{"id":10215,"date":"2004-12-07T19:49:14","date_gmt":"2004-12-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10215"},"modified":"2025-05-12T11:33:08","modified_gmt":"2025-05-12T09:33:08","slug":"matthaeus-11-2-10-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-11-2-10-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11, 2-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Advent | 12. Dezember 2004 |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">Matth\u00e4us 11, 2-10 | Niels Henrik Arendt |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Es gibt zwei Arten des Zweifels. Es gibt den eher vernunftbestimmten Zweifel, ob denn nun auch alles, was die Bibel erz\u00e4hlt, wahr sein k\u00f6nne, ob das alles z.B. mit der Wissenschaft vereinbar sei. Die Grundfrage dieser Art des Zweifels lautet: Ist es \u00fcberhaupt so wichtig oder notwendig mit Gott? Das ist der Zweifel desjenigen Menschen, der glaubt, Gottes nicht so sehr zu bed\u00fcrfen. Diese Form des Zweifels erlaubt sich gelegentlich auch, in ihrer Argumentation oberfl\u00e4chlich zu sein, weil die Fragen keine Unkosten verursachen, weil sie nicht wirklich dem Leben gelten. In der Bibel gibt es im Gro\u00dfen und Ganzen keine Beispiele f\u00fcr diese Form dieses Zweifels. Ja, es ist \u00fcberhaupt die Frage, ob sie nicht eigentlich vor allem ein modernes \u2013 und heute verbreitetes \u2013 Ph\u00e4nomen sei. Die Bibel fasst sich in ihrer Antwort auf <em>diese<\/em> Art des Zweifels in K\u00fcrze: \u201eDer Tor sagt in seinem Herzen: es gibt keinen Gott\u201c, hei\u00dft es in einem der Psalmen. Mag das auch unser Selbstgef\u00fchl kr\u00e4nken, die Bibel verwendet nicht allzu gro\u00dfe M\u00fche auf diesen Zweifel.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch eine andere Form des Zweifels. Des Zweifels, der einen Menschen in seiner Not packen kann. Wo es bei der Antwort um alles geht; denn wenn Gott nicht ist oder einen nicht gesehen hat, dann ist man verloren. Wenn das eigene Kind krank geworden oder in Gefahr geraten ist. Oder wenn man einen geliebten Menschen verloren hat und f\u00fchlt, dass alles verloren ist. Oder wenn man einer Aufgabe gegen\u00fcbersteht, der man ganz und gar nicht gewachsen ist. Oder wenn man wei\u00df, dass man versagt hat und Hilfe n\u00f6tig hat, um weiter leben zu k\u00f6nnen. Diese Form des Zweifels kennen sowohl das Alte als auch das Neue Testament. \u201eAus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr, warum hast du mich vergessen \u2013 Tr\u00e4nen sind mein Brot, wenn sie mich den ganzen Tag lang fragen: Wo ist dein Gott?\u201c Im heutigen Text begegnen wir diesem verzweifelten Zweifel in der Gestalt Johannes des T\u00e4ufers, des Mannes, der m\u00fcndig Jesus als den kommenden Erl\u00f6ser verk\u00fcndet hatte: \u201eSiehe, das ist das Lamm Gottes\u201c, hatte er gesagt, \u201eder, der nach mir kommt, ist m\u00e4chtiger als ich. Ich h\u00e4tte von dir getauft werden sollen, und nicht umgekehrt.\u201c Aber jetzt schickt er zwei seiner J\u00fcnger zu Jesus: \u201e<em>Bist<\/em> du wirklich der, der kommen soll?\u201c Denn jetzt steht er nicht mehr am Ufer des Jordan, jetzt sitzt er in der Festung Mak\u00e4rus \u00f6stlich vom Toten Meer als Gefangener des Herodes Antipas, und er wei\u00df, dass er nicht lebendig von hier wegkommen kann. \u201eWar es die Wahrheit, was ich verk\u00fcndet habe?