{"id":10285,"date":"2005-01-07T19:49:16","date_gmt":"2005-01-07T18:49:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10285"},"modified":"2025-05-13T09:15:44","modified_gmt":"2025-05-13T07:15:44","slug":"epiphaniasempfang-der-evangelisch-lutherischen-landeskirche-hannovers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epiphaniasempfang-der-evangelisch-lutherischen-landeskirche-hannovers\/","title":{"rendered":"Epiphaniasempfang der  Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Epiphanias | 6. Januar 2005 | <\/span><span style=\"color: #000099;\">Margot K\u00e4\u00dfmann |\u00a0<\/span><\/h3>\n<p>Ansprache beim Epiphaniasempfang der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers<br \/>\nKloster Loccum, 6. Januar 2005<\/p>\n<p>Herr Ministerpr\u00e4sident, meine Damen und Herren!<\/p>\n<p>In diesem Jahr steht unserer Landeskirche ein besonderer Gast ins Haus \u2013 der Deutsche Evangelische Kirchentag kommt! Ich freue mich sehr, dass aus diesem Anlass heute der Pr\u00e4sident des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentages, Prof. Dr. Eckhard Nagel und auch die Generalsekret\u00e4rin Friederike von Kirchbach hier bei uns sind. In einer regionalen Tageszeitung wurde ja heute die Bef\u00fcrchtung eines ehemaligen Generalsekret\u00e4rs, der ehemals Bischof wurde, berichtet, der Kirchentag k\u00f6nne sich zu stark unter den Einfluss der Kirchenleitungen begeben &#8211; auch durch Generalsekret\u00e4rinnen, die \u201eschnell\u201c (mal eben?) beispielsweise Bisch\u00f6fin in Hannover werden. Ich denke, ein Blick in die Realit\u00e4t zeigt, dass in den 56 Jahren der Existenz der Kirchentagsbewegung es immer ein Aufeinander-gewiesen sein von Kirche und Kirchentag gab, mal spannungsvoller, mal harmonischer. Heute sind wohl die Herausforderungen f\u00fcr beide gemeinsam gr\u00f6\u00dfer als je zuvor \u2013 S\u00e4kularisierung und Banalisierung der Gesellschaft, die Suche nach Orientierung im Glauben und auch die gro\u00dfen Fragen der Welt. So kann ich die Anwesenden hinsichtlich jener Sorge beruhigen: wir arbeiten gut zusammen, kennen aber unsere je eigenen Aufgaben&#8230;<\/p>\n<p>Loccum \u00fcbrigens wird mit Blick auf den Kirchentag eine besondere Rolle spielen. Alle achtzehn Kl\u00f6ster in unserer Landeskirche sind ja ein gro\u00dfes Geschenk. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir ihre spirituelle Kraft neu entdecken und sie vielen Menschen zug\u00e4nglich machen. Deshalb hoffe ich, dass es in ein paar Jahren ein Handbuch der Kl\u00f6ster und Pilgerwege f\u00fcr unsere Landeskirche geben wird. Der erste Schritt dazu wird zum Kirchentag dank des Engagements vieler konkret werden: ein Pilgerweg von Volkenroda nach Loccum, vom zisterziensischen Mutterkloster zum Tochterkloster, ausgeschildert, nach-pilgerbar &#8211; Kirchentag nachhaltig f\u00fcr die Landeskirche als spiritueller Aufbruch sozusagen. Daran beteiligen sich auch die anderen Kl\u00f6ster durch ihr Engagement in der Halle der Spiritualit\u00e4t w\u00e4hrend des Kirchentages.<\/p>\n<p>In der Akademie Loccum wird zwei Tage vor dem Kirchentag ein Forum stattfinden, dass ausl\u00e4ndische G\u00e4ste vorab versammelt und die Herausforderungen der Globalisierung thematisiert. So nutzen wir den Kirchentag f\u00fcr eine Vernetzung des kirchlichen Engagements weltweit. Die \u00f6kumenische Dimension, die ich mir f\u00fcr Hannover 2005 erhoffe, wird auf diese Weise evangelisch-katholisch, aber auch im weltweiten Horizont erkennbar werden.