{"id":10202,"date":"2004-11-07T19:49:15","date_gmt":"2004-11-07T18:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10202"},"modified":"2025-05-12T11:02:37","modified_gmt":"2025-05-12T09:02:37","slug":"matthaeus-21-1-9-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-21-1-9-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 21, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Advent | 28. November 2004 |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">Matth\u00e4us 21, 1-9 |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> Lars Ole Gjesing |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Wieder ist die Adventszeit da. Das zeigen wir mit dem Kranz und den ersten Lichtern und mit einigen der sch\u00f6nsten Liedern des Jahres. Das alles bringt uns die gute alte Adventsstimmung, Stimmungen der Gesch\u00e4ftigkeit und der Erwartung. Wir erleben wieder einmal, wie wichtig es ist, dass es im Laufe eines Jahres Unterschiede zwischen den Zeiten gibt, und wie doch die Stimmungen so recht verschieden sind. Ein Sommertag an einem Nordseestrand kommt uns gerade jetzt unendlich fern vor, und wenn wir auf so einen Tag zur\u00fcckschauen, dann entdecken wir auch, was uns damals vielleicht gar nicht aufgefallen ist, n\u00e4mlich da\u00df auch solch ein Sommertag seine ganz eigene und besondere Stimmung hat.<\/p>\n<p>Wir befinden uns zu jeder Zeit in irgendeiner Stimmung, wir sind nie einfach nur neutral in unserer Laune. Und dass die Stimmungen wechseln, st\u00e4rkt die Energie. Es ist so wichtig, dass es einen Unterschied gibt zwischen Alltag und Fest und zwischen den Festen verschiedener Art. Das schenkt uns n\u00e4mlich einen Reichtum an Stimmungen, die wir im Laufe eines Jahres durchleben. Die Stimmungen liegen immer in unserem Unterbewusstsein, und sie f\u00e4rben und bestimmen die Art und Weise, wie wir die Dinge erleben. Die Erz\u00e4hlung von Jesu Einzug in Jerusalem h\u00f6ren wir immer in der besonderen Stimmung der Erwartung in der Adventszeit, und das passt sehr gut zu der Geschichte, denn im Grunde handelt sie viel mehr von der Zukunft als von der Vergangenheit. Man kann sich ohne weiteres damit zufrieden geben, dass sie ihren Beitrag zur Adventsstimmung leistet, wie das ja auch ein lieber alter Gegenstand der Erinnerung tut oder ein vertrauter Weihnachstsschmuck. Aber das w\u00e4re \u00e4rgerlich, denn die Geschichte hat es verdient, dass man sich tiefergehend mit ihr befasst.<\/p>\n<p>Dieser Eselsritt in die Stadt Jerusalem erweist sich bei n\u00e4herem Hinsehen als eine in allen Einzelheiten genau geplante Handlung. Der Anlass ist speziell: Man hat gro\u00dfe Erwartungen in Jerusalem: Ostern ist nahe mit allem, was Ostern mit sich bringt an Pilgern und Leben und auch Unruhen. Und obendrein hat sich noch das Ger\u00fccht verbreitet, einer, der Heilungen vollbringt, ein Prophet und Aufr\u00fchrer \u2013 oder was immer er sein mag \u2013 sei auf dem Wege von Galil\u00e4a in die Hauptstadt. Die Leute sind v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen, die Beh\u00f6rden sind besorgt \u00fcber die Unruhe, und die Besatzungsmacht ist auf der Hut gegen\u00fcber allen Anzeichen von Aufruhr.<\/p>\n<p>In dieser aufgeregten Situation macht Jesus sich daran, ein kleines symbolisches St\u00fcck Stra\u00dfentheater f\u00fcr die Versammlung aufzuf\u00fchren. Er belebt die erprobte Technik von neuem, die die alten Propheten entwickelt haben: Er setzt seine Botschaft in Szene, so da\u00df die Leute einbezogen werden und gezwungen sind, Farbe zu bekennen. Hesekiel hatte seinerzeit genauso gehandelt. Er hatte sich mitten in Jerusalem niedergelegt und war dann 390 Tage lang auf derselben Seite liegen geblieben \u2013 einen Tag f\u00fcr jedes Jahr, in dem Israel seinen Gott verlassen hatte. Jeremias war mit einem gewaltigen Joch auf dem Nacken durch die Stadt gezogen, um das Volk zu warnen, dass Nebukadnezars babylonische Unterdr\u00fcckung das ungehorsame Volk treffen w\u00fcrde, und Hosea hatte sich mit einer Hure verheiratet und Hurenkinder mit ihr gezeugt, um die Untreue des Volkes dem Herrn gegen\u00fcber zu demonstrieren.<\/p>\n<p>Es ist eben diese Tradition der schlagkr\u00e4ftigen Veranschaulichung, die Jesus heute wieder aufnimmt. Er kennt die Erwartung, dass er als ein Anf\u00fchrer des Aufruhrs kommen soll, als ein Messiask\u00f6nig vom Schlage K\u00f6nig Davids, der die R\u00f6mer aus der Stadt werfen und Israels Selbst\u00e4ndigkeit und Gr\u00f6\u00dfe wiederherstellen soll, so wie es in den guten alten Zeiten war. Mit k\u00f6niglicher Autorit\u00e4t fordert er ein Reittier an, als ginge es um Mobilisierung, und auf diese Weise tr\u00e4gt er gewisserma\u00dfen bei zu der Stimmung von k\u00f6niglicher Hoheit. Im \u00fcbrigen aber widerspricht sein Einzug den Erwartungen so radikal, wie es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist: er ist unbewaffnet, begleitet von einer bunten Schar armer Leute, daraunter auch Frauen, und er reitet auf einem Esel als Ausdruck gr\u00f6\u00dfter Friedfertigkeit.