{"id":10260,"date":"2004-12-07T19:49:14","date_gmt":"2004-12-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10260"},"modified":"2025-05-13T08:00:26","modified_gmt":"2025-05-13T06:00:26","slug":"jesaja-30-8-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-30-8-17-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 30, 8-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend | 31. Dezember 2004 |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">Jesaja 30,8-17 |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> Armin Kraft |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Hier ist die Rede von einem Propheten, der nicht hinausgehen soll zu den Menschen, um ihnen eine deutliche Botschaft zu sagen, sondern er soll still werden und etwas Wichtiges zu Papier bringen. \u201eJetzt gehe hinein und schreibe es vor ihnen auf eine Tafel und verzeichne es in ein Buch, dass es f\u00fcr einen k\u00fcnftigen Tag zum Zeugen werde auf ewig. Denn ein widerspenstiges Volk ist es, verlogenen S\u00f6hne, S\u00f6hne, die nicht h\u00f6ren wollen auf die Weisung des Herrn, die zu den Sehern sprechen: Ihr sollt nicht sehen. Und zu den Weissagern: Weissage uns nicht die Wahrheit, saget uns angenehme Dinge, weissaget T\u00e4uschung, weichet ab vom Wege, bieget ab vom Pfade, schweiget uns vom Heiligen.\u201c<\/p>\n<p>Das hei\u00dft also: Die Menschen damals haben die Wahrheit nicht gewollt, sie wollten sich nicht von Gott ansprechen und bewegen lassen. Ihr Denken und Danken bezog sich auf sich selbst. Sie brauchten Gott nicht als Adressaten, als letzte Instanz. Sie meinten den Sinn ihres Lebens selber finden zu k\u00f6nnen. Das klingt pl\u00f6tzlich sehr modern&#8230; Der Prophet hat sicherlich eine Weile abgewartet, welchen Lauf die Dinge bei seinen Leuten nehmen w\u00fcrden und nun ist die Entscheidung eindeutig gefallen. Er wendet seinen Blick auf die Zukunft: \u201eDarum spricht der Heilige Israels also: Also weil ihr dieses Wort verwerft und euch vertr\u00f6stet auf krumme Wege und R\u00e4nke und euch darauf st\u00fctzt, darum wird euch diese Verschuldung sein wie ein einsturzdrohender Riss, der heraustritt an einer hochragenden Mauer, \u00fcber die pl\u00f6tzlich, im Nu der Zusammenbruch kommt; und er zerbricht sie wie ein T\u00f6pfergeschirr zerbricht, das ohne Schonung zertr\u00fcmmert wird, dass man in seinem Getr\u00fcmmer nicht eine Scherbe mehr findet, um Glut vom Herde zu nehmen oder Wasser aus dem T\u00fcmpel zu sch\u00f6pfen.\u201c<\/p>\n<p>Der Prophet sieht Schreckliches auf seine Leute zukommen. Er sieht eine Stadtmauer, die sich zun\u00e4chst ausbaucht und dann rei\u00dft, er sieht etwas von zerschlagenem T\u00f6pfergeschirr und von \u00c4ngsten, in denen die Menschen r\u00e4tselhaft, gel\u00e4hmt und zu jedem Widerstand unf\u00e4hig sind. Und dann kommt dieser merkw\u00fcrdige Satz: Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Eure St\u00e4rke wird im Hoffen und im Stillesein liegen.<\/p>\n<p>Nicht un\u00e4hnlich unserer heutigen Lage hat sich damals auch eine gewisse Befriedung der politischen Verh\u00e4ltnisse eingestellt, in deren Folge eine gewisse Beh\u00e4bigkeit und sicher auch D\u00fcnkel eingeschlichen haben. Der Prophet sieht schon die Mauer bersten. eint ihr denn, das m\u00fcsste alles so bleiben, dieser Friede, dieser Wohlstand, meint ihr wirklich, ihr k\u00f6nnt euch an die Tafel der Weltanschauungen setzen und euch bestellen, was euch gerade zusagt?<\/p>\n<p>Diese Mauer rei\u00dft und wenn es dann so weit ist, dann wird kein Zeitgeist, kein Idealismus und kein Realismus mehr retten. Dieses Bild von der berstenden Mauer ist gro\u00dfartig. Die altersschwache Mauer einer Bastion baucht sich zun\u00e4chst langsam, aber dann pl\u00f6tzlich, urpl\u00f6tzlich, platzt sie und dann ist kein Halten mehr, weil das dahinter liegende Erdreich immer weiter nachdr\u00fcckt. (Ich habe dieses Bersten im Kriege noch erlebt, aber davon heute zu reden, ist meistens nicht opportun.)