<\/p>\n<p>Nun sehen viele, gerade Au\u00dfenstehende, einen Kirchentag als eine Art Happening &#8211; f\u00fcnf Tage evangelischer Ausnahmezustand sozusagen. Kirchentag aber ist mehr. So m\u00f6chte ich Sie heute Nachmittag ein wenig hinein nehmen \u00fcber das Nachdenken \u00fcber diese Herausforderung.<\/p>\n<p>Es war ein Mann in existentieller Situation, der die Idee, die Eingebung zum Kirchentag hatte. Reinold von Thadden-Trieglaff hatte die Katastrophe des Zeiten Weltkrieges hautnah erlebt. Er kam aus der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion mit der Erfahrung einer Berufung zur\u00fcck, n\u00e4mlich die Glaubenserfahrungen der Gefangenschaft weiterzutragen. \u201eDie neun Monate in Russland sind nicht ungesegnet an mir vor\u00fcber gegangen\u201c, schreibt er 1945. Leider kann ich die Geschichte heute nicht vollst\u00e4ndig erz\u00e4hlen, Herr Gans\u00e4uer hat mich eingeladen, das einmal zu tun in einem Vortrag im Mai. So viel aber heute noch: Thadden-Trieglaff kn\u00fcpfte mit seiner Vision eines Kirchentages ganz konkret an seine Erfahrungen der Evangelischen Wochen der Vorkriegszeit an. Er wollte Laien so im Glauben schulen, ja theologisch bilden, dass sie nie wieder so in die Irre gehen k\u00f6nnten wie in der Zeit des Nationalsozialismus. Und er scharte Freunde aus der Zeit der Bekennenden Kirche um sich.<\/p>\n<p>1948 fand eine erste Evangelische Woche in Frankfurt statt, f\u00fcr den Juni 1949 war dort eine zweite geplant. Martin Niem\u00f6ller sagte sie im M\u00e4rz 1949 ab &#8211; \u00fcber die Gr\u00fcnde dieser Absage ist viel spekuliert worden. Lag es an der Planungsbesprechung in Offenbach im Februar 1949, in der Reinold von Thadden-TriegIaff seine Ideen und Zielsetzungen f\u00fcr einen Kirchentag erstmals in gr\u00f6\u00dferer Runde vortrug? Kurzum: Landesbischof Lilje, mein Vorvorvorg\u00e4nger im Bischofsamt, dessen Todestages wir heute am 6. Januar gedenken und alter Weggef\u00e4hrte von Thadden-Trieglaffs, lud nach Hannover ein. Dort wurde diese evangelische Woche von Gustav Heinemann kurzerhand zum ersten Deutschen Evangelischen Kirchentag erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Interessanterweise gibt es \u00fcber den tats\u00e4chlichen Verlauf des 1. DEKT keine vollst\u00e4ndigen Quellen, eine Strukturierung durch eine Losung gab es noch nicht, unter dem Titel \u201eKirche in Bewegung&#8220; wird der in den Geschichtsb\u00fcchern gef\u00fchrt. Absagen etwa von Karl Barth und Helmut Thielicke, die Zusage wiederum Martin Niem\u00f6llers, nach Hannover zu kommen &#8211; all das deutet auf heftiges Ringen. Der gesamte Ablauf kann nur ansatzweise rekonstruiert werden. Allerdings ist belegt, dass bis zu 6000 Menschen teilnahmen. \u00dcberliefert sind auch die beiden Vortragstitel von Landesbischof Hanns Lilje: \u201eDer Mensch zwischen Angst und Hoffnung&#8220; am 29. Juli 1949 und \u201eDie W\u00fcrde des Menschen\u201c am 30. Juli 1949. Aktuelle Themen, auch 56 Jahre danach \u2013 Kirche in Bewegung, eine bleibende Aufgabe!<\/p>\n<p>\u201eWenn dein Kind dich morgen fragt&#8230;\u201c Die Losung des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2005 stellt die Frage nach Werten, nach Orientierung, nach Verantwortung. Genau das sind die Herausforderungen, vor denen wir Anfang des 21. Jahrhunderts stehen. Eine gute und wichtige, eine treffende evangelische Zeitansage also.<\/p>\n<p>Im biblischen Kontext ist interessant, dass der Sohn, der fragt, explizit f\u00fcr die nachfolgende Generation steht. Es geht sozusagen um den Generationenvertrag in Sachen Glauben, die Weitergabe von Tradition und Erfahrung, die Weitergabe der Gotteserfahrung und der Regeln f\u00fcr das Zusammenleben der Menschen. \u201eWas sind das f\u00fcr Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott geboten hat?