{"id":10316,"date":"2005-01-07T19:49:14","date_gmt":"2005-01-07T18:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10316"},"modified":"2025-05-14T08:23:11","modified_gmt":"2025-05-14T06:23:11","slug":"markus-4-26-29-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-4-26-29-3\/","title":{"rendered":"Markus 4, 26-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong><b><span style=\"color: #000099;\">Sexagesimae | 30. Januar 2005 | Markus 4, 26-29 | Ulrich Braun |<\/span><\/b><\/strong><\/h3>\n<p><strong>Dichten verboten \u2013 Ungereimtes vom Gottesreich<\/strong><\/p>\n<p>Nach Auschwitz k\u00f6nne und d\u00fcrfe man keine Gedichte mehr schreiben. Dies Verdikt \u00fcber die Lyrik hat Theodor W. Adorno 1949\/51 in einem Aufsatz \u00fcber Kultur und Gesellschaft verh\u00e4ngt<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(*)<\/a>. Ob es auch f\u00fcr die Rede vom Gottesreich gelten m\u00fcsste, will mindestens erwogen sein.<\/p>\n<p>So absurd ist es ja nicht, dass man sich auf dies Grauen keinen Reim machen kann und darf. Vor genau sechzig Jahren, am 27. Januar 1945 trat es nach der Befreiung der Lager von Auschwitz, Birkenau und Monowitz durch die Rote Armee offen zutage \u2013 und sprengt bis heute die Grenzen des Vorstellbaren. Millionen von Menschen sind industriell vernichtet worden. Da erscheint auch der Gedanke nicht abwegig, Gott m\u00fcsse \u2013 wenn es ihn je gegeben h\u00e4tte \u2013 ebenfalls tot sein.<\/p>\n<p>An Adornos Lyrik-Verbot haben sich die Dichter gottlob nicht gehalten. Paul Celan, Peter Huchel und andere haben \u2013 stammelnd und tastend zwar \u2013 denen, die vom Erdboden vertilgt und in Rauch aufgegangen waren, wenigstens in Versen ein Ged\u00e4chtnis gesetzt. Die Versen aber bewahren das Gef\u00fchl f\u00fcr das Ungeheuerliche, was Adorno eben zu seinem Verdikt gebracht hat: dass man sich darauf keinen Reim machen kann.<\/p>\n<p><em>Unlesbarkeit dieser Welt. Alles doppelt<\/em>., beginnt eins der Gedichte von Paul Celan. Die Verse Celans erz\u00e4hlen keine Geschichten. Sie enthalten Bruchst\u00fccke der Geschichte, die selbst in die Br\u00fcche gegangen ist, die sich allem Verstehen entzieht, auf die es keinen Reim geben kann \u2013 und die sich doch zugetragen hat. Die Rauchfahnen aus den Schloten der Vernichtungsfabriken durchziehen sein Werk und lassen ahnen, dass die Ascheschicht, die sich bei Westwind auf die D\u00e4cher des St\u00e4dtchens Os\u0301wiecim gelegt hatte, mehr war, als der Niederschlag anorganischer Partikel.<\/p>\n<p>Seelenblind, hinter den Aschen,<br \/>\nim heilig-sinnlosen Wort,<br \/>\nkommt der Entreimte geschritten,<br \/>\nden Hirnmantel leicht um die Schultern,<br \/>\n\u2026<\/p>\n<p><strong><em>Das Gleichnis vom Wachsen der Saat <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Gar so dunkel und zerschlagen kommt die Rede vom Gottesreich nicht daher, die heute, am Sonntag nach dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung der Lager von Auschwitz, Birkenau und Monowitz Predigttext ist. Vom aufgehenden Samen ist darin die Rede, davon, dass er von selbst w\u00e4chst, w\u00e4hrend der, der ihn ausgebracht hat, gleichm\u00e4\u00dfige Tage und N\u00e4chte zubringt. Halm und \u00c4hre und Korn wachsen in dem Gleichnis vom Gottesreich, und am Ende schickt der, der zuvor ausges\u00e4t hat, die Sichel; denn irgendwann ist die Zeit des Wachsens vorbei. Dann bleibt noch eine Frist der Reife. Dann ist Ernte.<\/p>\n<p>Beim Evangelisten Markus klingt Jesu Gleichnisrede so:<br \/>\n<em>Predigttext: Markus 4, 26-29<br \/>\n<\/em><em>Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft. Und schl\u00e4ft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und w\u00e4chst \u2013 er wei\u00df nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die \u00c4hre, danach den vollen Weizen in der \u00c4hre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. <\/em><\/p>\n<p>Wenige Verse davor steht das weit bekanntere Gleichnis vom S\u00e4mann. Darin wird von den sehr unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten erz\u00e4hlt und von Folgen f\u00fcr das Gedeihen der Pflanzen. Es geht um g\u00fcnstigere und ung\u00fcnstigere Bedingungen, und es geht um das Wort Gottes. Das Gleichnis malt uns Bedingungen, unter denen das Wort erst gar nicht einwurzeln kann oder nur unzureichend, um bald zu verk\u00fcmmern. Anderw\u00e4rts wird es nach erstem schnellen Wachstum doch von anderem \u00fcberwuchert und vergessen. Als vierte M\u00f6glichkeit gibt es aber auch die Chance auf Wurzeln, Wachstum und schlie\u00dflich Frucht \u2013 immerhin mit einer Chance von eins zu drei, was eine tr\u00f6stliche Quote w\u00e4re.