{"id":10181,"date":"2021-02-07T19:49:37","date_gmt":"2021-02-07T19:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10181"},"modified":"2022-10-06T09:58:30","modified_gmt":"2022-10-06T07:58:30","slug":"predigt-zu-luthers-7-invokavit-predigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-luthers-7-invokavit-predigt-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Luthers 7. Invokavit-Predigt"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Nach dem Gottesdienst hatte Rupert noch mit einigen guten Bekannten \u00fcber die Predigt gesprochen, dann war er nach Hause gegangen, um sich gleich an den Schreibtisch zu setzen. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, das Geh\u00f6rte in ein paar Notizen festzuhalten und um ein paar eigene Gedanken zu erg\u00e4nzen. Durch die neue Sicht, die Luther predigte, war aus ihm, dem kirchlich distanzierten Ratsherrn, ein eifriger Kirchg\u00e4nger und Verfechter der neuen Lehre geworden.<\/p>\n<p>\u00dcber die \u201eFrucht der Sakramente\u201c hatte Luther heute gepredigt und einsichtig gemacht, dass diese Frucht in Liebe besteht, Liebe zu den Mitmenschen. Mit dem Satz war eigentlich schon alles gesagt, aber was bedeutete er f\u00fcr den Alltag, f\u00fcr das Miteinander in Familie und Beruf, f\u00fcr das Leben in der Stadt? Dazu wollte ihm nichts einfallen, dar\u00fcber hatte er auch in der Predigt kaum etwas geh\u00f6rt. Er sa\u00df und dachte.<\/p>\n<p>Als er merkte, dass seine Gedanken hakten, brach er zu einem Spaziergang auf. Seine Frau war mit den Kindern besch\u00e4ftigt, wie er h\u00f6rte, und so ging er auf die Stra\u00dfe, bog dann in eine kleine Nebengasse ein und von dieser in eine noch engere. Er wollte nachdenken, und deshalb mied er die Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe, wo er h\u00e4ufig angesprochen und noch h\u00e4ufiger gegr\u00fc\u00dft wurde.<\/p>\n<p>Eine laut klagende Frau kam ihm entgegen, die ihren betrunkenen Ehemann nach Hause schleppte, von weinenden Kindern umgeben. Er kannte den Mann fl\u00fcchtig; sa\u00df der nicht des \u00f6fteren unter Luthers Kanzel? An der n\u00e4chsten Ecke wehrte ein Invalide mit seinem Kr\u00fcckstock die Angriffe eines Hundes ab; der Hundehalter stand in der T\u00fcr und hetzte den Hund immer wieder gegen den Bettler. Rupert gr\u00fc\u00dfte den Hundehalter mit Namen, sofort pfiff der seinen Hund zur\u00fcck. \u201eIch wollte doch nur ein St\u00fcck Brot,&#8220; knurrte der Bettler, und Rupert gab ihm eine M\u00fcnze.<\/p>\n<p>Es war nicht mehr weit bis zum Marktplatz. Rupert war froh, als er ihn erreicht hatte. Die Enge der Gassen, ihr Schmutz stie\u00dfen ihn ab, und zum Nachdenken war er auch nicht gekommen. Er \u00fcberquerte den Marktplatz, ging zum Flu\u00df hinunter und setzte sich ans Ufer. Das Wasser stand recht hoch, die Str\u00f6mung war recht stark, er blickte ins Wasser und dachte gar nichts. Bis ihm k\u00fchl wurde. Dann stand er auf und schlug den Weg zur Werkstatt seines Freundes Lukas ein. Der gab gerade einem Lehrling ein paar saftige Ohrfeigen, als Rupert eintrat. \u201eEinen Pinsel hat dieser Tolpatsch zerbrochen,\u201c erkl\u00e4rte Lukas der Maler, \u201eden wird er mir ersetzen!\u201c Der Lehrling weinte, ein Geselle machte h\u00f6hnische Bemerkungen \u00fcber ihn. \u201eSo ein Pinsel ruiniert den reichsten Mann der Stadt?\u201c fragte Rupert; es h\u00e4tte ironisch klingen sollen, klang aber nur w\u00fctend. Lukas sah ihn \u00fcberrascht an, gab dann seinen Gesellen ein paar Anweisungen und ging mit Rupert \u00fcber den Hof in die Wohnung. Die beiden Freunde setzten sich, Lukas lie\u00df einen guten Rotwein servieren und entschuldigte sich, dass er wegen wichtiger Auftragsverhandlungen leider dem Gottesdienst habe fernbleiben m\u00fcssen. Worum es denn gegangen sei, wollte er wissen. Rupert erz\u00e4hlte es ihm, erz\u00e4hlte auch, was er auf seinem Spaziergang erlebt hatte. \u201eDie Leute kennen die Gebote und halten sie nicht,\u201c schlo\u00df Rupert.