{"id":10278,"date":"2005-01-07T19:49:15","date_gmt":"2005-01-07T18:49:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10278"},"modified":"2025-05-13T09:00:01","modified_gmt":"2025-05-13T07:00:01","slug":"johannes-135-51-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-135-51-2\/","title":{"rendered":"Johannes 1,43-51"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>2. Sonntag nach Christfest | 2. Januar 2005 | Johannes 1,43-51 | Rainer Stahl |<\/h3>\n<p>Liebe Leserin und lieber Leser,<br \/>\nliebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>das ist eine wahrhaftige Weihnachtsgeschichte:<br \/>\nMan findet einander.<br \/>\nMan sieht, worum es geht.<br \/>\nMan wird erkannt bis in die Tiefen des eigenen Lebens hinein.<br \/>\nMan bekennt, was einem zur Gewissheit wurde.<br \/>\nUnd man erh\u00e4lt noch viel gr\u00f6\u00dfere Hoffnung weit hinausreichend \u00fcber dieses Erlebnis er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch etwas bei unserem Text. Schauen wir genauer in ihn hinein. Er legt das Geheimnis des Vorgangs offen, wie wir den Glauben finden und wie wir im Glauben wachsen k\u00f6nnen \u2013 kurz: wie uns Weihnachten werden kann.<\/p>\n<p>Immer beginnt es damit, dass Christus uns anspricht. Nicht wir sind die Aktiven. Nicht wir wollen von uns aus auf Christus zugehen. Ja: unsere evangelisch-lutherische Tradition lehrt uns sogar, dass wir das von uns aus gar nicht k\u00f6nnen. Martin Luther sagt: Wir haben zwar viel Spielraum und Willensfreiheit mit Blick auf die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten der Lebensgestaltung, der Berufswahl, der Partnerwahl usw. Aber in Hinblick auf eine Entscheidung f\u00fcr die Annahme des Glaubens, f\u00fcr die Annahme des Vertrauens auf Christus \u2013 da mangelt uns der freie Wille, da wollen wir von uns aus gar nicht zugreifen, da entscheiden wir uns \u2013 ginge es um uns; w\u00fcrde gelten, was wir wollen \u2013 immer f\u00fcr anderes, nur nicht f\u00fcr Christus. So auch hier:<\/p>\n<p>Christus ist es in unserer kleinen Szene, der den Philippus findet und ihn anspricht, ihn auffordert, sich auf ihn zu verlassen, sein Leben v\u00f6llig neu auf ihn auszurichten: \u201eFolge mir nach!\u201c<\/p>\n<p>Und Christus ist es, der die Haltung des Natana\u00ebl aufbricht. Er \u00fcberwindet dessen Reserven, indem er sich ihm wirklich zuwendet: \u201eein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist\u201c und: \u201ebevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.\u201c<\/p>\n<p>Um diesen Vorgang richtig zu verstehen, m\u00fcssen wir kurz innehalten. Es geht hier um eine Frage der Identit\u00e4t:<br \/>\nMicha 4,4 wird die Hoffnung auf Frieden und echte Gemeinschaft mit Gott in das Bild gefasst, dass jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen wird \u2013 \u201eund niemand wird sie schrecken\u201c.<br \/>\nNatana\u00ebl als rechter Israelit lebt in solcher Hoffnung. Er versucht, schon in sein Leben, in dessen konkrete Bedingungen, wenigstens teilweise, wenigstens vorl\u00e4ufig die gro\u00dfe Hoffnung hineinzuholen. Er begn\u00fcgt sich nicht mit dem Alltag. Er wei\u00df, dass Gott noch Gro\u00dfes vorhat. Israelit sein hei\u00dft, das Leben gestalten vor dem Horizont der Hoffnung auf tats\u00e4chliches Heil. Diese Sehnsucht hat Christus in ihm wahrgenommen. Das \u00fcberw\u00e4ltigt ihn.<\/p>\n<p>So verstehen wir diesen Text richtig, so wird uns in Wahrheit Weihnachten, wenn wir unsere gro\u00dfen Hoffnungen nicht verdr\u00e4ngen, nicht zudecken lassen von den M\u00fchen des Alltags, sondern sie bei aller Gesch\u00e4ftigkeit doch wach halten: Frieden, wirkliches Verstehen, Geborgenheit trotz aller Fragen und Unsicherheiten.<\/p>\n<p>Unsere Weihnachtszeit jetzt, unser Text aus dem Johannesevangelium lassen angesichts solcher Hoffnungen eine Antwort zu. Da ist gro\u00dfe Eindeutigkeit. Es gibt hier keine Zweifel:<br \/>\nNur in dem Jesus aus Nazaret gibt es die L\u00f6sung.<br \/>\nIn niemandem anders.<br \/>\nIn keinen Systemen oder Ideologien sonst.<br \/>\nNur in dieser Person.<\/p>\n<p>Dass es um diese Person geht \u2013 nicht um Ideologien oder Systeme \u2013, dass zeigen wieder die Geschehensabl\u00e4ufe:<br \/>\nJesus sieht uns. Wir werden wahrgenommen von ihm.