{"id":10172,"date":"2021-02-07T19:49:40","date_gmt":"2021-02-07T19:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10172"},"modified":"2022-10-05T15:46:11","modified_gmt":"2022-10-05T13:46:11","slug":"predigt-zu-luthers-4-invokavit-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-4-invokavit-predigt\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 4. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"center\"><strong>Die Freiheit hat Gott uns gegeben, das ist wahr.<br \/>\nJedoch m\u00fcssen wir wissen, unsere Freiheit zu gebrauchen.<br \/>\n<\/strong>(WA 10\/III, S. 36; Insel-Ausgabe, Bd I, S. 290)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>was ist Freiheit? Ist es der Handlungsspielraum, den einer f\u00fcr<br \/>\nsich in Anspruch nimmt? Oder ist es die Entschlossenheit des Mutwilligen?<br \/>\nOder ist es die L\u00e4ssigkeit des Lebensk\u00fcnstlers? Luther sagt:<br \/>\nFreiheit <em>haben <\/em>wir nur, indem wir sie richtig <em>gebrauchen. <\/em>Alle<br \/>\nBegriffsbestimmungen gehen ins Leere, solange unsere Praxis nicht stimmt.<br \/>\nUnd was er in Wittenberg erlebt hat in diesen ersten Wochen des Jahres<br \/>\n1522: Es ist ein falscher Gebrauch der Freiheit. Manches von dem, was<br \/>\nda geschah, hatte er selbst ja ausgel\u00f6st: etwa mit seiner Schrift \u00fcber<br \/>\ndie M\u00f6nchsgel\u00fcbde oder mit seinen \u00c4u\u00dferungen zum<br \/>\nVerbot der Priesterehe oder zur Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt<br \/>\noder \u00fcberhaupt zur Feier der Messe. Er selbst hatte ja alles daran<br \/>\ngesetzt, die bisherige kirchliche Ordnung au\u00dfer Kraft zu setzen.<br \/>\nWas gegen Gottes Gebot war in der Kirche und nicht in Gottes Wort gegr\u00fcndet,<br \/>\nmusste ein Ende haben, und darum konnte es eigentlich nicht \u00fcberraschen,<br \/>\ndass eines Tages der Sturm losbrach in der kleinen Universit\u00e4tsstadt<br \/>\nan der Elbe.<\/p>\n<p>Luther war zu dieser Zeit nicht dort. Noch befand er sich auf der Wartburg.<br \/>\nDa hatte ihn Friedrich der Weise, sein Landesherr, festsetzen lassen,<br \/>\nals er ein Jahr zuvor sich auf dem Heimweg befand vom Wormser Reichtag,<br \/>\nf\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt und jedermanns Zugriff ausgesetzt. Auf<br \/>\nder Wartburg war er sicher, aber er sah auch, wie die Dinge in Wittenberg<br \/>\ngeistlicher Vernunft und seinem pers\u00f6nlichen Einfluss entglitten.<br \/>\nHeimlich war er im Dezember 1521 f\u00fcr einige Tage dort gewesen und<br \/>\nhatte unmittelbar danach <em>Eine treue Vermahnung zu allen Christen,<br \/>\nsich zu h\u00fcten vor Aufruhr und Emp\u00f6rung <\/em> (Insel-Ausgabe,<br \/>\nBd IV, S. 19 ff.) ver\u00f6ffentlicht. Darin sagt er: \u0084Wenn<br \/>\ndu das Evangelium christlich handeln willst, musst du acht haben auf<br \/>\ndie Menschen, mit denen du redest.\u0093 Die einen, so f\u00fchrt er weiter<br \/>\naus, sind verstockt und wollen nicht h\u00f6ren; mit ihnen muss man sich<br \/>\nnicht abgeben. Andere haben das Evangelium zuvor noch gar nicht geh\u00f6rt,<br \/>\nm\u00f6chten es aber gern lernen, oder sind so schwach, dass sie es nicht<br \/>\nleicht begreifen; die darf man nicht \u0084\u00fcberpoltern\u0093 oder \u0084\u00fcberrumpeln\u0093,<br \/>\nsondern man muss sie freundlich und sanft unterweisen und, wo sie es<br \/>\nnicht gleich begreifen, Geduld mit ihnen haben.