<\/p>\n<p>Das, entgegnete Lukas der Maler, sei doch nicht neu, davon wisse doch schon die Bibel. Deshalb m\u00fcsse es zu allen Zeiten Prediger und Propheten geben, um die Menschen auf Linie zu halten. \u201eUnd Maler, die den Leuten vor Augen f\u00fchren, was gut und sch\u00f6n, was schlecht und h\u00e4\u00dflich ist,\u201c erg\u00e4nzte Rupert, worauf Lukas meinte, dummer Weise sei gerade das Schlechte oft besonders sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ruperts Blick fiel auf eine Skizze am Boden. Sie stellte den barmherzigen Samariter dar, wie der sich zu dem \u00dcberfallenen beugte. Die Haltung das Samariters war eine einzige Zuwendung. \u201eDas ist, was den Menschen fehlt,\u201c rief Rupert und nahm das Blatt in die Hand: \u201eHinwendung zum Mitmenschen. Liebe. Denn auch korrektes Verhalten kann lieblos sein und Glaube egoistisch.\u201c Er ging zu einer Kreuzigungsszene und fuhr fort: \u201eDiese Liebe hat Gott uns geschenkt, mehr, als wir verdienen und mehr, als wir brauchen. Doch \u201aF\u00fcr mich\u2018 ist nicht genug. Wir k\u00f6nnen, wir m\u00fcssen von dieser Liebe weitergeben. Aus Dankbarkeit f\u00fcr das, was Gott uns gegeben hat. Nicht nur in gro\u00dfen Taten wie der Samariter, sondern in den vielen kleinen Dingen des Alltags.\u201c \u2013 \u201eZum Beispiel keine Hunde auf Bettler hetzen oder das ganze Geld vertrinken,\u201c warf Lukas ein, und Rupert erg\u00e4nzte: \u201eAuch keinen verh\u00f6hnen wie dein Geselle oder jemanden wegen eines zerbrochenen Pinsels schlagen.\u201c Lukas der Maler reagierte etwas betreten, fragte schnell nach dem werten Befinden der Frau Anna und der Kinder. Rupert schmunzelte, denn erst vor wenigen Tagen hatte Lukas bei ihnen am Tisch gesessen. Dann stand Rupert abrupt auf: \u201eMeine Frau wei\u00df gar nicht, dass ich ausgegangen bin,\u201c erkl\u00e4rte er seinen eiligen Aufbruch.<\/p>\n<p>Mit schnellem Schritt ging er auf k\u00fcrzestem Weg nach Hause, so schnell, dass keiner ihn aufhielt. Schon im Flur traf er Anna, sie wirkte ver\u00e4rgert. \u201eWo warst du,\u201c fragte sie vorwurfsvoll, \u201edu hattest versprochen, den Kindern vorzulesen, und dann warst du nicht da!\u201c Rupert erschrak, denn das hatte er v\u00f6llig vergessen. Anna schimpfte weiter: \u201eIch brauche dringend mal Zeit, um das Haushaltsbuch in Ordnung zu bringen. Aber so etwas interessiert dich ja nicht. Statt mir mal die Kinder vom Hals zu halten, bist du einfach nicht da.\u201c<\/p>\n<p>Sie lie\u00df ihren Mann stehen, warf die Zimmert\u00fcr h\u00f6rbar hinter sich ins Schloss. Rupert trottete in sein Arbeitszimmer. \u201eEs ist gar nicht so einfach, Gottes Liebe in den Alltag umzusetzen,\u201c dachte er, \u201ewir sind und bleiben S\u00fcnder, wie der Luther immer sagt.\u201c Die Erlebnisse in der Stadt hatten es ihm gezeigt, ebenso Lukas der Maler, und Anna h\u00e4tte ihn auch etwas freundlicher empfangen k\u00f6nnen. Er notierte dies als Beispiele allt\u00e4glicher Lieblosigkeit. Wo er sie demn\u00e4chst antraf, wollte er die Leute darauf ansprechen.<\/p>\n<p>Als er seine Notizen dann noch einmal durchlas, lachte er pl\u00f6tzlich auf: Er hatte bemerkt, dass er mit Daumen und Zeigefinger seine Nase hielt. \u201eDas ist gut,\u201c sagte er vor sich hin, \u201ejeder soll sich zuerst an die eigene Nase fassen, bevor er anderen predigt.\u201c Dann ging er zu seiner Frau und fragte, ob er ihr helfen k\u00f6nne. Er durfte, und damit war der Streit von vorhin begraben. Amen<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Gottesdienst hatte Rupert noch mit einigen guten Bekannten \u00fcber die Predigt gesprochen, dann war er nach Hause gegangen, um sich gleich an den Schreibtisch zu setzen. 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