{"id":10171,"date":"2021-02-07T19:49:43","date_gmt":"2021-02-07T19:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10171"},"modified":"2023-01-17T20:35:49","modified_gmt":"2023-01-17T19:35:49","slug":"predigt-zu-luthers-3-invokavit-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-3-invokavit-predigt\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 3. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Von Kleidern und Bildern <\/strong><\/p>\n<p>Die dritte Invokavitpedigt Luthers handelt von den Dingen, die weder verboten noch geboten sind, n\u00e4mlich dem M\u00f6nchtum und den &#8222;Bildern&#8220;.<\/p>\n<p>Folgt man den Ausf\u00fchrungen in dieser Predigt, so wollte Luther weder M\u00f6nchtum noch Bilder abschaffen, sondern beides sollte frei sein &#8211; Bilder und M\u00f6nchskutte sind erlaubt, man darf nur kein Gesetz und keinen Zwang daraus machen.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist \u00fcber diese Zwischenl\u00f6sung Luthers hinweggegangen, sie ist wohl auch unrealistisch: Ich kann mir kein Kloster vorstellen, das nicht auf irgendeinem &#8222;Zwang&#8220; einer Verpflichtung beruht, die unevangelisch ist, von evangelischen Klostern halte ich nicht viel. Und konkret hat Luther wohl nur dies sagen wollen: La\u00dft die alten Kl\u00f6ster bestehen, solange noch welche darin bleiben wollen, aber neue Kl\u00f6ster und neue Gel\u00fcbde sind unevangelisch, sie versto\u00dfen gegen Gottes Ordnung und machen das Evangelium zum Gesetz: &#8222;Wir k\u00f6nnen nichts geloben gegen Gottes Gebot!&#8220; Dasselbe gilt f\u00fcr heilige Gew\u00e4nder. Man kann schwerlich die Ausf\u00fchrungen Luthers f\u00fcr neue evangelische Kl\u00f6ster in Anspruch nehmen. Luther ist konservativ und radikal zugleich. Seine Botschaft: Keine Gewalt, predigt das Evangelium, dann h\u00f6ren M\u00f6ncherei und Abg\u00f6tterei von selbst auf.<\/p>\n<p>Schwieriger ist die Sache mit den Bildern &#8211; aber auch aktueller. Aber eigentlich geht es um dasselbe. &#8222;Die Kappe erw\u00fcrgt dich nicht&#8220;, sagt Luther von den M\u00f6nchsgew\u00e4ndern &#8211; das ist richtig, aber kann man das auch von Bildern sagen? Sind Bilder wirklich so harmlos wie M\u00f6nchskleider? Ja sind Kleider eigentlich so harmlos? F\u00fcr uns heute ist schwer nachvollziehbar, wie Luther noch Jahrelang in M\u00f6onchskleidern herumlaufen und dennoch den Papst eine Ausgeburt des Satans nennen konnte. Stehen M\u00f6nchskleider nicht gerade f\u00fcr falsche Gel\u00fcbde, die den Menschen versklaven. Man denke heute an die Uniformen in den Kriegen, sie sind ja Symbole, Treueid gegen\u00fcber dem F\u00fchrer, der Menschen unterdr\u00fcckt hat, ja zu Verbrechen veranla\u00dft hat. Uniformen sind nicht harmlos &#8211; sie sind Symbole f\u00fcr eine Verpflichtung, sie heiligen die Gewalt und einen angeblich gerechten Krieg. Kleider sind nicht nur &#8222;\u00e4u\u00dferliche&#8220; Dinge, und selbst Luther hat wohl nach seiner Hochzeit aufgeh\u00f6rt, in M\u00f6nchskleidung durch Wittenberg zu gehen. Von Uniformen geht Magie aus &#8211; deshalb nehmen wir das heute ernst &#8211; und man w\u00fcrde es wohl niemandem erlauben, heute noch in Naziuniformen herumzulaufen und sich damit herausreden, das sei nur ein \u00e4u\u00dferlich Ding und wolle die sch\u00f6nen Kleider nicht wegwerfen. Selbst die Soldaten, die nach dem Kriege mit Naziorden meinten herumlaufen zu m\u00fcssen, entfernten doch das Hakenkreuz!