{"id":10232,"date":"2004-12-07T19:49:17","date_gmt":"2004-12-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10232"},"modified":"2025-05-12T14:14:50","modified_gmt":"2025-05-12T12:14:50","slug":"2-samuel-7-4-6-11b-14a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-7-4-6-11b-14a\/","title":{"rendered":"2. Samuel 7, 4-6.11b\u201314a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Christnacht | 24. Dezember 2004 |\u00a0<\/span><span style=\"color: #000099;\">2. Samuel 7, 4-6.11b\u201314a | Cornelia Coenen-Marx |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>zu Hause, bei meiner Mutter , h\u00e4ngt im Flur ein Holzherz aus Amerika. Darauf steht in leuchtend roten Buchstaben: \u201e all hearts come home for Christmas\u201c . Zu Weihnachten w\u00fcnschen sich alle Menschen, nach Hause zu kommen. Das kleine Holzherz stammt aus der Zeit , als meine Schwester in Amerika lebte \u2013 und manches Mal eben nicht nach Hause kommen konnte. Weil sie Dienst hatte. Oder weil kurzfristig keine Tickets mehr zu bekommen waren \u2013 jedenfalls keine bezahlbaren. Dann mussten rechtzeitig Stollen und Printen hin\u00fcbergeschickt werden \u00fcber Teich, damit wenigstens ein bisschen deutsche Weihnachten sp\u00fcrbar wurde .<\/p>\n<p>Gestern hat sch ein Reporter der Hannoverschen Allgemeinen auf den Hauptbahnhof gestellt und beobachtet, was es bedeutet, nach Hause zu kommen. Erwachensene Kinder treten die Reise zu ihren Eltern an. Und andere empfangen die alten Eltern zum ersten Mal bei sich selbst. Paare, die an verschiedenen Orten ihrer Berufst\u00e4tigkeit nachgehen, fallen sich endlich in die Arme und freuen sich auf die Zeit miteinander. \u201e Willkommen daheim\u201c steht \u00fcber den Bildern von Familien und Freunden, die einander fr\u00f6hlich in die Arme fallen. Daheim, das ist eben viel mehr als ein Haus oder ein Ort. Die Menschen, die wir lieben, die vertraute Sprache, der Geschmack einer Landschaft. Da werden eben auch Kartoffelsalat, Feldsalat und badische Sch\u00e4ufele in Hannover gekocht. Da werden schlesische Lieder in Bayern gesungen. Und Aachener Printen in Amerika gegessen. Denn gerade Weihnachen wollen unsere Herzen zur\u00fcck nach Hause, in die Kindheit. Eben dahin, wo wir zum ersten Mal Geborgenheit sp\u00fcrten.<\/p>\n<p>\u201e Gott will ein Haus bauen auf der Erde\u201c , hei\u00dft die wichtigste Botschaft heute. Ein Gotteshaus , in dem sein Name h\u00f6rbar wird und angebetet wird. Ein K\u00f6nigshaus, das Gottes Vertriebensein ein Ende hat. Eine Zukunft ohne Blut und Tr\u00e4nen, ohne Krieg und Verzweiflung Es kommt die Zeit, in der die Menschen aus Nord und S\u00fcd, aus Ost und West an einem Tisch sitzen \u2013 in Gottes Haus. Wo die Heimwehtr\u00e4nen abgewischt werden, wo sich Feinde vers\u00f6hnen. Festtagskleider werden angelegt und Loblieder gesungen in Gottes Haus. Dass das kein leeres Versprechen ist, das kann man Weihnachten sp\u00fcren. Auf dem Hauptbahnhof, zu Hause und bei Verwandten und auch hier in der Kirche. Und alle Kinder, die in diesen Wochen ihre T\u00fcrchen am Adventskalender ge\u00f6ffnet haben, haben den Traum wieder weiter getr\u00e4umt: den Traum vom Weihnachtshaus mit leuchtenden Fenstern und offenen T\u00fcren , dessen Leuchten uns von ferne entgegenstrahlt.