{"id":10274,"date":"2005-01-07T19:49:17","date_gmt":"2005-01-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10274"},"modified":"2025-05-13T08:46:51","modified_gmt":"2025-05-13T06:46:51","slug":"lukas-2232-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2232-2005\/","title":{"rendered":"Lukas 22,32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Predigt \u00fcber die Jahreslosung | <\/span><span style=\"color: #000099;\">Neujahrstag | 1. Januar 2005 |\u00a0Lukas 22,32 | Ulrich Nembach |<\/span><\/h3>\n<p><em>Jesus Christus spricht: Ich habe f\u00fcr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufh\u00f6re (Lk. 22,32)<br \/>\n<\/em>Jahreslosung 2005<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\ndie Losung f\u00fcr das Jahr 2005 lautet:<\/p>\n<p><em>Jesus Christus spricht: Ich habe f\u00fcr dich gebeten, dass dein Glaube nicht<br \/>\n<\/em><em>aufh\u00f6re(Lk.22,32)<\/em><\/p>\n<p>Dieser Satz aus dem Neuen Testament bekam durch die Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien und Afrika einen neuen Sinn. Die Bilder des Grauens, des Schreckens, die Berichte von \u00dcberlebenden, die mit Tr\u00e4nen k\u00e4mpfen, die oft nur stockend vorgetragenen Schilderungen erfahrener Reporter vor Ort lassen uns stumm werden. Wer nicht um Angeh\u00f6rige, Br\u00fcder, Schwestern, Kinder bangen muss, leidet mit. Die Bilder, die Berichte aus S\u00fcdostasien legen sich \u00fcber alles, stehen uns immer wieder vor Augen.<\/p>\n<p>Journalisten sprechen von \u201eapokalyptischen Zust\u00e4nden\u201c. Dieses Wort gebrauchten sie das letzte Mal nach dem 11. September. Die Journalisten damals und heute finden kein anderes Wort f\u00fcr das furchtbare Geschehen als dieses uns aus der Bibel bekannte Wort. Passt dieses biblisches Wort mit jenem zusammen, das die Jahreslosung f\u00fcr 2005 ist? Gedacht war es anders, ganz anders. Wer h\u00e4tte dies auch denken k\u00f6nnen? Ist biblisches Wort gleich biblisches Wort? Ist und bleibt es?<\/p>\n<p>1. Was hei\u00dft <em>beten, f\u00fcr dich gebeten<\/em>? Jesus sagt Petrus, dass er f\u00fcr ihn gebeten hat. Der Satz steht im Lukas-Evangelium. Er steht an einer entscheidenden Stelle. Lukas schreibt ihn in seinem Kapitel 22, das vor den Geschehnissen vom Vorabend von Jesu Verhaftung, Verurteilung und Tod steht. Jesus weist seine J\u00fcnger auf das zuk\u00fcnftige Geschehen hin. Die J\u00fcnger erleben sp\u00e4ter dieses Geschehen fassungslos. Lukas geniert sich nicht, auch und gerade nicht, von ihrer Fassungslosigkeit zu berichten. Also davor noch sagt Jesus zu Petrus den Satz. Er sagt ihn direkt zu Petrus gewandt: \u201e<em>Ich habe f\u00fcr dich gebeten\u201c<\/em>. Wenig sp\u00e4ter, noch bevor das eigentliche Drama beginnt, wird Petrus sich an diesen Satz erinnern. Petrus war Jesum nach dessen Gefangennahme gefolgt und wird erkannt, als Jesu Freund erkannt. Petrus verleugnete den Freund, um sein Leben zu retten, vielleicht auch nur, um sich vor Gefangenschaft oder Schl\u00e4gen zu sch\u00fctzen. Wir wissen nicht, was Petrus dachte, aber wir wissen, dass er Jesum verleugnete, behauptete, Jesum nicht zu kennen. Dann, es war inzwischen sp\u00e4t geworden, beginnt es bereits zu tagen, hell zu werden. Ein Hahn kr\u00e4ht. Das Kr\u00e4hen l\u00f6st bei Petrus eine Erinnerung aus, rief ihm das Gespr\u00e4ch mit Jesu ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck. Jesus hatte in dem Gespr\u00e4ch Petrus auch vorausgesagt, dass