{"id":10225,"date":"2004-12-07T19:49:21","date_gmt":"2004-12-07T18:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10225"},"modified":"2025-05-12T13:29:24","modified_gmt":"2025-05-12T11:29:24","slug":"lukas-126-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-126-38\/","title":{"rendered":"Lukas 1,26-38"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">4. Advent | 19. Dezember 2004 |\u00a0<\/span><span style=\"color: #000099;\">Lukas 1,26-38 | Robert Schelander |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nReligionsunterricht im Gymnasium. Die siebzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fcler diskutieren aufgeregt. Die Freundin einer Klassenkameradin hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist. \u201eUngewollt\u201c wie sie sagt. Die Sch\u00fcler berichten: Sie hat Probleme. Probleme mit ihrem Freund, von dem sie sich eigentlich vor einem Monat getrennt hat. Sie ist schwanger mit siebzehn!? Sie besucht doch noch die Schule. Wie soll das gehen? Wie w\u00fcrden die Eltern reagieren? Was soll sie tun?<br \/>\nDie Sch\u00fcler reagieren betroffen. Sie diskutieren dar\u00fcber, was sie tun w\u00fcrden, wenn sie in einer solchen Situation w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ein Ehepaar erz\u00e4hlt von den Tagen des langen Wartens auf den Schwangerschaftstest. Auf den Moment, wo der Teststreifen alles entscheidet. Die Frau versucht sich durch Aktivit\u00e4ten abzulenken. \u201eDamit sie nicht verr\u00fcckt wird\u201c wie sie sagt.<br \/>\nJahrelang lang haben sie sich ein Kind gew\u00fcnscht. Alles vorbereitet, alles geplant und ihr Leben nach dem ersehnten Kind ausgerichtet. Dann das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung: auf nat\u00fcrliche Weise w\u00fcrden sie nie schwanger werden.<br \/>\nSie haben Alternativen \u00fcberlegt und auch probiert. Und sich schlie\u00dflich f\u00fcr den aufw\u00e4ndigen Weg der k\u00fcnstlichen Befruchtung entschieden. Wohl wissend, dass die Chance schwanger zu werden sehr klein war. Und jetzt das Ergebnis des Tests: \u201eSchwanger\u201c. Sie k\u00f6nnen es kaum glauben.<\/p>\n<p>Zwei Situationen: die siebzehnj\u00e4hrige Sch\u00fclerin und das Ehepaar. Zwei Situationen in die dieselbe Nachricht kommt: Du bekommst ein Kind, du bist schwanger. Die Nachricht l\u00f6st unterschiedliche Reaktionen aus. Verst\u00e4ndlicherweise. Wir k\u00f6nnen jeweils mitf\u00fchlen, \u00c4ngste und Hoffnungen teilen, vermutlich auch manche Verzweiflung erahnen.<br \/>\nZweimal dieselbe Nachricht, es kommt offenbar auf die Situation an, in die sie trifft, um zu verstehen, was sie bedeutet.<\/p>\n<p>Sehen wir uns den Predigttext an. Maria erf\u00e4hrt, dass sie schwanger ist bzw. wird und dass sie ein Kind geb\u00e4ren wird. Der Engel Gottes kommt zu ihr \u201eSiehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn geb\u00e4ren.\u201c<br \/>\nVieles in diesem Text klingt wundersam: die Erscheinung des Engels, die wunderliche Sprache &#8230; schon die Anrede: \u201eSei gegr\u00fc\u00dft, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!\u201c<br \/>\nUnd dann die Ank\u00fcndigung der Geburt ohne Empf\u00e4ngnis \u2013 die Jungfrauengeburt.<br \/>\nAll dieses Wundersame verstellt leicht den Blick auf die reale Situation der Maria. Auf solch wunderbare Weise gemalt, durchzieht diese Szene die Kunstgeschichte. Vermutlich kennen sie ber\u00fchmte Bilder der \u201eVerk\u00fcndigung Marias\u201c.<br \/>\nDabei hat diese Geschichte, die uns hier erz\u00e4hlt wird, Bodenhaftung. Der Evangelist Lukas &#8211; so meine ich zu bemerken \u2013 bem\u00fcht sich alles \u00dcberirdische zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<br \/>\nVersuchen wir genauer hinzuh\u00f6ren, was er uns erz\u00e4hlen will.