{"id":10294,"date":"2005-01-07T19:49:28","date_gmt":"2005-01-07T18:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10294"},"modified":"2025-05-13T10:40:21","modified_gmt":"2025-05-13T08:40:21","slug":"matthaeus-4-12-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-4-12-17\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 4, 12-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>1. Sonntag nach Epiphanias | 9. Januar 2005 | Matth\u00e4us 4,12\u201317 | Wolfgang Petrak |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Es geht nicht anders. Auch wenn alles zusammenf\u00e4llt und sich in einem Punkt verdichtet, m\u00fcssen Wege gegangen werden.<\/p>\n<p>Und so hat Jesus Nazareth verlassen, seinen Ort kindlicher Geborgenheit, dort wo die Eltern ihn auf den Arm und sp\u00e4ter bei der Hand genommen hatten, dort wo die Stra\u00dfen vom Lachen spielender Kinder erf\u00fcllt waren und aus den ge\u00f6ffneten Fenstern Worte geschwisterlicher Auseinandersetzungen zu h\u00f6ren waren; dort, wo gebetet und gearbeitet und des Abends erz\u00e4hlt wurde, von fr\u00fcher und von den Fremden nebenan, die in der Stadt Sepphoris lebten und manchem aus Nazareth Besch\u00e4ftigung geboten hatten \u2013vielleicht hatte der Vater ihm mal ein Andenken von dort mitgebracht: All das ist vergessen, all das hat er verlassen. Jesus geht nach Kapernaum, das Dorf, dessen Stra\u00dfe zum See f\u00fchrt. Nach einer letzten Kurve ist er blitzernd blau zu erkennen, sein Zufluss zieht sich wie ein Band durch das Tal und bietet eine nat\u00fcrliche Grenze: sie k\u00f6nnte \u00fcberschritten werden. Jesus, der Sohn Gottes, hat seinen angestammten Ort verlassen, um&#8230;ja, was eigentlich?<\/p>\n<p>Die Frage nach dem Sinn bricht ganz anders auf. Dieses Bild des Wassers, friedlich und licht und warm, so wie es dem See Genezareth zu eigen ist, mit Fischen reich besetzt, sodass es ausk\u00f6mmlich Nahrung und Arbeit finden l\u00e4sst, &#8211; gewiss, manchmal kann es auch st\u00fcrmisch sein, aber das legt sich wieder: dieses Bild gibt es nicht mehr. Gibt es ihn?<\/p>\n<p>Die Welt hat Weihnachten verlassen. Dieses Fest mit seiner kindlichen Freude, dem Glanz des Lichtes gegen Abend und den Gef\u00fchlen guter Geborgenheit, so wie wir es -nicht nur im sicheren Europa- zu feiern pflegten, ist zur\u00fcckgeworfen durch die Gewalt der Flut. Tsunami ist seit dem 26. Dezember kein Fremdwort mehr, sondern das Wasser, das aus der Tiefe der Erde sich auft\u00fcrmt, schmutzig und gewaltt\u00e4tig unz\u00e4hlbares Leben mit sich gerissen und vernichtet hat, von den K\u00fcsten S\u00fcdostasiens bis nach Somalia und Tansania. In der ganzen Welt trauern Familien. In einander v\u00f6llig fremden Sprachen m\u00fcssen sich Menschen das gleiche fragen: wie sie weiter leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir haben die Bilder im Kopf und in den Herzen, wir sehen, wie sich nach den Bildern der Zerst\u00f6rung jetzt Bilder weltweiter Hilfe hinzukommen. Auch erreichen uns Bilder scheinbarer Normalit\u00e4t: Urlauber, die am Strand liegen und die Sonne nach den Tauchg\u00e4ngen genie\u00dfen. Mein Kopfsch\u00fctteln vom Fernsehsessel aus wei\u00df nichts dar\u00fcber, wie sehr Menschen in diesen L\u00e4ndern auf Tourismus angewiesen waren und es auch wohl in Zukunft sein werden. Die Geste der Ablehnung ahnt nichts \u00fcber den unbewussten Zwang, nach Schuldigen zu suchen, weil es der eigenen Entlastung und Absicherung dient. Doch die Gewalt der Natur kennt keine schuldigen Verursacher. Die Gr\u00fcnde ihrer zerst\u00f6rerischen Kraft liegen in sich selbst. Das Anwachsen und Sich-Bewegen der Erdplatten, die Prozesse unterhalb des Erdmantels, in denen gluthei\u00dfe Masse emporsteigt, sich abk\u00fchlt und wieder zur Erdmitte zur\u00fcckf\u00e4llt: das k\u00f6nnen Wissenschaftler berechnen und modellhaft verstehen, vielleicht sogar so genau, dass sich Ausbr\u00fcche besser prognostizieren und Menschen besser gewarnt werden k\u00f6nnen. Aber grunds\u00e4tzlich die Erde hat eine andere Geschichte, und ihr gegen\u00fcber ist die Zeit des Menschen viel zu gering, als dass sich unser Suchen nach Sinn mit den Zuf\u00e4lligkeiten und Notwendigkeiten ihrer eigenen Entwicklung decken k\u00f6nnten. Im letzten SPIEGEL steht, wie vor 70 000 Jahren der Ausbruch des Vulkans Toba die klimatischen Bedingungen der Erde v\u00f6llig ver\u00e4ndert hatte, so dass nur wenige unserer Vorl\u00e4ufer aus Afrika und Asien dem K\u00e4ltetod entkommen konnten; sie haben sich auf den Weg gemacht und so das \u00dcberleben der Menschen gesichert. Der Grund dieser Entwicklung liegt aber nicht in der Menschheit, sondern au\u00dferhalb von ihr. Und ihr Ziel?