Petrus ihn, Jesum, verleugnen werde. Nun ist es soweit. Das Neue Testament und Lukas scheuen sich nicht, ihren Lesern mitzuteilen, dass Petrus Jesum verleugnete. Der Freund, der Weggef\u00e4hrte verleugnet den Freund. Viele Kirchen scheuen sich bis heute nicht, an das Geschehen zu erinnern. Auf ihren Kircht\u00fcrmen steht ein Hahn zur Erinnerung an damals. Er dreht sich im Winde, wie Petrus sich im Winde der Meinungen drehte. Ein sch\u00f6ner Freund, der den Freund verleugnet! Jesus ist und bleibt ein wahrer Freund. Er erinnert Petrus an ihr Gespr\u00e4ch vor seiner Verhaftung. Als der Hahn dreht, dreht Jesus sich um und blickt Petrus an. Da erinnert sich auch Petrus an das Gespr\u00e4ch und begreift. Jesus bereitete das Begreifen vor, als er mit Petrus redete, als er f\u00fcr ihn betete.<\/p>\n<p>2. Jesus betete f\u00fcr Petrus, indem er f\u00fcr dessen Glauben betete. Er betete nicht f\u00fcr Geld, Waffen, Sicherheit oder dgl., sondern um dessen Glauben. Der erbetene Glaube schaffte die Erinnerung, lie\u00df Petrus seine Tat erkennen und auch bereuen. Lukas schreibt: \u201e Und er ging hinaus und weinte bitterlich (Lk. 22,62). Sp\u00e4ter wird der erbetene Glaube gar Petrus zum Prediger von Jesu Tod und Auferstehung machen. Das blieb er bis zu seinem eigenen Tod, einem gewaltsamen Tod als Prediger, Freund von Jesus.<\/p>\n<p><em>Glaube versetzt Berge<\/em>, hei\u00dft es ( Mt. 17,3; 1.Kor. 13,2). Leider stehen noch viele von ihnen. Stehen sie wirklich? Sind es so viele? Petrus starb sp\u00e4ter f\u00fcr Jesus, wie gesagt. Glaube ist auch die Erkenntnis: \u201eMit unsrer Macht ist nichts getan; wir sind gar bald verloren\u201c, wie Martin Luther in einem Lied singt (Martin Luther, Ein feste Burg, EG 362,2). Die Flutwelle konnten wir nicht verhindern und werden solche Wellen auch in Zukunft nicht verhindern k\u00f6nnen, hoffentlich ihre Auswirkungen verringern. Wir leben auf gl\u00fchend hei\u00dfem Stein und werden nur durch eine Erdschicht gesch\u00fctzt, die zudem br\u00fcchig ist, wenn Platten sich \u00fcber einander schieben oder sich an einander reiben. Vielleicht werden das n\u00e4chste Mal auch nicht so viele Urlauber am Strand liegen oder wohnen, weil dann nicht gerade wiederum Feiertage sind.<\/p>\n<p>\u201eMit unsrer Macht ist nichts getan\u201c. Diese Erkenntnis teilt mit uns die neuere Philosophie, die Postmoderne. Sie wendet sich gegen die Moderne, gegen uns moderne Menschen. Wir k\u00f6nnen zum Mond fliegen, aber wir m\u00fcssen zur br\u00fcchigen Erde zur\u00fcckkehren, um zu \u00fcberleben. Wir k\u00f6nnen in die tiefe der Meere tauchen und dabei versunkene Schiffe fotografieren, aber wir schaffen es nicht, Frieden zu schaffen auf der Welt, weder im Irak noch anderswo. Wahlen werden gef\u00e4lscht und von Mordanschl\u00e4gen begleitet. Die wegen Wahlf\u00e4lschung wiederholte Wahl wird vom durch die Wahlf\u00e4lschung einst beg\u00fcnstigten, nun bei der Widerholung zum Verlierer gewordenen gerichtlich angefochten! Toll, was wir Menschen schaffen und noch toller, was wir nicht schaffen. Es wird Zeit, dass Philosophie und Theologie uns die Augen \u00f6ffnen. Diese Erkenntnis kann heilsam sein, n\u00e4mlich Augen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>3. Viele, die der Flutkatastrophe entkamen, hatten nur noch ihre Strandbekleidung. Alles andere war verloren. Die Flut hatte ihrer P\u00e4sse und ihr Geld, ihre Kleider und ihre Scheckkarten mit sich