{"id":10300,"date":"2005-01-07T19:49:17","date_gmt":"2005-01-07T18:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10300"},"modified":"2025-05-13T14:14:21","modified_gmt":"2025-05-13T12:14:21","slug":"andacht-anlaesslich-der-flutkatatstrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/andacht-anlaesslich-der-flutkatatstrophe\/","title":{"rendered":"Andacht anl\u00e4\u00dflich der Flutkatatstrophe"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">Andacht anl\u00e4\u00dflich der Flutkatatstrophe | <\/span><span style=\"color: #000099;\">Januar 2005 |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> Jochen Cornelius-Bundschuh |<\/span><\/h3>\n<p><strong>Reden von Gott im Angesicht der Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>Die Flutwelle in S\u00fcdasien hat die Welt\u00f6ffentlichkeit schockiert. In vielen L\u00e4ndern spenden Menschen Geld f\u00fcr die \u00dcberlebenden. In Gottesdiensten, Schweigeminuten oder Staatsakten gedenken sie der Opfer und versuchen zu verstehen, was geschehen ist.<\/p>\n<p>In der Tagesschau ist die Rede vom Schicksalsschlag. Ein buddhistischer M\u00f6nch ist zu sehen und spricht von der Hoffnung, dass die Opfer nun in ein besseres Leben eingehen. In einer Talkshow wird die Frage gestellt: Wie konnte Gott das zulassen? Skeptiker weisen darauf hin, dass auch die 650.000 Menschen, die 1976 bei dem Erdbeben in Tangchan in China umgekommen sind, schnell vergessen waren. Zeitungskommentatoren sehen mit der gro\u00dfen Welle der Hilfsbereitschaft und den vielen guten Taten eine neue Hoffnung f\u00fcr die \u201aEine Welt\u2019 keimen.<\/p>\n<p>In seiner Erz\u00e4hlung \u00fcber das Erdbeben in Chili im Jahre 1647 schildert Heinrich von Kleist die Doppeldeutigkeit der Situation. Einerseits, so erz\u00e4hlt er, war da nicht einer, \u201ef\u00fcr den nicht an diesem Tage etwas R\u00fchrendes geschehen w\u00e4re, oder der nicht selbst etwas Gro\u00dfm\u00fctiges getan h\u00e4tte. So war der Schmerz in jeder Menschenbrust mit so viel s\u00fc\u00dfer Lust vermischt, dass sich gar nicht angeben lie\u00df, ob die Summe des allgemeinen Wohlseins nicht von der einen Seite um ebensoviel gewachsen war, als sie von der anderen abgenommen hatte.\u201c Das allgemeine Ungl\u00fcck schien alle, die ihm entronnen waren, zu einer Familie gemacht zu haben. Doch beim gro\u00dfen Dank- und Bittgottesdienst in der Kathedrale von St. Jago findet der Prediger die Ursache f\u00fcr das Ungl\u00fcck in der sittlichen Verderbnis der Stadt. Er ruft die Gegens\u00e4tze wieder in Erinnerung; die vermeintlich Schuldigen werden ausgemacht und von der Menge gelyncht.<\/p>\n<p>Auch heute sind die Deutungen der Katastrophe vielf\u00e4ltig: wieder gibt es Hoffnung auf eine Verbesserung des Menschengeschlechts neben ohnm\u00e4chtiger oder w\u00fctender Trauer, es gibt die Suche nach Schuldigen neben dem Glauben, dass sich ein solches Grauen nicht wiederholen wird, wenn nur gen\u00fcgend technische Vorsorge getroffen wird.<\/p>\n<p>Was hat die evangelische Kirche zu sagen? Wie l\u00e4sst sich vor dem und \u00fcber den dreieinigen Gott verantwortlich reden angesichts der Katastrophe? Drei biblische Texte sind mir wichtig.<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Der erste steht im Lukasevangelium (Lukas 13, 1-9). Er erz\u00e4hlt \u00fcber ein Ungl\u00fcck mit 18 Toten, die unter einem einst\u00fcrzenden Turm begraben wurden. \u201eWas sagst Du dazu, Jesus?\u201c fragen Menschen. \u201eWas haben diejenigen getan, denen das geschehen ist? Warum hat Gott sie gestraft?\u201c Jesus antwortet: \u201eDiese 18 sind nicht schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen. Ich sage euch: Nein, denkt das nicht, sondern wenn ihr nicht Bu\u00dfe tut, werdet ihr alle auch so umkommen.