\u201c, fragen die Jungen. Und die \u00e4ltere Generation erz\u00e4hlt von den gemeinsamen Erfahrungen, vor allem von der Erfahrung der Befreiung aus \u00c4gypten. Gott als ein Gott der Freiheit und nicht der Knechtschaft &#8211; das war die zentrale Erfahrung Israels, die gegen alle Realit\u00e4t von Unterdr\u00fcckung und Verfolgung gestellt wurde. Sie wird im Judentum weitergegeben bis heute durch alle Katastrophen hindurch, \u00fcber Holocaust und Antisemitismus hinweg. Ja, dieser Text, das ganze sechste Kapitel des 5. Buch Mose ist von fundamentaler Bedeutung f\u00fcr den j\u00fcdischen Glauben. Deuteronomium 6,4-9 ist bis heute Bestandteil des t\u00e4glichen Morgen- und Abendgebetes, das Menschen j\u00fcdischen Glaubens zu rezitieren verpflichtet sind. D\u00fcrfen Christen sich das aneignen? Die Losung stellt uns erneut mitten hinein in die Frage des Verh\u00e4ltnisses der Religionen.<\/p>\n<p>Auch Christinnen und Christen sehen sich durch die biblische Tradition ermutigt, die Treue Gottes zu erinnern und die Verantwortung, in der wir stehen, wahrzunehmen. Wir sind Teil einer Erz\u00e4hlgemeinschaft, die den Glauben weitergeben will und muss von Generation zu Generation. Dazu brauchen wir \u00dcberzeugungskraft und eine verst\u00e4ndliche Sprache, um zu erz\u00e4hlen von Gott, von der Erfahrung Gottes, von der Bedeutung der Bibel und ihrer Botschaft f\u00fcr die Menschen heute. Das ist die aller erste Herausforderung der Losung.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele will ich dazu nennen:<\/p>\n<p><strong> \u00de<\/strong> Zwischen den Jahren hatte ich Zeit, ins Kino zu gehen. Einer der Filme hat den Titel \u201eO Happy Day\u201d (l\u00e4uft derzeit noch am Raschplatz). Da verschl\u00e4gt es einen schwarzen Gospels\u00e4nger nach D\u00e4nemark. Der kleine, etwas verzagt wirkende Kirchenchor bittet ihn, mit ihnen Gospel einzu\u00fcben. Am ersten Tag fragt der Hoffnungstr\u00e4ger in Sachen Gospel (alle Zitate so ungef\u00e4hr, nur aus dem Ged\u00e4chtnis!): \u201eDo you believe in Jesus?\u201c Die wirklich netten d\u00e4nischen Christen sind etwas irritiert. \u201e\u00c4hem, irgendwie denke ich, Gott ist mehr so in der Natur und den Tieren\u201c, stottert der Erste. \u201eAch, Glaube ist doch mehr so ein Gef\u00fchl\u201c, versucht es die Zweite. Der n\u00e4chste sagt: \u201eDas ist ein bisschen zu privat, finde ich\u201c. Und schlie\u00dflich insistiert einer: \u201eWir sind hier in der lutherischen Volkskirche, verstehen Sie?\u201c<\/p>\n<p>Aber der neue Chorleiter sagt in tiefer Stimme \u201eWell, if you do not believe in Jesus, you sure can\u00b4t sing Gospel\u201c. Nat\u00fcrlich singen sie dann Gospel (O Happy Day!\u201c) und entdecken auch das Beten wieder&#8230; Aber ich habe so manche von uns gesehen in dieser Szene. K\u00f6nnen wir das wieder entdecken, unseren Glauben ganz direkt auf Jesus Christus beziehen? Oder ist uns das zu naiv, ja vielleicht sogar zu fundamentalistisch? Wie reden wir von unserem Glauben? Haben wir \u00fcberhaupt Worte daf\u00fcr, oder sind uns die Redefl\u00fcsse des Glaubens ausgetrocknet? Ja, ausgetrocknet ist wohl manches Mal das rechte Wort daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong> \u00de<\/strong> Vorgestern Abend war ich zu Gast in einer Fernsehsendung. Das ist ja immer so eine Frage: Gehst du da hin als Bisch\u00f6fin, oder bist du nur das Anh\u00e4ngsel, die \u201eSozialtante\u201c, die Vertreterin der Kategorie \u201esinnkompetent\u201c? Mir ist in dieser Sendung wieder klar geworden, wie verwirrt viele in unserem Land sind, was ihre eigenen Wurzeln betrifft. Wenn sie eine schwere Situation im Leben trifft, wie gehen sie damit um? Viele scheinen gar nicht mehr nachzudenken \u00fcber die eigene Existenz, die Endlichkeit des Lebens und sind dann v\u00f6llig \u00fcberrascht, pl\u00f6tzlich vor die Sinnfrage gestellt zu sein. Dabei gibt es durchaus tiefen Respekt vor fremden Religionen, fremden Kulturen, aber vielmals keine Beheimatung mehr in der eigenen Kultur, der eigenen Religion. Woher jedoch soll Orientierung kommen? Wenn wir unsere Identit\u00e4t, auch die kulturelle nicht bestimmen k\u00f6nnen, auch unsere Wurzeln nicht kennen, wie sollen wir dann einen Dialog mit anderen um die Integration f\u00fchren? Wohin wollen wir integrieren?<\/p>\n<p>Die Losung stellt mit dem zweiten Blick uns auch in eine Verantwortungsgemeinschaft. Wenn unsere Kinder, wenn uns junge Menschen morgen fragen, wie habt ihr die denn die Situation wahrgenommen im Jahre des Herrn 2005? Auch hier lassen Sie mich zwei Beispiele nennen:<\/p>\n<p>\u00de Viel wird in diesen Tagen der Jahreswende \u00fcber Hartz IV und die Folgen gesprochen. Viele Menschen haben einen schweren Weg vor sich, ihre Sorgen und \u00c4ngste m\u00fcssen ernst genommen werden, auch ihre Abwehr und Verbitterung ist verst\u00e4ndlich. Mir liegt daran, dass sie sich von uns als Kirche insgesamt, aber auch in unseren Gemeinden ganz konkret gesehen und geh\u00f6rt wissen, dass bei allem klaren Blick auf die Reformnotwendigkeiten, der Blick auf die reale Situation Betroffener vor Ort erkennbar bleibt. Es ist wichtig, dass unsere Kirche erfahren wird als Ort der Zuwendung, als offene Kirche im realen wie im \u00fcbertragenen Sinn. Als Kirche f\u00fcr andere, die sich aktiv einsetzt f\u00fcr die Belange der anderen, die versucht, Not zu lindern, ja die Lage derer in Not zu wenden.<\/p>\n<p>Ich denke, die Losung weist uns zuallererst auf die Situation der Kinder hin. Klar ist uns allen ja: Gesetze zur Ver\u00e4nderung der sozialen Sicherungssysteme der Bundesrepublik Deutschland sind unabweisbar notwendig. Der wesentliche Grund daf\u00fcr ist die demografische Entwicklung, also das Schrumpfen der Bev\u00f6lkerung, verbunden mit einer dramatischen Verschiebung der Altersschichtung: Rentenzahlungen und Gesundheitskosten werden enorm ansteigen; die Basis, um das zur Finanzierung dieser Kosten notwendige Geld aufzubringen, wird deutlich abnehmen.<\/p>\n<p>Es gibt ganz gewiss keinen K\u00f6nigsweg zur L\u00f6sung dieser Grundproblematik. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft muss sich Entscheidendes \u00e4ndern: Eine durchgreifende Reform und Verbesserung unseres Bildungs- und Erziehungssystem steht an, das machen nicht zuletzt die Pisa-Studien offensichtlich. Vor allem aber ist uns als Kirche wichtig, dass sich die materielle Situation junger Familien deutlich verbessert und die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen, Beruf und Familie mit Kindern zu leben, endlich auf breiter Basis konkret geschaffen werden. Die Meldungen vom Jahresende 2004, dass sich das Armutsrisiko f\u00fcr Familien in Deutschland noch erh\u00f6ht hat, m\u00fcssen doch mehr als nachdenklich stimmen. 15 Prozent der Kinder unter 14 Jahren und 19,1 Prozent der Jugendlichen leben unter der Armutsgrenze! Mir ist klar, Herr Ministerpr\u00e4sident, dass die politischen Spielr\u00e4ume aufgrund der Schuldenlast eng sind. Das kennen wir ja auch als Kirchen! Aber wenn unsere Kinder die Zukunftsperspektive sind, m\u00fcssen wir sie an erste Stelle setzen.