{"id":10315,"date":"2005-01-07T19:49:14","date_gmt":"2005-01-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10315"},"modified":"2025-05-14T08:20:54","modified_gmt":"2025-05-14T06:20:54","slug":"markus-4-26-29-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-4-26-29-2\/","title":{"rendered":"Markus 4, 26-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Sexagesimae | 30. Januar 2005 | Markus 4, 26-29 | Jochen Cornelius-Bundschuh |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Markus 4, 26-29<br \/>\n<em>26 Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen auf ein Land wirft <\/em><br \/>\n<em>27 und schl\u00e4ft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und w\u00e4chst \u2013 und er wei\u00df nicht, wie. <\/em><br \/>\n<em>28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, darnach die \u00c4hre, darnach den vollen Weizen in der \u00c4hre. <\/em><br \/>\n<em>29. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Nacht f\u00fcr Nacht und Tag f\u00fcr Tag, schlafen und aufstehen, s\u00e4en und wachsen lassen, arbeiten, wachsen lassen und schlie\u00dflich ernten. Nacht f\u00fcr Nacht und Tag f\u00fcr Tag darauf vertrauen &#8211; es w\u00e4chst wie von selbst, das Reich Gottes!<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Eine allt\u00e4gliche Szene, milliardenfach auf der Erde erlebt, seit die Menschen sesshaft sind: Ein Mensch s\u00e4t und wirft den Samen auf die Erde. Er wartet, dass neue Nahrung w\u00e4chst. Immer der gleiche Kampf um das t\u00e4gliche Brot, seit Generationen, immer die gleiche M\u00fchsal. Immer die Sorgen um die Politik und um das Wetter, die \u2013 wie die Flutkatastrophe &#8211; gef\u00e4hrden k\u00f6nnen, was wir so m\u00fchsam zu schaffen versuchen. Im Schwei\u00dfe deines Angesichtes, hei\u00dft es schon im Sch\u00f6pfungsbericht, wirst du deine Arbeit tun, wirst du s\u00e4en und ernten.<\/p>\n<p>Eine allt\u00e4gliche Szene, auch wenn uns das S\u00e4en fremd geworden ist. Wir stehen auf, Tag f\u00fcr Tag, wir tun, was getan werden muss, im Betrieb oder im Haushalt. Wir arbeiten und machen Pause, wir werden m\u00fcde und fahren abgespannt nach Hause. Wir genie\u00dfen den Feierabend und gehen zu Bett. Tag f\u00fcr Tag, Nacht f\u00fcr Nacht. Wir geben einen Teil unserer Lebenskraft, um unser Leben und das Leben anderer zu bewahren und um immer wieder neues Leben zu schaffen.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Was unterscheidet diese allt\u00e4glichen Szenen von der, die Jesus schildert? Unterscheidet sie \u00fcberhaupt etwas? Oder ist das Reich Gottes dieser immer gleiche Alltag: zur Arbeit oder zur Schule gehen, die Betten machen, kochen, aufr\u00e4umen, ausruhen, sich entspannen, schlafen.<\/p>\n<p>Ich bin nicht sicher, wo genau der Unterschied liegt. Ich lese aber, dass Jesus nicht den Stress hervorhebt und die Langweile, nicht die Angst und die Anspr\u00fcche der Lehrer\/innen, der Kolleg\/inn\/en oder des Chefs, nicht die M\u00fchsal und die Sorgen! \u201eDer Mann wirft den Samen aufs Erdreich und legt sich dann schlafen und steht wieder auf, Nacht f\u00fcr Nacht und Tag f\u00fcr Tag. Und der Same keimt und w\u00e4chst &#8211; wie, das wei\u00df er selbst nicht.\u201c<\/p>\n<p>Sein allt\u00e4gliches Tun zeichnet sich durch geduldiges Warten aus, dass das S\u00e4en Erfolg hat. Es zeichnet sich dadurch aus, dass er beruhigt schl\u00e4ft: bisher hat die Arbeit fast immer Ertrag gebracht. Der S\u00e4mann hat Vertrauen, dass sein Tun sinnvoll ist. Er gibt einen Teil seiner Nahrung: den Samen, hin, um neue Nahrung zu gewinnen, er arbeitet und legt sich dann schlafen, weil er sich fest darauf verl\u00e4sst, dass er weiterleben wird.