{"id":10314,"date":"2005-01-07T19:49:28","date_gmt":"2005-01-07T18:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10314"},"modified":"2025-05-14T08:19:10","modified_gmt":"2025-05-14T06:19:10","slug":"markus-41-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-41-20-2\/","title":{"rendered":"Markus 4,1-20"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Sexagesimae | 30. Januar 2005 | Mk 4,1-20 | Niels Henrik Arendt |<\/h3>\n<p>(Markus 4,1-20 ist der Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Die menschliche Hoffnung ist eine merkw\u00fcrdige Sache. Sie ist zugleich gebrechlich und z\u00e4hlebig. In mancherlei Hinsicht w\u00e4re es leichter, wenn man davon ablie\u00dfe, immer wieder Hoffnung zu hegen, wenn die Zukunft finster erscheint \u2013 wenn man die Hoffnung einfach aufg\u00e4be, aber das tun wir nicht. Im Gegenteil. Die Hoffnung stellt sich ein ums andere Mal von Neuem ein. Es w\u00e4re auch leichter, ein f\u00fcr alle Mal zu resignieren, sich zufrieden zu geben, sich mit dem Elend abzufinden, das es ja immer in der Welt geben wird. Stattdessen geschieht es immer wieder, dass wir den Kopf nicht h\u00e4ngen lassen, dass wir uns aufrichten und nach vorn sp\u00e4hen, und w\u00e4re es auch nur der kleinste Lichtschein.<\/p>\n<p>Seine Hoffnung an Stellen zu pflanzen, von denen man nicht wei\u00df, ob sie dort auch gedeihen kann, ob da etwas ist, wovon sie leben kann oder nicht, das scheint sinnlos zu sein. Aber wir tun es. Wie oft ist eine Erwartung geschwunden, und dann versuchen wir dennoch, sie umzupflanzen, denn wir k\u00f6nnen uns nicht dazu bequemen, sie einfach mit Stumpf und Stiel auszurei\u00dfen, uns von der verwundbaren Hoffnung zu befreien und zu leben ohne Illusionen dar\u00fcber, dass die Zukunft oder die Welt oder wir selbst besser werden k\u00f6nnten. Wir scheinen nicht ohne das leben zu k\u00f6nnen, was manche zweifellos als einen naiven Glauben bezeichnen w\u00fcrden, einen Glauben daran, dass alles trotz allem zu einem guten Ende f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Der \u00f6sterreichische Arzt Viktor Frankl, Gefangener in Auschwitz von 1942 bis 1945, erz\u00e4hlt, wie die Hoffnungslosigkeit vielen seiner Mitgefangenen in dem Nazivernichtungslager das Leben nahm. Und das ist vielleicht die Erkl\u00e4rung, dass sich die Hoffnung nicht vernichten l\u00e4sst. Vielleicht ist es ein Selbsterhaltungstrieb des Geistes, der die Hoffnung sich immer wieder melden l\u00e4sst, obwohl das nicht besonders realistisch ist. So war es jedenfalls f\u00fcr die Gefangenen: immer wieder erstarb die Hoffnung, immer wieder erstarkte sie von Neuem, aufgrund irgendeines Ger\u00fcchts, irgendeines bedeutungslosen Ereignisses, irgendeiner hingeworfenen Bemerkung eines der Henker. Einer der Gefangen kam Ende Februar 1945 zu Frankl und erz\u00e4hlte ihm, dass er einen Traum gehabt habe: er hatte getr\u00e4umt, dass der Krieg jedenfalls f\u00fcr ihn am 30. M\u00e4rz vorbei sein werde. Alle wussten, dass der Krieg in den letzten Z\u00fcgen lag: Ger\u00fcchte vom Vormarsch der alliierten Truppen gelangten bis hinter den Stacheldraht, wo das Leben sonst genauso brutal und leidvoll war, wie es das die ganze Zeit gewesen war. Jetzt schlug in diesem Traum seine Hoffnung ihre Wurzeln. Er sprach davon, er freute sich, er h\u00f6rte auf jedes Ger\u00fccht, das seine wilde Hoffnung h\u00e4tte best\u00e4tigen k\u00f6nnen. Aber es war, wie wenn die Front still stand, und als der 29. M\u00e4rz kam und keine Befreiung in greifbarer N\u00e4he war, bekam der Mann einen ernsten Anfall von Flecktyphus. Am 30. M\u00e4rz fr\u00fchmorgens verlor er das Bewusstsein, und in der Nacht darauf starb er. In dem Sinne ging sein Traum in Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p>Die Episode zeigt, dass die Hoffnung sogar im k\u00e4rglichsten Erdboden w\u00e4chst \u2013 und dass manche von der Hoffnungslosigkeit erdr\u00fcckt werden. Aber wenn man sieht, wie wenig die Hoffnung zuweilen hat, worauf sie sich st\u00fctzen kann, und wie vieles sie bedroht, dann muss man wohl sagen, dass es leichter w\u00e4re, sie aufzugeben, als sie zu bewahren. Und man kann die Frage stellen, ob nicht f\u00fcr aufgekl\u00e4rte Menschen der Realismus oder die Resignation eine angemessenere Lebensgrundlage w\u00e4re. So ist es auch heute. Ich brauche die Weltlage nicht Revue passieren zu lassen, um das zu begr\u00fcnden. Wer h\u00e4tte das nicht so empfunden?