{"id":10246,"date":"2004-12-07T19:49:24","date_gmt":"2004-12-07T18:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10246"},"modified":"2025-05-12T14:22:39","modified_gmt":"2025-05-12T12:22:39","slug":"lukas-2-1-14-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-1-14-3\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 1-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>1. Weihnachtstag | 25. Dezember 2004 | Lukas 2,1\u201314 | Arne <b><span style=\"color: #000099;\">\u00d8rtved |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Volksz\u00e4hlung! Gibt es \u00fcberhaupt etwas, was mehr entw\u00fcrdigend und menschenfeindlich ist? Den Menschen einfach auf eine Zahl zu reduzieren, auf eine Nummer in einer Reihe. Reine Quantit\u00e4t. Egal, wer sie sind, was sie k\u00f6nnen, wie sie sind, was sie denken und f\u00fchlen, wie es ihnen seelisch und k\u00f6rperlich geht.<\/p>\n<p>Ja, es geht nur um die Zahl. Ins Glied mit dir: eins zwei drei&#8230; viertausend \u2013 f\u00fcnftausend \u2013 sechstausend \u2013 sieben Millionen \u2013 acht Millionen \u2013 neun Millionen. Danach k\u00f6nnen die Zahlen in Tabellen eingearbeitet, in Kurven und Grafiken dargestellt, auf Konferenzen vorgelegt werden, in Berechnungen aufgenommen, zum Objekt von Verhandlungen gemacht werden: so und so viele geben so und so viele, und in zehn Jahren sind es dann so und so viele.<\/p>\n<p>Wo ist das Blut, das L\u00e4cheln, das Herzklopfen, H\u00e4ndedr\u00fccken, Weinen und Lachen? Wo ist die Hoffnung, die Sehnsucht, die Trauer und der Schmerz? Wo sind die Familienbande, und wo die Eifersucht zwischen Geschwistern? Wo sind Lebensmut und Todesangst?<\/p>\n<p>Was sind f\u00fcnf Millionen D\u00e4nen gegen den warmen kleinen Leib eines Kindes, das in bunte T\u00fccher gewickelt und seiner Mutter an die Brust gelegt wird? Was ist der eint\u00f6nige L\u00e4rm eines Z\u00e4hlapparates gegen die weinerlichen Laute aus dem Munde eines Kindes, w\u00e4hrend die Mutter sachte singt, damit der Kleine sich geborgen und sicher f\u00fchlt?<\/p>\n<p>Es sind die Kaiser, die Volksz\u00e4hlungen anordnen. Und Pr\u00e4sidenten, Regierungen, und heutzutage auch Produzenten, Warenh\u00e4user, Marktanalytiker, Meinungsmacher, Zukunftsforscher, Planer. Das ist alles ohne Tadel. Und man kann kaum darauf verzichten, aber unmenschlich ist es, egal, in wie hohem Ma\u00dfe das alles angeblich um der Menschen willen geschieht.<\/p>\n<p>Es ist und bleibt gegen die nat\u00fcrliche Ordnung oder richtiger gegen Gottes Ordnung, wenn Menschen zu reinen Zahlen werden. Und nirgends kommt das deutlicher Zum Vorschein als gegen\u00fcber dem neugeborenen hilflosen Kind; das Kind kann n\u00e4mlich nicht richtig als eine Zahl gelten, sondern erh\u00e4lt seine ganze Existenz von der Liebe und F\u00fcrsorge der Mutter. Und hier nimmt das Kind einen unendlich gro\u00dfen Raum ein.<\/p>\n<p>Volksz\u00e4hlungen sollen ans Licht bringen, wie viele Einwohner es gibt: wieviele Steuerzahler, wieviele Kunden, wieviele W\u00e4hlerstimmen, wieviele Patienten, wieviele Soldaten. Ja, die Kaiser und Regierungen haben Soldaten. Die marschieren in Reih\u2019 und Glied. Oder sie werfen sich nieder und fangen an, um sich zu schie\u00dfen; je mehr sie treffen, desto besser. Und der Vorgesetzte lobt Soldat Nr. 712 f\u00fcr einen Volltreffer.<\/p>\n<p>Hirten haben F\u00fcrsorge zu leisten und Leben zu besch\u00fctzen. Das Leben der Tiere. Sie arbeiten nicht nach Befehlen, sondern sie sind auf wunderbare Weise an die Tiere gekn\u00fcpft, auf die sie aufzupassen haben. Sie k\u00f6nnen sofort sehen, wenn eines fehlt, und sie fangen gleich an, nach ihm zu suchen. Und wenn es zu Schaden gekommen ist, waschen sie die Wunden des armen Tieres und pflegen es und sorgen f\u00fcr es. Die Hirten rufen einander nat\u00fcrlich beim Namen, und oft geben sie auch den Tieren Namen. Das ist sch\u00f6n. Leben verbindet sich mit Leben.