{"id":10307,"date":"2005-01-07T19:49:25","date_gmt":"2005-01-07T18:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10307"},"modified":"2025-05-14T08:08:43","modified_gmt":"2025-05-14T06:08:43","slug":"1-johannes-416b","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-416b\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20,1\u201316"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Septuagesimae | 23. Januar 2005 | Mt 20,1\u201316 | Elisabeth Birgitte Siemen |<\/h3>\n<p>\u201eDie Letzten werden die Ersten sein \u2013 und die Ersten die Letzten.\u201c Ja, was in aller Welt stellen wir an mit einer Erz\u00e4hlung, die diese Pointe hat? Eines ist klar, aus unserer Sicht ist von einer gro\u00dfen Ungerechtigkeit die die Rede.<br \/>\nIch m\u00f6chte auch gern den Arbeitgeber sehen, der mit diesem Prinzip Lohnverhandlungen f\u00fchren wollte. Und als alter Vertrauensmann der Pastoren in meinem Kirchenkreis kann ich sagen, dass sich das auch hier nicht machen l\u00e4sst. Ein solcher Versuch w\u00fcrde gro\u00dfe Unruhe hervorrufen \u2013 und zwar mit Recht.<\/p>\n<p>Denn wie immer wir diese Worte drehen und wenden \u2013 Ausdruck f\u00fcr Angemessenheit k\u00f6nnen sie niemals sein. Und das macht es denn auch so schwer mit diesen Gleichnissen, die wir aus dem Neuen Testament so gut kennen. Denn sie sprengen oft die festen Vorstellungen, die wir uns davon machen, was richtig und verkehrt, was Recht und Unrecht ist.<br \/>\nUnd das ist vermutlich auch einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass das Christentum so oft Ansto\u00df erregt hat. Nicht nur bei Christen, sondern auch bei Menschen, die anderen Religionen angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>In allen anderen gro\u00dfen Religionen \u2013 Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus \u2013 gilt n\u00e4mlich, dass dort Forderungen an den Menschen gestellt werden \u2013 die Herrlichkeit im Himmel wird, um es ganz kurz zu sagen, als angemessener Lohn f\u00fcr angemessenen Einsatz betrachtet. Und deshalb ist denn auch die treibende Kraft in den Religionen dies, dass der Mensch etwas tun soll, denn auf Erden ist das zu tun, was dann im Jenseits belohnt werden soll. Oder mit anderen Worten \u2013 in diesen Religionen geht es um den Weg des Menschen zu Gott, darum, dass sich der Mensch durch Gebet, Hingabe, Gesetztestreue, Meditation Gott n\u00e4hern kann.<br \/>\nOder, um in der Sprache des Gleichnisses zu bleiben, diejenigen, die den ganzen Tag in Sonne und Hitze gearbeitet haben, bekommen mehr als diejenigen, die im letzten Augenblick hinzukommen \u2013 ganz gerechterweise. Wie dein Arbeitseinsatz ist, so ist auch der Lohn.<\/p>\n<p>Aber das Christentum ist anders, es ist das, was wir gerade zu Weihnachten gefeiert haben, dass der Weg vom Himmel zur Erde f\u00fchrt.<br \/>\nDer Weg zu Gott geht im Christentum nicht \u00fcber die Leistungen eines Menschen, da gibt es nichts, was wir \u201etun\u201c sollen, da gibt es im Grunde nichts, was wir tun k\u00f6nnen \u2013 der Weg zwischen Gott und Mensch ist Christus selbst.<\/p>\n<p>Deshalb kann er sagen \u201eich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben\u201c. Ja, er ist n\u00e4mlich der Weg, der vom Himmel zur Erde f\u00fchrt!<br \/>\nEr verlie\u00df seinen sicheren Himmel und wurde unter uns geboren \u2013 das haben wir vor kurzem zu Weihnachten gefeiert. Er lebte unter uns in der zwielichtigen, oft recht undurchschaubaren Welt, der auch wir ge\u00adgen\u00ad\u00fcberstehen oder in der wir immer mittendrin stehen.<br \/>\nDeshalb ist sein Weg auch nicht der Traum oder die unerreichbare Utopie, f\u00fcr die er sein Leben opfern kann. Und das ist f\u00fcr uns so schwer zu verstehen, die wir so daran gew\u00f6hnt sind, in Begriffen der Gegenseitigkeit zu denken.<\/p>\n<p>Nun wei\u00df ich nat\u00fcrlich sehr gut, dass das Gleichnis vom Weinbergbesitzer keine Beispielerz\u00e4hlung ist, es ist nicht davon die Rede, dass wir nach seinem Vorbild handeln sollten. Das Gleichnis des heutigen Textes will schlicht und einfach sagen, dass alle unsere Begriffe von Recht und Gerechtigkeit dort keinen Platz haben, wo das Reich Gottes anbricht.