<\/p>\n<p>Wichtig ist mir auch: Kinder d\u00fcrfen nicht einfach nur als Rentenfaktor angesehen werden &#8211; sie haben ein Recht in sich selbst! Eine Gesellschaft mit wenigen Kindern ist \u00e4rmer an Anregungen, Vielfalt, Spontaneit\u00e4t und Kreativit\u00e4t. Mit Kindern zu leben ist auch ein Lebensgl\u00fcck! Das scheint mir in den Debatten der vergangenen Monate manches Mal auf der Strecke zu bleiben. Kinder sind viel mehr als ein elementarer demografischer Faktor und eine wirtschaftliche Belastung! Wenn wir dar\u00fcber nicht sprechen, werden junge Leute auch keinen neuen Mut zu Kindern gewinnen.<\/p>\n<p><strong> \u00de<\/strong> \u201cWenn dein Kind dich morgen fragt&#8230;\u201c \u2013 dieser Satz bekommt in diesen Tagen angesichts der furchtbaren Flutkatastrophe in S\u00fcdostasien und ihren Folgen noch einmal eine besondere Bedeutung. Kann es angesichts einer solchen Katastrophe Hoffnung auf Zukunft geben? Sie wird in jedem Fall in die Geschichtsb\u00fccher eingehen. Die Frage ist nur, wie. Wird das ein kleiner Absatz nach dem Motto: damals, Ende 2004 starben 10tausende aus vielen Nationen? Oder wird das ein Wendepunkt? Wenn in all dieser Katastrophe Hoffnung entstehen kann, dann doch wohl nur durch ein Innehalten. Manches Mal wurde ich in den letzten Tagen gefragt, ob das ein Zeichen der Endzeit sei, oder der Tsunami eine Strafe Gottes. Ich kann das nicht so sehen. Ein solches Verst\u00e4ndnis wird schon im Buche Hiob dementiert. Nein, da ist kein Tun-Ergehens-Zusammenhang.<\/p>\n<p>Viel wird in diesen Tagen von der Sintflut gesprochen. Und ja, diese biblische Geschichte spiegelt ganz gewiss auch die Erfahrung von Menschen mit der Urgewalt des Wassers. Ja, sie wurde damals als Strafe Gottes gedeutet. Aber am Ende der Sintflut steht der Regenbogen und Gottes Zusage: So lange die Erde steht soll nicht aufh\u00f6ren Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht \u201e (1. Mose 8,22)<\/p>\n<p>Wenn aber nicht Strafe, dann doch vielleicht Mahnung? Wie gehen wir denn um mit der Sch\u00f6pfung? Wir d\u00fcrfen sie gewiss nicht verniedlichen, sondern haben sie zu achten und ihre Kr\u00e4fte auch nicht zu untersch\u00e4tzen. Eine solche Katastrophe solle uns auch nachdenklich machen, wenn Experten vorher sagen, die Klimakatastrophe, die unser Lebensstil hervorruft und die wir so gern ignorieren, werde noch in viel gr\u00f6\u00dferem Umfang zu Katastrophen solchen Ausma\u00dfes f\u00fchren? Mahnt uns die Flutwelle nicht, das Thema der Unantastbarkeit der Menschenw\u00fcrde auf die Tagesordnung zu setzen, wenn wir sehen m\u00fcssen, dass manches Mal erst die Touristen und dann die Einheimischen versorgt wurden? Nein, Europ\u00e4er sind nicht mehr wert und haben nicht mehr Rechte, blo\u00df weil sie mehr Geld haben und daher als Touristen rund um den Globus reisen k\u00f6nnen. Pl\u00f6tzlich entdecken da einige ganz erschrocken, wie arm die Menschen in den L\u00e4ndern sind, in denen sie Urlaub machen. Und andere emp\u00f6ren sich, dass die Infrastruktur in einem Land wie Indonesien nicht der in Deutschland entspricht. Da ist doch tats\u00e4chlich sein Handy zusammengebrochen! Von Sextourismus jetzt einmal ganz zu schweigen. Und die Globalisierung. Ja, viele wollen jetzt helfen und das ist ein gutes Zeichen. Das Herz der Menschen ist nicht aus Stein, es gibt Solidarit\u00e4t. Aber gibt es eine Bereitschaft zum Teilen nicht nur des \u00dcberflusses? Die enorme Spendenbereitschaft ist da ein ermutigendes Zeichen, denke ich. Menschen m\u00fcssen nur konkret wissen, wof\u00fcr sie geben, mit wem sie teilen, damit sie nicht versinken in der Hoffnungslosigkeit des \u201eIch kann doch nichts tun\u201c!