{"id":10270,"date":"2005-01-07T19:49:26","date_gmt":"2005-01-07T18:49:26","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10270"},"modified":"2025-05-13T08:39:24","modified_gmt":"2025-05-13T06:39:24","slug":"johannes-141-6-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-141-6-2\/","title":{"rendered":"Johannes 14:1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Neujahrstag | 1. Januar 2005 | Johannes 14,1\u20136 | Udo Schnelle |<\/h3>\n<p>(1) Nicht ersch\u00fcttern lasse sich euer Herz! Glaubt an Gott und glaubt an mich! (2) Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen; w\u00e4re es nicht so, h\u00e4tte ich euch sonst gesagt: Ich gehe hin, um euch eine St\u00e4tte zu bereiten? (3) Wenn ich hingegangen bin und euch eine St\u00e4tte bereitet habe, dann komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin. (4) wohin ich fortgehe \u2013 den Weg dorthin wisst ihr. (5) Sagt zu ihm Thomas: Herr wir wissen nicht, wohin du fortgehst. Wie k\u00f6nnen wir den Weg wissen? (6) Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater au\u00dfer durch mich.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das neue Jahr liegt vor uns wie ein unbekannter Weg. Ein Weg kann verschlungen sein, steinig und dornig, er kann an Abgr\u00fcnden vorbeigehen und ins Leere f\u00fchren. Es gibt Umwege, Holzwege und Irrwege. Auf jedem Weg kann es H\u00f6hen und Tiefen, Licht und Schatten geben; es k\u00f6nnen Kreuzungen auftauchen, die eine Entscheidung f\u00fcr eine Richtung schwer machen. Der Weg kann gerade und eben sein, wenn alles glatt geht im Leben. Meistens muss man aber auch krumme und steile Strecken gehen; es geht aufw\u00e4rts und abw\u00e4rts, mal leicht und mal m\u00fchsam. Man kann sich sogar selbst im Weg stehen, vom rechten Weg abkommen oder auf halbem Weg stehen bleiben.<\/p>\n<p>Die Jahreswende ist ein Orientierungspunkt, an dem wir uns besinnen auf die Wegstrecke, die hinter uns liegt und wo wir nach vorne schauen. Welchen Verlauf wird unser Lebensweg im kommenden Jahr nehmen? Wie wird er beschaffen sein? Wer f\u00fchrt uns auf diesen Weg? Wer gibt auf diesem Weg die Richtung an? Von wem lassen wir uns bewegen? Und vor allem: Was ist das Ziel unseres Weges? Unsicherheiten k\u00f6nnen dabei nicht ausbleiben. Wie bei den J\u00fcngern. Sie sind unsicher, kennen nicht den Weg, den Jesus gehen wird. Die J\u00fcnger haben sich mit Jesus auf den Weg gemacht, ihn begleitet, an ihn geglaubt und mit ihm gelebt. Nun scheint der Weg Jesu zu Ende zu gehen. Besorgt fragen sie Jesus, wohin er gehen wird. Ihre Angst ist gro\u00df, allein zur\u00fcckgelassen zu werden. Es ist eine Urangst des Menschen, allein und verlassen zu sein, ohne das Ziel des Weges erkennen zu k\u00f6nnen. Thomas macht sich hier zum Sprecher der J\u00fcnger. Er will es wissen, gibt sich nicht mit Andeutungen zufrieden. Jesus antwortet auf diese Angst der J\u00fcnger in \u00fcberraschender Weise. Er stellt ihnen Wohnungen im Himmel, bei Gott in Aussicht. Die Wohnung, das Haus waren in der gesamten Antike Sinnbilder f\u00fcr religi\u00f6se Geborgenheit. \u201eNicht ersch\u00fcttern lasse sich euer Herz\u201c hei\u00dft es zu Beginn des Textes. Jesus will die J\u00fcnger zu Gott bringen, wenn er vom Vater zur\u00fcckkommt, er verhei\u00dft ihnen Geborgenheit und bleibende Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Bis hierhin ist der Text verst\u00e4ndlich, verbleibt in bekannten religi\u00f6sen Bildern und st\u00f6rt auch niemanden. Dies \u00e4ndert sich schlagartig mit V. 6: \u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.\u201c Jesus bezeichnet sich nun selbst als den Weg. Die Wahrheit des heilvollen Lebens erschlie\u00dft sich im Gehen des Weges, den Jesus er\u00f6ffnet und der er selber ist. In Jesus sind Weg und Ziel vereint, er ist die Orientierung f\u00fcr wirkliches Leben. Wer den Weg zu Gott einschlagen will, kann keinen beliebigen Weg gehen, sondern er ist an Jesu gewiesen.