{"id":10180,"date":"2021-02-07T19:49:37","date_gmt":"2021-02-07T19:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10180"},"modified":"2022-10-06T09:42:08","modified_gmt":"2022-10-06T07:42:08","slug":"predigt-zu-luthers-7-invokavit-predigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-7-invokavit-predigt\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 7. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>\u201e\u2026 und h\u00e4tte die Liebe nicht\u2026\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEin jeder hat auf sich selber acht, was ihm f\u00f6rderlich sei, und sucht das Seine\u201c, klagt Martin Luther in der siebten seiner Invokavit-Predigten \u00fcber die Wittenberger.<\/p>\n<p>Ist das wirklich ein Grund zum Klagen? Der Wille zur Selbstbehauptung und der Drang, sich auf die eigenen Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche, die eigenen Kr\u00e4fte und F\u00e4higkeiten zu konzentrieren, sind doch der Schl\u00fcssel zum Erfolg im Leben. Immer noch, und heute vielleicht mehr denn je!<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich steigen auch die Anforderungen an Lebenspl\u00e4ne und Lebensleistung. In einer von Konkurrenzk\u00e4mpfen gesch\u00fcttelten Gesellschaft gelten Durchsetzungsverm\u00f6gen, H\u00e4rte gegen sich selbst und andere als die vordringlichen Kriterien, nach denen ein Leben beurteilt wird.<\/p>\n<p>Darum wird lebenslanges Lernen proklamiert. Lebenslange Pr\u00fcfungen werden vorgeschrieben. Die aber erzeugen lebenslange Angst, den Anforderungen irgendwann nicht mehr gerecht zu werden, mit seinen Lebenspl\u00e4nen und Lebensentw\u00fcrfen zu scheitern. Das kennen wir doch auch. Wer kann damit eigentlich noch sinnvoll leben? Diese Angst ist wirklich ein Grund zum Klagen.<\/p>\n<p>\u201eIch warte auf Hilfe\u201c, sagt der Schriftsteller Peter Handke. \u201eIch schaue dazu aus, nach irgendwem, zum Himmel, um die Ecke, und bin dann doch wieder der, der sagt: Seht her, da ist einer, der niemanden braucht\u201c.<\/p>\n<p>Ja, nach au\u00dfen hin die eindrucksvolle Pose: Ich achte auf mich selbst. Ich wei\u00df auch, was ich will und was f\u00fcr mich wichtig und richtig ist. Es bleibt also dabei: \u201eEin jeder hat auf sich selbst acht, was ihm f\u00f6rderlich sei, und sucht das Seine\u201c. Dann kann er auch sagen: \u201eHier ist einer, der niemanden braucht\u201c.<\/p>\n<p>Aber wie sieht es denn wirklich in der eigenen Seele aus? Da hat sich doch l\u00e4ngst die Angst eingenistet. Und dann kommt die bittere Erkenntnis: Ich warte auf Hilfe. K\u00e4me sie doch vom Himmel oder k\u00e4me sie um die Ecke. Wenn sie nur kommt, denn ich habe Angst, dass es hei\u00dfen k\u00f6nnte: Wieder einer gescheitert. Wieder ein Versager mehr.<\/p>\n<p>Ich schaue zum Himmel, sagt Handke. Wer dort Hilfe sucht, fragt im Grunde seines Herzens nach Gott. So eindeutig jedoch kommt es bei vielen nicht \u00fcber die Lippen. Die Frage nach Gott wird eher verschwiegen. Nur in der Sehnsucht nach Leben und in der heimlichen Bitte um Hilfe l\u00e4sst sie sich erahnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Martin Luther \u2013 und auch f\u00fcr die Wittenberger, denen er predigt \u2013 sind Gottes Existanz und Gottes Wirken an und mit den Menschen noch eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die Frage nach Gott muss nicht erst gestellt, sie kann mit einem Bild aus dem Alltagsleben anschaulich beantwortet werden. \u201eGott\u201c, sagt Luther, \u201eist ein gl\u00fchender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht\u201c.<\/p>\n<p>Eine unerwartet eindeutige Antwort auf unsere Sehnsucht, auf unsere heimliche Bitte um Hilfe. Eine Antwort, die uns gut tut: So viel W\u00e4rme! Da kann doch kein Herz kalt bleiben! Da muss doch der Panzer der Angst schmelzen, hinter dem sich ein Mensch versteckt, der so laut bekennt: Hier ist einer, der niemanden braucht.<\/p>\n<p>Ja, wir brauchen sie \u2013 W\u00e4rme, die unsere Erfahrungen von K\u00e4lte im Konkurrenzkampf schmelzen und die Angst vor Versagen und Scheitern vergl\u00fchen l\u00e4sst. Wir brauchen sie \u2013 Liebe, die von der Erde bis zum Himmel reicht und uns auff\u00e4ngt, wenn wir am Wert unseres Lebens zweifeln und auf Hilfe warten.<\/p>\n<p>Luther sagt: Ihr braucht die Liebe Gottes, Ihr k\u00f6nnt sie auch erfahren. In der vorangegangenen Predigt verweist er auf das Abendmahl und nennt dieses Sakrament \u201eeine Versicherung oder ein Siegel und Wahrzeichen\u201c f\u00fcr Gottes N\u00e4he und f\u00fcr die Zusage seiner Liebe.