringt auch nicht auf eine allgemeine Ordnung &#8230; Derweil f\u00e4llt das Wort tief in die Herzen und wirkt&#8230;\u0093<\/p>\n<p><em>Non vi, sed verbo <\/em>, nicht mit Gewalt, sondern durchs Wort, das ist der wichtigste praktische Grundsatz der Reformation. Ist er in unseren Kirchen verwirklicht? Wo religi\u00f6se Autorit\u00e4t und politische Macht keineswegs v\u00f6llig entkoppelt sind &#8230; Am Ende unserer Invokavitpredigt sagt Luther wie am Tag zuvor, dass wir Christen wie die Apostel unbedingt das Recht zum Dienst der Verk\u00fcndigung haben, niemals aber das Recht, ihren Erfolg mit Mitteln der Macht zu erstreben. Verhalten wir uns wirklich so? Freiheit und Gewissen \u0096 das ist in der verfassten Kirche ein doppelt hei\u00dfes Eisen. \u0084Ich meine, ihr solltet&#8217;s verstehn und kein Gebot aus der Freiheit machen!\u0093 So der Reformator in apostolischer Sukzession. Amen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Walter Sparn, Erlangen<br \/>\n<a href=\"mailto:Walter.Sparn@t-online.de\">Walter.Sparn@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiheit und Gewissen ( 1. Die Frage lautet nicht, \u00e4ngstlich: Wie verbinden wir Freiheit und Ordnung, sondern, riskanter: Akzeptieren wir, dass Freiheit auf gewissen Handlungsfeldern die Ordnung Gottes f\u00fcr Christen ist? ) \u0084Was Gott frei gemacht hat, das soll frei bleiben. 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