{"id":10296,"date":"2005-01-07T19:49:14","date_gmt":"2005-01-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10296"},"modified":"2025-05-13T11:34:27","modified_gmt":"2025-05-13T09:34:27","slug":"2-mose-3-1-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-mose-3-1-14\/","title":{"rendered":"2. Mose 3, 1-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Letzter Sonntag nach Epiphanias | 16. Januar 2005 |\u00a0<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">2. Mose 3, 1-14 | J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/span><\/b><\/h3>\n<ol>\n<li>Wahr und wahrhaftig \u2013 solche dichten und konzentrierten Texte wie dieser von der Berufung des Mose haben selbst in der Bibel Seltenheitswert. Es handelt sich um einen einzigen Dialog zwischen Gott und Mensch, \u00fcbrigens den l\u00e4ngsten und ausf\u00fchrlichsten, von dem uns die Bibel berichtet. Wenn ich das Geschehen mit einem Wort zusammenfassen m\u00fcsste, so gibt es f\u00fcr mich nur eines: Gotteserfahrungen. Darum geht es, um die Erfahrungen von Menschen mit ihrem Gott \u2013 um gef\u00fcllte, um geronnene Gotteserfahrungen.Die Stichworte dazu werden ausdr\u00fccklich genannt, sind im Text sch\u00f6n nacheinander aufgereiht wie die Perlen an der Kette: heilig \u2013 Rettung \u2013 Auftrag und schlie\u00dflich der Name Gottes. Genau so wie ich die einzelnen Perlen einer Kette durch meine Finger gleiten lasse, m\u00f6chte ich mich im Folgenden an diesen Stichworten orientieren.<\/li>\n<li>Da brennt ein Busch, doch er verbrennt nicht. Da ergeht ein Ruf, auf den Mose nur antworten kann: \u201eHier bin ich\u201c. Da ist es n\u00f6tig, die Schuhe auszuziehen. Und so n\u00e4hert sich der Mann aus Midian dem Unfassbaren, dem Geheimnisvollen \u2013 voll Ehrerbietung, sicher barh\u00e4uptig und sogar barfu\u00df. Ganz ohne Schutz geht er auf den Ort zu, von dem es hei\u00dft, er sei heiliges Land. Kein Wunder, dass Mose sein Angesicht verh\u00fcllt und sich f\u00fcrchtet, \u201eGott anzuschauen\u201c. Hier geschieht etwas, was wir von so vielen Gottesbegegnungen her kennen: Ihn \u00fcberf\u00e4llt Furcht und Zittern, Staunen und Ersch\u00fcttern. Anders kann es wohl gar nicht gehen in der direkten Begegnung mit unserem Gott, nicht anders als mit Faszination auf der einen und mit Angst auf der anderen Seite. Jakob, der Stammvater Israel, hat das auch berichtet, die Propheten haben es geschildert, Martin Luther hat es erz\u00e4hlt und so eben auch Mose, der Schafhirte am Berg Horeb. Auch wir kennen solche Gef\u00fchle von der einen oder anderen Begebenheit her, von Widerfahrnissen an emotional hochbesetzten Orten oder von ganz bestimmten Situationen im eigenen Lebenslauf, wo die Gegenwart Gottes nahezu mit H\u00e4nden zu greifen war. Ich bin davon \u00fcberzeugt: Es gibt Gelegenheiten, in denen man wirklich dem Heiligen begegnet, in denen wir f\u00f6rmlich von ihm ergriffen werden \u2013 dann, wenn wir unser Gl\u00fcck gar nicht fassen k\u00f6nnen, und nicht weniger, wenn wir weder aus noch ein wissen. Die Frage allerdings bleibt: Wie offen sind wir f\u00fcr solche Erfahrungen?