<\/p>\n<p>Das ist also Luthers Maxime: Die Schwachen zu gewinnen und mitzunehmen.<br \/>\nEs geht ja darum, Gemeinde zu bauen, nicht zu zerst\u00f6ren: Wir m\u00fcssen<br \/>\nwissen, unsere Freiheit zu gebrauchen, wenn wir Menschen f\u00fcr das<br \/>\nEvangelium gewinnen wollen. Sich stark und im Besitz der Wahrheit sich<br \/>\nzu f\u00fchlen, n\u00fctzt gar nichts, solange ich nicht die Herzen der<br \/>\nMenschen gewinne.<\/p>\n<p>Und das hei\u00dft: Auf die Schwachen zu warten, R\u00fccksicht zu<br \/>\nnehmen auf die, die noch an der alten Ordnung h\u00e4ngen, weil sie es<br \/>\nnicht anders gelernt haben; und das hei\u00dft auch, unsere Freiheit,<br \/>\nd. h. unsere Einsicht in das Evangelium nicht mutwillig und unserem N\u00e4chsten<br \/>\nzum \u00c4rgernis zu gebrauchen. Denn dann treiben wir den zur\u00fcck,<br \/>\nder sonst mit der Zeit zu unserem Glauben k\u00e4me. (Insel-Ausgabe,<br \/>\nBd I, S. 291)<\/p>\n<p>Damit sind wir mitten in der 4. Invokavitpredigt, die Luther am 12.<br \/>\nM\u00e4rz 1522 gehalten hat. Erneut war er nach Wittenberg zur\u00fcckgekehrt.<br \/>\nAuf eigenes Risiko. Der Landesherr, zutiefst beunruhigt und verunsichert<br \/>\ndurch die Entwicklung, setzte schlie\u00dflich doch noch einmal sein<br \/>\nganzes diplomatisches Geschick ein, um Luther nicht v\u00f6llig schutzlos<br \/>\nzu stellen. Doch der wusste, dass er letztlich ganz auf sich selbst gestellt<br \/>\nwar. Aber er konnte nicht ausweichen. Gegen den ungez\u00fcgelten Reformeifer<br \/>\nKarlstadts und seiner Leute musste er <em>als Prediger <\/em> klar machen:<br \/>\nDie Gemeinde empf\u00e4ngt ihre Ordnung allein aus dem H\u00f6ren auf<br \/>\ndas Evangelium. Nicht Umsturz und Aufruhr sind die Kennzeichen der Gemeinde<br \/>\nJesu Christi, sie ist nicht ein st\u00e4ndiges Revolutionskomitee. Die<br \/>\nGemeinde Jesu Christi ist Versammlung um Wort und Sakrament. Darum kommt<br \/>\nLuther <em>als Prediger <\/em> nach Wittenberg und er redet <em>in der<br \/>\nKirche <\/em> zu den Leuten und nicht auf dem Markt. Das ist nicht Zufall,<br \/>\nsondern das ist sein Konzept: Vom Wort Gottes lebt die Gemeinde und durch<br \/>\nGottes Wort wird sie gebaut und erhalten. Und wer es anders meint, redet<br \/>\nan der Sache vorbei.; er folgt seinen eigenen W\u00fcnschen und Illusionen.<\/p>\n<p>In der vierten Predigt geht Luther, wie schon in der dritten, auf die<br \/>\nBilder ein, also auf jenes Stichwort, das dieser ganzen Bewegung um Karlstadt<br \/>\ndie Bezeichnung \u0084Bilderst\u00fcrmerei\u0093 eingebracht hat, und in einem<br \/>\nzweiten Abschnitt auf die Speisegebote.