<\/p>\n<p>F\u00fcr Jesus muss Resignation auch so manches Mal <em>die<\/em> M\u00f6glichkeit gewesen sein, die am n\u00e4chsten lag. Wie es heute berichtet wird: er sprach, und die Menschen h\u00f6rten zu, und dennoch begriffen sie nichts; er handelte, und die Menschen sahen, und dennoch begriffen sie nichts. Sogar seine J\u00fcnger missverstanden ihn. Er erkannte, dass das einzige <em>in die Augen fallende<\/em> Ergebnis seines Handelns ein wachsender Widerstand bei denjenigen war, die wirklich etwas bedeuteten \u2013 was n\u00fctzte es da, dass es unbedeutende einzelne Menschen waren, die mit ihm zu halten und ihn zu sch\u00e4tzen schienen? Und trotzdem gab er nicht auf, sondern machte weiter. Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr liegt in dem Gleichnis, das wir heute geh\u00f6rt haben, und in anderen von diesen kleinen bildlichen Erz\u00e4hlungen. Wie viele von ihnen handeln nicht davon, wie gering, wie bedrohlich, wie aussichtslos sich alles ausnimmt! Und doch enden sie immer besser und \u00fcberschwenglicher, als man es sich in seiner Phantasie vorstellen kann.<\/p>\n<p>Der S\u00e4mann in dem Gleichnis hatte viele Odds gegen sich; zum gr\u00f6\u00dften Teil sogar verborgen, erkennbar erst, als das Korn zu wachsen begann. Aber er s\u00e4te trotzdem. Ja, er tat es mit einer Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, die ans Unbedenkliche grenzte. Dann ging das Korn auf, d.h. an den Stellen, wo noch etwas davon \u00fcbrig war, und w\u00e4hrend es wuchs, musste der S\u00e4mann immer wieder zusehen, wie seine Erwartungen zunichte wurden, hier war wirklich Stoff f\u00fcr d\u00fcstere Voraussagen \u00fcber die Ernte. Und dennoch endete es also mit dieser phantastischen Ernte. Man kann den Blick nach unten richten \u2013 auf die zahlreichen Schwierigkeiten, die mit der Aussaat verbunden sind. Aber man kann den Blick auch nach vorn richten, auf die Ernte, und dies ist es, was Jesus von seinen Zuh\u00f6rern will. Wer kannte nicht all die Missgeschicke, die ein Bauer hatte? Aber die \u00fcberw\u00e4ltigende gro\u00dfe Ernte \u2013 das ist die Pointe der Geschichte.<\/p>\n<p>Von wem handelt also das Gleichnis \u2013 handelt es von der Kirche, oder handelt es von der Welt, oder handelt es von mir: dem einzelnen Menschen? Ich glaube nicht, dass man hier auf diese Weise trennen kann, alles ist doch von Gott geschaffen. Das Gleichnis handelt davon, dass das Wort Gottes eine \u00fcberraschende Wirkung haben wird \u2013 auf Aufmerksamkeit sto\u00dfen, die Welt erneuern, Menschen bekehren wird. Es ist eine Geschichte, deren tiefster Sinn es ist, uns die Hoffnung und den Glauben zur\u00fcckzugeben \u2013 trotz all dessen, was sie bedrohen kann. Und davon gibt es ja genug. Freude und Freim\u00fctigkeit am Leben k\u00f6nnen leicht von Sorgen und fahlen Gedanken und anderem Jammer erstickt werden. Aber das wei\u00df Gott sehr wohl, und Gott wirft die Flinte nicht ins Korn. Es war dieses Wissen, das Jesus Mut machte, fortzufahren. Und es ist dieses Wissen, das er mit uns teilt in dieser und anderen kurzen Geschichten. Gott ist gro\u00dfz\u00fcgig mit seinen Geschenken, Gott harrt aus, Gott wei\u00df, was er tut, Gott hat Zeit, Gott ist geduldig. Und zu allerletzt geht es, wie Gott es in seiner G\u00fcte will.<\/p>\n<p>\u201eDas gr\u00f6\u00dfte Wunder auf der Erd<br \/>\nist\u2019s Reich, das Christ gegr\u00fcndet,<br \/>\nsein Herrlichkeit so unerh\u00f6rt,<br \/>\ndass Gleiches niemand findet.\u201c<br \/>\n(Grundtvig, d\u00e4n. Ges.buch 319)<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel. +45 74522025<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\"> nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzt von Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 30. 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