<br \/>\nMaria ist ein junges M\u00e4dchen von vielleicht 14 Jahren. In welche Situation hinein mag diese Nachricht sie getroffen haben?<br \/>\nVersuchen wir es uns vorzustellen &#8230;<br \/>\nMaria hat nicht mit einer Schwangerschaft gerechnet. Sie war von dieser Nachricht \u00fcberrascht. Wovon mag sie getr\u00e4umt haben? Wie mag sie sich ihr zuk\u00fcnftiges Leben vorgestellt haben?<br \/>\nSie geh\u00f6rt vermutlich nicht zu den \u00c4rmsten in der Stadt \u2013 f\u00fcr unsere heutigen Verh\u00e4ltnisse ist Nazareth ein Dorf \u2013 zu z\u00e4hlen sein. Sie hat angesehene Leute in der Familie, denken wir an Elisabeth und ihren Mann Zacharias, der sogar Priester am Tempel in Jerusalem ist. Sie ist einem gutem Mann versprochen und daher k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass sie f\u00fcr die damaligen Verh\u00e4ltnisse ein einigerma\u00dfen attraktives Leben vor sich hatte. Umgekehrt gedacht: Sie hat auch einiges zu verlieren! Sie hat Ansehen! Ich versuche mir vorzustellen, was Maria wohl durch den Kopf gegangen sein k\u00f6nnte, als sie die Nachricht von der Schwangerschaft und bevorstehenden Geburt erhalten hat.<br \/>\nVielleicht zuerst ungl\u00e4ubiges Verwundern? Wie soll das zugehen &#8230; das h\u00f6ren wir auch in dem Text. Vermutlich aber auch: Angst und Entsetzten, dass sie mit diesem Kind alles verlieren k\u00f6nnte, was sie hat. Einen Mann und eine Zukunft. Sie w\u00fcrde alleine sein mit dem Kind. Sie h\u00e4tte rechtliche Konsequenzen zu bef\u00fcrchten. Ein uneheliches Kind k\u00f6nnte ihr als Ehebruch angelastet werden und Folgen f\u00fcr Leib und Leben haben. Auf alle F\u00e4lle aber muss sie wirtschaftliche und soziale Folgen bef\u00fcrchten: Recht- und schutzlos w\u00e4re sie dem Wohlwollen ihrer Herkunftsfamilie ausgeliefert oder m\u00fcsste auf der Stra\u00dfe ihr Geld erbetteln oder verdienen.<br \/>\n\u00dcberraschenderweise antwortet Maria: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Wie ist das dann zu verstehen?<br \/>\nMaria hatte keine Wahl. Der Engel fragt sie nicht ob sie damit einverstanden sei, sondern er teilt ihr mit, was passieren wird.<br \/>\nAlso k\u00f6nnten wir ihre Antwort als ein F\u00fcgen in das unab\u00e4nderliche Schicksal verstehen. Gl\u00fccklich ist, wer sich in das f\u00fcgt, was nicht zu \u00e4ndern ist.<br \/>\nManche werden eine Bescheidenheit in dieser Antwort der Maria heraush\u00f6ren.<br \/>\nEine Bescheidenheit, wie wir sie manchmal h\u00f6ren, wenn Menschen zu H\u00f6herem berufen werden. Wenn sie gefragt werden, ob sie ein vornehmes Amt annehmen und dann versch\u00e4mt, ob der gro\u00dfen W\u00fcrde, die B\u00fcrde des Amtes herausstreichen und sich scheinbar bescheiden in ihr Los f\u00fcgen. Manche bildlichen Darstellungen der Verk\u00fcndigung Marias scheinen etwas \u00c4hnliches ausdr\u00fccken zu wollen: Maria erf\u00e4hrt, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen darf. Sie ist die Auserw\u00e4hlte unter den Frauen.<br \/>\nOb wir damit die Haltung, mit der Maria diese Botschaft aufnimmt, getroffen haben? Ich meine: Nein! Weder eine falsche Demut noch ein resignierendes halbherziges Ja h\u00f6re ich hier heraus.<br \/>\nWas dann?<br \/>\nUnsere katholischen Schwestern und Br\u00fcder beten unter Aufnahme der Worte der Bibel: Gegr\u00fc\u00dfet seist Du, Maria. Du bist voll der Gnade; der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, &#8230; (&#8222;Gotteslob&#8220;, Nr. 2\/6). Gebenedeit, das hei\u00dft, man spricht gut von ihr, spricht in h\u00f6chsten T\u00f6nen. Den Jugendlichen in der Schule, von denen ich vorhin erz\u00e4hlt habe, k\u00f6nnte man dies vielleicht so \u00fcbersetzen: Maria erf\u00e4hrt, das sie Superstar geworden ist. Gebenedeit ist ihr Name, d.h. jeder kennt ihn. Man spricht von ihr.