{"id":10206,"date":"2004-12-07T19:49:28","date_gmt":"2004-12-07T18:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10206"},"modified":"2025-05-12T11:11:13","modified_gmt":"2025-05-12T09:11:13","slug":"lukas-2128","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2128\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 24,1\u201314"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\">2. Advent | 5. Dezember 2004 | Mt 24,1\u201314 | Doris Wild |<\/h3>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Warten Sie eigentlich gerne? Wenn man dieser Tage auf den Bus oder die S-Bahn wartet, dann ist es oft kalt, man tritt von einem Bein auf das andere und ist eher ungeduldig, sehnt sich nach W\u00e4rme und einem Sitzplatz. Dieses Warten hat oft mit dem Gef\u00fchl zu tun, seine Zeit zu vergeuden. Oder denken Sie an das Warten an einer Ampel oder im Stau. Die Zeit scheint vertan.<\/p>\n<p>Ich denke an einen Mann, der jeden Tag mit dem Fernglas am Fenster steht, um zu sehen, was und ob etwas auf der Stra\u00dfe passiert. Und wenn etwas passiert, m\u00f6chte er es gleich als erster wissen. Mancher braucht eine feste Form, wie er warten kann.<\/p>\n<p>Der Bauer aus der Epistellesung des heutigen Sonntags definiert seine Zeit als Wartezeit zwischen Saat und Ernte, zwischen Fr\u00fch- und Sp\u00e4tregen. Er wei\u00df, dass sein Warten eingebunden ist in den Jahreskreis der Natur. Er kann ihn nicht beeinflussen, seine Saat w\u00e4chst nicht aufgrund seines Einflusses schneller oder langsamer. So bleibt ihm nichts anderes als geduldig zu warten.<\/p>\n<p>Jeder gestaltet seine Wartezeit anders.<\/p>\n<p>Es gibt auch Menschen, die merken vielleicht nicht, dass sie warten, wie z.B. die Prophetin Hanna aus der Bibel. Ein Leben lang hat sie am Jerusalemer Tempel gearbeitet. Sie diente Gott mit Fasten und Beten, Tag und Nacht. Obwohl sie schon sehr alt war, war sie immer noch r\u00fcstig und konnte ihren t\u00e4glichen Weg zum Tempel gehen. Sie erledigte ihre viele Arbeit ohne Klagen. Aber ob sie wartete?<\/p>\n<p>Dann gab es eines Tages einen Aufruhr im Tempel und als sie hinzutrat, sah sie, wie ein Mann namens Simon ein kleines Kind in H\u00e4nden hielt und mit ihm redete. Seine Augen strahlten, sein Herz h\u00fcpfte vor Freude. Hannah lauschte auf die Worte, die er sprach. Es waren besondere Worte. Sie verstand. Vielmehr noch: Da erst sp\u00fcrte sie, dass sie \u00fcberhaupt gewartet hatte. Auf dieses Kind hatte sie gewartet, ein Leben lang bei all ihrer Arbeit hatte sie gewartet. Nun haben ihre Augen den Heiland gesehen. Das Warten hatte ein Ende. \u201eWer aber wartet bis ans Ende, der wird selig werden\u201c. So sagt es Jesus sp\u00e4ter zu seinen J\u00fcngern. Dieser Satz von Jesus steht im Predigttext f\u00fcr den heutigen Sonntag. Ich lese aus dem Matth\u00e4usevangelium, Kapitel 24:<\/p>\n<p><strong> Predigttext<\/strong><\/p>\n<p>Man wartet ungern einfach so ins Blaue hinein. Jedes Warten braucht ein Ende, bzw. ein Ziel<strong>. <\/strong>Nach diesem Ende fragen die J\u00fcnger. <em>Was wird das f\u00fcr ein Zeichen sein, wenn du kommst? <\/em><\/p>\n<p>Jesus gibt seinen J\u00fcngern keine direkte Antwort. Er sagt nur:<em> \u201eWer aber wartet bis ans Ende, der wird selig werden\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Jesus best\u00e4tigt lediglich, dass die J\u00fcnger, ja dass wir warten m\u00fcssen. Er best\u00e4tigt die <strong>Sehnsucht<\/strong>, dass noch etwas aussteht, unerf\u00fcllt ist. Auch wenn das bisherige Leben mit Arbeit, durchaus mit sinnvoller oder erf\u00fcllender Arbeit, gef\u00fcllt ist, kann noch etwas unerf\u00fcllt bleiben in uns. Es bleibt ein leerer Platz im Herzen der Welt, ja in meinem Herzen. Und dieser Platz wartet darauf, dass er besetzt wird.