{"id":10261,"date":"2004-12-07T19:49:26","date_gmt":"2004-12-07T18:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10261"},"modified":"2025-05-13T08:02:24","modified_gmt":"2025-05-13T06:02:24","slug":"jesaja-30-15-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-30-15-17\/","title":{"rendered":"Jesaja 30, 15-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\">In der Ruhe liegt die Kraft | Altjahresabend | 31. Dezember 2004 | Jes 30,15\u201317 | Maria Widl |<\/h3>\n<p>Jes 30, 15-17<br \/>\nDenn so spricht der Herr, der Heilige Israels: Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. Doch ihr habt nicht gewollt, sondern gesagt: Nein, auf Rossen wollen wir dahinfliegen. Darum sollt ihr jetzt fliehen. Ihr habt gesagt: Auf Rennpferden wollen wir reiten. Darum rennen die Verfolger euch nach. Tausende werden zittern, wenn ein Einziger droht, wenn nur f\u00fcnf euch drohen, ergreift ihr alle die Flucht, bis das, was von euch \u00fcbrig ist, aussieht, wie ein Fahnenmast auf dem Gipfel eines Berges, wie ein Feldzeichen auf dem H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Wer zu Silvester nicht nur die Sektkorken knallen und die B\u00f6ller krachen l\u00e4sst, sondern sich etwas Zeit zum Nachdenken nimmt, kommt dabei in der Regel auf drei Themen:<\/p>\n<p>R\u00fcckblick auf das Vergangene, Vers\u00f6hnung und Dankbarkeit<br \/>\nAusblick auf das Kommende, Hoffnungen und gute Vors\u00e4tze<br \/>\nFeier des \u00dcbergangs, liturgisch und privat<\/p>\n<p>Was haben wir nicht alles erlebt im letzten Jahr: einen ungerechten Krieg im Irak und ein neues Aufflammen der Friedensbewegung, den Beitritt zahlreicher Ostblock-Nachfolgestaaten zur EU und eine neue Verfassung, einen H\u00f6chststand der \u00d6lpreise und einen Tiefststand des Dollar, schon wieder eine \u00d6kokatastrophe durch ein Tankerungl\u00fcck in Alaska, wie immer viele Tote auf der Stra\u00dfe, durch Krebs und Aids, durch Hunger und Elendsseuchen; olympische Sommerspiele in Athen und kein Ende ethnischer Kriege in Pal\u00e4stina, Kurdistan, Asserbeidschan; die Debatten um Pensionsreformen und immer neue Rekorde an Arbeitslosigkeit.; und so weiter, und so weiter.<\/p>\n<p>Und privat? War es ein gutes, ein friedliches Jahr? Oder standen private und berufliche Konflikte im Vordergrund? War es ein arbeitsreiches und erfolgreiches Jahr? Oder ging an allen Ecken und Enden nichts so richtig zusammen? Gab es freudige Ereignisse des Lebens? Oder standen Tod und Trauer im Mittelpunkt? War das Jahr von Neuans\u00e4tzen oder von Abschieden gepr\u00e4gt? Hat Gott eine Rolle gespielt in meinen Lebensentscheidungen und in meinem Alltagsablauf? Oder ist Er zur\u00fcckgetreten hinter all die Umtriebigkeit, die Sorgen und die vielf\u00e4ltigen Ablenkungen, die das heutige Leben zu bieten hat? Bin ich vers\u00f6hnt mit diesem Jahr, mit mir, mit meinen Verwandten, Freunden und Kollegen, mit Gott? Oder habe ich noch einige Rechnungen offen? Werde ich heute Nacht unbeschwert feiern k\u00f6nnen, oder wird manche Altlast meine Stimmung tr\u00fcben? Kann ich Gott aus ganzem Herzen danken f\u00fcr das Gute, das mir geschenkt wurde und das ich schenken konnte? Oder steckt mir noch manches Problem wie ein Kloss im Hals? Kann ich auf die Zukunft des Neuen Jahres offen, freudig und mit engagierter Gelassenheit zugehen? Oder ist mir bange vor dem, was da kommen soll oder kommen wird?