{"id":10198,"date":"2004-11-07T19:49:22","date_gmt":"2004-11-07T18:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10198"},"modified":"2025-05-12T10:44:11","modified_gmt":"2025-05-12T08:44:11","slug":"jeremia-235-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-235-8\/","title":{"rendered":"Jeremia 23,5-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>1. Advent | 28. November 2004 | Jeremia 23,5-8 | Hans Theodor Goebel |<\/h3>\n<p><em>Sieh es kommen Tage \u2013 ist der Spruch des HERRN \u2013 da werde ich dem David einen gerechten Spross erwecken. Und er wird als K\u00f6nig k\u00f6niglich regieren und es wird ihm mit Weisheit gelingen und er wird schaffen Recht und Gerechtigkeit im Land.<br \/>\nIn seinen Tagen wird Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies ist sein Name, bei dem sie ihn rufen werden: Der HERR unsre Gerechtigkeit.<br \/>\nDarum sieh es kommen Tage \u2013 ist der Spruch des HERRN \u2013 da werden sie nicht mehr sagen: So wahr der HERR lebt, der die Kinder Israel heraufgef\u00fchrt hat aus dem Land \u00c4gypten.<br \/>\nSondern: So wahr der HERR lebt, der heraufgef\u00fchrt und heimgebracht hat den Samen des Hauses Israel aus dem Land des Nordens und aus allen L\u00e4ndern, wohin ich sie versto\u00dfen hatte. Und sie bleiben wohnen auf ihrem Ackerboden.<\/em><\/p>\n<p>1.<br \/>\nDie Worte des Propheten Jeremia reden von kommenden Tagen.<br \/>\nSie rufen Sehns\u00fcchte wach. Sehns\u00fcchte aus tiefen Brunnen. Nach einem K\u00f6nig, der wirklich K\u00f6nig w\u00e4re und k\u00f6niglich regierte. Der es mit Weisheit anginge. Und dem es gel\u00e4nge. Recht und Gerechtigkeit aufzurichten im Land. Und dass Israel sicher da wohnte.<br \/>\nUnd mit Israel zusammen dann auch seine pal\u00e4stinensischen Nachbarn, von denen heute noch viele in Fl\u00fcchtlingslagern leben.<br \/>\nWas f\u00fcr eine Sehnsucht f\u00fcr Jerusalem und Tel Aviv, f\u00fcr Gaza, f\u00fcr Bethlehem und Ramallah und die ganze Westbank des Jordan.<br \/>\nUnter der Herrschaft dieses K\u00f6nigs w\u00e4ren die Juden aus allen L\u00e4ndern der Vertreibung und Zerstreuung heimgebracht.<br \/>\n<em>Wenn der HERR die Gefangenen Zions erl\u00f6sen wird, dann werden wir sein wie die Tr\u00e4umenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll R\u00fchmens sein \u2026 <\/em><\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde sich wohl auch die Weissagung fr\u00fcherer Propheten f\u00fcr die anderen V\u00f6lker erf\u00fcllen:<br \/>\n<em>Und zur letzten Zeit werden viele V\u00f6lker hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs\u2026 Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spie\u00dfe zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren. <\/em><\/p>\n<p>Solche Sehns\u00fcchte k\u00f6nnen in uns zum Schwingen kommen.<br \/>\nAngesichts dessen, was wir t\u00e4glich weltweit erfahren und manches auch nah. Unrecht und Ungerechtigkeit. Krieg und Vertreibung, Terroranschl\u00e4ge und Bombenanschl\u00e4ge, die nicht verschwinden von der Tagesordnung unsrer Welt.<\/p>\n<p>Sehns\u00fcchte gerade in diesem grauen November. Mit seinen Gedenktagen:<\/p>\n<p>Vor einer Woche, am Totensonntag, standen manche von uns an den Gr\u00e4bern lieber Menschen, die von ihnen gegangen sind. Der Verlust tut noch weh.