<\/p>\n<p>Kleider sind nicht gleichg\u00fcltig. Das gilt noch mehr von Bildern! Luther sagt: Die Bilder sind frei, man kann sie haben und nicht haben. Aber Bilder sind deshalb &#8211; ganz wie Uniformen &#8211; nicht gleichg\u00fcltig. Bilder k\u00f6nnen Zeichen der Unterdr\u00fcckung sein, Bilder k\u00f6nnen unterdr\u00fccken.<br \/>\nNun ist Luther gar nicht so positiv zu den Bildern, wie oft behauptet wird: Er sagt nur: Betet sie nicht an, dann verschwinden sie von selbst. Man kann Luther so verstehen: Nat\u00fcrlich ist M\u00f6ncherei gegen Gottes Gebot, M\u00f6nchsgel\u00fcbde eine Narrheit und gegen Gottes Ordnung, nat\u00fcrlich sind Bilder Abg\u00f6tter, die abgeschafft werden m\u00fcssen. Aber &#8211; und das ist das Entscheidende &#8211; nicht mit Gewalt! Macht es wie Paulus in Athen auf dem Areopag: La\u00dft die Alt\u00e4re stehen, gegen den G\u00f6tzendienst heute wie damals hilft nur die Predigt, denn Abg\u00f6tterei ist eine Herzenssache.<\/p>\n<p>Luther wu\u00dfte vielleicht selbst, da\u00df das so einfach nicht ist &#8211; deshalb manipulierte der die zehn Gebote und lie\u00df das zweite Gebot aus als angeblich j\u00fcdisch und zeitbedingt (als ob das nicht<br \/>\nf\u00fcr alle Gebote gelte).<\/p>\n<p>Und heute wissen wir, da\u00df Bilder unterdr\u00fccken k\u00f6nnen. Wir wissen auch, da\u00df Revolutionen nicht gelingen k\u00f6nnen ohne einen Bildersturm. Wir alle haben das Bild in Erinnerung, als Sadam Husseins monumentale Statue von den Amerikanern niedergerissen wurde. Wahrlich kein Kunstwerk, aber ein monumentaler Abgott. Eine wichtige symbolische Handlung, wie das St\u00fcrzen der Lenin- und Stalindenkm\u00e4ler bei den Revolutionen in Osteuropa.<br \/>\nIn Wittenberg stand bis vor kurzem dicht neben der Schlo\u00dfkirche ein Russendenkmal, ein Panzer, Zeichen der Unterdr\u00fcckung. Auch dieses Denkmal wurde entfernt. Man begn\u00fcgte sich nicht mit demokratischen Reden, die Symbole der Unterdr\u00fcckung m\u00fcssen entfernt werden. Ich kann das verstehen, auch wenn ich zuweilen gemeint habe, man m\u00fcsse aus historischen Gr\u00fcnden solche h\u00e4\u00dflichen Denkm\u00e4ler stehen lassen.<\/p>\n<p>Wo ist da eigentlich der Unterschied zu Karlstadt damals in Wittenberg, der die Heiligen\u00e4lt\u00e4re niederri\u00df? Der Heiligenkult, der Marienkult war f\u00fcr die Menschen damals wohl ebenso Symbol der Unterdr\u00fcckung wie heute ein Sadam Hussein Statue oder ein Stalin- oder Lenindenkmal. Und haben es die Menschen damals nicht ebenso als Befreiungstat empfunden, da\u00df nicht nur die Freiheit des Evangeliums verk\u00fcndigt wurde, sondern auch die Symbole der Unterdr\u00fcckung beseitigt wurden. Ist es nicht etwas naiv, zu verlagen, man solle die Sadam Hussein Statue nicht niederrei\u00dfen, sondern statt dessen sich davor stellen und eine Rede \u00fcber Demokratie halten. Wir wissen heute mehr als Luther: Die symbolische Tat, das Bild, wirkt st\u00e4rker als viele Reden!<\/p>\n<p>Und Luther selbst: Ist nicht das Verbrennen von B\u00fcchern eine mindestens genauso revolution\u00e4re Tat! Wieso darf man B\u00fccher verbrennen, soll aber G\u00f6tzenbilder stehen lassen?<\/p>\n<p>Ich denke, da\u00df nur derjenige die Predigt Luthers wirklich nachvollziehen kann, der auch die Bilderst\u00fcrmer und die Radikalit\u00e4t und den Zorn der Leute damals versteht. So wie ich heute die Menschen verstehe, die Stalindenkm\u00e4ler st\u00fcrzen, Stasigeb\u00e4ude st\u00fcrmen oder Sadamstatuen einrei\u00dfen. Ohne Aggressivit\u00e4t keine Revolution! Auch Luther kannte diese Aggressivit\u00e4t, wenn sie auch bei ihm mehr verbal in groben Attacken gegen den Papst ihren Ausdruck fand.