\u201c, fragt er. Denn in dem Falle ist es wohl auch sinnvoll, hier zu sitzen, gefangen und gedem\u00fctigt von Schurken. In dem Fall ist das Leben nicht so schwer, der Tod auch nicht. Mit der Aussicht auf den Tod ist all seine Sicherheit pl\u00f6tzlich von ihm geglitten. Zwischen Zweifel und Verzweiflung ist oft nur eine Haaresbreite.<\/p>\n<p>Jesus schickte die Sendboten zur\u00fcck mit der Antwort, sie sollten Johannes sagen, was sie geh\u00f6rt und gesehen h\u00e4tten, dass Kranke gesund w\u00fcrden, Tote auferst\u00fcnden und arme Leute frohe Botschaft h\u00f6rten. Eine merkw\u00fcrdig schiefe Antwort, denn das war es ja wohl nicht, wonach der T\u00e4ufer gefragt hatte. Er hatte gefragt, ob er selbst Recht gehabt habe. Warum bekam er kein klares Ja oder Nein? (\u00dcbrigens war dies nicht das einzige Mal, dass Jesus es entweder ablehnte, auf die anspruchsvollen Fragen der Leute zu antworten, oder aber eine schiefe Antwort gab.)<\/p>\n<p>Eine Antwort erhielt der T\u00e4ufer allerdings: \u201eGehet hin und sagt Johannes, war ihr h\u00f6rt und seht: Blinde sehen, und Lahme gehen, Auss\u00e4tzige werden rein, und Taube h\u00f6ren\u201c. Das alles habe ich geh\u00f6rt, hat Johannes vielleicht gesagt. Aber in der Antwort Jesu liegt bereits die Antwort auch auf diesen Einwand: es gibt nichts anderes zu h\u00f6ren oder zu sagen. Wenn du fragst, wer ich bin, dann gibt es nur diese eine Antwort.<\/p>\n<p>Der T\u00e4ufer will mehr als das, was er er sowieso wei\u00df, er will etwas, das seinen Glauben sichern kann. Aber Jesus antwortet mit dem Hinweis auf das, was schon zu sehen ist. Mehr bekommt der T\u00e4ufer nicht \u2013 mehr ist nicht zu bekommen. Aber es ist auch genug. Wenn Jesus auf diese Weise antwortet, geschieht das nicht, um sich zu dr\u00fccken, sondern um zu sagen: du hast schon, worum du bittest. Was du geh\u00f6rt und gesehen hast und andere erz\u00e4hlt haben, ist genug, ist reichlich, um zu glauben.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Menschen, der heute vom Zweifel gepackt wird, von echtem Zweifel, dem Zweifel, der in Mark und Bein geht und der vielleicht nicht einmal so sehr ein Zweifel daran ist, ob Gott <em>ist<\/em>, als vielmehr ein Zweifel, ob ich von ihm gesehen bin, und wenn das so ist, warum dann keine Ver\u00e4nderung sp\u00fcrbar ist \u2013 f\u00fcr den Menschen hat das Christentum nicht etwa irgendeinen Trumph, der ein f\u00fcr allemal die Zweifelsfragen zur Seite sch\u00f6be. Nein, es hat im Grunde nur dieselbe Antwort, die die Sendboten dem Johannes bringen. Das Christentum hat den Bericht \u00fcber ihn, der umherwanderte und Wohltaten verrichtete und verk\u00fcndete, dass Gott den Menschen nahegekommen war. Mit Behutsamkeit gegen\u00fcber dem zweifelnden oder verzweifelnden Menschen, vielleicht sogar mit einem Gef\u00fchl von Armseligkeitt, ist dies die einzige Antwort der Kirche, ihr einziges Angebot, das sie dem gefangenen, zweifelnden, gebrochenen Menschen geben kann.<\/p>\n<p>Warum kommt Jesus nicht mit st\u00e4rkeren, deutlicheren Zeichen oder Worten? Ich glaube, weil das nichts gen\u00fctzt h\u00e4tte. Im \u201eK\u00f6nig Lear\u201c erz\u00e4hlt Shakespeare von dem K\u00f6nig, der auf die Krone verzichten und sein Reich unter seine drei T\u00f6chter aufteilen will, wenn sie ihm ihre Liebe erkl\u00e4rt haben. Die beiden \u00e4ltesten nehmen die allergr\u00f6\u00dften Worte in den Mund, um von ihrer Liebe zum Vater zu \u00fcberzeugen. Als aber Cornelia, die j\u00fcngste, der Liebling des Vaters, von der er etwas noch St\u00e4rkeres erwartet, an die Reihe kommt, da will sie nichts sagen, nicht auf neue und noch intensivere Zeichen der Liebe hinweisen. Sie verweist ihn auf die Zeichen der Hingabe, die ihrer t\u00e4glichen Gemeinschaft entspringen, auf all das, was vielleicht nicht so fein klingen mag. \u201eMein Herr, du hast mich gezeugt, aufgezogen und geliebt, ich vergelte es, wie es sich geziemt, ich gehorche, ehre dich und liebe dich.