<\/p>\n<p>Vor vierzehn Tagen, am Volkstrauertag, haben wir an die Toten der Kriege gedacht, von denen in manchen Wohnungen noch Bilder h\u00e4ngen und von denen Alte noch zu erz\u00e4hlen haben als von ihrem eigenen Leben.<\/p>\n<p>Noch ein paar Tage fr\u00fcher ist in der Synagoge unsrer Stadt und an anderen Orten unseres Landes \u00f6ffentlich an den 9. November 1938 erinnert worden. Damals klirrten in Deutschland die Scheiben. Die Judenverfolgung und Ausrottung erreichte einen ersten H\u00f6hepunkt \u2013 heute d\u00fcrfen wir nicht \u00fcbersehen, dass antisemitische Spr\u00fcche wieder Geh\u00f6r finden. Und fremdenfeindliche Parolen. Bis in die letzten Kommunal- und Landtags-Wahlen hinein. Am Samstag vor dem Volkstrauertag sind am Friedhof im brandenburgischen Halbe tausend Neonazis zu einem \u201eHeldengedenktag\u201c f\u00fcr Tote der SS und der Wehrmacht aufmarschiert und haben in ihren Reden Joseph Goebbels zitiert.<\/p>\n<p>Ach, dass Recht und Gerechtigkeit aufgerichtet w\u00fcrden im Land und es einem weisen K\u00f6nig gel\u00e4nge. Ach dass wir frei w\u00fcrden von aller Todesgewalt. Und die <em>mit Tr\u00e4nen ges\u00e4t<\/em> haben, nun mit Freuden ernten k\u00f6nnten.<br \/>\nAch, dass es so w\u00e4re!<\/p>\n<p>2.<br \/>\nAber ach, die Tage, die nach der Prophezeiung kommen sollten, sind nicht gekommen.<br \/>\n<em>\u201e\u2026heile mich, HERR, &#8211; <\/em>ruft der Beter des sechsten Psalms \u2013 <em>denn meine Gebeine sind erschrocken und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange?<\/em><\/p>\n<p>Die Tage, die der Prophet Jeremia selbst erlebt, sind anders als die, die kommen sollen. K\u00f6nige, die im Land regieren, sind alles andere als weise. Einem von ihnen h\u00e4lt er vor: <em>Dein Vater \u201ehalf dem Elenden und Armen zu seinem Recht. Aber deine Augen und dein Herz sind auf nichts anderes aus als auf ungerechten Gewinn und darauf, unschuldiges Blut zu vergie\u00dfen, zu freveln, zu unterdr\u00fccken<\/em>.<br \/>\nWie wenig hat sich ge\u00e4ndert in unserer Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Und was ruft Jeremia \u00fcber die Herrschenden in seinem Volk aus:<br \/>\n<em>Hoj &#8211; weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umkommen lasst und zerstreut, ist der Spruch des HERRN. <\/em><\/p>\n<p>Keine Zweifel. Den Gott, der da rein schl\u00e4gt, richtet, verst\u00f6\u00dft, hat Jeremia angek\u00fcndigt. Eine Zeit lang wohl noch mit der Hoffnung, es m\u00f6ge Umkehr geben bei denen, die herrschen \u00fcber das Volk. Aber zuletzt sind die nicht umgekehrt und kehren nicht um.<\/p>\n<p>Und da nun klingen in der Botschaft, die Gott den Propheten ausrichten l\u00e4sst, diese T\u00f6ne der Verhei\u00dfung auf. T\u00f6ne, die Sehns\u00fcchte aufwecken. Die reden von kommenden Tagen. Wo Gott, der Gott Israels selbst, nicht weiter dreinschl\u00e4gt und verst\u00f6\u00dft, sondern den weisen K\u00f6nig erweckt, der Recht und Gerechtigkeit aufrichtet im Land und wo Gott heimbringt und ohne Schrecken im Lande bleiben l\u00e4sst, die er selbst versto\u00dfen hatte.