<\/p>\n<p>Aber \u2013 und das ist nun auch zu betonen: wenn davon die Rede ist, dass die Ersten die Letzten sein werden und umgekehrt, dann bedeutet das nicht, dass von Seiten des Herrn von blinder Willk\u00fcr die Rede ist. Die Pointe besteht vielmehr darin, dass es im Reich Gottes um Liebe und Gnade geht \u2013 die Gnade, die dem Recht und der Gerechtigkeit immer vorausgeht. Und Gott sei Dank daf\u00fcr, denn in Wirklichkeit geht es uns so ganz gut.<\/p>\n<p>Gott ist Liebe, wie es im 1. Johannesbrief hei\u00dft, und das bedeutet, wo er herrscht, wo seine Liebe sich durchsetzt, da hat niemand den Vorzug vor anderen. Und gibt es keinen Vorzug, so gibt es auch kein Verdienst \u2013 ja, dann ist auch nicht mehr von Recht und Gerechtigkeit die Rede, sondern eben von Liebe.<\/p>\n<p>Die Liebe \u2013 sie hat ihren Preis, sie ist teuer, sagen wir zueinander, w\u00e4hrend wir andererseits sehr gut wissen, dass sie weder zu kaufen noch zu verkaufen ist. Und trotz dieses Wissens versuchen wir ununterbrochen, uns die Liebe zu verdienen oder sie festzuhalten. Wir m\u00f6chten alle so gern gut genug sein, im innersten Sinne des Wortes liebensw\u00fcrdig, d.h. der Liebe wert sein, und wir m\u00f6chten uns damit den Akzept des Herrn oder anderer Menschen \u2013 und das hei\u00dft ihre Liebe sichern.<\/p>\n<p>Bent Falk schreibt in seinem wunderbaren Buch Der Preis der Liebe Folgendes: \u201eDie Liebe kostet immer etwas \u2013 und am meisten kostet sie f\u00fcr den, der am meisten liebt. Das wei\u00df ein jeder, der liebt: Die Eltern, die denjenigen Kampf der Liebe k\u00e4mpfen, der Erziehung der Kinder hei\u00dft, Eheleute, die sich ihr Leben lang gegenseitig die H\u00f6rner ablaufen m\u00fcssen, und Freunde, die m\u00fchsam die Br\u00fccke der Vergebung schlagen m\u00fcssen \u00fcber Abgr\u00fcnde von Meinungsunterschieden und Interessengegens\u00e4tzen hinweg. Am meisten kostet die Liebe, wenn das Kind nicht nach Hause kommt, wenn der Geliebte untreu war und wenn der Freund sich abwandte und die ausgestreckte Hand verschm\u00e4hte. Das hei\u00dft, am meisten kostet die Liebe, wenn sie nichts f\u00fcr das bekommt, was sie bezahlt.\u201c<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von Gott, der Mensch wurde in Jesus von Nazareth, ist die Erz\u00e4hlung von dem, der so viel liebte, dass er bereit war, den Preis zu bezahlen, den die Liebe kostet. Die Evangelien sind ein langes Zeugnis davon. Und wenn wir bis Ostern kommen, wissen wir auch, da\u00df er den vollen Preis bezahlte, n\u00e4mlich dass er mit seinem Leben bezahlte, um uns Verst\u00e4ndnislose einen Funken der Liebe sehen zu lassen.<\/p>\n<p>Und ob wir es nun begreifen oder nicht \u2013 so verh\u00e4lt es sich mit dem Reich Gottes. Im Reich Gottes sind wir alle geliebt, dort \u2013 und nur dort \u2013 wird die harte Notwendigkeit gebrochen, die im Zusammenhang zwischen Einsatz und Lohn beseht. Im Reich Gottes erhalten wir n\u00e4mlich alle dasselbe \u2013 den Lohn f\u00fcr einen Tag. Wir haben alle unser Leben erhalten \u2013 einen Tagelohn, wenn man so will. Ob es ein kurzes oder ein langes Leben wird, ob es hell und gl\u00fccklich oder dunkler und schwerer wird, ist in diesem Zusammenhang nicht das Entscheidende. Wir haben das Leben erhalten, das nun einmal das unsrige ist, und das ist von unendlichem Wert f\u00fcr Gott. Er gab es uns, und in seinen Augen sind wir das, was zu sein wir uns so brennend w\u00fcnschen, der Liebe wert. In seinen Augen sind wir immer einen Tagelohn wert, denn unser Wert besteht nicht in dem, was wir geleistet haben, er besteht darin, dass wir dasind. Dass wir sind!<\/p>\n<p>Wenn wir uns hier in der Kirche zum Gottesdienst versammeln, dann kann man sagen, dass wir uns gewisserma\u00dfen um den Vorgriff auf das Kommen des Reiches Gottes sammeln. Und wenn wir im Bild des Tages bleiben, k\u00f6nnte man sagen, hier im Gottesdienst wird jedem von uns eine Goldm\u00fcnze gereicht \u2013 n\u00e4mlich das Wort Gottes: du bist im Voraus geliebt, und hier ist der Lohn \u2013 die gn\u00e4dige Vergebung deiner S\u00fcnden und die Hoffnung auf das ewige Leben.