<\/p>\n<p>\u201eWird der Platz an Weihnachten gef\u00fcllt? Erf\u00fcllt sich meine Sehnsucht in diesem Jahr? Werde ich etwas von der versprochenen Erl\u00f6sung sp\u00fcren, direkt in meinem Leben, in der Familie, wird mir jemand meine Last abnehmen? Wird der Streit f\u00fcr kurze Zeit verstum-men, der Tisch im Festzimmer umrandet sein von W\u00e4rme und Geborgenheit? Werden alle dasein?\u201c So die hoffnungsvollen Fragen im Advent, so die <em>Er<\/em>wartung von vielen.<\/p>\n<p>Die Wartezeit von der Jesus spricht ist aber eine andere als die Adventszeit, die wir gerade begehen. Die J\u00fcnger fragen nicht, wann Jesus kommt, sondern wann er am Ende der Zeit kommen wird. Es ist die Frage nach einem <strong>andern Advent<\/strong>, nach einem anderen Ziel als Weihnachten. Nicht von der Ankunft, sondern von der Wiederkunft Christi redet der heutige Predigttext. Dieser andere Advent, von dem im Mt.Ev. berichtet wird, ist viel universaler gedacht, viel weiter; es ist der Advent am Ende der Zeit. Dann wenn alle Weihnachten gefeiert sind, dann wenn sich Himmel und Erde ein zweites Mal k\u00fcssen, nur dass sich dann der Himmel nicht zur Erde neigen wird, sondern die Erde sich voller Sehnsucht zum Himmel strecken wird.<\/p>\n<p>Jesus weicht der Frage nach dem Ende der Welt aus. Damit gibt er zu verstehen, dass es nicht um das Wann seines Kommens geht. Die Frage m\u00fcsste demnach anders lauten: Wie kann man in der Zwischenzeit angemessen warten? Und: Was k\u00f6nnte mich in dieser Zeit alles <em>er<\/em>warten?<\/p>\n<p>Der Wochenspruch ermutigt: \u201e<em>Seht auf und erhebt eure H\u00e4upter, weil sich eure Erl\u00f6sung naht!\u201c<\/em> Das ist eine gute Art des Wartens. Nicht den Kopf h\u00e4ngen lassen oder gar in den Sand stecken, sondern aufsehen, den Durchblick bewahren. Im Predigttext hei\u00dft es, dass falsche Propheten den Durchblick verschleiern k\u00f6nnten. Sie lenken vom Blick auf die kleinen Schritte hin zur Erl\u00f6sung ab. Wer den Kopf hebt, kann auch um sich sehen, sieht den anderen. Und wer den Kopf bewegt, kann auch in eine andere Richtung blicken, einen neuen Weg einschlagen, umkehren. Klassischerweise war die Adventszeit ja eine Zeit der Bu\u00dfe und Umkehr.<\/p>\n<p>Die zweite Frage: Was mich erwartet auf dem Weg zum Ende, auf dem Weg zur Erl\u00f6sung? Eigentlich nichts anderes als sonst auch. Alles bleibt so wie immer, z.T. schlimm wie immer. Die Horrorszenarien, die bei Matth\u00e4us beschrieben werden, sind nicht (!) die Zeichen des kommenden Endes. Nach dem Motto: Je schlimmer alles ist, desto n\u00e4her r\u00fcckt das Ende. Nein, sie nehmen nur die \u00c4ngste auf, die sowieso vorhanden sind \u2013 damals wie heute: Angst vor Bombe und Krieg, vor Erdbeben, Wirbelst\u00fcrmen und Hochwasser, vor Verrat, Mobbing und