{"id":10174,"date":"2021-02-07T19:49:33","date_gmt":"2021-02-07T19:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10174"},"modified":"2022-10-22T12:30:06","modified_gmt":"2022-10-22T10:30:06","slug":"predigt-zu-luthers-5-invokavit-predigt-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-5-invokavit-predigt-3\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 5. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"center\"><strong>Freiheit und die rechte Abendmahlsfeier<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Wer es noch nicht gewu\u00dft haben sollte: Martin Luther liebte eine klare Sprache, eine erfrischende Sprache, die freilich auf den heutigen domestizierten H\u00f6rer bisweilen wie eine kalte Dusche wirkt, so da\u00df er sich veranla\u00dft sehen k\u00f6nnte, zur Feder bzw. in die Tastatur des PC zu greifen, um dem Superintendenten oder dem Landesbischof einen Beschwerdebrief \u00fcber die Wortwahl Martin Luthers zu schreiben. Luthers im Rahmen der Invokavitpredigten 1522 in Wittenberg gehaltene 5. Predigt g\u00e4be da einiges her. Allerdings nur f\u00fcr den, der sich gern skandalisiert. Und er w\u00e4re dar\u00fcber zu bedauern, weil ihm dann die eigentlichen Gedanken Luthers entgangen bzw. unentdeckt geblieben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist das in der 5. Predigt von Luther angesprochene Thema nicht mehr unser Thema, und zwar in gro\u00dfer \u00f6kumenischer \u00dcbereinstimmung nicht mehr unser Thema, weder bei den Kirchen der Reformation noch unter Katholiken. Luther handelt von der Frage, ob Laien den Leib Christi mit ihren H\u00e4nden ber\u00fchren und empfangen d\u00fcrfen oder nicht. Und was vom Abendmahlsempfang unter beiderlei Gestalt zu halten sei. Und schon h\u00e4tten wir, wenn wir den Inhalt seiner 5. Predigt in dieser Weise ang\u00e4ben, ihr eigentliches Anliegen verfehlt. Vielleicht nicht einmal b\u00f6swillig verfehlt, jedoch faktisch. Und das wohl allein deshalb, weil wir Luther und seine Worte in unserem Frage- und Problemhorizont und nicht in seinem gelesen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Luther ist in dieser Predigt weit davon entfernt, gewisserma\u00dfen liturgisch-rubrizistische Anweisungen zu geben. So und so h\u00e4tten die Christinnen und Christen Wittenbergs das Abendmahl zu feiern. Basta. Alles andere sei vom Teufel. Luther setzt ganz anders an. Er setzt modern an und ist damit der Botschaft Jesu inhaltlich ebenso nahe wie unserem heutigen Empfinden. Er setzt beim Wort Gottes an, bei der Ernstnahme dieses Wortes, dabei, es wirklich ankommen zu lassen als ein Wort, als eine Botschaft, die in Freiheit setzt, die das Leben befreit, exakt weil es die Botschaft Gottes an unser Leben ist. Das Wort Gottes hat bei Martin Luther Priorit\u00e4t vor allem, und deshalb habe sich unser Leben immer wieder an diesem Wort auszurichten. Denn es bietet Lebensf\u00fclle, Gottesn\u00e4he und Freiheit.<\/p>\n<p>Bei wem das Wort Gottes in dieser Wirkung angekommen ist, wer sich so f\u00fcr das Wort aufgetan und ge\u00f6ffnet hat \u2013 und das sollte bei den Christinnen und Christen der Fall sein -, zu dem passe es nicht, wenn er zur\u00fcckf\u00e4llt in beckmesserische Kleinkr\u00e4merei, in Gedanken des Zwanges und zwanghafter Ordnungen. Und schon gar nicht \u2013 das schl\u00e4gt gewisserma\u00dfen dem Fa\u00df den Boden aus \u2013 im liturgisch-sakramentalen Bereich der Abendmahlsfeier, also in der Begegnung mit dem befreienden Gott. Offenbar hatte sich in Wittenberg die Praxis durchgesetzt, die man nun in einer Art Einheitlichkeitswahn rigoros praktizierte, da\u00df man beim Empfang des Abendmahls den Leib Christi in die H\u00e4nde gelegt bekam. Nicht dieser Sachverhalt als solcher brachte ihn \u2013 um, mit Verlaub, Luthers Sprachkraft nachzuahmen \u2013 \u201eauf die Palme\u201c. Dazu war er ein viel zu kundiger Theologie, um nicht zu wissen, da\u00df schon Cyrill von Jerusalem in seiner f\u00fcnften mystagogischen Katechese den Empfang des Leibes Christi so beschrieben hatte: \u201eMache die Linke zum Thron f\u00fcr die Rechte, die den K\u00f6nig empfangen soll. Mache die Hand hohl, empfange so den Leib Christi und sage \u201aAmen\u2019 dazu.