{"id":10265,"date":"2004-12-07T19:49:17","date_gmt":"2004-12-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10265"},"modified":"2025-05-13T08:28:38","modified_gmt":"2025-05-13T06:28:38","slug":"hebraeer-138-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-138-9\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 13,8-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend | 31. Dezember 2004 | Hebr\u00e4er 13,8-9 | Dietz Lange |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Schon seit Tagen bringen die Zeitungen und das Fernsehen Jahresr\u00fcckblicke. Vom nicht enden wollenden Desaster im Irak und in Pal\u00e4stina bis zur Reform des Gesundheitswesens in Deutschland, von Mordanschl\u00e4gen in Spanien und den Niederlanden bis zu dem riesigen Seebeben in S\u00fcdasien, von Literaturnobelpreisen bis zur Weltraummission zum Saturn: eine bunte Mischung von Katastrophenmeldungen &#8211; das vor allem &#8211; und Lichtblicken. H\u00e4ufig ist hinter solchen Berichten die Tendenz zu sp\u00fcren, dass alles immer schlimmer wird. Das kommt einer Neigung im pers\u00f6nlichen Leben entgegen, die wir alle kennen: Je \u00e4lter ein Mensch wird, desto mehr vergoldet er die Vergangenheit. Fr\u00fcher war alles besser, heute gibt es nur noch Egoismus und Sittenverfall. Fragt man nach, wann denn dieses \u201eFr\u00fcher\u201c war, st\u00f6\u00dft man freilich auf Verlegenheit. War das etwa die Nazizeit? Doch sicher nicht. Oder die von Verleugnung des verflossenen Tausendj\u00e4hrigen Reiches und von materieller Gier gepr\u00e4gten ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik? Auch wohl kaum. Oder ganz weit zur\u00fcck, vor der Aufkl\u00e4rung? Aber niemand w\u00fcnscht sich die gnadenlosen Verketzerungen und Religionskriege zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Vergoldung der Vergangenheit hat eher mit der Unzufriedenheit \u00e4lter werdender Menschen, wie auch ich einer bin, mit unserem pers\u00f6nlichen Zustand zu tun. Unsere Generation ist nicht mehr tonangebend in der Gesellschaft, unsere Leistungsf\u00e4higkeit geht zur\u00fcck, wir haben zunehmend das Gef\u00fchl, nicht mehr gebraucht zu werden. Umgekehrt stellt die j\u00fcngere Generation oft einer angeblich v\u00f6llig verderbten Gegenwart die Hoffnung auf eine von uns Menschen zu bauenden idealen Gesellschaft gegen\u00fcber, auch wenn da seit den ideologischen Gestalten solcher Hoffnung in den 70er Jahren eine gewisse Ern\u00fcchterung eingetreten ist.<\/p>\n<p>So ver\u00e4ndert sich nicht nur die Zeit, sondern auch unser Zeitgef\u00fchl im Lauf unseres Lebens. Nichts steht fest, alles ist im Fluss, wie schon die Weisen der Antike wussten. Aber in einer Zeit wie der unseren, die keine von der ganzen Gesellschaft anerkannte letzte innere Bindung kennt, wirkt dieses st\u00e4ndige Flie\u00dfen besonders bedrohlich. Kein Wunder, dass viele Menschen heute ihr Heil in felsenfesten, objektiven Sicherheiten suchen. Ob das in westlichen L\u00e4ndern und im vorderen Orient der religi\u00f6se Fundamentalismus ist oder in Osteuropa die Sehnsucht nach einem neuen autorit\u00e4ren Regierungssystem, oder ob man in der christlichen Kirche auf straffe Konformit\u00e4t in Lehre und Ritus dr\u00e4ngt: allemal spielt die begreifliche Angst vor Ver\u00e4nderungen eine gro\u00dfe Rolle. Denn der gesellschaftliche Wandel potenziert die Unheimlichkeit des Wandels in unserem pers\u00f6nlichen Leben, der uns dem Tode unausweichlich immer n\u00e4her bringt. Was bleibt? Die Antwort scheint lauten zu m\u00fcssen: Nichts, aber auch gar nichts.