<\/p>\n<p>Wenn es Hoffnung in der Katastrophe gibt, dann m\u00fcsste endlich, endlich eine Bereitschaft wachsen, den Nord-S\u00fcd-Konflikt ernsthaft wahrzunehmen Dann setzen die westlichen Industrienationen endlich den uralten Beschluss um, 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes f\u00fcr Entwicklungshilfe zu investieren. Dann folgen endlich dem Beschluss, die Zahl der Armen bis zum Jahr 2015 zu halbieren, konkrete Schritte. Dann unterzeichnen endlich die USA auch das Kyoto-Abkommen. Und es gibt endlich klare Regelungen f\u00fcr gerechten und fairen Handel f\u00fcr die Produkte aus den L\u00e4ndern des S\u00fcdens. Ist das nun utopisch? Wird es hei\u00dfen, die Bisch\u00f6fin ist halt naiv, eine etwas schlicht gestrickte Weltverbesserin? Meine Damen und Herren, wenn unsere Kinder uns eines Tages fragen, m\u00f6chte ich Rede und Antwort stehen. Mehr als 10 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Unterern\u00e4hrung. Wenn S\u00fcdostasien das Krankenhaus der Welt ist, so ist s\u00fcdlich der Sahara, wie die S\u00fcddeutsche vorgestern so treffend formulierte, die Intensivstation der Welt zu finden. Ja, ich w\u00fcnsche mir, dass wir aus dem Wohlstandstraum der leicht deprimierten \u00dcbers\u00e4ttigung aufwachen und endlich, endlich das Thema weltweite Gerechtigkeit auf die Tagesordnung setzen.<\/p>\n<p>Und das individuelle Leid? Das m\u00fcssen wir selbstverst\u00e4ndlich wahrnehmen. Wer hier um Angeh\u00f6rige trauert, findet Notfallseelsorger, ja Seelsorgerinnen und Seelsorger in unseren Gemeinden vor Ort. Ich denke, es sollte Trauerfeiern f\u00fcr die Vermissten je vor Ort geben. Und wir haben ja auch die M\u00f6glichkeit, auf unseren Friedh\u00f6fen einen Gedenkstein zu errichten \u2013 Orte der Trauer sind von gro\u00dfer Bedeutung. Vielleicht sollte auch an einen zentralen Ort der Trauer gedacht werden. Aus den Weltkriegen wissen wir, wie wichtig solche Ort f\u00fcr die sind, die ihre Lieben nicht bestatten k\u00f6nnen. Und das gilt f\u00fcr die verstorbenen und verschollenen Touristen wie f\u00fcr die Einheimischen gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Das w\u00fcnsche ich mir als Zeitansage vom Kirchentag: die Fragen in unserem Land aufnehmen, aber vor allem auch die Frage der Globalisierung. Und: neue Wege finden, Handlungsm\u00f6glichkeiten entwickeln, eine offene Sprache suchen, Spiritualit\u00e4t entdecken, damit wir unseren Glauben weitergeben an die n\u00e4chsten Generationen. Unseren Glauben weitergeben und leben in konkreter Verantwortung vor uns selbst, vor anderen Menschen und vor Gott, orientiert an den Ma\u00dfst\u00e4ben von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Dass wir dabei nicht auf uns allein gestellt sind, sagt uns ermutigend die Jahreslosung aus dem Lukasevangelium: \u201eJesus Christus spricht: Ich habe f\u00fcr dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufh\u00f6re\u201c (22,23).<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Landesbisch\u00f6fin Dr. Margot K\u00e4\u00dfmann, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:landesbischoefin@evlka.de\">landesbischoefin@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epiphanias | 6. Januar 2005 | Margot K\u00e4\u00dfmann |\u00a0 Ansprache beim Epiphaniasempfang der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Kloster Loccum, 6. Januar 2005 Herr Ministerpr\u00e4sident, meine Damen und Herren! 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