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Seit die Arbeit der Bauern kaum noch wahrgenommen wird, seit Maschinen s\u00e4en und das S\u00e4en im eigenen Garten nur noch Hobby ist, hat dieser Satz an Plausibilit\u00e4t verloren. Heute scheint nichts von selbst zu geschehen! Wer Achsen herstellt, der kommt nicht morgens an die Arbeit &#8211; und da ist etwas gewachsen. Die Schicht vorher hat vielleicht weitergearbeitet; aber wenn die B\u00e4nder still stehen, tut sich nichts.<\/p>\n<p>Und nichts scheint in der Schule zur Zeit dringender zu sein, als den Jugendlichen beizubringen: Nichts kommt von selbst! Wer sich nicht m\u00fcht, der hat keine Chance! Automechaniker willst du werden: nicht ohne gute mittlere Reife! Studieren? Nicht mit diesem Notenschnitt! Nein, nichts kommt von selber, denn: von nichts kommt nichts!<\/p>\n<p>Hat dann das Gleichnis seinen Sinn verloren!? Enth\u00e4lt es nur noch eine nette Erinnerung an vergangene Zeiten, in denen man sich noch zur\u00fccklehnen konnte und sicher sein, ja, es geht schon irgendwie weiter, so wie es die Erafhrung der Landbev\u00f6lkerung in und nach dem Zweiten Weltkrieg war: Zur Not bebaue ich mein G\u00e4rtchen, \u201edenn von selbst bringt die Erde Frucht!\u201c Der fr\u00f6hliche Landmann, der \u00fcber die Felder zieht, eine nette Illusion aus einer Zeit, in der die Menschen ihr Leben zwar auch nicht in ihrer Hand hatten, aber in der sie sich trotz Sorgen vor Unwetter vielleicht heimischer f\u00fchlten.<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Wahrscheinlich stimmt beides nicht, das Bild von den guten alten Zeiten und unser Bild von heute: Menschen, die fr\u00fcher vom Ertrag der Felder lebten, waren nicht sicherer, gewisser, vertrauensvoller. Schon immer gab es volle Scheunen und gleichzeitig Hunger &#8211; und Menschen, die vor Hunger starben. Davon erz\u00e4hlt schon die Bibel, davon erz\u00e4hlt heute das Fernsehen in schrecklichen Bildern.<\/p>\n<p>Nein, das Vertrauen, von dem Jesus in diesem Gleichnis spricht und das vielleicht das Reich Gottes ausmacht, war in einer Welt, die noch ganz oder zumindest haupts\u00e4chlich von der Landwirtschaft bestimmt war, nicht selbstverst\u00e4ndlicher als heute. Auch damals war das Misstrauen gro\u00df, auch damals gab es Sorgen, auch damals die Angst, kann ich wirklich beruhigt aufh\u00f6ren und einschlafen, oder ist morgen alles zu Ende.<\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>S\u00e4en, schlafen, aufstehen, Nacht f\u00fcr Nacht, Tag f\u00fcr Tag. Der Same geht auf und w\u00e4chst &#8211; er wei\u00df aber nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht.<\/p>\n<p>Sich dieser Abfolge anzuvertrauen, dass war zu Jesu Zeiten nicht selbstverst\u00e4ndlich &#8211; und ist es heute nicht. Doch damals wie heute gibt es die Erfahrung: ja, ich wei\u00df nicht, wie es zugegangen ist, aber wie von selbst ist es gut geworden. Wie von selbst!<\/p>\n<p>Da gibt es jahrelang nur Stress in einer Familie, in der Ehe, mit den Kindern, in der Schule. Und dann ergreift einer die Chance, die sich ihm bietet, s\u00e4t &#8211; und gegen alle Erwartung, denn wie hatten wir es nicht schon probiert, im Guten und im B\u00f6sen, mit Drohungen und mit Belohnungen, mit Erziehungsberatung und und und &#8230;. Einer ergreift die Chance, s\u00e4t &#8211; und der Same geht auf und w\u00e4chst, die schulischen Leistungen bessern sich, die h\u00e4usliche Lage entspannt sich. Er wei\u00df aber nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht.<\/p>\n<p>Da rutscht eine immer weiter ab, kommt nicht mehr p\u00fcnktlich zur Arbeit, f\u00e4ngt an zu trinken, verliert den Rhythmus, kann nicht mehr aufstehen, wird straff\u00e4llig &#8211; und dann trifft sie andere, die den Weg schon kennen, die ihr nichts vormachen, die sagen, das ist schwer, das schaffst du nicht allein, aber wir helfen dir &#8211; und es gelingt, und sie findet wieder zur\u00fcck; am Ende wei\u00df sie nicht wie, auch wenn sie die M\u00fchen erlebt hat, aber dann war es doch ein Geschenk, ein wie von selbst.<\/p>\n<p align=\"center\">VI<\/p>\n<p>Nichts kommt von selbst, sagt unsere Erfahrung!<br \/>\nNeues Leben kommt wie von selbst, sagt Jesus! Und stimmt ein Lob des Schlafes an!<\/p>\n<p>Denn das \u2018nichts kommt von selbst\u2019, l\u00e4sst sich nicht zu Ende leben. Sonst m\u00fcssen wir verzweifeln und werden krank. Es kommt ein Punkt, an dem wir loslassen m\u00fcssen, jeden Tag. Jeden Abend legen wir uns ins Bett und sinken in Schlaf. Vielen f\u00e4llt das nicht leicht, gerade wenn der Tag, die famili\u00e4re Situation, die Arbeitsbelastung, der \u00c4rger in der Schule oder mit dem Kollegium gro\u00df ist. Aber irgendwann m\u00fcssen wir loslassen. Irgendwann m\u00fcssen wir uns fallen lassen, sonst gehen wir kaputt.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Kultur, in der das k\u00fcnstliche Licht die Nacht zum Tage macht, in der die B\u00e4nder nicht still stehen d\u00fcrfen, damit sich die Produktion lohnt, f\u00fcr unsere Kultur hat das etwas Faszinierendes: loslassen, zur Ruhe kommen, Vertrauen, dass mein Leben getragen ist. Wer loslassen kann, wer getrost und vertrauensvoll einschl\u00e4ft, der taucht ein in den Rhythmus der Sch\u00f6pfung Gottes.<\/p>\n<p>\u201eDer Fromme schl\u00e4ft nicht nur bei Nacht, sondern w\u00e4hrend seiner ganzen Lebenszeit; er l\u00e4sst es gehen, wie Gott es macht, genie\u00dft die Gaben; l\u00e4sst es sich gefallen, Werkzeug zu sein, und gibt Gott die Ehre. Er schl\u00e4ft und hat alles gleichsam in Ruhe und Mu\u00dfe. Und bei allem Tun tut er nichts, und indem er nichts tut, tut er alles.\u201c So beschreibt Luther das Leben im Glauben, Luther, den niemand verd\u00e4chtigen kann, tatenlos gewesen zu sein und die H\u00e4nde einfach in den Scho\u00df zu legen. Er stimmt ein in den Lobgesang des Schlafes.<\/p>\n<p align=\"center\">VII<\/p>\n<p>Im Reich Gottes l\u00e4sst sich gut schlafen. Im Vertrauen darauf, dass Gott f\u00fcr uns sorgt, lassen wir los und merken: gerade wenn wir loslassen, wenn wir nicht mehr versuchen, aus eigener Kraft zu leben, sch\u00f6pfen wir neue Kraft. Bei allem, was wir zu leisten verm\u00f6gen und was wir auch leisten sollen, in Gottes N\u00e4he wird uns das Leben geschenkt: Wie von selbst bringt die Erde Frucht &#8211; wie von selbst.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Direktor Priv.-Doz. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh<br \/>\nEvangelisches Predigerseminar<br \/>\nder Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\nGesundbrunnen 10<br \/>\n34369 Hofgeismar<br \/>\n05671-881271<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:cornelius-bundschuh@ekkw.de\">cornelius-bundschuh@ekkw.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 30. 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