<\/p>\n<p>Aber die Leute sind so in ihren eigenen W\u00fcnschen befangen, dass sie den Widerspruch gar nicht sehen. Sie huldigen ihm mit Zweigen und Kleidern auf den Stra\u00dfen und den alten k\u00f6niglichen Huldigungsges\u00e4ngen: \u201eGesegnet sei der, der kommt im Namen des Herrn. Sei gegr\u00fc\u00dft, Sohn Davids!\u201c Sie spielen mit an dem Theater Jesu auf j\u00e4mmerlichste Art und Weise. J\u00e4mmerlich, weil sie so befangen sind in dem Machtdenken, dass sie einfach nicht sehen k\u00f6nnen, das Neue nicht sehen k\u00f6nnen, das sich vor ihren eigenen Augen entfaltet. Sie werden durch dieses Theater entlarvt, so wie die alten Propheten es liebten, Menschen zu entlarven. Dieses Volk kennt nur die Macht als Antwort. Sie verm\u00f6gen nicht ihren Gott mit anderem zu verbinden als mit Herrschaft und Gewalt, mit Kraftentfaltung und mit Unterwerfung von Feinden auf denkbar primitive Weise. Deshalb glauben sie, sie s\u00e4hen einen machtvollen Aufr\u00fchrer an der Spitze seines Befreiungsheeres, w\u00e4hrend sie doch in Wirklichkeit eine v\u00f6llig machtlose Person sehen, jemanden, der sich wenige Tage sp\u00e4ter als Opfer eines gemeinsamen Justizmordes durch Beh\u00f6rden und Besatzungsmacht fallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dies ist eine Geschichte mit grotesker Ironie, weil das Volk dem Gegenteil von dem, wof\u00fcr es eintritt, huldigt. Und eben dadurch geschieht es, dass sie nach dem Plan Jesu dem huldigen, was in Wirklichkeit Huldigung verdient und worauf und wor\u00fcber man sich in Wirklichkeit freuen kann, n\u00e4mlich dass Gott Vater die Spiralen der Gewalt durchbrochen hat, dass er gekommen ist, um seinen Leib Gewalt aufsaugen zu lassen, so dass diese Gewalt aus dem Umlauf genommen wird und aufh\u00f6rt, sich wie Ringe im Wasser auszubreiten. Mit seinem entlarvenden Theater schafft er eine Szene, die besagt, dass der, von dem sie gehofft hatten, er w\u00fcrde Gewalt \u00fcben, in Wirklichkeit Vollmacht hatte, weitaus mehr zu tun, als die Leute zu glauben und zu hoffen gewagt hatten, n\u00e4mlich anzufangen, die Gewalt zu stoppen.<\/p>\n<p>Das ist die Liebesbotschaft von der Bergpredigt, die hier in ihrer \u00e4u\u00dfersten Konsequenz ans Licht kommt. Die Liebe ist unvereinbar mit jeglicher Form von Gewalt und Zwang. Sie mu\u00df immer auf die Anwendung von Gewalt verzichten. Dennoch ist die Liebe Macht Gottes. Diese ganze Verk\u00fcndigung steht in scharfen Konturen gezeichnet und in Szene gesetzt in den Stra\u00dfen Jerusalems am 1. Sonntag im Advent. Wir haben immer noch zugute, dass dies auf der gro\u00dfen Weltszene aufgef\u00fchrt wird; denn es ist ja noch so, dass Gewalt und Macht in dieser Welt herrschen. Aber mit Erz\u00e4hlungen wie dieser ist die Gewalt entlarvt, wir brauchen nicht mehr an sie zu glauben, wir k\u00f6nnen uns darauf verlassen, dass sie nur ein falscher Herrscher ist, der letzten Endes eben nicht alle Macht im Himmel und auf Erden besitzt. Deshalb hoffen wir darauf und erwarten, dass das, was damal eine kleine Theaterszene war, eines Tages die Wirklichkeit der ganzen Erde und aller Wesen sein wird.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrer Lars Ole Gjesing<br \/>\nS\u00f8ndergade 43<br \/>\nDK-5970 \u00c6resk\u00f8bing<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 62 52 11 72<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:logj@km.dk\">logj@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzt aus dem D\u00e4nischen von Dietrich Harbsmeier <\/strong><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent | 28. November 2004 |\u00a0Matth\u00e4us 21, 1-9 | Lars Ole Gjesing | Wieder ist die Adventszeit da. Das zeigen wir mit dem Kranz und den ersten Lichtern und mit einigen der sch\u00f6nsten Liedern des Jahres. Das alles bringt uns die gute alte Adventsstimmung, Stimmungen der Gesch\u00e4ftigkeit und der Erwartung. Wir erleben wieder einmal, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7830,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,605,1,727,157,853,114,274,349,1187,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10202","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-1-advent","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-21-chapter-21-matthaeus","category-kasus","category-lars-ole-gjesing","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10202"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23927,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10202\/revisions\/23927"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7830"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10202"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10202"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10202"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10202"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}