<\/p>\n<p>Am Gr\u00fcndonnerstag erinnern sich Christen an die Einsetzunge dieses Sakraments, an die letzte Mahlgemeinschaft Jesu mit seinen J\u00fcngern. Aus der Erinnerung wird Erfahrung, wird f\u00fcr Luther die Vergewisserung \u201eder g\u00f6ttlichen Versprechung und Zusage\u201c.<\/p>\n<p>Dabei kann ein Mensch lernen, dass nicht der Erfolg wichtig ist im Leben. Ausschlaggebend sind auch nicht die kleinen Siege in den allt\u00e4glichen Konkurrenzk\u00e4mpfen. Wichtiger ist, sich der Liebe Gottes zu vergewissern und auf seine Zusage zu vertrauen, dass, wie Luther es ausdr\u00fcckt, \u201eChristus f\u00fcr uns seine Gerechtigkeit und alles, was er hatte, eingesetzt hat\u201c. Darum hat unser Leben in Gottes Augen einen unverlierbaren Wert. Diese Erfahrung macht Mut, die st\u00e4ndige Angst vor Versagen zu \u00fcberwinden. Sie gibt die notwendige Gelassenheit f\u00fcr alle lebenslangen Pr\u00fcfungen.<\/p>\n<p>Aber dabei kann niemand stehen bleiben. Die Vergewisserung der Liebe Gottes dr\u00e4ngt zu neuen Erfahrungen \u201edass wir uns ebenso gegen\u00fcber unserem N\u00e4chsten finden lassen, wie es uns von Gott geschehen ist\u201c. Dazu aber kommt es oft nicht. Deshalb klagt Luther: \u201eIhr wollt von Gott all sein Gut im Sakrament nehmen, aber wollt es nicht in der Liebe wieder ausgie\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Ein harter Vorwurf! Albert Camus hat ihn auf seine Weise erhoben. Der Himmel, den die Gauner wollten, sei das Reich der Verantwortungslosigkeit, hat er gesagt. Auf Hilfe vom Himmel hoffen, Gottes Liebe als W\u00e4rme, in der man sich geborgen f\u00fchlen kann, gern annehmen, dabei die Angst vor Versagen und eigenem Fehlverhalten vergessen d\u00fcrfen, aber die Konsequenzen aus erfahrener Hilfe verweigern \u2013 das ist verantwortungslos. So handeln Gauner, die immer nur an sich denken und auf sich selbst Acht haben \u2013 auch wenn es um den Himmel geht. Religi\u00f6se Selbstgen\u00fcgsamkeit erweist sich als Gaunerst\u00fcck.<\/p>\n<p>Gott als gl\u00fchenden Backofen voller Liebe aller Welt anpreisen, aber sich in der W\u00e4rme dieses Backofens behaglich einrichten und gegen alle Anfragen abschirmen \u2013 diese pseudochristliche Haltung kann sich auf Luther jedenfalls nicht berufen. F\u00fcr ihn bleibt die Nagelprobe, dass Gottes Liebe in der N\u00e4chstenliebe greifbar und Gottes N\u00e4he in der Hinwendung zu denen, die auf Hilfe warten, erfahrbar wird.<\/p>\n<p>Wir streiten um Reformen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wir wissen, dass sie notwendig sind, und ahnen, dass sie schmerzhaft sein werden. Alle betonen ihre Verpflichtung f\u00fcr das Gemeinwohl. Was k\u00f6nnen wir in diese Diskussion von unserem Glauben her einbringen? Weniger die gro\u00dfen Programme und die weit reichenden Gesetze, aber vielleicht die Erinnerung an Luthers Mahnung: Wo niemand auf die Armen sieht, wo keiner dem anderen die Hand reichen will, wo die Liebe fehlt, da ist es zum Erbarmen.<\/p>\n<p>Das muss tats\u00e4chlich die Grundlage einer menschenw\u00fcrdigen Ordnung jeden gesellschaftlichen Zusammenlebens sein: N\u00e4chstenliebe, die die schw\u00e4chsten Glieder der Gesellschaft nicht aus dem Blick verliert, und der gemeinsame Wille, sich der Menschen zu erbarmen, die aus eigener Kraft ihre hilflose Ohnmacht nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Kultur der Barmherzigkeit m\u00fcssen wir in allen Reformdiskussionen anmahnen. Das macht aber nur Sinn, wenn wir selbst bereit sind, in unserem pers\u00f6nlichen Denken und Handeln der N\u00e4chstenliebe Raum zu geben, auf die zu achten, die uns brauchen, und zu fragen, was ihnen f\u00f6rderlich sei.<\/p>\n<p>So redet Martin Luther uns \u00fcber die Zeiten hinweg direkt an, wenn er dr\u00e4ngt: Die Nagelprobe im Leben ist die Liebe, \u201edass wir uns ebenso gegen\u00fcber unserm N\u00e4chsten finden lassen, wie es uns von Gott geschehen ist\u201c. Da gilt uns dann auch sein Wunsch: \u201eSeid Gott befohlen\u201c.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p><strong>Landessuperintendent i.R. Walter Meyer-Roscher<br \/>\nAdelogstr. 1, 31141 Hildesheim<br \/>\nTel.: 05064\/930444<br \/>\n<a href=\"mailto:meyro-hi@t-online.de\">meyro-hi@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e\u2026 und h\u00e4tte die Liebe nicht\u2026\u201c \u201eEin jeder hat auf sich selber acht, was ihm f\u00f6rderlich sei, und sucht das Seine\u201c, klagt Martin Luther in der siebten seiner Invokavit-Predigten \u00fcber die Wittenberger. Ist das wirklich ein Grund zum Klagen? 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