<\/p>\n<p>Die Enthusiasten um Karlstadt argumentieren mit dem Buchstaben des g\u00f6ttlichen<br \/>\nGebots: Du sollst dir kein Bildnis machen. Und dementsprechend vernichten<br \/>\nsie alle Bilder, wo sie sie finden: in Kirchen und Kapellen, in Spit\u00e4lern<br \/>\nund an den Wegr\u00e4ndern. Luther sagt: Wer so mit Gottes Gebot umgeht,<br \/>\nhebt die Freiheit der Kinder Gottes, die das Evangelium ihnen schenkt,<br \/>\nauf und unterwirft die Leute nur einem neuen Gesetz. Das Evangelium schafft<br \/>\nFreiheit. Und man muss nach der <em>Intention <\/em> des biblischen Bilderverbots<br \/>\nfragen, wenn man es richtig anwenden will. Und die richtet sich nicht<br \/>\ngegen das Bild, das als solches weder gut noch schlecht ist, sondern<br \/>\nsie richtet sich gegen die Verg\u00f6tzung von Bildern, gegen ihre Anbetung.<br \/>\nSo wird der Anspruch Gottes, wie er im ersten Gebot formuliert wird,<br \/>\nverletzt: \u0084Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere G\u00f6tter<br \/>\nhaben neben mir.\u0093 Es geht um Gottes Anspruch, allein Gott zu sein. Und<br \/>\nes geht um die Gewissheit der Menschen, die allein auf Gott vertraut<br \/>\nund nicht auf irgendwelche Bilder, und seien sie noch so fromm und sch\u00f6n.<br \/>\nNicht sich Bildern zuzuwenden n\u00e4hrt den Glauben, sondern allein<br \/>\nGott zu vertrauen, macht den Christen aus.<\/p>\n<p>Darum bringt es auch gar nichts, die Bilder abzuh\u00e4ngen und zu zerst\u00f6ren,<br \/>\nsondern man muss sie gleichsam weg <em>predigen <\/em>, ihren Missbrauch<br \/>\nentlarven. Bilder sind da, wie Sonne und Mond; die kann man auch nicht<br \/>\nentfernen, weil einige sie anbeten. Nein, durch die Predigt des Evangeliums<br \/>\nmuss man die Herzen von der Anbetung wegziehen und sie auf Christus richten,<br \/>\nden Gekreuzigten. An seinem Bild macht Luther deutlich, worum es geht: \u0084Jedermann<br \/>\nwei\u00df doch, dass das Kruzifix, das da steht, nicht mein Gott ist,<br \/>\nsondern nur ein Zeichen, denn mein Gott ist im Himmel.\u0093 (Insel-Ausgabe,<br \/>\nBd I, S. 287) Nicht die Bilder gilt es zu zerst\u00f6ren, sondern die<br \/>\nAbg\u00f6tterei, die mit ihnen getrieben wird.<\/p>\n<p>Ich ziehe daraus zwei Schl\u00fcsse:<\/p>\n<p>1. Es gibt eine elementare, fast kreat\u00fcrliche Freude an den Bildern,<br \/>\ndie wir in unseren Kirchen und H\u00e4usern haben, eine Freude, der wir<br \/>\nuns in aller Freiheit hingeben d\u00fcrfen. Da werden biblische Geschichten<br \/>\nerz\u00e4hlt, da wird Gottes Wort anschaulich gemacht, sie laden ein<br \/>\nzum Verweilen und zum Betrachten und erz\u00e4hlen vom Tun Gottes unter<br \/>\nden Menschen. Man hat so etwas fr\u00fcher die <em>biblia pauperum <\/em> genannt,<br \/>\ndie Bibel f\u00fcr die, die nicht lesen konnten und doch mit eigenen<br \/>\nAugen die biblische \u00dcberlieferung entdecken wollten in den Bildwerken<br \/>\nund ganzen Bildfolgen: auf den Alt\u00e4ren, an den W\u00e4nden, in den<br \/>\nFenstern unserer Kirchen. In ihnen kann man lesen wie in der Bibel selbst.<br \/>\nUnd dazu geh\u00f6rt auch die Musik ; man hat Johann Sebastian Bach wegen<br \/>\nseiner Oratorien und Kantaten v\u00f6llig zu Recht den f\u00fcnften Evangelisten<br \/>\ngenannt. Weil da Verk\u00fcndigung des Wortes Gottes geschieht. \u0096 Wir<br \/>\nhaben die Freiheit, uns an dem allen von Herzen zu freuen.