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit ist es schade, dass wir heute keine Kindtaufe haben \u2013 denn in ihr wird das alles so deutlich. In der Taufe wird diese M\u00fcnze den kleinen Kindern gereicht \u2013 vor aller Leistung, vor allem, was dieses kleine Kind jemals wird leisten k\u00f6nnen. Und genau deshalb ist die Taufe ein so feines Bild des Reiches Gottes. Hier brechen alle Vorstellungen \u00fcber das rechte Verh\u00e4ltnis von Arbeit und Lohn zusammen. Hier gilt nur der Ma\u00dfstab der Liebe.<\/p>\n<p>Und ja, das ist nicht nur unverst\u00e4ndliche Rede, es ist auch anst\u00f6\u00dfige Rede. So anst\u00f6\u00dfig, dass einige der allerersten Zuh\u00f6rer den Erz\u00e4hler t\u00f6teten. Aber wahre Liebe l\u00e4sst sich nie verleugnen \u2013 und die Welt hat den Erz\u00e4hler oder seine Gleichnisse nie vergessen. Selbst heute, im 3. Jahrtausend danach, versammeln wir uns noch immer in seinem Namen und erz\u00e4hlen einander von der Liebe, die den Preis der Liebe bezahlt hat.<\/p>\n<p>Aber was bleibt da von unserer Arbeit im Weinberg? Von unserem t\u00e4glichen gew\u00f6hnlichen Leben miteinander? Ja, wenn wir daran festhalten, dass jeder den gleichen Lohn erh\u00e4lt, die Goldm\u00fcnze bekommt als Zeichen seines rechten Wertes, dann k\u00f6nnte dieses Leben im Ernst zu einem Leben in Freiheit und Freude werden. Dann gibt es nichts mehr, womit wir uns das Heil verdienen k\u00f6nnten, alles aber k\u00f6nnte zu einem \u00dcberschuss der Freude werden, die darin gr\u00fcndet, dass wir geliebt sind.<\/p>\n<p>Wir sind n\u00e4mlich alle eingeladen, Gottes Mitarbeiter zu sein, all unseren Flei\u00df und alle unsere uns anvertrauten Talente zu gebrauchen, um f\u00fcr Recht, Frieden und Freude zu wirken. Und wir w\u00e4ren weit gekommen, sehr weit, wenn wir den Ma\u00dfstab unseres Herrn Richtschnur in unserem Leben sein lassen k\u00f6nnten, so dass wir uns selbst und gegenseitig nicht das Gef\u00fchl geben, dass nur hochbezahlte Arbeit dem Menschen seinen Wert verleiht.<br \/>\nDenn wir sind nicht in erster Linie, was wir machen, sondern vielmehr wozu wir gemacht werden!<br \/>\nUnd die Werke des Reiches Gottes sind die Werke der Liebe, und die werden nicht mit menschlichem Ma\u00dfstab gemessen.<br \/>\nDie Werke des Reiches Gottes sind von so vielerlei Art, sie sind nicht zu bewerten und zu beurteilen. Denn ob wir nun wenig oder viel tun, die Gnade Gottes beruht allein darauf, dass ER gut ist.<br \/>\nEr ist so gut wie der Weinbergbesitzer, der an jeden Arbeiter ungeachtet seiner Arbeit hinreichenden Lohn zahlt, er ist so gut wie der Vater, der seinem fortgelaufenen Sohn verzeiht und das Mastkalb f\u00fcr ihn schlachtet, als er endlich wieder auftaucht, und er ist so gut wie der Mann, der alle Leute auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen zu einem Festessen einlud.<\/p>\n<p>Nach unserem Ma\u00dfstab handelt der Weinbergbesitzer unvern\u00fcnftig. Das m\u00fcssen wir einfach anerkennen. Das Evangelium aber erz\u00e4hlt, dass Gottes Torheit weiser ist als die Klugheit der Menschen, weil sie von der Liebe getragen ist.<br \/>\nGott mag wissen, was gesch\u00e4he, wenn wir uns von der Torheit dieser Liebe ergreifen und sie unter uns walten lie\u00dfen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Elisabeth Birgitte Siemen<br \/>\nKirseb\u00e6rbakken 1<br \/>\nDK- 2830 Virum<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 45 85 63 30<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:ebsi@km.dk\">ebsi@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p>\u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 23. Januar 2005 | Mt 20,1\u201316 | Elisabeth Birgitte Siemen | \u201eDie Letzten werden die Ersten sein \u2013 und die Ersten die Letzten.\u201c Ja, was in aller Welt stellen wir an mit einer Erz\u00e4hlung, die diese Pointe hat? Eines ist klar, aus unserer Sicht ist von einer gro\u00dfen Ungerechtigkeit die die Rede. 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