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nWer ist der K\u00f6nig der kommenden Tage &#8211; dieser Davidsspross? Wir wissen nicht, wen der Prophet Jeremia gemeint hat. Vielleicht wusste er selbst nicht, wen konkret er da im Auftrag Gottes ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Wir sehen auch keinen in der Geschichte Israels und der V\u00f6lker, auf den diese Weissagungen passten und der sie erf\u00fcllt h\u00e4tte. Keiner von allen, die bisher gekommen sind, f\u00fcllt den weiten Mantel dieser Verhei\u00dfungen ganz aus. Angesichts von Gewalt und Tod und Unterdr\u00fcckung schreien Israel und die V\u00f6lker noch immer und immer wieder nach Gerechtigkeit. Auch wenn es unter allen, die geherrscht haben, nicht gleich schlecht war und Jeremia fr\u00fcher auch einen mehr gerechten K\u00f6nig erlebt hat.<\/p>\n<p>Es hat doch bisher kein Heilsk\u00f6nig soziale Gerechtigkeit f\u00fcr alle geschaffen und Krieg und Vertreibung gebannt f\u00fcr immer.<br \/>\nVielmehr &#8211; manche, die den Himmel auf Erden wollten, brachten die H\u00f6lle. So ist es dann geschehen in der Geschichte des Christentums.<\/p>\n<p>Ist das alles, was wir zu sagen haben in dunkler Zeit?<br \/>\nEs ist daran nichts abzustreichen. Wir k\u00f6nnen unsre Welt nicht sch\u00f6n reden.<br \/>\nJeremia ist in der Katastrophe, die er angek\u00fcndigt hat, selbst verloren gegangen. Aber die Worte vom Heil, die Gott durch seinen Propheten gesprochen hat, die sind aufbewahrt worden. Menschen haben sie aufbewahrt bis auf den heutigen Tag als einen Schatz. In der Bibel Israels und der christlichen Kirche. In diesen Worten haben sie das Versprechen Gottes aufbewahrt, ein Versprechen auf Zukunft.<\/p>\n<p>Jeremia gibt in diesen Worten einen Hinweis, der weiterf\u00fchren kann.<br \/>\nSie werden, so sagt er, den K\u00f6nig der kommenden Tage bei seinem Namen rufen. Und der hei\u00dft:<br \/>\n<em>Der HERR unsre Gerechtigkeit. <\/em><\/p>\n<p>Dieser Name bezeichnet eine Umkehrung. Mit dem verhei\u00dfenen K\u00f6nig kommt die Gerechtigkeit. Aber sie kommt jetzt von Israels Gott selbst. Die Gerechtigkeit, die er vergebens beim Volk und seinen bisherigen K\u00f6nigen gesucht hatte und hatte sie versto\u00dfen wegen ihrer Ungerechtigkeit \u2013 diese Gerechtigkeit kommt bei dem kommenden K\u00f6nig von Gott selbst.<br \/>\n<em>Er <\/em>ist unsre Gerechtigkeit. <em>Das<\/em> geschieht, wenn dieser K\u00f6nig regiert. <em>Dieser<\/em> K\u00f6nig ma\u00dft sich das nicht selbst an. Sondern von sich aus ist <em>Gott<\/em> Bestandteil dieses K\u00f6nigsnamens: Gott ist unsere Gerechtigkeit.<br \/>\nUnd noch etwas kommt dazu: Auch <em>wir<\/em> sind Bestandteil dieses K\u00f6nigsnamens: Gott <em>unsere <\/em>Gerechtigkeit. So kommen Gott und wir hier in diesem Namen zusammen. <em>Gott unsere <\/em>Gerechtigkeit. Er unser Friede. Wir von ihm und bei ihm aufgehoben.<br \/>\nDas ist der Namen, bei dem sie diesen K\u00f6nig rufen werden.<\/p>\n<p>Wir Christen denken bei diesem Namen an den, der gerufen hat: <em>Kommet her zu mir alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid, ich will euch erquicken. <\/em>So rufen wir ihn dann auch: Jehoschua \u2013 Jesus \u2013 der HERR ist Hilfe.<\/p>\n<p>Von ihm hei\u00dft es: <em>Als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.<br \/>\n<\/em>In seinem Namen \u2013 so glauben wir \u2013 umgreift Gottes Verhei\u00dfung an das Volk Israel <em>uns mit.<br \/>\n<\/em>Und als<em> eine <\/em>Gemeinde warten wir Christen mit Israel zusammen auf den, der kommt und kommt uns selbst entgegen im Wort der Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">4.