<\/p>\n<p>2. In unserer Zeit wird von vielen nach mehr Farbigkeit und Anschaulichkeit<br \/>\nin unseren Gottesdiensten gerufen: gegen die N\u00fcchternheit einer<br \/>\nallein am Wort orientierten Fr\u00f6mmigkeit und gottesdienstlichen Praxis.<br \/>\nIch kann das gut verstehen. Ich tauche auch gern ein in eine Atmosph\u00e4re,<br \/>\ndie mich eben nicht nur intellektuell, sondern vor allem auch emotional<br \/>\naufnimmt. Aber manchmal ist es, als ob geradezu ein emotionales Design \u00fcber<br \/>\nden Gottesdienst gelegt wird und das sich ornamental und in der Sprache<br \/>\nder Gebete und Lieder und der Musik mitteilt. Ich habe einmal einen Aromagottesdienst<br \/>\nzum Gedenken an Hildegard von Bingen erlebt; Wahrnehmung von Ger\u00fcchen<br \/>\nder Heilkr\u00e4uter: darum ging es. Eine andere Gottesdienstreihe wurde \u0084Klangfarben\u0093 genannt,<br \/>\nmit viel Musik und Dichterlesungen. Und immer war es so, dass biblische<br \/>\nTexte und deren Predigt einen bemerkenswert nachgeordneten Platz dabei<br \/>\nhatten. \u0084Gottesdienst menschlich\u0093 wird das genannt \u0096 als ob es nicht<br \/>\nmenschlich w\u00e4re, Gott zu Wort kommen zu lassen und ihm in Gebet<br \/>\nund Lied zu antworten. Der Gottesdienst hat eine Botschaft, die den Menschen<br \/>\nerreichen soll, aber nicht von ihm kommt und vielleicht auch seinen Vorstellungen \u00fcber<br \/>\ndie Sch\u00f6nheit, \u00fcber das Heilsein, \u00fcber die Kirche widerspricht.<br \/>\nEs ist das Spezifische gerade auch der lutherischen Reformation, dass<br \/>\ndas Evangelium gepredigt wird, und Kirche ist da, wo Menschen um Wort<br \/>\nund Sakrament versammelt werden. Und wo das nicht ist, da ist auch Kirche<br \/>\nnicht, selbst da nicht, wo dieser Name beansprucht wird.<\/p>\n<p>In seiner Schrift <em>Wider die himmlischen Propheten, von den Bildern<br \/>\nund Sakrament <\/em>(WA 18, S. 62 ff.; Luthers Werke, hrsg. von Buchwald<br \/>\nu.a., Erg. Bd. I, S. 1 ff.) setzt Luther sich noch einmal sehr viel<br \/>\nausf\u00fchrlicher mit Karlstadt und seinen Enthusiasten, eben den<br \/>\nhimmlischen Propheten oder auch Bilderst\u00fcrmern, auseinander. In<br \/>\ndieser Schrift wendet Luther sich gegen Karlstadts Unterstellung, er<br \/>\nwolle die Bilder sch\u00fctzen wider Gottes Wort. Und er stellt dagegen:<br \/>\nAus den Herzen will ich sie gerissen haben, verachtet und vernichtet,<br \/>\naber ohne die von den Eiferern an den Tag gelegte Gewalt.(Buchwald,<br \/>\nS. 9) Gewalt ist immer sinnlos und destruktiv, auch die fromme Gewalt.<br \/>\nGenau betrachtet, ist Luther der radikalere von beiden: die Bilder<br \/>\naus den Kirchen hinauszuwerfen, n\u00fctzt gar nichts, wenn sie in<br \/>\nden Herzen bleiben. Darum m\u00fcssen sie aus den Herzen herausgerissen<br \/>\nwerden. D. h. die Leute m\u00fcssen aufh\u00f6ren, an die Bilder zu<br \/>\nglauben, und anfangen, allein dem Evangelium zu glauben.