<\/p>\n<p>Der Kaiser gibt seine Befehle, erl\u00e4sst seine Dekrete, unterschreibt die Gesetze, spricht die Urteile&#8230; Vielleicht tut er das nicht alles selbst; dann aber tut es der Apparat: die Minister, Beamten, Obersten, Richter, B\u00fcttel. Kaiser Augustus war Diktator; er h\u00e4tte auch ein demokratischer Pr\u00e4sident sein k\u00f6nnen. Das ist in unserem Zusammenhang einerlei. Regiert muss werden.<\/p>\n<p>Das kleine Kind in der Krippe kann nicht regieren oder irgendwas unterschreiben. Es ist v\u00f6llig wehrlos und ganz und gar abh\u00e4ngig davon, dass sich jemand seiner annimmt. Auf diese Weise \u00e4hnelt das Kind den aller\u00adersten Menschen; noch ehe es L\u00e4nder mit Grenzen gab, Regierungen, Heere, Postwesen und Z\u00e4hlapparate. Das Kind \u00e4hnelt Adam und Eva, als Gott sie zu lebendigen Seelen gemacht hatte, indem er ihnen Lebensatem in die Nasenl\u00f6cher gepustet hatte.<\/p>\n<p>Der Kaiser kann oft nachts nicht schlafen. Da ist so viel zu bedenken. Pl\u00e4ne f\u00fcr den kommenden Tag. \u00c4rgernisse vom vergangenen Tag. Spekulationen dar\u00fcber, wozu er alle die Zahlen verwenden kann&#8230; Und dann ist da die Angst. Sie ist das Schlimmste. Der Kaiser hat viele Feinde; und sie k\u00f6nnen schwer ausfindig zu machen sein. Es gibt sie in seiner engsten Umgebung, ja in seiner eigenen Familie. Wenn er auch unabl\u00e4ssig von W\u00e4chtern umgeben ist, muss er auf der Hut sein.<\/p>\n<p>Es ist nicht nur der Kaiser, der die Angst kennt; wir alle lernen sie kennen. Es gibt so viele Dinge, die auf einen lauern, auch wenn man gar keine direkten Feinde hat. Pl\u00f6tzlich kann etwas passieren; oder man kann sich eine t\u00f6dliche Krankheit zuziehen. Die Angst kommt oft einfach so, ohne dass man sie erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Und sie kann jedem Menschen schlaflose N\u00e4chte bereiten.<\/p>\n<p>Das Kind in der Krippe schl\u00e4ft so sorglos. Es hat die Angst noch nicht kennen gelernt. Adam und Eva kannten die Angst auch nicht vor dem S\u00fcndenfall. Ehe sie selbst wie Gott sein und Gut und B\u00f6se kennen wollten. Ehe sie aus dem nat\u00fcrlichen Leben herausfielen, hinein in das Leben, in dem man z\u00e4hlt und z\u00e4hlt und z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wenn der Kaiser nicht schlafen kann, befiehlt er die gesamte Unterhaltungsindustrie zu sich: die Fl\u00f6tenspieler, die Baucht\u00e4nzerinnen, die Narren, Poeten, S\u00e4nger, Schauspieler. Das bes\u00e4nftigt f\u00fcr eine Weile und macht die Qualen der Nacht ein bisschen ertr\u00e4glicher. Zu dem Zeitpunkt beginnt der Kaiser zu g\u00e4hnen, und da ist es an der Zeit, ein Gutenachtlied zu singen&#8230; Sie gibt es bis heute, die Unterhaltungsindustrie. Wir brauchen nur das Fernsehen einzuschalten. 90% oder mehr ist Unterhaltung. Gl\u00fccksspirale, Film, Gesang, Show, Sport, Wettbewerbe. Du kannst sie auf allen Kan\u00e4len sehen; und es sind dieselben, obwohl sie in verschiedenen Sprachen vor sich gehen. Es muss viel sein, was da bes\u00e4nftigt und vergessen werden soll.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurde die Finsternis \u00fcber dem Felde, wo die Hirten sa\u00dfen, von einem m\u00e4chtigen Licht zerrissen. Und sie sahen himmlische Heerscharen. Eine Stimme rief ihnen zu: <em>F\u00fcrchtet euch nicht! Siehe, ich verk\u00fcndige euch eine gro\u00dfe Freude, die f\u00fcr das ganze Volks sein wird; denn heute ist euch ein Erl\u00f6ser geboren in der Stadt Davids; es ist Christus, der Herr.