{"id":10289,"date":"2005-01-07T19:49:21","date_gmt":"2005-01-07T18:49:21","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10289"},"modified":"2025-05-13T10:25:39","modified_gmt":"2025-05-13T08:25:39","slug":"matthaeus-412-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-412-17\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 4,12-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Erster Sonntag nach Epiphanias | 9. Januar 2005 | Matth\u00e4us 4,12-17 | Richard Engelhardt |<\/span><\/h3>\n<p>Als nun Jesus h\u00f6rte, da\u00df Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galil\u00e4a zur\u00fcck. Dort verlie\u00df er Nazaret und wohnte nun in Kapernaum, das am See im Gebiet von Sebulon und Naftali liegt, damit erf\u00fcllt w\u00fcrde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:<\/p>\n<p>Das Land Sebulon und das Land Naftali,<br \/>\ndas Land am See, das Land jenseits des jordan,<br \/>\ndas heidnische Galil\u00e4a,<br \/>\ndas Land, das in Finsternis sa\u00df,<br \/>\nhat ein gro\u00dfes Licht gesehen;<br \/>\nund denen, die am Ort und im Schatten des Todes sa\u00dfen,<br \/>\nist ein Licht aufgegangen.<\/p>\n<p>Seit dieser Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Bu\u00dfe, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In dem alten Haus, in dem ich meine Kindheit erlebte, gab es einen Gew\u00f6lbekeller. Dort unten wurde nicht nur Vaters Wein gelagert, dort standen auch die Bottiche mit dem P\u00f6kelfleisch, den eingelegten Gurken und dem Sauerkraut. Und es gab viele Ecken und Winkel f\u00fcr die Kartoffeln und M\u00f6hren, die \u00c4pfel und die Gl\u00e4ser mit dem Eingemachten. Manchmal, ich war ja schon sieben Jahre alt, kam der Auftrag der Mutter: Geh doch ml in den Keller und hol ein Glas Pflaumenmus.<\/p>\n<p>Und dann begann ein gro\u00dfer innerer Kampf: Einerseits war ich ja schon gro\u00df und der Auftrag war gewi\u00df ehrenvoll. Ich konnte das ja schon. Andererseits hatte ich eine f\u00fcrchterliche Angst, denn im Keller gab es kein Licht. Ich mu\u00dfte mit einer Kerz in der Hand die Treppe hinuntersteigen und die Gew\u00f6lbe und Nieschen warfen unheimliche Schatten und sicher gab es M\u00e4use und andere schreckliche Ungeheuer, die im Dunkeln auf mich warteten. Es gab nur eine Rettung in der Angst: Lautes Singen. Viel sp\u00e4ter erz\u00e4hlte mir meine Mutter, ich h\u00e4tte eigentlich immer \u2013 sowohl im Oktober wie im M\u00e4rz \u2013 Weihnachtslieder gesungen. \u201eMacht hoch die T\u00fcr\u201c, \u201eIhr Kinderlein kommet\u201c, \u201eO, du fr\u00f6hliche\u201c als Lieder gegen die Angst vor der Finsternis, gegen die unheimlichen Schatten. Was war das f\u00fcr eine Erl\u00f6sung, wieder oben auf der Diele zu sein, die Kellert\u00fcr wieder schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, das warme Licht in der Wohnung wieder zu erleben.<\/p>\n<p>Diese sinnliche Erfahrung der Finsternis und der bedrohlichen Schatten aber auch des erl\u00f6senden Lichtes mu\u00df wohl sein, um so einen Satz, wie ihn der Evangelist Matth\u00e4us aus dem Prophetenbuch Jesaja zitiert, verstehen zu k\u00f6nnen: \u201eDas Volk, das in Finsternis sa\u00df, hat ein gro\u00dfes Licht gesehen.\u201c<\/p>\n<p>Das Volk, das keine Hoffnung, keine Zukunft, keinen Trost erleben kann, das Volk, das von allen Seiten bedr\u00e4ngt ist und in st\u00e4ndiger Angst vor Not und Leid lebt, das Volk, das den Geboten und Ordnungen nicht mehr gen\u00fcgen kann und nur den drohenden und strafenden Gott vorgestellt bekommt, diesem Volk ist ein Licht aufgegangen.<\/p>\n<p>Matth\u00e4us nimmt dieses alte prophetische Wort auf, um das Neue, das mit dem Auftreten Jesu beginnt, angemessen beschreiben zu k\u00f6nnen: Jesus ist das Licht der Welt. Mit ihm beginnt der Anbruch der Gottesherrschaft \u00fcber alle Dunkelheit der Welt.