\u201c<\/p>\n<p>Wie gehen wir mit der Katastrophe um? Wir suchen Schuld und Schuldige! Und dies je nach Weltbild im passenden System: aufgekl\u00e4rt-mechanistisch die einen: wer hat den Turm so schlecht gebaut \u2013 und warum gab es kein Seebebenfr\u00fchwarnsystem? Sozial-politisch die anderen: Warum ist soviel Geld da f\u00fcr Tourismus und so wenig f\u00fcr feste H\u00e4user? Es trifft doch wieder vor allem die Armen. Religi\u00f6s-fundamentalistisch die dritten: die haben es verdient, das war eine Strafe Gottes \u2013 wegen des falschen Glaubens, wegen der S\u00fcnden und der moralischen Verfehlungen.<\/p>\n<p>Das eine mag mehr Plausibilit\u00e4t haben als das andere. Aber deutlich ist: wir k\u00f6nnen Schreckliches kaum ertragen, ohne es zu erkl\u00e4ren, und am besten erkl\u00e4rt sich etwas, indem wir Schuld und Schuldige finden.<\/p>\n<p>Nein, sagt Jesus zu uns, den Zuschauenden. Er spricht ja nicht mit Verletzten oder Angeh\u00f6rigen von Opfern! Er spricht zu Menschen wie uns. Die Radio h\u00f6ren, Fernsehbilder sehen und Zeitung lesen \u2013 und dann entsetzt sind und nach Schuld und Schuldigen suchen, um mit ihrem Grauen zurecht zu kommen. Nein, sagt Jesus, all das wendet sich gegen euch. Denkt ihr, ihr seid weniger verantwortlich? Denkt ihr, ihr lebt so, dass euch nichts passieren kann? Denkt ihr, ihr seid sicher? \u00dcberlegt nur, was ihr anderen schuldig geblieben seid! Bedenkt, was ihr h\u00e4ttet tun k\u00f6nnen und was ihr getan habt. Macht euch klar, dass es ein Wunder ist, dass ihr lebt! Tut Bu\u00dfe, kehrt um, sonst werdet ihr auch umkommen!<\/p>\n<p>Was aber hei\u00dft dann Bu\u00dfe? Es hei\u00dft nicht, moralischer, perfekter, technisch gesicherter zu leben, um auf die anderen zeigen zu k\u00f6nnen: wir sind besser als ihr, uns passiert das nicht! Es hei\u00dft nicht, sein zu wollen wie Gott! Umkehr hei\u00dft zweierlei: Wendet euch zu dem Gott des Weingartens! Und: Dabei \u00e4ndert ihr euch!<\/p>\n<p>Am Ende dieses ersten Textes steht das Bild vom Weing\u00e4rtner, der noch ein Jahr erbittet f\u00fcr seinen Feigenbaum: um zu graben, zu d\u00fcngen, zu gie\u00dfen. Damit die Umkehr beginnen kann. Damit neue Triebe wachsen. Damit Knospen aufspringen. Und der Baum Fr\u00fcchte bringt. Wer f\u00fcr andere sorgt, wer teilt, wird reicher. Auch das uns\u00e4gliche Leid, das in S\u00fcdasien \u00fcber die Menschen hereingebrochen ist, muss nicht nur in Sinnlosigkeit, Fatalismus oder Zynismus enden, es kann zu einem neuen Vertrauen, zu einer neuen Gerechtigkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dann stehen der Weing\u00e4rtner und sein Herr mit uns unter diesem Baum, denken an die schweren Zeiten und freuen sich an der neuen Pracht.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Aber was ist das f\u00fcr ein Gott, dieser Weing\u00e4rtner-Gott? Warum l\u00e4sst er den Baum denn nicht gleich bl\u00fchen? Warum l\u00e4sst er den Turm erst umfallen? Wie kann er eine solche Katastrophe zulassen?<\/p>\n<p>Der zweite Text, der mir wichtig ist, umfasst die beiden Sch\u00f6pfungsgeschichten am Anfang der Bibel (Genesis 1 und 2). Wir lesen sie normalerweise so: Gott hat die Welt geschaffen. Alles, was ist, ist durch ihn, durch eine nicht mehr zu hintergehende Macht hervorgebracht. Und alles was ist und geschieht, ist und bleibt von dieser Macht abh\u00e4ngig. Und weil Gott \u201eimmer und \u00fcberall handelt, wo etwas ist, zu jeder Zeit und an jedem Ort\u201c (Dalferth), erscheint er als gro\u00dfer g\u00f6ttlicher Mechaniker und es stellt sich die Frage: Wie kann er Katastrophen zulassen?<\/p>\n<p>Doch die biblischen Texte lassen sich auch anders lesen. Weniger rationalistisch und mechanistisch, daf\u00fcr aber realistischer und dem biblischen Denken angemessener. Den Sch\u00f6pfungsberichten geht es nicht um eine abstrakte Allmacht Gottes. Gott reagiert auch auf das Geschaffene. Kaum ist es da, f\u00fchrt es ein Eigenleben. Von Anfang an folgt es Naturgesetzen und Ordnungen, die Gott respektiert, die er mit Wohlgefallen anschaut und auf die er wiederum eingeht. Schon im Vorgang der Sch\u00f6pfung kommt es zu einem Zusammenwirken von g\u00f6ttlichen und menschlichem Handeln, wenn Gott regnen l\u00e4sst und der Mensch anbaut, wenn die Erde das Getier hervorbringt, wenn die Himmelsk\u00f6rper den Tag- und Nachtrhythmus bilden. Wenn nicht nur Gott benennt, sondern auch dem Menschen diese fundamentale Aufgabe und Macht zukommt. Gott reagiert auf Erfahrungen des Menschen: nicht weil es seinem immer schon vorhandenen abstrakten Plan entspricht, sondern weil Gott die Not und Einsamkeit des Menschen sieht, kommt es zur Differenzierung des Menschen in Mann und Frau.