gerissen. Sie waren froh, am Leben zu sein. Sie bedeckten sich in Frankfurt\/M, Wien und wo immer sie ankamen mit Handt\u00fcchern, die ihnen jemand geschenkt hatte, die sie vielleicht irgendwo mitgehen hatten lassen. Das Geld, um das sich heute im Zeitalter der Shareholder-Value-Denker alles dreht, war weg. Weg. Nat\u00fcrlich muss die Wirtschaft Gewinne machen, aber diese Erkenntnis ist nicht die ganze Wahrheit. Diese umfasst wesentlich mehr. Dazu geh\u00f6ren Arbeitnehmer und K\u00e4ufer. Von geringem Lohn kauft niemand ein neues Auto, kann er keins kaufen. Auch Banken geben dann keinen Kredit. Die Hoteliers in S\u00fcdostasien bauten dicht am Meer, um gut zu verdienen, und sparten sich Sicherungen einzubauen, um zu verdienen. Nun haben sie nichts. Falls Versicherungen ihnen die Sch\u00e4den oder Teile davon zahlen, trifft es die Versicherungen. Sie sparten sich, auf den Einbau von Sicherungen zu dr\u00e4ngen, um Kunden zu locken. Sie dachten nicht einmal an ihr Geld, sondern nur an den momentanen Gewinn. Denken reicht weiter sogar als Geld. Schon das Altertum und sp\u00e4ter das Mittelalter wussten, dass Klugheit die Folge des Handelns mitbedenkt, anders ausgedr\u00fcckt umfassend denkt. Man brachte das damals auf die im damals \u00fcblichen Lateinischen ausgedr\u00fcckte Formel: \u201e<em>Quidquid agis, prudenter agis, prudenter agas et respiece finem\u201c<\/em> (=Was du auch tust, handele klug und denke ans Ende). Petrus dachte nicht so weit, er dachte nur an sich, als er Jesum verleugnete. Shareholder-Value-Fans sehen nur ihren Kontoauszug, nicht den Markt, obwohl ihr Geld vom Markt kommt. Anders und k\u00fcrzer ausgedr\u00fcckt: sie sehen nicht den Menschen, den anderen, biblisch ausgedr\u00fcckt den <em>N\u00e4chsten<\/em>. Sie sehen auch nicht, dass wir auf einer d\u00fcnnen Erdschicht leben. Sie sehen nicht, dass sie auf gl\u00fchend hei\u00dfem Stein schwimmen! Erkenntnis, weiterzusehen, ist Glaube.<\/p>\n<p>4. Um diesen Glauben hat Jesus f\u00fcr Petrus gebeten. Petrus begriff, wenn auch sp\u00e4t, fast zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Da\u00df wir, du und ich, begreifen, besagt die Jahreslosung. Jesu Worte \u201e<em>Ich habe f\u00fcr dich gebeten\u201c <\/em>gilt zun\u00e4chst f\u00fcr Petrus und seit Ostern und Pfingsten f\u00fcr alle Welt. Darum \u00fcberliefert Matth\u00e4us am Ende seines Evangeliums ein weiteres Wort Jesu, dass er an alle J\u00fcnger richtete. Wir verlesen heute das Wort bei Taufen: \u201e<em> Darum gehet hin und machet zu J\u00fcngern alle V\u00f6lker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende<\/em> \u201c (Matt.28, 19f).<\/p>\n<p>Glaube gibt Erkenntnis und wendet sich an Alle. Unsere Kirchen sind offen, wenn wir predigen. Predigten im Internet sind frei; niemand braucht ein Passwort. Frau und Mann k\u00f6nnen an Kirchen vorbeigehen, m\u00fcssen Internet-Predigten nicht aufrufen, aber auch daran dachte Jesus. \u201e<em>Ich habe f\u00fcr dich gebeten\u201c<\/em>. Er sorgt sich im voraus.<\/p>\n<p>Warum denken wir bei \u201eVersorgung\u201c immer nur an Versicherungen, aber nicht an Jesus und seine Vorsorge? Denken Sie dar\u00fcber dieses Jahr \u00fcber nach. Sie haben 365 Tage dazu Zeit.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Lied<\/strong> EG 58,1-2,12-14<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber die Jahreslosung | Neujahrstag | 1. 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