{"id":10196,"date":"2004-11-07T19:49:17","date_gmt":"2004-11-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10196"},"modified":"2025-05-12T10:23:10","modified_gmt":"2025-05-12T08:23:10","slug":"jeremia-235-8-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-235-8-2\/","title":{"rendered":"Jeremia 23,5-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Leere Phrasen? | 1. Advent | 28. November 2004 |<\/strong> Jeremia 23,5-8 |\u00a0Stefan Knobloch |<\/h3>\n<p><em>\u201eSeht, es kommen Tage \u2013 Spruch des Herrn -, da werde ich f\u00fcr David einen neuen gerechten Spro\u00df erwecken. Er wird als K\u00f6nig herrschen und weise handeln, f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit. Darum seht, es werden Tage kommen \u2013 Spruch des Herrn -, da sagt man nicht mehr: So wahr der Herr lebt, der die S\u00f6hne Israels aus \u00c4gypten heraufgef\u00fchrt hat!, sondern: So wahr der Herr lebt, der das Geschlecht des Hauses Israel aus dem Nordland und als allen L\u00e4ndern, in die er sie versto\u00dfen hatte, heraufgef\u00fchrt und zur\u00fcckgebracht hat. Dann werden sie wieder in ihrem Heimatland wohnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eSeht, es kommen Tage \u2013 Spruch des Herrn&#8230;\u201c Kann uns ein Text, der so beginnt, \u00fcberhaupt erreichen? Verf\u00fcgen wir \u00fcber die H\u00f6rf\u00e4higkeit, solche S\u00e4tze in einer Weise bei uns ankommen zu lassen, da\u00df wir ihnen Ernsthaftigkeit und Bedeutung beimessen, auch wenn wir im ersten Augenblick nicht sagen k\u00f6nnten, in welcher Richtung die Bedeutung dieser S\u00e4tze f\u00fcr uns liegen sollte? In der Tat, wenn wir von der augenblicklichen Situation dieses Gottesdienstes absehen, in dem uns diese S\u00e4tze erreichen; wenn wir sie uns in einem anderen, nichtgottesdienstlichen Kontext vorstellen sollten, ich f\u00fcrchte \u2013 und ich h\u00e4tte Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr -, uns fiele m\u00f6glicherweise alternativ eine Comedy-B\u00fchne ein, die sich dieser S\u00e4tze bediente. Und sie h\u00e4tte augenblicklich die Lacher auf ihrer Seite. Ohne da\u00df ich hier auch nur im geringsten eine Assoziation an Blaspemie und Verh\u00f6hnung des Religi\u00f6sen wecken m\u00f6chte!<\/p>\n<p>Es ist wohl einfach so \u2013 man mag es bedauern oder nicht -, da\u00df diese Sprache, \u201eSeht, es kommen Tage\u201c, uns erst einmal befremdet, befremden mu\u00df, weil sie so abseitig, so andersartig gegen\u00fcber unserer Alltagssprache ist. Und dies ist ja auch der Grund, warum solche S\u00e4tze auf einer Comedy-B\u00fchne sofort Lachen ausl\u00f6sen. Man lacht \u00fcber ihre Andersartigkeit, \u00fcber ihre Nicht-Einordbarkeit. Aber damit ist es nicht getan. Da steckt gleichzeitig mehr dahinter. Diese S\u00e4tze verm\u00f6gen, wenigstens ansatzweise, einen neuen Horizont zu er\u00f6ffnen, in tiefere Dimensionen vorzudringen, die nicht unbedingt an der Oberfl\u00e4che unserer Alltagserfahrungen liegen, die aber gleichwohl in uns zum Klingen gebracht werden, bei dem einen st\u00e4rker, bei dem anderen schw\u00e4cher. Sie kommen uns eben deshalb befremdlich, merk-w\u00fcrdig, ja komisch vor, weshalb wir uns \u2013 im Fall der Comedy-B\u00fchne \u2013 erst einmal lachend von ihrer vielleicht nur f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde aufblitzenden Aussage zu distanzieren versuchen.