<\/p>\n<p>Nein, Gott ist nicht die alles bestimmende, selbstgen\u00fcgsame und mit sich selbst zufriedene Macht; Gott sucht das Gegen\u00fcber, nimmt es wahr, sch\u00e4tzt seine Eigenaktivit\u00e4t \u2013 oder wendet sich davon ab: Gott geht auf die Bed\u00fcrfnisse des von ihm Geschaffenen ein und l\u00e4sst sich in seinem Handeln dadurch bestimmen \u2013 oder zieht sich entt\u00e4uscht von seinem Gesch\u00f6pf zur\u00fcck. Nicht nur der Mensch ist frei und ein Gegen\u00fcber Gottes, die gesamte Sch\u00f6pfung ist selbstt\u00e4tig; Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf wirken zusammen.<\/p>\n<p>Im Angesicht der Katastrophe ist diese biblische Rede von der eigenen Aktivit\u00e4t des Gesch\u00f6pflichen, vom Miteinander von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf realistisch. Sie weist hin auf die Gef\u00e4hrdungen des Lebens in dieser Sch\u00f6pfung, die sch\u00f6n und gro\u00df, aber eben auch dunkel und erschreckend ist, in der es Bereiche gibt, die menschlicher Gestaltung zug\u00e4nglich und andere, die ihr unzug\u00e4nglich sind. In all dem ist \u201eGott &#8230; nicht eine Zaubermacht, die die Naturgesetze \u00fcberrollt\u201c (Michael Welker) und Leid und Seebeben verhindert, sondern die Kraft, die auf ein Miteinander mit allem von ihr Geschaffenen angelegt ist, die Kraft, die in der Schwachheit m\u00e4chtig ist und aus Not und Tod heraus neues Leben schaffen kann.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Tr\u00e4gt dieser Realismus im Angesicht der Katastrophe? Tr\u00e4gt der Glaube, f\u00fcr den das Kreuz zum Baum des Lebens wird?<\/p>\n<p>Wer zur\u00fcckblickt und auf die Katastrophe schaut, wird zur Salzs\u00e4ule, erz\u00e4hlt die Geschichte \u00fcber Lot und seine Frau. Nicht als Strafe, sagt J\u00fcrgen Ebach. Nein, \u201eder Anblick der Katastrophe vermag zu versteinern.\u201c Weil er bannt, weil er auf das Schreckliche fixiert und verhindert, dass das Rettende noch in den Blick kommt.<\/p>\n<p>Hei\u00dft das: Dreht euch nicht um, ihr Christinnen und Christen! Tut einfach so, als sei nichts passiert! Schaut immer sch\u00f6n nach vorne! Es geht schon irgendwie weiter.<\/p>\n<p>Das doch wohl nicht! Die Geschichte von Lots Frau bringt eine Erfahrung zur Sprache, aber sie ist kein abstrakter Lehrsatz, der immer stimmt.<\/p>\n<p>Der Blick auf das Grauen l\u00e4sst erstarren. Das gilt noch f\u00fcr die tausendfach reproduzierten Bilder, die uns aus S\u00fcdasien erreichen. Der Blick auf das Grauen wird nicht betraft, aber es wird vor ihm gewarnt. Denn er weckt Furcht und Mitleid, eben auch Furcht um mich selbst und Selbstmitleid. Das kann mich trennen von Gottes Verhei\u00dfung, kann mich handlungsunf\u00e4hig machen, mich bannen.<\/p>\n<p>Der Blick auf das Grauen l\u00e4sst Lots Frau zur Salzs\u00e4ule erstarren. Nicht als Strafe, sondern weil das Unheil sie \u00fcberw\u00e4ltigt hat. Jesus preist diejenigen selig, die arm sind und Leid tragen, die hungern und d\u00fcrsten nach Gerechtigkeit. \u201eSie sind das Salz der Erde.\u201c (Matth\u00e4us 5, 13)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:cornelius-bundschuh@ekkw.de\"><strong>cornelius-bundschuh@ekkw.de <\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andacht anl\u00e4\u00dflich der Flutkatatstrophe | Januar 2005 | Jochen Cornelius-Bundschuh | Reden von Gott im Angesicht der Katastrophe Die Flutwelle in S\u00fcdasien hat die Welt\u00f6ffentlichkeit schockiert. In vielen L\u00e4ndern spenden Menschen Geld f\u00fcr die \u00dcberlebenden. In Gottesdiensten, Schweigeminuten oder Staatsakten gedenken sie der Opfer und versuchen zu verstehen, was geschehen ist. 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