\u201c<\/p>\n<p>Nicht um diesen Sachverhalt also ging es, sondern darum, da\u00df man daraus \u2013 in Wittenberg \u2013 eine Zwangsvorschrift gemacht hatte. Und solcher Zwang vertrug und vertr\u00e4gt sich nicht mit der Freiheit, die in Gottes Wort gr\u00fcndet. Das ist Luthers Grundgedanke. Mit ihm aber verbindet sich \u2013 auf der Basis dieses Grundgedankens, und nicht um ihn abzuschw\u00e4chen oder zu ersetzen \u2013 der paulinische Gedanke der R\u00fccksicht auf die im Glauben Schw\u00e4cheren. Bei Paulus ging es damals um den Genu\u00df von G\u00f6tzenopferfleisch, worin er grunds\u00e4tzlich kein Problem sah, da die Christen es nicht \u201eals G\u00f6tzenopferfleisch\u201c verzehrten. Doch konnte es sein \u2013 und so war es in der Tat -, da\u00df gewisserma\u00dfen \u00e4ngstliche Gem\u00fcter darin dennoch eine Verletzung sahen, weil sie die Unterscheidung, mit welcher Einstellung das Opferfleisch verzehrt wurde, nicht mitmachen konnten. Sie nahmen Ansto\u00df. So \u00e4hnlich auch hier. Mit R\u00fccksicht auf alle die, die an der Wittenberger Praxis der Abendmahlsfeier Ansto\u00df nahmen \u2013 und das m\u00fcssen viele gewesen sein; \u201edie ganz Welt \u00e4rgert sich daran,\u201c sagt Luther in dieser Predigt -, mit R\u00fccksicht auf sie also sollten die Wittenberger ihre Praxis bedenken, ob sie Nutzen oder Schaden bringe.<\/p>\n<p>Noch einmal, mit letzterem ist Luther nicht einfach bei einer blo\u00dfen N\u00fctzlichkeitserw\u00e4gung angekommen, sondern er argumentiert so auf der Basis der Freiheit, die durch Gott geschenkt wurde, die aber ihre Grenze an der R\u00fccksichtnahme auf andere findet. \u201eDeshalb,\u201c so schlie\u00dft Luther seinen Gedankengang ab, \u201ela\u00dft davon ab,\u201c n\u00e4mlich von der Zwangspraxis, das Abendmahl mit den H\u00e4nden zu empfangen, \u201edas bitte ich euch.\u201c Es f\u00e4llt nebenbei auf, da\u00df Luther mit seiner eigenen Betroffenheit, ja mit seiner Entt\u00e4uschung \u00fcber die Wittenberger Praxis nicht hinter dem Berg h\u00e4lt. Er \u00e4u\u00dfert sie so deutlich, da\u00df man fast den Eindruck haben k\u00f6nnte, sein pers\u00f6nliches Motiv stehe in seiner Argumentation so im Vordergrund, da\u00df der Verweis auf das Wort Gottes geradezu zum sekund\u00e4ren Motiv werde. Das aber tr\u00e4fe nicht zu.<\/p>\n<p>Luther wendet sich in dieser 5. Predigt noch einem zweiten Problem zu, n\u00e4mlich dem Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt. Und wieder geht es nicht um diesen Sachverhalt als solchen, sondern um den Zwangscharakter, mit dem diese Praxis in Wittenberg durchgef\u00fchrt wurde; nicht gegen die Tatsache als solche, so verdeutlicht Luther: \u201eIch h\u00f6rte es gerne, als es mir geschrieben wurde, da\u00df einige hier angefangen h\u00e4tten, das Sakrament in beiderlei Gestalt zu nehmen.\u201c Dann aber kommentiert er diesen Vorgang so: \u201eBei dem Brauch h\u00e4ttet ihr\u2019s bleiben lassen sollen und nicht zu einer Ordnung gezwungen haben.\u201c Luther scheint bef\u00fcrchtet zu haben, da\u00df diese erzwungene Praxis des Abendmahlsempfangs unter beiderlei Gestalt die Aufmerksamkeit der Empf\u00e4nger mehr auf die Materie und nicht auf das Wesen des Abendmahles lenken w\u00fcrde. Als sei mit dem \u201emateriellen\u201c Zugewinn \u2013 im Empfang unter beiderlei Gestalt \u2013 von selbst auch ein geistlicher Zugewinn gegeben. Das h\u00e4tte ja immerhin sein k\u00f6nnen, doch bef\u00fcrchtet Luther, da\u00df im Gegenteil mit dem Interesse am materiellen Gewinn der geistliche Zugewinn, der Heilsgewinn verschwinde. Nur so mu\u00df man sein deftiges, heutige Ohren kr\u00e4ftig strapazierendes Bild deuten, da\u00df so gesehen wohl auch eine Sau ein Christ sein k\u00f6nnte, da sie mit ihrem gro\u00dfen R\u00fcssel ja auch das Sakrament \u00e4u\u00dferlich aufnehmen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wieder also bewegt Luther im ganzen der Zwangscharakter der Praxis, die sich in Wittenberg breitgemacht hatte und die dem Verst\u00e4ndnis der Feier mehr schaden als n\u00fctzen konnte.