<br \/>\nDer da kommt. In dessen Gesicht, wie wir glauben, Gott sein Gesicht schon unter uns Menschen gezeigt hat. Wie erf\u00fcllt er unsre Sehns\u00fcchte?<br \/>\nNicht erf\u00fcllt er sie als ein M\u00e4rchen- und Wunderk\u00f6nig. So wollten sie Jesus schon damals zu einem K\u00f6nig machen, bei dem sie wunderhaft Brot zu essen bek\u00e4men f\u00fcr alle Zeit. Aber Jesus entzog sich ihnen. Er lief ihnen davon, wie das Johannes-Evangelium erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Er erf\u00fcllt auch nicht die Sehns\u00fcchte nach einem starken Mann, der in Zeiten der Not alles nach dem Ma\u00dfstab seiner Macht in Ordnung bringt. Es sind politische Verf\u00fchrer und Verf\u00fchrte, die nach dem starken Mann rufen.<\/p>\n<p>Jesus ist dieser starke Mann nicht, viel eher der schwache Mensch. Das Schild \u201e<em>K\u00f6nig der Juden<\/em>\u201c h\u00e4ngt \u00fcber seinem <em>Kreuz<\/em>. Da, wo er am schw\u00e4chsten war. Da ist er ist unser Friede. Der K\u00f6nig auf dem Esel. Und in <em>ihm <\/em>Gott unsre Gerechtigkeit. So l\u00e4sst er uns leben.<\/p>\n<p>5.<br \/>\nUnd wir schreien doch: <em>Wo bleibst du Trost der ganzen Welt? <\/em>Die Zeit der Ungerechtigkeit und des Todes zieht sich hin. Wann, HERR, erweckst du den gerechten Spross Davids?<br \/>\nVielleicht hilft uns das Bild zum Verstehen:<br \/>\nBleibt nicht manchmal der Spross lange dunkle Zeit in der Erde und wir sehen keine Spitze, die Leben verr\u00e4t. Und es lebt doch und kommt ans Licht, was Gott sprossen lassen will.<br \/>\nGott will aber in dieser Zeit des Wartens auch uns wachsen lassen. Wie denn? Indem wir uns ausstrecken zu ihm hin. Seinem Kommen entgegen. Indem <em>wir<\/em> beten, schreien nach der Gerechtigkeit und selbst das Gerechte tun. Empfindlicher werden f\u00fcr das, worunter Menschen leiden im gemeinsamen Leben, und aufmerksamer gegen\u00fcber Unrecht und Ungerechtigkeit.<\/p>\n<p><em>Er<\/em> kommt, um Recht und Gerechtigkeit auf unsrer Erde zu schaffen. <em>Wir<\/em> warten. Aber <em>er <\/em>zieht <em>uns<\/em> schon hinein in sein Kommen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Hans Theodor Goebel, K\u00f6ln<br \/>\n<a href=\"mailto:HTheo_Goebel@web.de\">HTheo_Goebel@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>Verwendete Literatur:<br \/>\nGerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments. Bd. II. Die Theologie der prophetischen \u00dcberlieferungen Israels, M\u00fcnchen 1960.<br \/>\nWilhelm Rudolph, Jeremia, Handbuch zum AT, T\u00fcbingen 21958.<br \/>\nArtur Weiser, Das Buch des Propheten Jeremia, ATD, G\u00f6ttingen 41960.<br \/>\nSiegfried Herrmann, (Predigtmeditation) 1. Advent \u2013 29.11.1992, Jeremia 23,5-8, in: GPM 47, 1992, 2-7.<br \/>\nLothar Vosberg, (Predigtmeditation) 1. Advent \u2013 29.11.1998, Jeremia 23,5-8, in: GPM 47, 1998 8-13.<br \/>\nRoland Gradwohl,\u201cGott ist unsere Gerechtigkeit\u201c Jer 23,5-8, in: Ders., Bibelauslegung aus j\u00fcdischen Quellen. Band 1: Die alttestamentlichen Predigttexte des 3. Jahrgangs, Stuttgart 1986, 197-207.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent | 28. November 2004 | Jeremia 23,5-8 | Hans Theodor Goebel | Sieh es kommen Tage \u2013 ist der Spruch des HERRN \u2013 da werde ich dem David einen gerechten Spross erwecken. 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