<br \/>\nUnd wir sehen ihn. Jesus l\u00e4sst sich von uns finden.<br \/>\nDas ist alles nicht durch theoretische Lektionen zu lernen. Das bedarf der pers\u00f6nlichen Begegnung.<\/p>\n<p>An dieser Stelle darf ich den merkw\u00fcrdigen Akzent unterstreichen, der durch unseren Text \u2013 und nur durch unseren Text \u2013 mit Jesus in Zusammenhang kommt: \u201eSohn des Josef\u201c, \u201eaus Nazaret\u201c. Jetzt will ich bewusst nicht harmonisieren mit der Betlehem-Tradition und mit dem Gedanken der Jungfrauengeburt. Ich will das so dastehen lassen. Es hat f\u00fcr mich zwei Dimensionen:<\/p>\n<p>Die erste: Jesus ist wirklich Mensch geworden. Wenn wir uns das Wesen des Christus Jesus aus Nazaret deutlich machen wollen, m\u00fcssen wir uns auch sein Menschsein bewusst machen. Das ist vielleicht gar nicht leichter, als sich seine Beziehung zu Gott, seine G\u00f6ttlichkeit, im Bewusstsein zu halten: Jesus war Mensch in einer bestimmten historischen Zeit und Landschaft. Von vielem, was f\u00fcr uns allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist \u2013 die Nutzung der Elek-trizit\u00e4t z.B. \u2013 hat Jesus als \u201eSohn des Josef\u201c, als Mensch aus Nazaret nichts gewusst. Das m\u00fcssen wir auch nicht hineindeuten in die biblischen Erinnerungen \u00fcber ihn.<\/p>\n<p>Und auch heute \u2013 die zweite Dimension \u2013 begegnet Christus durch konkrete Menschen \u2013 solche S\u00f6hne und T\u00f6chter von jemandem, aus bestimmten Orten. Weihnachten ist kein mystisches Erleben. Weihnachten wird, wenn wir uns auf Menschen einlassen, von denen wir im ersten Moment vielleicht denken: \u201eWas kann daher schon Gutes kommen?\u201c Weihnachten wird unsere Erwartungen und Kategorien umsto\u00dfen. Wird uns etwas anbieten, was wir uns nicht tr\u00e4umen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt die letzte Szene einen Hinweis: Unser Leben wird auf eine Fluchtlinie gelegt, unser Leben wird vor einen Horizont umgestellt, die \u00fcber unsere Erfahrungen und Vorstellungen hinausgehen werden: \u201eden Himmel offen sehen\u201c.<br \/>\nImmer wieder haben Menschen den Himmel auf Erden gestalten wollen und haben sich dabei meist die H\u00f6lle bereitet. Das 20. Jahrhundert gibt uns darin Anschauungsunterricht.<br \/>\nUnser Glaube verspricht nicht den Himmel auf Erden. Aber er verspricht die Hoffnung, dass unsere Unzul\u00e4nglichkeiten m\u00fcnden werden in die Herrlichkeit Gottes.<\/p>\n<p>Gehen wir als Natana\u00ebl in den Text und durch ihn hindurch in unser Leben:<br \/>\nWir kommen mit unserem Leiden \u00fcber die unzul\u00e4ngliche Welt,<br \/>\nmit unserer Hoffnung auf Frieden, Gerechtigkeit und Stabilit\u00e4t der Sch\u00f6pfungssituation, die wir Menschen zusammen mit den Tieren und Pflanzen um uns brauchen.<br \/>\nWir erleben, dass uns in all\u2019 diesem der Jesus aus Nazaret ernst nimmt, wahrnimmt, ansieht.<br \/>\nWir begreifen, dass mit ihm und nur durch ihn diese Hoffnungen Chancen der Erf\u00fcllung bekommen.<br \/>\nUnd wir ahnen, dass am Ende dieses Weges die Erf\u00fcllung in Gott stehen wird.<br \/>\nDiesen Weihnachtsprozess w\u00fcnsche ich Ihnen. Ich dr\u00fccke diesen Wunsch aus mit einer Strophe eines bekannten Weihnachtsliedes, die leider in Vergessenheit geraten ist:<\/p>\n<p>\u201eStille Nacht, heilige Nacht,<br \/>\ndie der Welt Heil gebracht,<br \/>\naus des Himmels goldenen H\u00f6hn,<br \/>\nuns der Gnaden F\u00fclle l\u00e4\u00dft sehn:<br \/>\nJesum in Menschengestalt,<br \/>\nJesum in Menschengestalt.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Rainer Stahl<br \/>\nErlangen, Martin-Luther-Bund<br \/>\n<a href=\"mailto:rs@martin-luther-bund.de\">rs@martin-luther-bund.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Christfest | 2. Januar 2005 | Johannes 1,43-51 | Rainer Stahl | Liebe Leserin und lieber Leser, liebe Schwestern und Br\u00fcder, das ist eine wahrhaftige Weihnachtsgeschichte: Man findet einander. Man sieht, worum es geht. Man wird erkannt bis in die Tiefen des eigenen Lebens hinein. Man bekennt, was einem zur Gewissheit wurde. 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