<\/p>\n<p>Hier, in unserer Situation, handelt es sich nicht um Comedy, sondern um Gottesdienst. Und gleichwohl ist es unserer H\u00f6rf\u00e4higkeit nicht einfach gegeben, aus diesen S\u00e4tzen \u201eSeht, es kommen Tage \u2013 Spruch des Herrn\u201c mehr herauszuh\u00f6ren als frommen Schall und Rauch, statt ihnen wirklich Bedeutung zuzumessen. Und das liegt weniger daran, da\u00df wir aus mangelnder Bibelkenntnis nicht sofort w\u00fc\u00dften, in welcher konkreten historischen Situation diese Worte \u2013 die Worte des Propheten Jeremia \u2013 urspr\u00fcnglich ergangen sind. Hier k\u00f6nnten wir einiges nachholen und gewisserma\u00dfen zur historischen Einordnung dieser S\u00e4tze das eine oder andere erhellend beitragen. Aber allzuviel gewonnen w\u00e4re damit nicht. Denn, bleiben wir nur bei der Historie, bei der Historie des Propheten Jeremia, in seiner Begegnung mit den damaligen Herrschern Jerusalems \u2013 mit Joschija (641-609), mit Jojakim (609-597) und mit Zidkija (597-586); allein die Namen d\u00fcrften uns schon wie spanische D\u00f6rfer erscheinen! -, wir h\u00e4tten daraus keinen Gewinn. Keinen Gewinn also, wenn man uns abverlangen wollte, unter ausschlie\u00dflich historischer Perspektive und aus ausschlie\u00dflich historischem Interesse unser Ohr f\u00fcr Jeremia zu \u00f6ffnen. Aber darum geht es auch gar nicht. Es soll vielmehr zu einer Vermittlung der Erfahrungen des Jeremia mit den Erfahrungen unseres Lebens heute kommen. Das schon. Und das zu erm\u00f6glichen, ist den Einstieg in diesen Text wert.<\/p>\n<p>\u201eSeht, es kommen Tage\u201c \u2013 die Menschen aller Zeiten, also auch von heute, sind offen f\u00fcr Visionen und Verhei\u00dfungen, zumal wenn sie schlechte, entbehrungsreiche und ungewisse Zeiten durchmachen. Jeremia hat in eine vollkommen trostlose Zeit hineingesprochen. Jerusalem war mehr oder weniger entv\u00f6lkert, der K\u00f6nig, die f\u00fchrenden Leute der Gesellschaft bis weit hinein in das gew\u00f6hnliche Volk waren im babylonischen Exil. Die Ordnung lag danieder. Geregeltes Leben mit Jahweverehrung, Tempelkult und F\u00fchrung durch einen gerechten Herrscher \u2013 davon konnte man nur tr\u00e4umen. Oder eben nicht mehr, da alle Dr\u00e4hte zu einem gesellschaftlich geregelten Leben in Jerusalem ein f\u00fcr alle Mal abgeschnitten schienen.<\/p>\n<p>Es werde sich alles \u00e4ndern! Ein K\u00f6nig werde kommen, die Leute w\u00fcrden aus der Verbannung nach Hause zur\u00fcckkehren, Sicherheit werde sich breitmachen! Nicht als Folge menschlicher T\u00fcchtigkeit und politischer Klugheit, sondern als Geschenk des Herrn. Und den K\u00f6nig werde man mit dem Ehrentitel versehen: \u201eDer Herr ist unsere Gerechtigkeit.\u201c Diese verhei\u00dfene Rettung werde sogar die gewisserma\u00dfen staatsbegr\u00fcndende Erfahrung der Rettung des Volkes aus \u00c4gypten und seinen rettenden Durchzug durch das Meer in den Schatten stellen.<\/p>\n<p>Warum konfrontiert man uns heute mit diesem Text, der sich damals in der Tat an den Exilierten bewahrheitet? Gut, Anla\u00df zu \u00c4ngsten und Sorgen gibt es heute genug, die man nicht einfach mit der s\u00fcffisanten Bemerkung abtun darf, wir, die Deutschen, w\u00fcrden lediglich auf hohem Niveau jammern. Berechtigte Sorgen gibt es genug. F\u00fcr viele geht es um die Sorge um den Arbeitsplatz. Familien und Kinder h\u00e4ngen daran. Die Sorgen der Opelaner in R\u00fcsselsheim und Bochum, der Arbeitnehmer am VW-Standort Wolfsburg und die Sorgen in anderen Bereichen der Wirtschaft sprechen in diesen Tagen und Wochen eine deutliche Sprache. Und nun steht obendrein offenbar die Aufl\u00f6sung vieler Bundeswehrstandorte an. Hinzukommt die unterschwellige und schlecht in den Griff zu bekommende Angst vor terroristischen Anschl\u00e4gen. Die neue Erfahrung der Verwundbarkeit hat sich \u2013 nicht nur in den USA \u2013 tief in das kollektive Bewu\u00dftsein der Gegenwartsgesellschaft eingepr\u00e4gt. Der 1. September 2001 mit dem apokalyptischen Ende der Twin-Towers des World Trade Centers, der 11. M\u00e4rz 2004 mit den Anschl\u00e4gen in Madrid und die Attentate der tschetschenisch-islamistischen Terrorbrigaden im Kaukasus \u2013 Beslan steht daf\u00fcr seit dem 3. September 2004 als Menetekel \u2013 stehen allen vor Augen. Diese willentlich herbeigef\u00fchrten Katastrophen stellen die vermeintliche Sicherheit, in der wir kurze Zeit nach dem Ende des Ost-West-Konflikts lebten, radikal in Frage. Ein neues Konfliktpotential hat sich aufgetan, das man mit dem Schlagwort \u201eKampf der Kulturen\u201c bzw. \u201eKampf der Religionen\u201c zu benennen versucht hat. Nur d\u00fcrfen wir hier keinem Irrtum erliegen. Zugegeben, es gibt Exponenten der islamischen Welt, allen voran die Al Qaida um Bin Laden, die diesen Kampf willentlich und gewaltsam alimentieren. Aber es gibt in der islamischen Welt erst recht und in weit entscheidenderem Ausma\u00df auch Dialogf\u00e4higkeit und Anschlu\u00dfbereitschaft an die westlichen Denkkonzepte und \u00dcberzeugungen.<\/p>\n<p>Wie auch immer, man k\u00f6nnte die Liste heutiger Sorgen und \u00c4ngste beliebig fortsetzen. Nur, in welchem Zusammenhang sollten sie mit den Verhei\u00dfungsworten des Jeremia stehen? Zugegeben, in keinem unmittelbaren und direkten Zusammenhang. Es wird also niemanden geben, der hintritt und sagen w\u00fcrde, Jahwe werde alle unsere aktuellen Gesellschaftsprobleme l\u00f6sen. Und wenn es einer t\u00e4te, w\u00fcrde man sich um seine psychische Gesundheit Sorgen machen und ihn aus dem Verkehr ziehen.<\/p>\n<p>Gleichwohl, etwas bleibt, worauf uns der Jeremiatext indirekt hinweist. Es geht in diesem Text um beinharte, alltagsbezogene Fragen, um die Aussichten, wieder menschenw\u00fcrdig zu leben, wom\u00f6glich in den eigenen vier W\u00e4nden, in gerechten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, im Einklang mit dem Glauben an den rettenden Gott Jahwe. Diesen Fokus, diese Perspektive d\u00fcrfen wir nicht \u00fcbersehen. Das durch Jahwe erm\u00f6glichte geordnete neue Leben <em>hier auf Erden<\/em> ist die Perspektive dieses Textes! Es ist sogar seine einzige! Danach komme Tod, Finsternis, Scheol. Jeremia lebt und tritt in einer Zeit auf, in der der Glaube an ein Leben nach dem Tod, an so etwas wie Auferstehung in Jerusalem weitgehend unbekannt war. Der Glaube, der gewisserma\u00dfen einen Lebensraum jenseits des Todes er\u00f6ffnete, brach sich erst Jahrhunderte sp\u00e4ter Bahn. Und zwar weniger im Zentrum der religi\u00f6sen Macht, in Jerusalem, als auf dem flachen Land, auf dem die Pharis\u00e4er die Exponenten dieser neuen Hoffnung waren. In Jerusalem hingegen hatten die Sadduz\u00e4er das Sagen, die sich f\u00fcr die reine Lehre des Jahweglaubens verantwortlich f\u00fchlten und sich in der heftigen Bestreitung eines Lebens nach dem Tod als die Lordsiegelbewahrer des reinen Glaubens vorkamen. Vor diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, warum Jeremia nicht Jenseitshoffnungen, sondern die Erf\u00fcllung realer irdischer Hoffnungen in Aussicht stellte.<\/p>\n<p>Was ergibt sich daraus f\u00fcr uns? Offensichtlich als erstes dies, da\u00df wir im Sinne Gottes, im Sinne seiner guten Absichten mit den Menschen handeln, wenn wir in den ganz gewi\u00df sehr unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten unseres Lebens \u2013 anders bei einem Politiker, anders bei einem Unternehmer, wieder anders bei einem Ruhest\u00e4ndler \u2013 uns f\u00fcr Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t einsetzen. Hier er\u00f6ffnen sich gerade im Bereich der Zivilgesellschaft viele M\u00f6glichkeiten, die von freien Initiativen, von freien Tr\u00e4gern, und nicht von der Politik und der \u00f6ffentlichen Hand getragen werden. Hier ein waches Auge und ein waches Ohr zu haben, geht in die Richtung der Intentionen, mit denen Jeremia damals vor die Leute trat.