\u201c Aber der K\u00f6nig ist zornig auf sie, er will sie zu st\u00e4rkeren Zeichen und gr\u00f6\u00dferen Worten f\u00fcr ihre Hingabe zwingen. Und da sie dazu nicht bereit ist, verst\u00f6\u00dft er sie. Damit beginnt sein Sturz, und erst als er v\u00f6llig am Boden liegt, kann er sehen, da\u00df ihre Liebe die wahre gewesen ist. Aber da ist sie gestorben.<\/p>\n<p>So ist das Wesen der Liebe: die Zeichen k\u00f6nnen nicht unaufh\u00f6rlich \u00fcberboten werden. Sie sind da f\u00fcr den, der sie sehen will. F\u00fcr den, der das nicht will, k\u00f6nnen noch so viele Zeichen oder Worte nichts n\u00fctzen. So ist es auch mit dem Evangelium. Wir erhalten keine anderen Zeichen, an die wir uns halten k\u00f6nnten, als die Erz\u00e4hlungen \u00fcber ihn, der Kranke heilte, Tote auferweckte und den Armen das Evangelium verk\u00fcndete. Aber zu den zweifelnden oder verzweifelten Menschen sagt das Christentum: h\u00f6re es, und lass es dir genug sein. In dieser Antwort liegt eine Enth\u00fcllung \u2013 und eine Gnade, wie das f\u00fcr den T\u00e4ufer der Fall war. Sie enth\u00e4lt eine Enth\u00fcllung unseres Unglaubens. Aber zugleich auch Vergebung unseres Unglaubens. Das, wovon du glaubtest, es sei nicht genug f\u00fcr dich, das kannst du hier noch einmal h\u00f6ren. Jesus wurde nicht m\u00fcde angesichts der zahllosen Zweifler, die er um sich hatte, auch nicht angesichts des T\u00e4ufers, der vielleicht zu allerletzt zweifeln sollte. Ist der T\u00e4ufer in Zweifel geraten, sagt er zu den Sendboten, so lasst ihn noch einmal wissen, dass Auss\u00e4tzige rein werden, Blinde sehen und das Evangelium den Armen verk\u00fcndet wird. Auch dem zweifelnden T\u00e4ufer wird das Evangelium verk\u00fcndet. Auch f\u00fcr den, der in seinem Innersten von bohrenden Fragen beunruhigt wird, ist die gute Erz\u00e4hlung da. Auch er darf sie h\u00f6ren in all seiner Armut, all seinem Zweifel und all seiner Skepsis.<\/p>\n<p>Bist du der, der kommen wird, lautete die Frage des Unglaubens und des Zweifels. Wir erhalten keine Antwort, mit der wir uns selbst und unser Selbstvertrauen st\u00fctzen und st\u00e4rken k\u00f6nnten. Wir erhalten keine Antwort, die uns Oberwasser gibt gegen\u00fcber denen, die uns dem\u00fctigen. Eine Antwort bekommen wir jedoch: Selig sind die Armen, die, die es nicht lassen k\u00f6nnen zu fragen, die es nicht lassen k\u00f6nnen zu zweifeln. Das Evangelium wird dir verk\u00fcndet. Jesus ist der, der zu dir kommt, wenn du in deinem Zweifel und in deinem Schmerz von ihm h\u00f6rst. Das Wort sollst du wieder und wieder h\u00f6ren. Dann musst du dich daran halten, dass genau dies n\u00f6tig ist. Das ist alles, was du bekommen kannst. Das ist auch alles, was du brauchst. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\n+45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><em> \u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier<\/em><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Advent | 12. Dezember 2004 |\u00a0Matth\u00e4us 11, 2-10 | Niels Henrik Arendt | Es gibt zwei Arten des Zweifels. Es gibt den eher vernunftbestimmten Zweifel, ob denn nun auch alles, was die Bibel erz\u00e4hlt, wahr sein k\u00f6nne, ob das alles z.B. mit der Wissenschaft vereinbar sei. 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