<\/p>\n<p>Nun geschieht dies alles zwar \u2013 wie Matth\u00e4us erkennt \u2013 nach Gottes Plan und Willen. Aber da sind die Menschen, die auf sich und ihr eigenes Elend sehen, auf ihr Versagen und Fehlverhalten. Den Willen Gottes, da\u00df n\u00e4mlich allen Menschen geholfen werde, k\u00f6nnen sie nicht wahrnehmen. Gott schickt zwar immer wieder Menschen aus mit der Vollmacht, von seiner Liebe, von seiner Befreiung Mitteilung zu machen, aber sie werden nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Mancher mag so resigniert sein, da\u00df er nicht mehr glauben mag, was ihm zugesagt wird. Mancher mag sich in einer Niesche bequem eingerichtet haben. Was morgen kommt, interessiert ihn nicht. Es ist ja sowieso egal. Mancher kann auch das Elend der anderen trefflich zum eigenen Machterhalt nutzen. Diese M\u00e4chtigen haben den letzen der Boten Gottes, den Johannes, gerade gefangen gesetzt und werden ihn wenig sp\u00e4ter ermorden. Dabei war Johannes nur ein Prediger in der W\u00fcste. Diejenigen, die von ihm etwas von der erl\u00f6senden Botschaft h\u00f6ren wollten, mu\u00dften schon aus der Allt\u00e4glichkeit herauskommen und zu ihm in die W\u00fcste gehen. Was sie dort h\u00f6rten, war f\u00fcr die M\u00e4chtigen bedrohlich. Johannes, der Prediger in der W\u00fcste, forderte sie auf, sich zu \u00e4ndern, forderte sie auf, nach dem Willen Gottes zu suchen, forderte sie auch auf, nach der Gerechtigkeit Gottes zu fragen. Das konnte bedrohlich werden f\u00fcr diejenigen, denen nur an Ruhe und Ordnung und an dem f\u00fcr sie ehernen Gesetz von Befehl und Gehorsam gelegen war. Johannes also mu\u00dfte weg.<\/p>\n<p>Was nun geschieht, haben die Evangelien sp\u00e4ter in einem Gleichnis Jesu nacherz\u00e4hlt: Da schickt ein Weinbergbesitzer immer wieder Boten zu denen, die in seinem Weinberg arbeiten. Diese Arbeiter im Weinberg sind jedoch ungetreu. Immer wieder werden die Boten verjagt und sogar get\u00f6tet. Der Weinbergbesitzer aber l\u00e4\u00dft sich nicht entmutigen. \u201eZuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen\u201c. So geschieht es auch hier.<\/p>\n<p>Johannes Bu\u00dfpredigt pa\u00dfte den Menschen nicht. Diese Predigt war ihnen zu subversiv. Er wurde zum Schweigen gebracht. Abeer \u201eGott will, da\u00df allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.\u201c So kommt Gott selbst in Jesus aus Nazareth zu denen, die im Dunkeln sitzen. Und die Botschaft Jesu geschieht nicht mehr in der W\u00fcste, zu der man unter mancherlei \u00dcberwindung hinausgehen mu\u00df. Jesus geht zu den Menschen. Er geht nach Kapernaum, einem Ort an der Grenze zwischen denen, die rechtgl\u00e4ubig sind und den \u201eHeiden\u201c. Sie sind die Grenzg\u00e4nger zwischen Glauben und Unglauben. Die Frommen d\u00fcrfen mit ihnen keine Gemeinschaft haben. Sie, die sich als die Frommen verstehen, sehen sich doch im Licht der g\u00f6ttlichen Ordnung \u2013 und werfen tiefe Schatten auf die anderen, eben die \u201eHeiden\u201c, die Fernen da drau\u00dfen. Dorthin also geht Jesus, zu \u201edenen, die am Ort und im Schatten des Todes sa\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Ihnen sagt er: \u201eTut Bu\u00dfe\u201c, kehrt um, wandelt Euch durch ein neues Denken, \u201edenn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen\u201c.<\/p>\n<p>Gerade der Hinweis auf das nahe Himmelreich macht deutlich, da\u00df Jesu Ruf \u201eTut Bu\u00dfe\u201c kein moralischer Appell ist. Leider hat es sich in den Traditionen der Kirche so entwickelt, da\u00df Bu\u00dfe vor allem eine \u00dcbung ist, der man sich unterzieht, wenn eine Schuld dr\u00fcckt oder man sich eines falschen Weges bewu\u00dft wird. Jesu Bu\u00dfruf aber ist sehr viel umfassender.