<\/p>\n<p>Die Bilder aus den Herzen rei\u00dfen \u0096 das ist etwas fundamental anderes,<br \/>\nals Karlstadts Bildersturm. Es hei\u00dft ja, dass wir falsche Gottesbilder,<br \/>\ndie wir in unseren Herzen tragen und pflegen, da herausrei\u00dfen und<br \/>\nuns \u00f6ffnen f\u00fcr <em>das <\/em> Bild, das <em>Gott <\/em> in unser<br \/>\nHerz malen will: das Bild des gekreuzigten Christus. Eben jenen Kruzifixus,<br \/>\nden Luther sehr ausdr\u00fccklich und bewusst aus seiner Bilderkritik<br \/>\nausnimmt und sagt: \u0084Wollen uns aber die Bilderst\u00fcrmer ja keine Gnade<br \/>\nbeweisen, so bitten wir doch, dass sie unserem Herrn Jesu Christo wollten<br \/>\ngn\u00e4dig sein und ihn nicht so anspeien und sagen, wie sie uns tun:<br \/>\nPfui \u00fcber dich, du G\u00f6tzenknecht.\u0093 (Buchwald, S. 23) Christus<br \/>\nist in die Herzen zu predigen und er soll das Bild Gottes in unseren<br \/>\nHerzen sein.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass wir irgendwelche Gottesbilder immer mit uns herumtragen.<br \/>\nOft sind es ganz banale G\u00f6tzen: Erfolg, Gl\u00fcck, Ehre. \u0084Woran<br \/>\ndu nu dein Herz h\u00e4ngst\u0093, sagt Luther im Gro\u00dfen Katechismus, \u0084das<br \/>\nist dein Gott.\u0093 Es gibt Subtileres: Gottesbilder, die unsere Eltern uns<br \/>\nhineingemalt haben, die wir selbst uns ausgedacht haben: den Gott, der<br \/>\nalles sieht, alles entdeckt, alles straft \u0096 ein Instrument unnachsichtiger<br \/>\nelterlicher Gewalt; aber so etwas pr\u00e4gt sich tief ein ins kindliche<br \/>\nGem\u00fct. Oder da ist das Bild von dem immer nur lieben und netten<br \/>\nGott, den Erwachsene sich selbst gern einreden; der Gott, der alles erlaubt,<br \/>\nwenn wir es nur wollen. In unseren Gottesbildern malen wir immer ein<br \/>\nSt\u00fcck weit uns selbst und instrumentalisieren einen Gottes <em>begriff <\/em>f\u00fcr<br \/>\nunsere Ziele.<\/p>\n<p>Neulich sagte ein kleiner Junge &#8211; f\u00fcnf oder sechs Jahre alt, der<br \/>\nVater hat die Mutter mit den vier Kindern verlassen \u0096 Sebastian will<br \/>\nich ihn einmal nennen; Sebastian also sagt in diesem Chaos verletzter<br \/>\nGef\u00fchle und der tausend Ausweglosigkeiten: Wenn unser Papa nicht<br \/>\nwiederkommt, dann haben wir ja immer noch Gott zum Vater. Kindermund:<br \/>\nWas f\u00fcr eine Gewissheit! Und wie muss diese kindliche Seele gearbeitet<br \/>\nhaben, um das zu entdecken und zu sagen. Auch da gibt es ja ein Gottesbild<br \/>\nin dieser kindlichen Seele, und dieses Bild entspricht deswegen der Wahrheit \u00fcber<br \/>\nGott, weil es die Angst verdr\u00e4ngt und Vertrauen schenkt.<\/p>\n<p>Daran m\u00fcssen sich die Gottesbilder in uns messen lassen, ob sie<br \/>\nGottesgewissheit und Gottesn\u00e4he bezeugen. Denn darum geht es im<br \/>\nEvangelium, und es l\u00e4uft immer wieder auf den Gekreuzigten als das<br \/>\nBild hinaus, das Gott selbst uns ins Herz malen will und das in die Tiefe<br \/>\nmenschlicher Existenz hineinreicht, wo wir allein sind mit unserer Lebensangst<br \/>\nund Todesfurcht und mit dem ganzen Elend, das uns qu\u00e4lt, mit Schuld<br \/>\nund verwundetem Gewissen, und wo wir auf Erl\u00f6sung warten. Da Christus<br \/>\nvor Augen zu haben und auf ihn zu sehen, macht stark gegen Anfechtung<br \/>\nund Angst. Der gekreuzigte Christus bleibt, wenn alle anderen Gottesbilder<br \/>\nzur\u00fcckweichen