<\/p>\n<p>Solcher Resignation setzt unser Glaube massiv entgegen: \u201eJesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.\u201c Nicht die katholische oder evangelische oder griechisch-orthodoxe Kirche ist dieselbe in Ewigkeit, auch nicht die Lehre von Christus oder die Gestalt des christlichen Gottesdienstes. Das alles hat sich im Lauf der Kirchengeschichte vielfach und gr\u00fcndlich gewandelt und musste sich wandeln. Denn die Christen mussten sich von Anfang an mit immer neuen religi\u00f6sen und nichtreligi\u00f6sen Lebensanschauungen auseinander setzen. Die haben ja immer auch auf die eine oder andere Weise auf die Kirche eingewirkt. \u201eLasst euch weder durch die Vielfalt von christlichen Lehren noch durch fremde Lehren irritieren\u201c &#8211; diese Mahnung war offenbar schon gegen Ende des 1. Jahrhunderts notwendig. Sicher sollen wir Christen uns um Konsens bem\u00fchen &#8211; aber nicht um den Preis der Wahrhaftigkeit. Vielfalt und Wandel wird es unter uns immer geben. Das ist auch \u00fcberhaupt kein Ungl\u00fcck, denn keine noch so sorgf\u00e4ltige Interpretation der Bedeutung Jesu Christi gibt uns den festen Boden unter die F\u00fc\u00dfe, den wir brauchen. Nur Jesus Christus selbst tut das, ohne jede Einschr\u00e4nkung, denn in ihm kommt Gott selbst zu Wort.<\/p>\n<p>Dieser feste Boden ist nicht dazu da, dass wir fest und unverr\u00fcckt auf ihm stehen bleiben. Gottes Volk ist auf der Wanderschaft &#8211; das ist das Grundthema des Hebr\u00e4erbriefes. Die schlichte Lebenserfahrung gibt ihm darin Recht. \u201eLeben hei\u00dft sich regen\u201c hei\u00dft es in dem Lied, das wir vorhin gesungen haben. Das gilt erst recht f\u00fcr den Glauben, das lebendige Vertrauen auf Gott. Denn Glaube ist ja das, was christliches Leben allererst in Gang setzt. Das hei\u00dft: Die st\u00e4ndige Ver\u00e4nderung, der nicht enden wollende Wandel ist etwas, das wir nicht zu f\u00fcrchten haben, sondern ausdr\u00fccklich bejahen sollten! \u201eWir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zuk\u00fcnftige suchen wir\u201c, hei\u00dft es wenige S\u00e4tze nach unserem Predigttext.<\/p>\n<p>Damit ist allerdings sogleich auch gesagt: Das ist kein Drauflos-Wandern, nach dem Motto: Mal sehen, wo ich dann ankomme. Das k\u00f6nnen wir nicht einmal tun, wenn wir im Urlaub in einer unbesiedelten Gegend wandern. Da brauchen wir ein Ziel, und dazu einen Kompass und eine ganz genaue topografische Karte. Sonst bleibt nur die Hoffnung auf den Rettungshubschrauber, und der kommt vielleicht zu sp\u00e4t. Erst recht brauchen wir so etwas wie einen Kompass in der komplizierten modernen Zivilisation. Zwar kann man da Leute nach Lebensorientierung fragen, aber man bekommt dann nicht <em>eine<\/em> Antwort, sondern eine verwirrende Vielfalt von Antworten.<\/p>\n<p>Jesus ist dieser Kompass; er ist das verbindliche Wort Gottes an uns. Das klingt zun\u00e4chst wie eine abstrakte theologische Formel. Es geht aber um etwas ganz Schlichtes. Jesus verk\u00f6rpert mit seiner ganzen Person die Treue Gottes &#8211; Treue trotz unserer Unzuverl\u00e4ssigkeit, trotz unserer Neigung, auf bestimmte Vorurteile oder Lehrmeinungen zu schw\u00f6ren oder uns auf bestimmte Menschen zu fixieren. Auf diese Treue bauen wir. So und nur so kann der Glaube im Fluss der Zeiten gewiss werden und bleiben.