<\/p>\n<p>Wieder eine Frage, die offen bleiben muss, wenn man daran denkt, dass die Antworten der Religionen aus einem viel kleineren Zeitraum stammen als den, den sie deuten wollen. \u201eUnser Leben w\u00e4hret siebzig Jahre, wenn\u2019s hoch kommt, so sind\u2019s achtzig Jahre\u201c, so hei\u00dft es im 90. Psalm, und:\u201eEhe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bis du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit\u201c. Die Deutung der Zeit des Menschen \u00fcber seine Grenzen hinaus f\u00fchrt zu einer Aussage der Hoffnung, die den Erfahrungen gegen\u00fcbersteht und nicht unmittelbar von ihnen gedeckt ist. Man muss hinausgehen, um zu deuten. Und so haben alle Religionen Grunderz\u00e4hlungen bewahrt, die \u00fcber den Zeitraum des Menschen hinausgehen, haben von Einbr\u00fcchen der Natur, also von Katastrophen (von oben herab), vom Br\u00fcllen tief in der Erde, von tosenden Wassern erz\u00e4hlt und davon, dass der Mensch seinen Platz in der Welt hat. Dass er gef\u00e4hrdet ist und dass er gesichert leben soll. Von \u201amajim\u2019 von Wassern spricht der Sch\u00f6pfungsbericht der Bibel, und von den Himmeln( schemaijim), die die Erde unsichtbar von den Wassern sch\u00fctzen. Es ist nur ein einziger Buchstabe, der den Unterschied ausmacht: so br\u00fcchig, so verletzlich kann das Leben sein. Auch wenn wir die Zusammenh\u00e4nge der Evolution besser erkennen, die Zeiten genauer \u00fcberblicken und die Entfernungen in Bruchteilen von Sekunden elektronisch \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir sehen, dass wir \u00fcber die mittelalterliche Erkenntnis nicht hinaus kommen: mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Es ist \u00fcbrigens das Mittelalter gewesen, in dem der Ruf nach Bu\u00dfe laut zu h\u00f6ren war. Bu\u00dfe aber hei\u00dft Umkehr, und Umkehr hei\u00dft: nicht zu bleiben, wo man ist, sondern Sinn zu suchen.<\/p>\n<p>Es ist Jesus, der nicht bleibt, wo er ist. Von Nazareth geht er nach Kapernaum, und von dort aus wird sein Weg weiter f\u00fchren, weil es ein Weg des Lebens ist. Das n\u00e4chste Dorf, die n\u00e4chste StadtTiberias lie\u00dfen sich nennen und Magdala, Gerasa und Bethsaida, aber auch Nagapattinam , Bam nicht zu vergessen und Beruwala: das global village wird dort menschlich, wo Menschen nicht im Schatten des Todes bleiben m\u00fcssen. Und deshalb geht Jesus auf einen Berg, damit alle es h\u00f6ren k\u00f6nnen, was zu tun ist: den N\u00e4chsten zu lieben .<\/p>\n<p>Ja, es gibt eine Frage, in der mir die Antwort auf die Frage nach Gott schwer wird, weil die Bilder bleiben. Doch ich kann dieses sehen, wie im Regen Notunterk\u00fcnfte aufgebaut und Kinder medizinisch versorgt werden. Ich kann sehen, wie amerikanische Soldaten verschleierten Muslima in die H\u00e4nde geben. Ich kann sehen, wie sich \u00fcberhall hier die H\u00e4nde \u00f6ffnen. Wir d\u00fcrfen hoffen, dass in dunkler Zeit gelernt worden ist: Licht zu geben f\u00fcr Menschen in der ganzen Welt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>P. Wolfgang Petrak<br \/>\nSchlagenweg 8a<br \/>\n37077 G\u00f6ttingen, den 7.01.05<br \/>\nTel: 0551\/31838<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:W.Petrak@gmx.de\"> W.Petrak@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias | 9. Januar 2005 | Matth\u00e4us 4,12\u201317 | Wolfgang Petrak | Liebe Gemeinde, Es geht nicht anders. Auch wenn alles zusammenf\u00e4llt und sich in einem Punkt verdichtet, m\u00fcssen Wege gegangen werden. Und so hat Jesus Nazareth verlassen, seinen Ort kindlicher Geborgenheit, dort wo die Eltern ihn auf den Arm und sp\u00e4ter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,157,853,114,349,3,109,1217],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10294","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-wolfgang-petrak"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10294"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10294\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24087,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10294\/revisions\/24087"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10294"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10294"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10294"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10294"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}