<\/p>\n<p>Der Text aus Jesaja, den wir gelesen haben, ist nicht gerade eine tr\u00f6stende Ermutigung oder eine freudige Ank\u00fcndigung f\u00fcr den Schritt in das Neue. Gott h\u00e4lt Abrechnung mit seinem Volk. Es wollte nichts mehr wissen von den Spielregeln des guten Leben, die Gott ihm gegeben hatte. Es wollte sich nicht mehr zumuten lassen, als \u201eHeiliges Volk\u201c gekennzeichnet und darin verflichtet zu sein. Es wollte sich ein sch\u00f6nes Leben machen, einfach und aufregend zugleich: \u201eauf Rossen dahinfliegen\u201c und \u201eauf Rennpferden reiten\u201c. Damals wie heute war der Reit- und Rennsport wohl ein Sinnbild f\u00fcr das vergn\u00fcgliche und oberfl\u00e4chliche Leben einer \u201eHigh Snobiety\u201c. Wir k\u00f6nnen aber heute gleicherma\u00dfen an all die anderen Vergn\u00fcgungen in Sportspektakeln und Spa\u00dfgesellschaft denken, die uns wie eine Droge gefangen nehmen und uns danach nicht erholt, sondern ersch\u00f6pft und leer in den Alltag zur\u00fcck entlassen.<\/p>\n<p>Wer sich den modernen Drogen der Spa\u00dfgesellschaft \u00fcberantwortet, braucht immer neue Kicks, immer gr\u00f6\u00dfere Sensationen, immer waghalsigere Aktionen, um \u201esich noch zu sp\u00fcren\u201c, um noch eine gewisse Befriedigung zu finden, wenigstens kurzzeitig. Und danach kommt der gro\u00dfe Kater, der blaue Montag, die ersch\u00f6pfte Leere. Dieses Ph\u00e4nomen ist inzwischen nicht mehr auf Erwachsene beschr\u00e4nkt: immer j\u00fcnger sind die Kinder, die sich am Wochenende bis zum Umfallen besaufen, einrauchen, extasy-schwanger ins Dilirium tanzen. Danach geht es ihnen, den Jungen wie den Erwachsenen, wie in der Bibelstelle: Sie sind den Belastungen des Alltags nicht mehr gewachsen, laufen vor den kleinsten Problemen kopflos davon, erfahren das ganz normale Leben als untragbare Last, befinden sich permanent im \u00dcberlebenstraining. Sicher: die Anforderungen in Berufsleben und Schule sind deutlich gewachsen. Aber wenn man die tats\u00e4chlich erbrachten Leistungen betrachtet, die zahllosen Fehler, die dauernd gemacht werden, die unheimlich vielen leeren Kilometer aus Desinteresse und Schlamperei, die Hast und R\u00fccksichtslosigkeit, die unsere Gesellschaft pr\u00e4gen \u2013 \u201eWohlstand\u201c sieht anders aus. Zugleich werden selbst die reichen Gesellschaften immer \u00e4rmer, weil wir bereits einen betr\u00e4chtlichen Teil unserer Arbeitskraft auf die notd\u00fcrftige Beseitigung jener Sch\u00e4den investieren m\u00fcssen, die wir durch unsere Lebens- und Wirtschaftsweise permanent erzeugen: gesundheitlich, sozial, \u00f6kologisch, spirituell.<\/p>\n<p>Doch es gibt einen Ausweg aus diesem Teufelskreis s\u00fcchtiger Wohlstandsgier und hastiger Pro-forma-Arbeit; und Jesaja benennt ihn als Wort Gottes: <em>\u201eNur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft.\u201c<\/em> Vier Punkte bezeichnen hier die Alternative:<\/p>\n<p><em>Umkehr: <\/em>Es geht darum, aus der teuflischen Logik der hastigen Stress- und Vergn\u00fcgungsspirale auszubrechen. Die Alternative ist<\/p>\n<p><em>Ruhe: <\/em>Sich dem Augenblick, den eigenen Gedanken, den Widerfahrnissen des Lebens so stellen, wie sie kommen.<\/p>\n<p><em>Stille:<\/em> Die permanente Reiz\u00fcberflutung \u2013 die dauernde Musikberieselung, das dauernde Trinken und Herumnaschen, die uns \u00fcberflutenden und immer schnelleren Bilder der Werbung und des TV \u2013 einfach abschalten. Die Stille ertragen, das Nichts aushalten. So lang, bis wir f\u00e4hig werden, es zu genie\u00dfen. Dann fluten die Gedanken und Gef\u00fchlen wieder, wir sind wieder f\u00e4hig zu tr\u00e4umen und zu hoffen. Neue Pl\u00e4ne entstehen und wir wissen spontan, dass wir die Kraft haben werden, sie zu realisieren. Wir erfahren zugleich, dass Ruhe und Stille nicht leer sind, sondern dass wir in ihnen dem Himmel so nahe sind, wie uns Gott in unserem Leben unmittelbar liebend umf\u00e4ngt. Um das zu erfahren, fehlt nur noch eines:<\/p>\n<p><em>Vertrauen:<\/em> Wir m\u00fcssen bereit sein, loszulassen: unsere Vorstellungen vom machbaren Lebensgl\u00fcck, unsere Erwartungen an Erfolg und Karriere, unsere Anspr\u00fcche ans Leben wo \u201enur das Beste f\u00fcr mich gut genug ist\u201c (und wir dabei an die gehobene Preisklasse der Konsumg\u00fcter denken), unsere Fixierung auf den eigenen \u201eWillen zur Macht\u201c. Wir m\u00fcssen lernen, uns Gott und seinen Pl\u00e4nen mit uns anzuvertrauen. Das bedingt keinen willen- und tatenlosen Fatalismus. Im Gegenteil: Wir entdecken in unseren F\u00e4higkeiten und Charismen, wer wir im Innersten tats\u00e4chlich sind und sein k\u00f6nnen. Wer das findet, sich darauf vertrauend einl\u00e4sst, es zu seinem Lebensinhalt macht, wird so reich beschenkt, dass alle Prestigeprodukte und Spassangebote daneben verblassen. Erfolg und Karriere verlieren an Wert. Wir haben DAS LEBEN gefunden; und es \u00fcberragt jeden Vergleich mit anderen Gl\u00fccksangeboten bei weitem.<\/p>\n<p>Silvester ist traditionell der Abend der guten Vors\u00e4tze. Und wir alle wissen, dass sie im Neujahrskater begraben werden. Deshalb machen viele gar keine Vors\u00e4tze mehr. Die Bibel l\u00e4dt uns heute zu einem anderen Weg ein: Tausche die S\u00fcchte und T\u00e4uschungen der Konsum- und Spassgesellschaft (und ebenso die Bet\u00e4ubungen und Fesselungen des allzu b\u00fcrgerlichen Wohlverhaltens und Wohlstandes) gegen DAS LEBEN ein \u2013 und es wird f\u00fcr dich ein bewohnbarer Ort, wo dich niemand und nichts mehr in die Flucht schlagen kann.<\/p>\n<p>In diesem Sinne: Ein gesegnetes Neues Jahr!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr.habil. Maria Widl<br \/>\nF\u00e4rberm\u00fchlg. 13\/3\/21<br \/>\nA-1230 Wien<br \/>\nTel\/Fax +43\/ 1\/ 869 57 09<br \/>\nMail: <a href=\"mailto:maria.widl@univie.ac.at\"> maria.widl@univie.ac.at<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Ruhe liegt die Kraft | Altjahresabend | 31. Dezember 2004 | Jes 30,15\u201317 | Maria Widl | Jes 30, 15-17 Denn so spricht der Herr, der Heilige Israels: Nur in Umkehr und Ruhe liegt eure Rettung, nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft. 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