<\/p>\n<p>Das ist die \u201eFestigkeit des Herzens\u201c, von der unser Brief spricht. Ein festes Herz, ein fester Glaube &#8211; das weckt zwiesp\u00e4ltige Gef\u00fchle. Einerseits w\u00fcnschen wir uns das. Andererseits kann das aber auch eine Verfestigung von der Art sein, dass einer sich nichts sagen l\u00e4sst und alle Zweifelsfragen einfach nur verdr\u00e4ngt. So jemand tr\u00e4gt seinen Kompass in sich selber: er glaubt an seinen eigenen Glauben. Seit in der Neuzeit immer klarer geworden ist, dass keine objektive Instanz, keine Institution und keine Lehre den rechten Glauben garantieren kann, betrifft diese Versuchung irgendwie uns alle. Der einzelne Christ wird dann sein eigener Papst. Aber die pers\u00f6nliche Krise, in die das irgendwann hineinf\u00fchrt, steht an H\u00e4rte der kollektiven Krise nicht nach, die seit f\u00fcnfhundert Jahren dem Zusammenbruch der objektiven Autorit\u00e4ten gefolgt ist.<\/p>\n<p>Unser Glaube wird gerade dadurch gewiss, dass wir letzten Endes alle Sicherheiten fahren lassen, die Sicherheit einer objektiven Instanz genauso wie die Selbstsicherheit dessen, der immer recht hat. Glaube hei\u00dft, das alles loszulassen, ganz und gar offen zu sein f\u00fcr die Richtung, in die uns Gott f\u00fchren wird. Niemand wei\u00df, wie die Vollendung des ewigen Lebens, auf die wir hoffen, aussehen wird &#8211; und wir brauchen es auch nicht zu wissen. Wir machen uns Vorstellungen davon, weil wir gar nicht anders k\u00f6nnen, aber selbstverst\u00e4ndlich kann unser Vorstellungsverm\u00f6gen das ewige Leben bei Gott nicht abbilden. Ebenso wenig wissen wir, was unsere irdische Zukunft oder auch nur das kommende Jahr uns bringen wird. Wir brauchen es auch nicht zu wissen. Zwar machen wir unsere Pl\u00e4ne und treffen unsere Vorkehrungen. Das m\u00fcssen wir auch. Aber was dabei herauskommt, m\u00fcssen und k\u00f6nnen wir getrost Gott \u00fcberlassen. Glaube ist also ein Wagnis &#8211; aber ein Wagnis auf Gottes Zusage hin, dass er uns den Weg zeigen wird.<\/p>\n<p>Gott hat in Jesus Christus sein Herz f\u00fcr uns ge\u00f6ffnet, ja er hat sich selbst f\u00fcr uns hingegeben. Diese Hingabe bedarf keiner R\u00fcckversicherung, sie b\u00fcrgt f\u00fcr sich selbst. Gott will dadurch selbst unser Herz f\u00fcr sich aufschlie\u00dfen. Das meint der Hebr\u00e4erbrief, wenn er sagt: Die Festigkeit des Herzens kommt durch Gnade zustande. Wer sich ganz auf Gott hin losl\u00e4sst, gewinnt die unbedingte Bindung an ihn, die das Herz fest macht. Wer sich daraufhin von allen blo\u00df menschlichen B\u00fcrgschaften im Vertrauen auf Gottes Zusage l\u00f6st, wird offen f\u00fcr andere Menschen, und andere k\u00f6nnen sich uns \u00f6ffnen. So kann sich der Glaube ausbreiten. Das klingt paradox, fast widersinnig. Aber die Erfahrung des Glaubens best\u00e4tigt es.<\/p>\n<p>Gewiss gibt der Beginn eines neuen Jahres manchen Anlass zur Sorge, im pers\u00f6nlichen wie im \u00f6ffentlichen Bereich. Das ist in jedem neuen Jahr so. Hinzu kommt die besondere Begabung von uns Deutschen zur Schwarzmalerei. Umso wichtiger ist f\u00fcr uns die treue Zugewandtheit Gottes: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Er macht uns des ewigen Lebens gewiss, und er macht unseren Blick frei f\u00fcr das irdische Leben. Dann sehen wir nicht blo\u00df die Bedrohungen, sondern vor allem die Chancen und Aufgaben, die Gott uns vor die F\u00fc\u00dfe legt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend | 31. Dezember 2004 | Hebr\u00e4er 13,8-9 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! 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