Lieblosigkeit. Sie sind nicht Zeichen des Endes, sie sind nur ebenso real wie angsteinfl\u00f6ssend. Sie wollen beim Namen genannt sein. Das Leid braucht einen Namen, damit es nicht unterschwellig weggedr\u00e4ngt oder mit Lichterglanz und moderner Adventsgesch\u00e4ftigkeit \u00fcberdeckt wird. Nicht Augen zu, sondern Augen auf: <em>Seht zu und erschreckt nicht<\/em> \u2013 Trotz allem Schrecken lasst nicht davon ab, die Hoffnungsschimmer in dieser Welt zu entdecken. (Momentan laufen im sowohl auf einem Radiosender als auch in einer Tageszeitung, wohl unabh\u00e4ngig voneinander, Reportagen, die davon berichten, was es derzeit an guten Entwicklungen und guten Seiten in Deutschland gibt. N\u00fcrnberger Bratw\u00fcrste sind so gut wie keine anderen, eine boomende Stadt im Osten Deutschlands, usw&#8230; Daraus spricht ein gro\u00dfes, demonstratives \u201eTrotzdem\u201c ohne das Schlechte dabei zu verschleiern).<\/p>\n<p><em>Seht auf<\/em><em> und schaut auf<\/em> Hoffnungsschimmer und Erl\u00f6sungsfunken. Dann kann man am Lichterglanz trotz allem Dunklen in dieser Welt Gefallen finden, dann kann man den s\u00fc\u00dfen Geschmack der Pl\u00e4tzchen trotz allem genie\u00dfen, dann kann man sich \u00fcber Geschenke trotz allem freuen. Es geht nicht darum, die Weihnachtsvorfreuden nun mit Leid und Horrorszenarien zu \u00fcberdecken. Dann h\u00e4tte die Freude keinen Namen und keine Zeichen mehr.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, nun habe ich insgeheim auch von diesem Advent, dieser Wartezeit gesprochen. Denn diese Adventszeit ist wie ein Vorgeschmack auf die endg\u00fcltige Wiederkunft Christi. Immer wieder finden sich Hoffnungsschimmer in dieser Welt und etwas, was sich zum Guten wendet, etwas, das im Kleinen Erl\u00f6sung bewirkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich diese jetzige Wartezeit jedoch berechnen l\u00e4sst mit Hilfe der zunehmenden Zahl der Kerzen am Adventskranz und den T\u00fcrchen, die man am Adventskalender \u00f6ffnen kann, l\u00e4sst sich der endg\u00fcltige Advent Gottes nicht berechnen. Er liegt allein in seiner Hand. Das ist sehr entlastend. Daf\u00fcr brauchen wir nicht so viel Vorbereitung, es sei denn das angemessene Warten. Aber kein Stress wie in der jetzigen Adventszeit!<\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnen wir uns als adventliche Gemeinde geduldig wie der Bauer und ohne Aufhebens wie die Prophetin Hannah in Warteposition bringen und dabei den Kopf hoch und die Augen offen halten.<\/p>\n<p>Die adventliche Gemeinde kann trotz allem Schrecken weiter hoffen, weiter mit einem Fernrohr Ausschau halten und die Augen nicht vor dem verschlie\u00dfen, was in dieser Welt passiert \u2013 so wie der Mann am Fenster. Die adventliche Gemeinde kann wie die Prophetin Hannah weiter ihre Wege gehen und die Herzenst\u00fcr ge\u00f6ffnet halten f\u00fcr den, der da noch kommt alle Jahre wieder und doch erst am Ende.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen allen ein fr\u00f6hliches Warten! AMEN<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Doris Wild<br \/>\nc\/o <a href=\"mailto:andreas.wild@welchem.com\">andreas.wild@welchem.com<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Advent | 5. 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