<\/p>\n<p>Dabei hat die biblische Verhei\u00dfung , von der ich eben gesprochen habe, auf den ersten Blick so gar nichts mit Weihnachten zu tun. Das Haus, von dem hier die Rede ist, ist der neue Tempel in Jerusalem. Gott verspricht K\u00f6nig David, dass die Zeit kommt, in der das Volk Israel endlich Frieden findet. Dass nach den Zeiten der Unterdr\u00fcckung und der Flucht, nach den Zeiten wechselnder Herrschaft eine Zeit der Ruhe kommt. Das Haus Davids, sein K\u00f6nigtum soll Dauer haben \u2013 weit \u00fcber Davids Zeit hinaus. Wenn dieser K\u00f6nig l\u00e4ngst begraben ist, wird einer seiner Nachkommen die Hoffnung Israels erf\u00fcllen. Er wird ein ewiges Reich gr\u00fcnden und Gottes Herrschaft aufrichten. Er wird Gott die Ehre geben \u2013 nicht nur im Tempel, sondern auch im Alltag. Sein Leben wird Lobpreis und Anbetung sein<\/p>\n<p>K\u00f6nig David wird mit Staunen geh\u00f6rt haben, was Nathan, Gottes Prophet ihm sagt. Er wusste ja nur allzu genau, wie gro\u00df der Graben zwischen Glauben und Alltag in seinem eigenen Leben war. Nach au\u00dfen hin war er ein m\u00e4chtiger Herrscher, und einst w\u00fcrde man schreiben, dass Davids K\u00f6nigszeit stabil war , ja, dass er ein Reich des Friedens aufrichtete. Aber in den Stunden der Einsamkeit , in den Beichtgespr\u00e4chen mit Nathan sah er auch die Schattenseiten : Betrug und Tr\u00e4nen, Familiendramen und Mobbing, blutige Kriege und politische Unsicherheiten . Ja, der Mann mit der Harfe konnte auch andere T\u00f6ne anschlagen. Sollte er Gott ein Haus bauen in dieser Welt ?<\/p>\n<p>Und brauchte Gott \u00fcberhaupt ein Haus ? Mitten in der W\u00fcste war Gott seinem Volk erschienen \u2013 nicht im gelobten Land. Unter dem Sternenhimmel hatte Abraham die Verhei\u00dfungen geh\u00f6rt. Am brennenden Dornbusch war Mose niedergekniet. Und seit er am Sinai die Zehn Gebote empfangen hatte, stand die Bundeslade mit den Geboten in einem Zelt. Der Gott Israels war ein Gott unterwegs \u2013 in der Einsamkeit der Berggipfel, in den kalten Der war doch eigentlich ein Wanderprediger, ein Mann der Stra\u00dfe. Hoch W\u00fcstenn\u00e4chten hatten Menschen seine Stimme vernommen. Wer wollte ihn einsperren in einen Tempel, in einen Dom ?<\/p>\n<p>David sehnt sich nach einem Ort der Anbetung. Nach einem Platz, wo sein Herz Ruhe findet in Gott. Und doch zweifelt er. Und ich kann diesen Zweifel gut verstehen. Ich denke dabei an Jesus, den wir heute feiern. Er hat den Tempel in Jerusalem geliebt, er mochte es, mit dem Gelehrten dort \u00fcber den Sinn der Verhei\u00dfungen nachzudenken. Und er hasste es, wenn aus dem Gotteshaus ein Markt wurde. Aber er brauchte keinen Dom, um zu predigen. \u00dcber dem See Genezareth sprach er vom Glauben, und mitten im Sturm, auf dem schwankenden Boot. Er h\u00e4tte nicht mal einen Platz, wo er sein Haupt hinlegen k\u00f6nnte , hat er einmal gesagt. Er lud sich ein zu Fremden und Freunden . Wo man gemeinsam am Tisch sa\u00df, da war Gott ganz nah.<\/p>\n<p>Gott schl\u00e4gt sein Haus bei uns auf. Das haben die Menschen erlebt, die Jesus begegnet sind. Mitten in Unsicherheiten und Zweifeln war da pl\u00f6tzlich das Gef\u00fchl, nach Hause zu kommen. Mitten auf der Wanderung des Lebens war da pl\u00f6tzlich die Erfahrung , zur Ruhe zu kommen. Davon erz\u00e4hlt die Weihnachtsgeschichte, die wir so sehr lieben. Da wird der Stall in Bethlehem zu Gottes Haus. In der sternklaren Nacht h\u00f6ren die \u00c4rmsten der Armen, dass ihnen der Retter geboren ist. Und die Magier kommen aus der W\u00fcste, um anzubeten unter dem Stern. Nicht im Tempel von Jerusalem ereignet sich das Weihnachtswunder, sondern in Bethlehem. In der Stadt Davids.