<br \/>\nWas f\u00fcr ein Widerspruch zwischen dem Gru\u00df und dem Inhalt der Botschaft mag sich da f\u00fcr Maria auftun. \u201eGebenedeit sein\u201c mit einem unehelichen Kind? Sie mag gedacht haben: Wenn das wahr ist, dass ich ein Kind bekomme, dann werden tats\u00e4chlich alle hier in Nazareth von mir reden. Mein Name wird in aller Munde sein, aber als abschreckendes Beispiel der Schande.<br \/>\nOb sich Maria vorstellen konnte was sie erwartet? Ich denke ja. Sie wird Geschichten von Frauen mit uneheliche Kinder geh\u00f6rt haben, man wird sich die tragischen und traurigen Schicksale solcher Frauen erz\u00e4hlt haben. H\u00e4ufig im Bewusstsein: es betrifft nur andere.<\/p>\n<p>Wie kann Maria da sagen: Mir geschehe wie du gesagt hast?<br \/>\nWar es die verhei\u00dfende gro\u00dfe Zukunft des Kindes, die sie einwilligen lie\u00df?<br \/>\nEr wird ein ganz Gro\u00dfer werden, ein K\u00f6nig und sein Reich wird kein Ende haben, so verhei\u00dft es der Engel. Was mag da mehr wiegen: die Angst vor der konkreten Schande oder die Hoffnung auf eine vage Zukunft?<br \/>\n\u201eMir geschehe wie du gesagt hast.\u201c<br \/>\nLiebe Gemeinde, mir ist deutlich: dies ist kein leichtfertig dahingesagter Satz. Im Bewusstsein der m\u00f6glichen Konsequenzen erh\u00e4lt diese Antwort Gewicht. Maria meint: Ich bin bereit, mich auf dieses Leben einzulassen. Meine \u00c4ngste, Sorgen und Bedenken sind nicht weg, aber ich vertraue dir, Gott. Vertraue darauf, dass du auch \u00fcber meinem Leben ein gutes Wort gesprochen hast: Gebenedeit.<br \/>\nEin gl\u00e4ubiges Vertrauen l\u00e4sst sie Ja sagen. Ich nehme dieses, mein Leben, an und damit auch das werdende Leben in mir. Ich vertraue in dieser Entscheidung auf Gott.<br \/>\nSchauen wir zur\u00fcck auf die beiden Geschichten vom Anfang. Die schwangere 17-J\u00e4hrige Sch\u00fclerin und das Ehepaar mit dem unerf\u00fcllten Kinderwunsch. Was k\u00f6nnte gl\u00e4ubiges Vertrauen hier hei\u00dfen? &#8230; und was, wenn der n\u00e4chste Schwangerschaftstest negativ ist? Das bedeutet f\u00fcr die Sch\u00fclerin etwas ganz anderes als f\u00fcr das Ehepaar. Wie w\u00fcrden wir reagieren, wenn wir betroffen w\u00e4ren?<br \/>\nEin Wort des Engels l\u00e4sst mich im Predigttext aufhorchen: Gnade. Der Engel sagt: Maria, du Begnadete und dann: Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Maria kann diese Gnade annehmen, kann erkennen und glauben, dass es da jemanden gibt, der es gut mit ihr und uns allen meint, der \u00fcber dem Leben eines Jeden und einer Jeden mit Liebe waltet. Gottes gn\u00e4diges Wirken umfasst auch ihre Zukunft und die ihres Kindes.<br \/>\nMaria kann darin Vorbild f\u00fcr uns sein.<br \/>\nLiebe Gemeinde!<br \/>\nDas ist es, was ich uns allen w\u00fcnsche, dass wir glauben k\u00f6nnen, dass jemand gute Worte \u00fcber unser Leben gesprochen hat und mit Maria dazu sagen k\u00f6nnen: \u201eMir geschehe, wie du gesagt hast.\u201c<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Robert Schelander<br \/>\nEvangelisch-Theologische Fakult\u00e4t Wien<br \/>\n<a href=\"mailto:robert.schelander@univie.ac.at\">robert.schelander@univie.ac.at<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Advent | 19. Dezember 2004 |\u00a0Lukas 1,26-38 | Robert Schelander | Liebe Gemeinde, Religionsunterricht im Gymnasium. Die siebzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fcler diskutieren aufgeregt. Die Freundin einer Klassenkameradin hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist. \u201eUngewollt\u201c wie sie sagt. 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