<\/p>\n<p>Bilder k\u00f6nnen unterdr\u00fccken, k\u00f6nnen einen &#8222;erw\u00fcrgen&#8220; &#8211; das gilt im w\u00f6rtlichen Sinne f\u00fcr Symbole der Unterdr\u00fcckung, aber in noch viel h\u00f6herem Ma\u00dfe f\u00fcr die Bilder in uns.<br \/>\nWenn je einer davon etwas wu\u00dfte, dann Luther &#8211; wie das Bild vom gerechten Gott Luther fast in den Wahnsinn trieb, er spricht selbst davon da\u00df er diesen Gott ha\u00dfte. Es waren die falschen Gottesbilder, mit denen Luther k\u00e4mpfte. So wie es heute viele Menschen gibt, die mit einem falschen Gottesbild k\u00e4mpfen, ein Gottesbild, das ihnen den Weg zum Evangelium versperrt: Gott als der strafende, der immer hinter uns her ist, Gott als das permanente schlechte Gewissen.<\/p>\n<p>Wie befreit man sich von einem solchen falschen Gottesbild? Durch Polemik, Aggression? Es gibt einen Roman, der hei\u00dft &#8222;Gottesvergiftung&#8220;, der mit diesem falschen Gottesbild k\u00e4mpft. Ein literarischer Bildersturm gegen das falsche Gottesbild. Ich denke, man mu\u00df diese Aggression verstehen k\u00f6nnen, die Wut der radikalen Reformatoren um Karlstadt in Wittenberg, den Ha\u00df Luthers gegen den &#8222;gerechten Gott&#8220;, gegen das Papsttum. Die Wut gegen Unterdr\u00fcckung und Verlogenheit der M\u00e4chtigen. Damals wie heute.<\/p>\n<p>Aber, und so verstehe ich heute Luthers Predigt gegen den Bildersturm: Bildersturm mag notwendig sein, keine Revolution ohne Bilderstrum. Eine L\u00f6sung ist er nicht. Das Denkmal Sadam Husseins ist umgest\u00fcrzt &#8211; aber Demokratie ist dadurch noch nicht ausgebrochen, vielleicht eher Anarchie, Lenindenkm\u00e4ler sind umgest\u00fcrzt, aber deshalb ist die Freiheit noch nicht gekommen.<\/p>\n<p>Ich habe von einer Frau geh\u00f6rt, die nach einer sehr schmerzvollen Trennung von ihrem geliebten Mann das gemeinsame Ehebett in den Hof trug und eigenh\u00e4ndig mit der Axt zertr\u00fcmmerte. Ihr Kommentar: Das war notwendig, das tat wirklich gut, es ging mir danach besser. Man versteht diese Frau, das war eine Befreiungstat! Vielleicht hatte Karlstadt ein \u00e4hnliches Gef\u00fchl, als er die M\u00f6nche aus einem Kloster vertrieb oder einen Heiligenaltar niedegerissen hatte. Er sah hier nicht Kunstwerke wie wir heute, sondern Symbole der Unterdr\u00fcckung. Wer will ihm das eigentlich verdenken? Ein Befreiungsschlag ja. Aber keine L\u00f6sung des Problems. Da gebe ich Luther Recht!<\/p>\n<p>Bilder k\u00f6nnen unterdr\u00fccken, das hat Luther vielleicht untersch\u00e4tzt, wir wissen heute mehr \u00fcber die Macht von Bildern. Aber es gibt eine Unterdr\u00fcckung in uns, die tiefer liegt, und eine Befreiung, die mehr ist als die Zerst\u00f6rung von Symbolen der Unterdr\u00fcckung, darin hatte Luther Recht.<\/p>\n<p><strong>Rektor Professor Eberhard Harbsmeier<br \/>\nTheologisch P\u00e4dagogisches Zentrum<br \/>\nKirke All\u00e9 2<br \/>\nDK-6240 L\u00f8gumkloster<br \/>\nTlf.: ++ 45 &#8211; 74 74 32 13<br \/>\n<a href=\"mailto:ebh@km.dk\">e-mail: ebh@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Kleidern und Bildern Die dritte Invokavitpedigt Luthers handelt von den Dingen, die weder verboten noch geboten sind, n\u00e4mlich dem M\u00f6nchtum und den &#8222;Bildern&#8220;. 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