{"id":10284,"date":"2005-01-07T19:49:14","date_gmt":"2005-01-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10284"},"modified":"2025-05-13T09:12:36","modified_gmt":"2025-05-13T07:12:36","slug":"johannes-1-15-18-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1-15-18-3\/","title":{"rendered":"Johannes 1, 15-18"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Epiphanias | 6. Januar 2005 |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">Johannes 1,15-18 | Marita R\u00f6dszus-Hecker |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>\u201eUnd von seiner F\u00fclle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Denn das Gesetz ist durch Mose gekommen; die Gnade und Wahrheit ist durch Christus geworden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Je \u00f6fter wir ein Wort h\u00f6ren, desto weniger denken wir uns dabei. Darum gibt kaum ein Wort, das sich auf der Kanzel so abgenutzt anh\u00f6rt, wie das W\u00f6rtchen \u201eGnade\u201c. In jedem Gottesdienst kommt es ein paar Mal vor \u2013 und was davon h\u00e4ngen bleibt, ist in etwa dieses: Wir tun zwar alle nicht das, was Gott von uns fordert. Was war das schnell noch einmal? Ach ja, die Zehn Gebote, und: Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst. Ist ja auch ein bisschen viel. Diese Menge Vorschriften, Gesetze und Gebote \u2013 wer ist da nicht \u00fcberfordert? Wenn Gott uns s\u00e4mtliche \u00dcbertretungen anrechnen wollte, da h\u00e4tte er eine Menge zu tun. Darum wird Gott uns das alles vergeben. Gott ist Liebe. Schwamm dr\u00fcber. Man muss auch einmal ein Auge zudr\u00fccken k\u00f6nnen. Gott ist ja nicht so. Klar, verdient haben wir die Gnade nicht. Aber erwarten tun wir sie schon ein bisschen.<\/p>\n<p>Je \u00f6fter wir ein Wort h\u00f6ren, desto weniger ernst nehmen wir es. \u201eGnade wurde\u201c, so hat es der Theologe S\u00f6ren Kierkegaard einmal deftig formuliert, \u201eein richtiger Labberbegriff, als ob unser Herr ein altes Gerippe w\u00e4re, das es nicht so genau nimmt.\u201c<\/p>\n<p>Je \u00f6fter wir ein Wort h\u00f6ren, desto leichter \u00fcberh\u00f6ren wir es. Bis wir dieses Wort auf einmal, in einem anderen Zusammenhang, wieder entdecken.<\/p>\n<p>\u201eGnade\u201c \u2013 das ist der Titel des Romans der Autorin Linn Ullmann. \u201eGnade\u201c. ist ein trauriges und sch\u00f6nes Buch. Es erz\u00e4hlt die Geschichte von Johan Sletten, einem 70 j\u00e4hrigen Journalisten, und seiner Frau Mai. Mai ist Johan zweite Frau. Und wie andere M\u00e4nner ihre Frauen \u201eLiebling\u201c oder \u201eSch\u00e4tzchen\u201c nennen, so nennt er seine Frau \u201eGnade\u201c oder die \u201eGnade seines Lebens\u201c nennt. Warum?<\/p>\n<p>Bei ihr f\u00fchlt er sich geborgen. Sie ist so gut zu ihm, so freundlich. Sie versteht ihn. Sie ist nicht nachtragend oder rechthaberisch. Er muss sich nicht mehr st\u00e4ndig fragen, was er leistet, ob er gut genug ist. Sie macht ihn dankbar.<\/p>\n<p>Eines Tages erf\u00e4hrt Johan bei einer \u00e4rztlichen Routineuntersuchung, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Seit diesem Tag ist klar: Er muss sterben, und seine Frau Mai, die er sehr liebt, wird weiterleben.<\/p>\n<p>Johan hat Angst vor dem Dahinsiechen, davor, dass sein Sterben im Krankenhaus nur verl\u00e4ngert wird. Er will niemandem zur Last fallen. Er lehnt alles ab, was sein Leben und damit sein Leiden verl\u00e4ngern k\u00f6nnte. Aber nicht nur das. Er bittet seine Frau, die selbst \u00c4rztin ist, um einen letzten Liebesdienst: sie soll ihm Sterbehilfe leisten \u2013 ihm die Todesspritze verabreichen, wenn der Moment gekommen ist.<\/p>\n<p>\u201eHilfst du mir, wenn ich es nicht l\u00e4nger aushalte? Hilfst du mir dann?\u201c fragt er seine Frau. Und sie antwortet:\u201c Du bittest mich, dir zu helfen, und ich will dir helfen. Du bist mein Mann, und ich will dir alles geben, auch das. Aber ich habe Angst, dass mich mein Mut verl\u00e4sst, weil du es bist. Weil du mein Freund bist.\u201c<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter muss er endg\u00fcltig ins Krankenhaus. Seine Frau Mai ist bei ihm. So oft und so lange sie kann sitzt sie an seinem Sterbebett. Sind es nicht zwei getrennte Welten \u2013 die Welt der Gesunden und die Welt der Kranken? Verstehen die Gesunden die Kranken \u00fcberhaupt ?<\/p>\n<p>Johan Sletten wei\u00df nicht mehr, was mit ihm geschieht. Er ist ganz weit weg. Er h\u00f6rt, dass sie weint. Er will reden. Aber es tut weh und er schafft es nicht. Es kommen andere Laute aus seinem Mund. Die Stimme seiner Frau h\u00f6rt er nur noch wie von weit her. \u201eKannst du nichts tun\u201c, flehte er. \u201eIch halte deine Hand. Sp\u00fcrst du das?