<\/p>\n<p>Br\u00fcchig ist der ausbalancierte Friede mit den vielen Waffen in den Kellern, br\u00fcchig sind die Voraussetzungen unseres wirtschaftlichen Wohlstandes, br\u00fcchig sind die \u201eGeldberge\u201c, br\u00fcchig sind die Erkl\u00e4rungen im Blick auf die Arbeitslosigkeit, br\u00fcchig sind die weltanschaulichen Fundamente unseres Verhaltens, br\u00fcchig und kurzlebig sind auch unsere kirchlichen Planungen&#8230;<\/p>\n<p>Die Gedanken des Propheten sind sehr aktuell. Viele Menschen merken wie unbehaust sie sind. Viele sp\u00fcren, dass wir nicht die Herren des Lebens sind, sondern immer auch ohnm\u00e4chtig. Ich h\u00f6re die Fragen: Wo sind sie hin die gro\u00dfen Ideale eines christlichen Humanismus?\u201c Wo sind sie hin, die Pl\u00e4ne f\u00fcr eine friedliche Welt mit Afrika oder in der Ukraine? Unbehaustsein, tiefe Ohnmacht. Und nun ist hier von innehalten die Rede. Das w\u00e4re doch schon etwas. Sich nicht selbst \u00fcbersch\u00e4tzen, sondern stillhalten, umlernen. In einem Brief von Franz Kafka steht der Satz: \u201eWenn es dunkel wird\u201c \u2013 wir wissen, dass Kafka dabei an sehr unheimliche Dinge denkt \u2013 \u201eWenn es dunkel wird, wird man doch eine Kerze anz\u00fcnden. Und wenn sie niedergebrannt ist, wird man still im Finstern sein.\u201c<\/p>\n<p>Still sein auch im Finstern und dieses Stillesein wird St\u00e4rke sein. Solche S\u00e4tze h\u00f6ren wir nicht gerne, sie sind angeblich negativ und machen nicht Mut. Ich meine, sie sind nicht doch eine Zumutung im guten Sinne. Es ist doch zum Staunen, dass wir immer noch leben.\u201c All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und gro\u00dfe Treu, sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.\u201c So singen wir im EG Nr. 440. Ich staune dar\u00fcber, dass ich leben darf, dass ich das Jahr 2004 durchleben durfte. Ich staune dar\u00fcber, wie ich gef\u00fchrt und bewahrt worden bin. Ich staune dar\u00fcber wie Gott in Menschen immer wieder da ist und mir nahe kommt.<\/p>\n<p>Sich eben nicht treiben lassen, sondern innehalten, wirklich nachdenken &#8211; darauf weist uns Jesaja hin und diesen Hinweis k\u00f6nnen wir gut gebrauchen. Mehr Gott wagen! Weniger jammern und selbstbezogen sich \u00e4ngstigen, denn dadurch vers\u00e4umen wir Gott. Gott freut sich \u00fcber die, die ihm aufmerksam und vertrauensvoll begegnen. Das steht uns gut an, das bekommt uns besser als durch unser Leben zu rasen, wie es im Text hei\u00dft: \u201eAuf Rossen wollen wir rasen, davon rasen. Drum werden rennen eure Verfolger, tausend werden fliehen vor dem Dr\u00e4uen eines Einzigen, von f\u00fcnfen werdet ihr fliehen bis ihr ein Rest seid wie ein Heerzeichen hoch auf dem Berge und wie ein Panier auf dem H\u00fcgel&#8230;.\u201c<\/p>\n<p>Auch dieses letzte Bild aus dem Text ist stark &#8211; die eine einsame Signalstange, ein Mast in der Landschaft, wie man sie damals verwendet hat, um einfache Nachrichten von Dorf zu Dorf weiterzugeben. Eine solche einsam und verloren in der Landschaft stehende Stange, wird von eurer Herrlichkeit \u00fcbrig bleiben! Es sei denn ihr lasst euch umstimmen. Wenn ja, dann wird eure St\u00e4rke im Hoffen und im Stille sein liegen. Und dann geht\u2019s 2005 anders mit euch weiter!<\/p>\n<p>Ein solcher Gottesdienst am Ende des Jahres will uns helfen. Wir k\u00f6nnen die verrinnende Zeit nicht krampfhaft festhalten. Wir wissen nicht, ob wir das Jahr 2005 durchleben werden. Aber wir k\u00f6nnen danken, beten und arbeiten. Jeder an seinem Platz. \u201eNun lasst uns gehen und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben. Gib mir und allen denen, die sich von Herzen sehnen nach dir und deiner Hulde, ein Herz, das sich gedulde, und endlich was das meiste f\u00fcll uns mit deinem Geiste, der uns hier herrlich ziere, dort zum Himmel f\u00fchre. Das alles wolltest du geben, o meines Lebens Leben, mir und der Christen Schare zum seligen neuen Jahre.\u201c So singen wir mit Paul Gerhardt dieses Lied aus unserem Gesangbuch Nr. 58.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Propst Armin Kraft, Braunschweig<br \/>\n<a href=\"mailto:s.bluhm@propstei-braunschweig.de\">E-Mail c\/o s.bluhm@propstei-braunschweig.de<\/a><\/b><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend | 31. 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