<\/p>\n<p>Was bleibt f\u00fcr uns heute angesichts dieser doppelten Problematik aus Luthers 5. Predigt? Ich denke, ihr Grundanliegen, n\u00e4mlich die aus dem Wort Gottes gewonnene Freiheit des Christen, holt auch uns heute auf unsere Weise ein. Und zwar nicht mehr bezogen auf die Frage der Art und Weise des Empfangs des Abendmahls. Hier m\u00fc\u00dfte man leider eher von der weithin praktizierten Freiheit <em>von<\/em> der Teilnahme am Abendmahl sprechen, eine Praxis, gegen\u00fcber der Martin Luther sicherlich deutliche Worte finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nein, heute geht es eher um das neue Herantasten an die Grund\u00fcberzeugung, da\u00df das Wort Gottes in der Tat einen Raum der Freiheit er\u00f6ffnet, einen Lebensraum, in dem das Leben gelingen kann. Da\u00df es nicht eine das Leben beengende, den Lebenswert mindernde Qualit\u00e4t besitzt. Nur wie an diese \u00dcberzeugung herankommen? Wie an sie heranf\u00fchren? An eine \u00dcberzeugung im \u00fcbrigen, die nicht als hehre, abstrakte, im Grunde lebensferne Theorie fein wattiert in fromme T\u00fccher eingeschlagen wird? Als etwas \u2013 im schlechten Sinn \u2013 f\u00fcr den Sonntag und f\u00fcr die sonnt\u00e4gliche Anmutung nur? Nein, es geht anders herum um das Aufsuchen der je eigenen Lebensorte und Lebenserfahrungen und um die Frage, ob sich dort aus ihnen selbst \u2013 gewi\u00df mit Hilfe und im Licht der tradierten Glaubensvorgaben, und nicht gegen sei \u2013 das Wissen oder die Ahnung einstellt, da\u00df der Glaube und die Orientierung am Wort Gottes tats\u00e4chlich lebensbefreiend und lebensvergewissernd sein k\u00f6nnen. Vielleicht nehmen die einzelnen dabei aus ihrem Leben Gottesspuren auf, die sie nicht in herk\u00f6mmliche Kirchensprache fassen, die aber gerade so ein Hinweis darauf sein k\u00f6nnen, da\u00df Gott sich in ihrem Leben l\u00e4ngst schon hat finden lassen. Diese vorsichtigen Spuren zur Geltung zu bringen, sie zu einem tragenden Element des Lebens der Gemeinden zu machen \u2013 vielleicht w\u00e4re das ein Weg. Ein langer, aber richtiger Weg, um zuletzt auch die Menschen von heute wieder an das heranzuf\u00fchren, wovon die 5. Predigt Luthers handelte, an die Feier des Abendmahls.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\nMainz<br \/>\n<a href=\"mailto:stefan.knobloch@kapuziner.org\">stefan.knobloch@kapuziner.org<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiheit und die rechte Abendmahlsfeier Wer es noch nicht gewu\u00dft haben sollte: Martin Luther liebte eine klare Sprache, eine erfrischende Sprache, die freilich auf den heutigen domestizierten H\u00f6rer bisweilen wie eine kalte Dusche wirkt, so da\u00df er sich veranla\u00dft sehen k\u00f6nnte, zur Feder bzw. in die Tastatur des PC zu greifen, um dem Superintendenten oder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,114,680,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10174","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-deut","category-invokavit","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10174","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10174"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10174\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14265,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10174\/revisions\/14265"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10174"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10174"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10174"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10174"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}