\u201c sagt sie. \u201eAber kannst du nichts tun?\u201c bittet er.<\/p>\n<p>Es ist klar: er wird nie mehr gesund. Es wird ihm nie wieder besser gehen. Er wird sterben m\u00fcssen. Seine Frau, die ihn liebt, ist jeden Tag bei ihm und kann ihm nicht helfen. Das einzige was man tun kann: seine Schmerzen lindern. Seitdem lebt Johann in einer D\u00e4mmerwelt. Aber er lebt.<\/p>\n<p>Eines Nachts kommt seine Frau zu ihm. Nach ihrer Einsch\u00e4tzung sind Johans Schmerzen nicht mehr l\u00e4nger ertr\u00e4glich. Sie setzt sich auf seine Bettkante. \u201eJohan, sagt sie. \u201eJohan, sagt sie noch einmal. Johan antwortete \u2013 aber er glaubt nicht, dass sie ihn h\u00f6rt. Darum \u00f6ffnet er die Augen und sieht sie an. \u201eEs ist so weit, nicht wahr?\u201c fragt sie. \u201eIch wei\u00df nicht\u201c, sagt er. \u201eIch liege hier und warte darauf, dass es hell wird. H\u00f6r zu: Morgens wird es hell und abends dunkel, und im Laufe des Tages drehe ich mich um. So einfach ist das.\u201c Er versucht zu lachen. Sie h\u00f6rt ihn nicht. \u201eNein\u201c, wiederholt er. Nicht! Bitte! Warte, bis es hell wird.\u201c<\/p>\n<p>Als Mai ihm die Spritze gibt, ist er bereits zu schwach zu sagen, dass er den n\u00e4chsten Tag doch noch erleben will. Obwohl er kaum noch etwas wahrnimmt. Obwohl er \u201ekeine Aussicht auf Besserung\u201c hat. Obwohl es sich nur noch um ein \u201everl\u00e4ngertes Sterben\u201c handelt.<\/p>\n<p>Gnade \u2013 das war f\u00fcr Johan einmal: nicht l\u00e4nger leiden zu m\u00fcssen. Erl\u00f6st zu werden von diesem D\u00e4mmerzustand. Gnade \u2013 das war f\u00fcr ihn die unbedingte Liebe seiner Frau, die ihn selbst in dieser Situation nicht alleine lassen w\u00fcrde. Auf jeden Fall helfen w\u00fcrde, auch wenn sie kaum die Kraft dazu h\u00e4tte, ihm diesen letzten Wunsch zu erf\u00fcllen. Und Gnade, das war f\u00fcr Mai: Mitleid mit ihrem Mann, ein Mitleid, das keine Angst mehr kennt, auch nicht die, sich strafbar zu machen.<\/p>\n<p>Linn Ullmann zeigt in ihrem Roman die Grenzen menschlicher Gnade. Sie zeigt: Auch wenn wir Menschen gn\u00e4dig sind, brauchen wir Gottes Gnade. Weil wir nicht den \u00dcberblick haben. Weil wir nur begrenzt einsichtsf\u00e4hig sind. Und vor allem: Selbst unsere menschliche Gnade hat eine Kehrseite und die hei\u00dft: Schuld.<\/p>\n<p>Denn wie sollen wir dar\u00fcber urteilen, wie lange Leben lebenswert ist f\u00fcr einen anderen Menschen? Ja, nicht mal in bezug auf uns selbst k\u00f6nnen wir sagen, dass wir das, was wir als Gesunde wollen, auch noch als Kranke, als Todkranke wollen. Wir k\u00f6nnen uns die Zukunft immer nur als eine verl\u00e4ngerte Gegenwart vorstellen. \u201eF\u00fcr den Fall, dass ich meinen Willen nicht mehr bilden oder \u00e4u\u00dfern kann, verf\u00fcge ich&#8230;.\u201c Aber k\u00f6nnte es nicht sein, dass auch wir dann andere sind? Dass unser Wille als Gesunder und fast gesunder Mensch ein andere ist als unser Wille als Kranker? Vielleicht ver\u00e4ndert sich mit dem Sterben alles \u2013 unser Wille, unsere Entscheidung. Unsere Vorstellung von dem, was ein lebenswerter Tag ist. Unsere Vorstellung von dem, was Gnade ist. Selbst dort, wo wir es gut meinen, wo wir glauben, gn\u00e4dig zu sein, k\u00f6nnen wir schuldig werden.<\/p>\n<p>Darum sind wir auf Gottes Gnade angewiesen. In ihrem Verh\u00e4ltnis zu unserer gebrechlichen Menschenliebe ist sie vollkommen Liebe, die wei\u00df, was sie tut.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd von seiner F\u00fclle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.\u201c Gr\u00f6\u00dfer als Gottes Gerechtigkeit ist seine Gnade. Gnade durch Christus meint: Gott nimmt uns aus dem Schuldzusammenhang heraus, in den wir uns mit allem, was wir tun, verstricken. Gottes Gnade \u2013 das ist ein andere Ausdruck f\u00fcr die Worte der Engel bei Christi Geburt: \u201eF\u00fcrchtet euch nicht.\u201c<\/em> Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Marita R\u00f6dszus-Hecker<br \/>\n<a href=\"mailto:Marita.Roedszus-Hecker@landeskirchenrat.evkirchepfalz.de\">Marita.Roedszus-Hecker@landeskirchenrat.evkirchepfalz.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epiphanias | 6. Januar 2005 |\u00a0Johannes 1,15-18 | Marita R\u00f6dszus-Hecker | \u201eUnd von seiner F\u00fclle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. 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