<\/li>\n<li>Die Rettung \u2013 das n\u00e4chste Stichwort \u2013 macht sich fest am Urgeschehen Israels: Gott hat das Elend des Volkes in \u00c4gypten nicht nur gesehen und sein Geschrei nicht nur geh\u00f6rt, sondern er hat seine ganze Misere erkannt. Erkennen ist im Hebr\u00e4ischen l\u00e4ngst nicht nur ein Akt der Vernunft, sondern das hat mit Wahrnehmen zu tun, mit Zuwendung, ja mit Liebe zu denen, die sich im Tal der Tr\u00e4nen befinden. Sp\u00e4testens hier wird deutlich, dass die Rede vom zornigen Gott des Alten Testamentes und die vom liebenden Gott des Neuen Testamentes so \u00fcberhaupt nicht stimmt. Sp\u00e4testens hier ist das Grundmuster g\u00f6ttlichen Handelns mit H\u00e4nden zu greifen: Er sieht das Leid, er l\u00e4sst sich darauf ein und errettet daraus: \u201eIch bin niedergefahren, dass ich sie errette &#8230; und sie herausf\u00fchre &#8230; in ein gutes und weites Land &#8230;, darin Milch und Honig flie\u00dft.\u201cUnd so, wie es damals Israel ergangen ist, wie es Gott seine Rettung zugeschrieben hat, so haben es Menschen immer wieder erfahren: Gott als der Retter \u2013 als der Retter an Weihnachten drau\u00dfen vor Bethlehem, als der Retter an Ostern in Jerusalem, als der Retter in unz\u00e4hligen Schicksalsgeschichten. Gewiss, diese Sicht ist so oft versperrt. Und angesichts der Katastrophe in S\u00fcdasien will sie manchen aussichtslos erscheinen, wenn nicht gar zynisch. Aber ganz im Ernst: Was bleibt uns denn da, gerade da \u2013 zu hoffen auf Rettung durch den ganz Anderen? Denn nirgends ist uns deutlicher geworden als da: \u201eMit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.\u201c Und deshalb traut der Glaube auf diesen ganz Anderen; in den Liedern unseres Gesangbuches zum Beispiel werden deshalb immer wieder solche Rettungserfahrungen und Rettungshoffnungen laut: \u201eWahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von S\u00fcnd und Tod.\u201c Oder \u201eEr wei\u00df viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod.\u201c Oder: \u201eHilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet.\u201c In der Tat: Es sind geronnene Gotteserfahrungen, die hier laut werden. Und wie sieht das bei uns aus? Wieweit k\u00f6nnen auch wir die Erfahrungen unseres Lebens in diesem Horizont verstehen und deuten?<\/li>\n<li>So sehr allerdings Rettung immer ein Geschenk ist, ein durch und durch unverdientes Geschenk, ein Geschenk aus reiner Gnade, so wenig kann Rettung ohne Folgen sein. Und so ergeht unter der Hand der Auftrag an den, der gerettet werden soll: \u201eIch will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus \u00c4gypten f\u00fchrst.\u201c Rettung bewirkt eben nicht Unt\u00e4tigkeit, sondern Rettung fordert gewisserma\u00dfen zur Antwort heraus. Hier hat die alte Weisheit ihren tiefen Sinn \u201eWie du mir, so ich dir\u201c. Will hei\u00dfen: In die Bewegung der Rettung haben wir uns selbst hereinzustellen. Gott ruft uns auf, diese Lebensrichtung nun auch unsererseits einzuschlagen. Aus der Gabe wird unversehens eine Aufgabe.Aber hier geht es dem Mose wie so vielen anderen und nicht zuletzt wie uns selbst: Die Angst vor der Aufgabe ist gro\u00df. Und er \u2013 wie auch wir \u2013 m\u00f6chten ihr manchmal so gerne ausweichen: aber ich nicht! Mose sagt: Wer bin ich, ausgerechnet ich, dass ich zum Pharao gehen soll? Ich denke in diesem Zusammenhang an den gro\u00dfen Propheten Jeremia, der in gleicher Lage sich zu dr\u00fccken versuchte mit dem Argument: \u201eAch, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung\u201c. Doch Gott l\u00e4sst die vorgeschobene und falsche Bescheidenheit nicht gelten, nicht bei Jeremia, nicht bei Mose und ebenso nicht bei uns. Er wischt sie weg, wie das ein guter Vater tut bei der Angst oder der Unsicherheit seines Kindes: \u201eIch will mit dir sein\u201c. Gibt es etwas Verl\u00e4sslicheres als dieses \u201eIch will mit dir sein\u201c von Seiten des Vaters oder der Mutter oder gar unseres Vaters im Himmel? Auch hier eine Parallele mit dem Ergehen des Stammvaters Jakob, als Gott ihm in schwerer Stunde zusagte: \u201eIch will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.