und versagen angesichts einer Gotteserfahrung, die<br \/>\nsich nicht mehr in Bildern begreifen l\u00e4sst: der dunkle, der verborgene,<br \/>\nder ferne, der fremde Gott. Der abwesende Gott, der in keinem Bild uns<br \/>\nnahe ist und der doch gegenw\u00e4rtig ist in dem Gekreuzigten. Diese<br \/>\nWirklichkeit des in Christus gn\u00e4digen Gottes in unser Herz hereinzulassen,<br \/>\ndas ist es: dass wir die Bilder aus unseren Herzen rei\u00dfen und Gott<br \/>\nSitz und Wohnung bei uns geben.<\/p>\n<p>Soviel zu den Bildern. Die Freiheit im Umgang mit ihnen wird bestimmt<br \/>\ndadurch, dass wir sie nicht zum Gegenstand von Anbetung und Verehrung<br \/>\nmachen, sondern sie zu uns reden lassen: Bilder, die uns etwas erz\u00e4hlen.<br \/>\nWarum nicht? Es geht um die rechte Unterscheidung und um den rechten<br \/>\nGebrauch der Freiheit.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil der vierten Invokavitpredigt setzt Luther sich mit den<br \/>\nSpeisegeboten auseinander; da geht es also um das Verbot, an bestimmten<br \/>\nTagen, Freitags und in der Fastenzeit, Fleisch zu essen oder Eier oder<br \/>\nButter; Luther z\u00e4hlt das alles auf. Das kannte er aus seinem Elternhaus<br \/>\nund er kannte es vor allem aus dem Kloster. Nur Fisch war erlaubt. Und<br \/>\ner h\u00e4lt dagegen: Iss, was dir bekommt! Und wenn der Papst dir bestimmte<br \/>\nVorschriften macht: tu ihm zum Trotz das Gegenteil! Du bist nicht Menschen<br \/>\nverantwortlich f\u00fcr das, was du tust oder nicht tust; vor Gott musst<br \/>\ndu damit klar kommen, und der hat dich in die Freiheit gesetzt! Nur mit<br \/>\nden Schwachen musst du Geduld haben, die es nicht besser wissen: Ihnen<br \/>\ndarfst du kein \u00c4rgernis geben. Wenn sie sich also an die Vorschriften<br \/>\nhalten wollen, kannst du es ohne Schaden mit ihnen zusammen tun. Aber<br \/>\nauch sie m\u00fcssen durch die Predigt auf den richtigen Weg gebracht<br \/>\nwerden.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass Luther in diesem Zusammenhang immer wieder<br \/>\nauf die Freiheit zur\u00fcckkommt. Damit beschreibt er, was f\u00fcr<br \/>\nihn konkret die Botschaft von der Rechtfertigung des S\u00fcnders allein<br \/>\nals Glauben bedeutet. Es ist die Freiheit des allein Gott verantwortlichen<br \/>\nGewissens, das nicht irgendwelchen Vorschriften oder Autorit\u00e4ten<br \/>\nzu folgen hat, sondern das dem Wort Gottes folgt und vor ihm zu bestehen<br \/>\nhat. Darum sollen die Leute sich weder auf Karlstadt noch auf den Papst<br \/>\nnoch auch auf Luther berufen. Sondern es geht darum, im Gewissen Klarheit<br \/>\nzu haben \u00fcber das Tun und Lassen, und das ist Freiheit. Nicht schwankende<br \/>\nBeliebigkeit, sondern Freiheit, die stark ist, weil sie dem Evangelium<br \/>\nfolgt.<\/p>\n<p>Luther in seiner Situation betont an der Freiheit mehr die Erlaubnis,<br \/>\nDinge zu lassen, gegen den <em>Zwang, <\/em>sie zu tun. In unserer Situation,<br \/>\nwo es ja fast keine verbindlichen Traditionen mehr gibt und fast alles<br \/>\nbeliebig ist, stellt sich die Frage anders. <em>Wir m\u00fcssen wissen,<br \/>\ndass wir die Freiheit haben, etwas zu tun: <\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Ich muss nicht zum Gottesdienst gehen, aber ich habe die Freiheit,<br \/>\nes zu tun. Warum tu ich es dann nicht?