<\/p>\n<p>Wenn Jesus sich selbst als den einzigen Weg zu Gott, als die Wahrheit und das Leben bezeichnet, dann gibt es nur ihn als Weg zu Gott. W\u00e4hrend diese Aussage f\u00fcr viele Menschen \u00fcber Jahrhunderte eine tr\u00f6stliche Versicherung war, wirkt sie heute wie eine Provokation. Sie verst\u00f6\u00dft gegen das 1. Gebot unserer Zeit: Toleranz. In einer durch und durch individuellen Welt darf es keine Absolutheitsanspr\u00fcche mehr geben, alles muss gleich sein und als solches auch anerkannt werden. Toleranz ist schon l\u00e4ngst zu einem politischen und intellektuellen Schlagwort in der kulturell-politischen Debatte geworden. Zumeist wird Toleranz von den anderen gefordert; als Anerkennung anderer Religionen und Lebensweisen, eine Anerkennung ohne Wenn und Aber. Nichts ist heutzutage schlimmer, als in die Ecke der Intoleranz gestellt zu werden. Deshalb haben viele Menschen Angst, die Meinung der anderen zu hinterfragen und ihre Kritik am Absolutheitsanspruch der Toleranzforderung zu formulieren.<\/p>\n<p>Dabei ist ein Vorgang besonders auff\u00e4llig: Vom Christentum wird selbstverst\u00e4ndlich Toleranz gefordert; es soll von allen Vorstellungen Abstand nehmen, die als intolerant gelten k\u00f6nnen. Viele Christen, ja sogar Kirchen tun dies auch. Das Wort Mission steht ohnehin unter einem Generalverdacht und wird am besten vermieden. Dabei war und ist wirkliche Mission nichts anderes als das Bekenntnis des eigenen Glaubens gegen\u00fcber anderen Menschen. Die eine, endg\u00fcltige Offenbarung Gottes in Jesus Christus: Sollte man nicht von ihr Abstand nehmen, um den Dialog mit den Religionen zu f\u00f6rdern? W\u00e4re es nicht sinnvoll und friedensf\u00f6rdernd, alles Trennende beiseite zu lassen?<\/p>\n<p>In anderen Religionen, speziell im Islam kommt niemand auf solche Gedanken. Die h\u00f6chst intoleranten Aussagen \u00fcber Anders- und Nichtglaubende im Koran scheinen niemanden aufzuregen. Die Rechtfertigung von Gewalt gegen\u00fcber Frauen, Juden und Christen im Koran hat offenbar noch niemand zur Kenntnis genommen. Meistens wird in diesem Zusammenhang auf die auch h\u00f6chst gewaltsame Geschichte des Christentums hingewiesen. Ungesagt bleibt dabei ein gravierender Unterschied: Im Christentum ist die Gewalt Vergangenheit, im Islam ist sie an immer mehr Orten der Erde Gegenwart. Wer dem Christentum einen Absolutheitsanspruch vorwirft, muss dies auch gegen\u00fcber dem Islam tun. Traut sich dies noch jemand nach dem Mord an dem holl\u00e4ndischen Filmemacher Theo van Gogh?<\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6rt es zum Wesen jeder Religion, einen Absolutheitsanspruch zu stellen. Wer Lebenssinn verhei\u00dft, kann nicht zugleich beliebig viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr gleichartig und gleichwertig erkl\u00e4ren. Die Frage ist vielmehr, wie man diesen Absolutheitsanspruch definiert. Das Christentum stellt zweifellos einen inneren Absolutheitsanspruch, denn jede Religion lebt von ihrer inneren \u00dcberzeugungskraft. Wenn diese innere \u00dcberzeugungskraft in Frage gestellt wird, kann eine Religion auf Dauer nicht existieren. Innerer Absolutheitsanspruch hei\u00dft, Jesus als den einen und einzigen Weg zu Gott zu glauben und zu bekennen. Es bedeutet, die Zusage Jesu, dass er den einen wahren Weg zu Gott er\u00f6ffnet, wirklich ernst zu nehmen und nicht von vornherein zu relativieren. Ein \u00e4u\u00dferer Absolutheitsanspruch w\u00e4re, diesen Wahrheitsanspruch unter allen Umst\u00e4nden durchzusetzen, m\u00f6glicherweise sogar mit Gewalt. Davon ist das Christentum der Gegenwart aber weit entfernt, denn es ist eine Religion der Liebe. Schon im Anfang liegt hier ein ganz entscheidender Unterschied zum Islam. Jesus von Nazareth war ein Prophet der Liebe und des Friedens, die er verk\u00fcndigte und lebte. Mohammed war kriegerischer Anf\u00fchrer von St\u00e4mmen und der Islam von Anfang an eine kriegerische Religion. Bis heute hat sich der Islam von der Gewalt als Mittel der Mission in den meisten Gebieten der Welt nicht wirklich losgesagt. Einen echten Dialog zwischen den Religionen wird es erst geben, wenn sie ihren inneren Absolutheitsanspruch beibehalten und zugleich auf jede Durchsetzung ihrer Interessen mit Druck oder Gewalt verzichten. Das gilt f\u00fcr alle Religionen. Es wird ein schwieriger und langer Weg, aber er muss gegangen werden.