\u201c (1 Mose 28,15) Diese Zusage sollte so etwas werden wie ein Gel\u00e4nder an allen Wegen, die Jakob oder Mose vor sich hatten, auch an den Umwegen und selbst an den Abwegen. Das aber m\u00f6chte ich \u2013 gerade jetzt am Jahresbeginn \u2013 so gerne weitersagen: Dieses Gotteswort gilt auch uns heute, egal, wo wir stehen, egal, wer wir sind, und egal, was passiert:Ich bin mit dir. Ich, der gro\u00dfe Gott, nehme dich einfach bei der Hand, damit du deine Aufgaben erf\u00fcllen und weitergehen kannst. Allerdings: die Hand ausstrecken, das musst du schon selbst.<\/li>\n<li>Ein letztes Stichwort, gewisserma\u00dfen die Klammer, die alles andere zusammenh\u00e4lt: der Name Gottes! Er ist der \u201eich werde sein, der ich sein werde\u201c, und er ist zugleich \u201eder Gott eurer V\u00e4ter\u201c. Damit wird der gro\u00dfe Bogen geschlagen von der Vergangenheit hinein in Gegenwart und Zukunft. Mose kann wissen, mit wem er es zu tun hat. Immerhin kennt er die Vergangenheit und hat seinen Gott erfahren als den, der schon den V\u00e4tern nahe war. Er ist ihm also kein Unbekannter, und deshalb kann er sich auch einlassen auf den, der sein wird. Hier verschr\u00e4nken sich Vergangenheit und Zukunft, und zwar im Wort Gottes selbst: \u201eIch bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Israels und der Gott Jakobs.\u201c Daraus folgt \u2013 nahezu von ganz allein: \u201eIch will mit dir sein.\u201c \u00dcber diese Br\u00fccke kann und wird Mose gehen. Und wir?Allerdings kann Gott niemals aufgehen in der Art einer Gleichung, nach der 2 x 2 = 4 ist. Zu geheimnisvoll ist und bleibt sein Name. Dar\u00fcber haben alle Generationen der Menschheitsgeschichte seither gebr\u00fctet, und doch bleibt da ein Rest, bleibt etwas, was sich nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst. Und das ist gut so, muss wohl so sein. Zu dem Geheimnis Gottes und seines Namens geh\u00f6ren nun einmal die Erfahrungen von Ehrfurcht und von Staunen, vielleicht auch von Furcht und von Zittern.\n<p>Und uns \u2013 ach so modernen \u2013 Menschen f\u00e4llt es hoffentlich wie Schuppen von den Augen: Vor ihm, vor dem \u201eich werde sein\u201c, vor Jahwe \u2013 wie die Israeliten sagen \u2013 wird uns deutlich, wie klein wir sind und wenig wir aus uns selbst heraus verm\u00f6gen. Deshalb sind wir mit allem, was wir k\u00f6nnen und was wir haben, allenfalls Beschenkte. Nirgends wird uns das so deutlich wie bei dem Blick auf das frisch erlebte Grauen. Beschenkte zu sein \u2013 ist das nicht eine gute Ortsbestimmung f\u00fcr uns am Beginn eines neuen Jahres? Beschenkt mit neuen Chancen und beschenkt mit Zuversicht? Oder wie Martin Luther diesen Sachverhalt in seiner letzten schriftlichen Notiz im Angesicht seines nahen Todes formuliert hat: \u201eWir sind Bettler, das ist wahr.\u201c Dankbare Beschenkte, zuversichtliche Bettler \u2013 k\u00f6nnte das nicht die Perspektive f\u00fcr unser Leben sein? Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\n&#8211; Oberlandeskirchenrat J\u00fcrgen J\u00fcngling &#8211;<br \/>\nWilhelmsh\u00f6her Allee 330, 34131 Kassel<br \/>\nTelefon: (05 61) 93 78-2 62; Sekretariat: Frau Bremer -3 96<br \/>\nTelefax: (05 61) 93 78-4 50<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:sonderseelsorge.lka@ekkw.de\">sonderseelsorge.lka@ekkw.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag nach Epiphanias | 16. Januar 2005 |\u00a02. 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