<\/p>\n<p>Sind damit die Hoffnungen Davids erf\u00fcllt ? Matth\u00e4us und Lukas, die uns die Weihnachtsgeschichte \u00fcberliefert haben, sagen: Ja. Jesus ist der neue David, der kommende K\u00f6nig, der Sohn Gottes, der der Welt Frieden bringt. Aber einen Tempel hat er nicht gebaut. Und er sa\u00df auf keinem Thron. Er kam ganz anders als erwartet. So anders, dass viele ihn nicht erkannten. Und dass die j\u00fcdische Gemeinde bis heute auf einen anderen wartet.<\/p>\n<p>Ich aber liebe ihn gerade daf\u00fcr. Denn zu Weihnachten, wenn alle Herzen nach Hause kommen, dann denke ich auch an die vielen, die kein Zuhause mehr haben. An die Fl\u00fcchtlinge im Sudan, deren H\u00e4user niedergebrannt wurden. An die Zeltstadt im Erdbebengebiet von Bam, wo die H\u00e4user erst ganz allm\u00e4hlich wieder aufgebaut werden k\u00f6nnen. An Menschen, die alles verloren haben. Ihre Lieben, ihr Zuhause. Gro\u00dfe Versprechungen sind da nicht gefragt. Die gro\u00dfe Politik versagt oft genug. Gefragt sind Menschen, die anderen Mut machen. Darum bin ich so froh, dass Gott von seinem Thron heruntergestiegen ist. Dass Jesus in einer Futterkrippe lag. Dass er fliehen musste mit seinen Eltern. Der heilige Gott bleibt nicht in Davids Stadt. Er ist schon bald wieder unterwegs nach \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Gott ist unterwegs auch zu uns. Das ist ein gro\u00dfer Trost f\u00fcr alle, die kein Zuhause mehr haben. F\u00fcr alle, die sich zu Weihnachten allein gelassen f\u00fchlen. Man kann sehr einsam sein in einem festen Haus. Aber Gott klopft an unsere T\u00fcr und will unser Gast sein. Er stellt keine Anspr\u00fcche. Eine Futterkrippe gen\u00fcgt. Aber wo er zur Welt kommt, breitet sich Frieden aus. Da k\u00f6nnen Menschen zur Ruhe finden und aufatmen. Da ist jeder willkommen, vom Hirten bis zum K\u00f6nig.<\/p>\n<p>So wird die alte Verhei\u00dfung erf\u00fcllt. Und ich glaube, sie kann sich auch f\u00fcr uns erf\u00fcllen. Hier in dieser Kirche. \u201e Willkommen daheim\u201c ! Viel mehr noch als wir uns freuen, wenn wir an diesen Festtagen als Familien zusammen kommen, freut sich Gott, wenn wir unserer Sehnsucht folgen , ihm zu begegnen. Wir k\u00f6nnen ihn finden in den alten Liedern und Lesungen, in vertrauten Ritualen \u2013 aber vielleicht auch ganz anders, als wir es erwarten. An einem Krankenbett. Oder auf dem Bahnhof. Weihnachten ist voller \u00dcberraschungen. Wir m\u00fcssen uns nur aufmachen und einlassen auf Ihn. Der K\u00f6nig der Herzen kommt. Nein, er ist l\u00e4ngst da und wartet auf uns.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Cornelia Coenen-Marx<br \/>\n<a href=\"mailto:coenen-marx@t-online.de\">coenen-marx@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christnacht | 24. Dezember 2004 |\u00a02. Samuel 7, 4-6.11b\u201314a | Cornelia Coenen-Marx | Liebe Gemeinde, zu Hause, bei meiner Mutter , h\u00e4ngt im Flur ein Holzherz aus Amerika. Darauf steht in leuchtend roten Buchstaben: \u201e all hearts come home for Christmas\u201c . Zu Weihnachten w\u00fcnschen sich alle Menschen, nach Hause zu kommen. 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