<\/p>\n<p>Zugleich muss jeder einzelne Mensch seinen Lebensweg gehen. Wir \u00fcberblicken von unserem Lebensweg immer nur eine gewisse Strecke. Darum brauchen wir Wegweiser, m\u00fcssen uns vergewissern, dass es der richtige Weg ist. Dabei helfen uns andere, die mit uns gehen. Wir sind angewiesen auf die Zusage, dass der Weg sinnvoll ist und ein Ziel haben wird. Diese Zusage gibt uns Jesus in dreifacher Form: \u201eIch bin der Weg, die Wahrheit und das Leben\u201c. Jesus auf dem Weg nachzufolgen, mit Jesus auf dem Weg zu sein bedeutet, auch im neuen Jahr den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen, sich auch auf den Weg ins Unbekannte zu machen und Neues zu entdecken. Jesus ist der einzige wahre und vertrauensw\u00fcrdige Weg zu einem Sinn erf\u00fcllten Leben.<\/p>\n<p>Jesus ist aber nicht nur der Weg zu Gott, er ist die Verk\u00f6rperung g\u00f6ttlicher Wahrheit und g\u00f6ttlichen Lebens. Wahrheit ist etwas anderes als Richtigkeit; Wahrheit bedeutet Verl\u00e4sslichkeit, Treue, G\u00fcltigkeit und Wahrhaftigkeit. Wahrheit ist aber auch Orientierung. Sich orientieren hei\u00dft, sich auf den Orient ausrichten, auf das Heilige Land, wo Jesus wirkte und starb. Vielen Menschen ist jegliche Orientierung verloren gegangen. Wir leben in einer Welt, die immer mehr M\u00f6glichkeiten und zugleich immer weniger Sicherheit und Geborgenheit bietet. Der Weg der Menschheit und auch der eigene Weg wird immer un\u00fcbersichtlicher. Jesus ist der Weg, weil er selbst die Wahrheit ist und das Leben spendet. Der Evangelist bindet das Ver\u00adst\u00e4ndnis Gottes exklusiv an die Person Jesu; wer Gott ist, kann nur an Jesus abgelesen werden. Wahrheit und Leben im umfassenden Sinn sind f\u00fcr die Menschen nicht verf\u00fcgbar, es gibt sie nur bei Jesus Christus. Es sind Geschenke, die f\u00fcr uns bereitgehalten werden.<\/p>\n<p>Die dritte Zusage unseres Textes: Wo Jesus ist, da ist Leben. Er ist das Leben, er bringt die F\u00fclle und l\u00e4sst Leben gelingen. Das gesamte Johannesevangelium zeugt davon, dass Jesus Lebensspender ist. Auf der Hochzeit von Kana verwandelt Jesus Wasser in Wein und zeigt, wie lebensfroh der Glaube ist. Die Frau am Brunnen in Samaria erh\u00e4lt von Jesus lebendiges Wasser, das den Lebensdurst wirklich stillt. Das Leben siegt \u00fcber den Tod bei der Auferweckung des Lazarus. Dem Blindgeborenen gibt Jesus eine neue Lebensperspektive, und der Gel\u00e4hmte am Teich Bethesda kann wieder gehen und kehrt in das Leben zur\u00fcck. Glaube ist bei Johannes das unbedingte Zutrauen in die Lebensmacht Jesu. Wir Christen sind davon \u00fcberzeugt, dass Jesus wirklich Leben schenkt, das jetzt beginnt und auch mit dem Tod nicht endet. Jesus hat uns gezeigt, wie Leben gelingen kann, in Gemeinschaft mit Gott und in Liebe zu den Menschen. Ein Leben, das einen festen Grund, eine klare Richtung und ein erstrebenswertes Ziel hat. Mit Jesus auf dem Weg zu sein hei\u00dft teilzuhaben an Gottes Lebensf\u00fclle.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Udo Schnelle (Halle)<br \/>\n<a href=\"mailto:Profschnelle@aol.com\">Profschnelle@aol.com <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahrstag | 1. Januar 2005 | Johannes 14,1\u20136 | Udo Schnelle | (1) Nicht ersch\u00fcttern lasse sich euer Herz! Glaubt an Gott und glaubt an mich! (2) Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen; w\u00e4re es nicht so, h\u00e4tte ich euch sonst gesagt: Ich gehe hin, um euch eine St\u00e4tte zu bereiten? 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