<\/p>\n<p>Nur d\u00fcrfen wir hier nicht zu \u201eMachern\u201c werden wollen. Wir d\u00fcrfen nicht der Ideologie erliegen, als k\u00f6nnten wir die bessere und gerechte Welt endg\u00fcltig schaffen. Es ist exakt keine Vertr\u00f6stung auf ein Danach, wenn wir einsehen m\u00fcssen, da\u00df unser Leben sowohl im privaten wie im gesellschaftlichen Bereich nie wunschlos aufgehen kann. Mit uns ist immer schon mehr unterwegs, ein Mehr an Bed\u00fcrfnissen und an Bed\u00fcrftigkeit, das nicht einfach durch einen noch so tollen und gerechten \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c saturiert werden kann. Das in letzter Zeit h\u00e4ufig zitierte Wort aus dem Joh-Evangelium, \u201eIch bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in F\u00fclle haben\u201c (Joh 10,10), zielt nicht auf eine pralle Lebensf\u00fclle, in der wir unseren feisten Wams vor uns hertragen und im Wohlstand nur so schwimmen. Die \u201eF\u00fclle\u201c, von der in Joh 10,10 die Rede ist, meint nicht einen Speckg\u00fcrtel, den wir uns selber anf\u00fcttern (um dann zu merken, da\u00df mit ihm nicht die F\u00fclle, sondern unsere Probleme wachsen!). Sie meint unsere existentielle Offenheit f\u00fcr mehr, f\u00fcr einen Wirklichkeitsbereich, den uns nur Gott er\u00f6ffnen kann. Den er uns bereits in diesem Leben er\u00f6ffnet, den er aber zum Abschlu\u00df, zur F\u00fclle bringen wird im Jenseits des Lebens.<\/p>\n<p>Auf diese tieferen Dimensionen unseres Lebens den Blick zu richten, ist kein Verrat an den bodenst\u00e4ndigen alltagsorientierten Verhei\u00dfungen des Jeremia. Unser Glaubensblick hat sich im Laufe der j\u00fcdisch-christlichen Glaubensgeschichte geweitet auf einen neuen Horizont, der sich als Geschenk Gottes an uns nach unserem Leben auftut. In der Auferstehung Jesu ist uns dieser Horizont am verl\u00e4\u00dflichsten deutlich geworden, wie Paulus als erster schriftliche Zeuge bezeugt: \u201eGes\u00e4t wird in Verweslichkeit, auferweckt wird in Unverweslichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Nur noch einmal, eine Vertr\u00f6stung auf sp\u00e4ter, \u00fcber der wir die schreienden Herausforderungen unseres Lebens, unserer gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u00fcbersehen, ist damit nicht angesagt. Im Gegenteil. Indem wir auf Gerechtigkeit bedacht und in Solidarit\u00e4t mit einander umgehen, schwenken wir auf die Handlungslinie ein, in der Gott nach den Worten des Propheten Jeremia damals an den Menschen rettend gehandelt hat. Sie erreichten das Heimatland. Das wird dann auch von uns gelten: \u201eDann werden sie in ihrem Heimatland wohnen\u201c (Jer 23,8).<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Stefan Knobloch<br \/>\n<a href=\"mailto:Dr.Stefan.Knobloch@t-online.de\">Dr.Stefan.Knobloch@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leere Phrasen? | 1. Advent | 28. November 2004 | Jeremia 23,5-8 |\u00a0Stefan Knobloch | \u201eSeht, es kommen Tage \u2013 Spruch des Herrn -, da werde ich f\u00fcr David einen neuen gerechten Spro\u00df erwecken. Er wird als K\u00f6nig herrschen und weise handeln, f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land. 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