<\/em> Und eine backing-group sang: <em>Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!<\/em> Das war keine Unterhaltung; das war keine bes\u00e4nftigende Verdr\u00e4ngung von Angst und Schmerz. Nein, das war Freude, \u00dcberwindung der Angst, Licht in der Finsternis!<\/p>\n<p>Das ist so v\u00f6llig anders als unsere Z\u00e4hlwelt. Das Kind in der Krippe bringt uns auf die Spur: <em>Wenn ihr nicht wie Kinder werdet, kommt ihr \u00fcberhaupt nicht in das Reich Gottes.<\/em> Ja, hier ist n\u00e4mlich vom Reich Gottes die Rede. Pl\u00f6tzlich bricht es wie ein Licht in der Finsternis herein, wie eine Geburt mitten in der Volksz\u00e4hlung, wie eine Schar von Hirten unter Soldaten, die auf dem Holzwege waren, wie Engelsgesang, der alle die heiseren Pops\u00e4nger und l\u00e4cherlichen Wettbewerbe um die ebenso l\u00e4cherlichen Kronen und \u00d6re \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Das Krippenkind! So v\u00f6llig anders, und doch mit Ahnungen von etwas, das wir einmal gekannt haben, und das es noch immer unter uns gibt: Ein Leben in Liebe und Vertrauen, ein Leben, in dem man daist, als der, der man wirklich ist, und nicht als eine Zahl, als eine Nummer, ein Kunde, ein Fernseher, ein W\u00e4hler. Ein Leben, in dem man die himmlischen Heerscharen h\u00f6ren kann, wie sie von der Freude f\u00fcr das ganze Volk singen: dass ER geboren worden ist, dass ER hier gewesen ist und noch immer hier ist: Christus, der Herr.<\/p>\n<p>Aber die Welt l\u00e4rmt, um zu \u00fcbert\u00f6nen. Die Z\u00e4hlapparate schnurren; die Kanonen donnern; die Pr\u00e4sidenten regieren, und das Fernsehen unterh\u00e4lt uns, bis wir kaputtgehen. Aber immer wieder taucht das entgegengesetzte Bild auf, das Bild vom Kind in der Krippe und der gl\u00fccklichen Mutter, die es in T\u00fccher gewickelt hat und nun ein sanftes Lied summt. Ein Lied von den Hirten auf dem Felde und den himmlischen Heerscharen.<\/p>\n<p>Das setzt sich Jahr f\u00fcr Jahr durch. Jetzt wurde er geboren, er, der uns durch das Leben begleitet, er, der Freuden und Sorgen mit uns teilen wird. Er, der zusammen mit uns durch Leiden und Tod gehen wird. Er, der auf diese Weise das Reich Gottes in unser Leben hineinlebt.<\/p>\n<p>Manchmal starren Pastoren und andere kirchlich engangierte Leute besorgt auf die Welt und denken: <em>Wie soll das nur gehen? Die Leute denken ja \u00fcberhaupt nicht an Gott und seinen lieben Sohn. Sie sind so besessen von ihren eigenen Angelegenheiten und besch\u00e4ftigt mit so vielerlei Dingen. Sie werden v\u00f6llig erdr\u00fcckt von den Volksz\u00e4hlungen und all ihrem Wesen.<\/em><\/p>\n<p>Zu Weihnachten werden alle Sorgen zu Schanden. Da zeigt sich wieder einmal, dass das Kind in der Krippe und das Evangelium, das es mit sich bringt, st\u00e4rker sind als alle Kaiser und alles, was sie und ihre Handlanger, einschlie\u00dflich uns selbst, in die Wege leiten k\u00f6nnen. Das ist ganz einfach unbegreiflich. Niemand anders als eben Gott kann mit der Welt und der Menschheit so spielend leicht umgehen. Die himmlischen Heerscharen hatten wirklich gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Gesang in jener Nacht:<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede<br \/>\n<\/em><em>auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frohe Weihnachten! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Arne \u00d8rtved<br \/>\nStoregade 10<br \/>\nDK-7330 Brande<br \/>\nTel. +45 97 18 01 91<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:aoe@km.dk\">aoe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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