<\/p>\n<p>\u201eTut Bu\u00dfe, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.\u201c Seht doch, da\u00df das Licht, das Gott in die Welt gegeben hat, jetzt schon leuchtet und die Schatten des Elends, unter dem die Menschen leiden, die Schatten des Todes, die wir immer noch f\u00fcrchten, bereits \u00fcberwunden hat. Die Erl\u00f6sung ist doch schon ganz nahe. Jetzt kann es doch nur noch darum gehen, sich dem licht zuzuwenden. \u201eTut Bu\u00dfe\u201c, \u00e4ndert euch, fangt an, eucch auf Gott und seine Liebe, auf sein Heil zu verlassen. La\u00dft das, was wir zu Weihnachten geh\u00f6rt haben, im Alltag zu. Verla\u00dft euch auf Gott und sein Heil.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte hier die Predigt beendet sein, aber dann kamen die Nachrichten am 2. Weihnachtstag von dem gewaltigen Erdbeben und der der gro\u00dfen Flut im Indischen Ozean. Ich sah das Bild des Vaters, der in seinem unendlichen Schmerz die Hand seines toten Sohnes liebkost. Ich sah die Frau, die in Trauer versteinert vor den Tr\u00fcmmern ihres Lebens sitzt, und die Mutter, die, ihr totes Kind im scho\u00df, in tiefster Verzweiflung ihre h\u00e4nde zum Himmel hebt. Ich traf in der Nachbarschaft das alte Ehepaar, dem es mehr und mehr zur Gewi\u00dfheit wird, da\u00df ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und ihr Enkel zu den ungeheuer vielen Ertrunkenen und Erschlagenen geh\u00f6ren. Mit einem Male geh\u00f6ren wir \u2013 zusammen mit denen, die das gewaltige Unheil direkt erleben mu\u00dften \u2013 zu dem Volk, das in der Finsternis sitzt, zu denen, die am Ort und im Schatten des Todes sitzen.<\/p>\n<p>Ich suche nach Worten des Trostes, nach dem gro\u00dfen Licht, das von der Liebe Gottes und dem Heil k\u00fcndet. Heute ist es f\u00fcr mich nur das Eine, da\u00df ich zu Gott klagen darf wie Jesus Christus am Kreuz in tiefster Gottverlassenheit klagen durfte und konnte:<\/p>\n<p>\u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?<br \/>\nIch schreie, aber meine Hilfe ist ferne.<br \/>\nMein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,<br \/>\nund des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.<br \/>\nIch bin ausgesch\u00fcttet wie Wasser,<br \/>\nmein Herz ist in meinem Leibe<br \/>\nwie zerschmolzenes Wachs.<br \/>\nMeine Kr\u00e4fte sind vertrocknet wie eine Scherbe,<br \/>\nund meine Zunge klebt mir am Gaumen,<br \/>\nund du legst mich in des Todes Staub.<br \/>\nAber du, Herr, sei nicht ferne;<br \/>\nMeine St\u00e4rke, eile, mir zu helfen!\u201c (aus Psalm 22)<\/p>\n<p>Im Angesicht des nicht zu ermessenden Leides kann ich nur einladen, in dieses Klagelied aus dem Psalm einzustimmen. Ich bete und ich hoffe, da\u00df ich dann eines Tages auch wieder aus der Dunkelheit der Klage und der Trauer umkehren und in das Lob Gottes einstimmen kann:<\/p>\n<p>\u201eEr hat nicht verachtet noch verschm\u00e4ht<br \/>\ndas Elend des Armen<br \/>\nund sein Antlitz nicht vor ihm verborgen;<br \/>\nund als er zu ihm schrie, h\u00f6rt er`s.<br \/>\nDich will ich preisen in der gro\u00dfen Gemeinde.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor i. R. Richard Engelhardt<br \/>\n37083 G\u00f6ttingen, Lotzestra\u00dfe 53<br \/>\nTel.: 0551-3706970<br \/>\nFax: 0551-3706962<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Sonntag nach Epiphanias | 9. Januar 2005 | Matth\u00e4us 4,12-17 | Richard Engelhardt | Als nun Jesus h\u00f6rte, da\u00df Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galil\u00e4a zur\u00fcck. 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