<\/li>\n<li>Ich muss nicht ein Tischgebet sprechen zu Hause oder in der Kantine,<br \/>\naber ich habe die Freiheit, es zu tun. Warum, um Gottes willen, tu<br \/>\nich es dann nicht?<\/li>\n<li>Ich kann das Kind, das aus dem Hause geht, mit einem Wort, mit einem<br \/>\nZeichen segnen. Ich <em>kann <\/em> es tun. Warum tu ich es dann nicht?<\/li>\n<li>Ich bin frei, mich ganz auf mich zu konzentrieren; ich kann mich<br \/>\naber auch in Dienst eines anderen Menschen stellen, der meine Hilfe<br \/>\nbraucht, oder einer guten Sache. Und warum tu ich es nicht? Gibt es<br \/>\nGr\u00fcnde oder nur Ausreden?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Lasst uns doch tun, wozu wir die Freiheit haben. Lasst uns im Tun die<br \/>\neigene Schwachheit \u00fcberwinden und stark werden im Gebrauch der Freiheit.<br \/>\nPaulus hat einmal gesagt: \u0084Zur Freiheit hat Christus uns befreit! So<br \/>\nsteht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft<br \/>\nauflegen.\u0093 (Gal 5, 1) Und Luther bemerkt dazu in seinem gro\u00dfen<br \/>\nKommentar zum Gal. \u0084 Seid nicht sicher, sondern stark!\u0093 (WA 40\/II, S.<br \/>\n1 ff.; Luthers Epistelauslegung, z. St.) Wer sicher ist, folgt der Freiheit<br \/>\nzum Lassen. Wer stark ist, folgt der Freiheit zum Tun.<\/p>\n<p>Was ist der richtige Gebrauch der Freiheit, die uns gegeben ist? Oft<br \/>\ngenug ist es f\u00fcr uns das Tun. Im Tun wird die Freiheit konkret,<br \/>\nim Tun empfangen wir sie immer wieder neu. Das Lassen ist demgegen\u00fcber<br \/>\noft der Verzicht auf den Gebrauch der Freiheit, und sie kommt mir allm\u00e4hlich<br \/>\nabhanden. Die Freiheit so zu gebrauchen, muss ja keine Zurschaustellung<br \/>\nsein. Aber bezeugen, was wir glauben \u0096 auch das ist Vollzug der Freiheit,<br \/>\ndie uns Gott gegeben hat. Stark zu sein in der Freiheit, hei\u00dft<br \/>\ndie eigene Bequemlichkeit und Schwachheit zu \u00fcberwinden. Wir wollen<br \/>\ndie Schwachen damit nicht blo\u00dfstellen. Aber die, die sich stark<br \/>\nf\u00fchlen uns gegen\u00fcber, die Gottesver\u00e4chter oder auch einfach<br \/>\ndie Indifferenten, denen das sowieso alles egal ist, die d\u00fcrfen<br \/>\nschon ins Gr\u00fcbeln kommen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen wissen, unsere Freiheit zu gebrauchen. F\u00fcr Luther<br \/>\nwar das klar: Das Evangelium zur Sprache zu bringen f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Friedrich-Otto Scharbau<br \/>\n<a href=\"mailto:F.O.Scharbau@t-online.de\">F.O.Scharbau@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiheit hat Gott uns gegeben, das ist wahr. Jedoch m\u00fcssen wir wissen, unsere Freiheit zu gebrauchen. (WA 10\/III, S. 36; Insel-Ausgabe, Bd I, S. 290) Liebe Gemeinde, was ist Freiheit? Ist es der Handlungsspielraum, den einer f\u00fcr sich in Anspruch nimmt? Oder ist es die Entschlossenheit des Mutwilligen? 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