<\/p>\n<p>Unser Predigtabschnitt setzt den Gedanken gewisserma\u00dfen fort. Er bietet die Nahaufnahme des guten Bodens. Von der darf man sich n\u00e4heren Aufschluss \u00fcber das Wachstum erhoffen, detailliertere Nachricht dar\u00fcber, was es mit dem Gelingen des Gottesreiches sein will. Das Misslingen steht ja einigerma\u00dfen klar vor Augen: taube Ohren, harte Herzen. Zeitmangel, schnelles Vergessen im gesch\u00e4ftigen Alltag, heftige Strohfeuer der Erweckung und baldiges Abgelenkt-Werden. Jetzt also muss es herauskommen, wie es mit dem Wachsen des Gottesreiches ist.<\/p>\n<p>Die Antwort ist kurz und so r\u00e4tselhaft, wie es verdichtete Texte bisweilen sein k\u00f6nnen. Sie lautet: es w\u00e4chst. Daran muss sich gen\u00fcgen lassen, wer Nachricht vom Gottesreich daraus erhofft. Wo die Saat ausgebracht ist, wird sie wachsen.<\/p>\n<p>Ganz wenig genauer l\u00e4sst sich sagen: Es wird wachsen. Und das bedeutet offenbar, dass nicht alles auf einmal da sein wird. Erst kommen die Keimlinge und ersten Halme, dann die Ausbildung der \u00c4hre und schlie\u00dflich ihre Reife. Eins kommt nach dem anderen. Und es gibt ein Ende. Die Pflanzen haben nicht unbegrenzte Zeit. Und sie wachsen nicht nur um ihrer selbst willen. Sie sind f\u00fcr einen Zweck bestimmt, der au\u00dferhalb ihrer sichtbaren Existenz liegt. Einmal kommt die Ernte. Dann wird gesichelt und gewogen, getrocknet und gedroschen, gemahlen und in dasjenige verwandelt, wof\u00fcr die Kulturpflanzen \u00fcberhaupt von Anfang an angebaut worden waren.<\/p>\n<p>Was es mit dem Gottesreich ist? Nun, wo es ausges\u00e4t ist, w\u00e4chst es. Was es einmal damit sein wird? Das liegt f\u00fcr den Augenblick au\u00dferhalb des Sicht- und des Sagbaren.<\/p>\n<p>Vom steten Wachstum des Gottesreiches gehen die Verse des Evangeliums aus. Davon, dass sich das Wachsen nicht beschleunigen, aber offenbar auch nicht aufhalten l\u00e4sst, was alles Zeug dazu hat, als sch\u00f6n und tr\u00f6stlich empfunden zu werden. Einzig, dass es nach den Phasen des Gedeihens und Reifens eine Ernte geben soll, mag das Gem\u00fct sensiblen Zeitgenossen beunruhigen, weil hier das Bildwort an unser Bewusstsein r\u00fchrt, dass auch wir nicht unbegrenzt Zeit haben.<\/p>\n<p>Darauf, wer da eigentlich auss\u00e4t, was in dem Wort Gottes genau ausges\u00e4t wird, zu welcher Erntereife es wachsen soll und wer am Ende die Sichel schickt, darauf muss sich einstweilen jeder selber seinen Reim machen.<\/p>\n<p><strong><em>Keine Reime machen <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Aber Reime machen ist schwierig. Seit die Nachrichten aus Auschwitz und Birkenau um die Welt zu laufen begannen, ist es nahezu unm\u00f6glich. Adorno meinte gar, es sollte geradezu verboten werden.<\/p>\n<p>Die Mahnung hat ihr Recht. Es ist gut, den Versuchungen zu widerstehen, sich Reime zu machen, zum Beispiel auf das Verh\u00e4ltnis der Leiden und des Sterbens auf der Flucht aus Schlesien, Pommern und Ostpreu\u00dfen zu dem Menschheitsfrevel von Buchenwald und Bergen-Belsen. Es ist gut, den Versuchungen zu widersagen und weder zu behaupten, das Bombeninferno von Dresden sei eine irgendwie verstehbare oder gar gerechtfertigte Folge von Dachau und Neuengamme, noch in einer bizzaren Vorstellung von moralischem Soll und Haben die Toten von Auschwitz, Birkenau und Monowitz den Kindern, Frauen und Alten gegen\u00fcberzustellen, die im Winter 1945 auf der Flucht erfroren sind. Als k\u00f6nnte der Tod der einen ein Konto ausgleichen, auf dem der Mord an den anderen zu Buche steht.<\/p>\n<p>So weit so verst\u00e4ndlich ist das Reime-Verbot Adornos. Und noch verst\u00e4ndlicher ist es in dem Sinne, in dem es wohl tats\u00e4chlich gemeint war, dass n\u00e4mlich die Orte gl\u00fccklichen R\u00fcckzugs in das Sch\u00f6ne, Wahre und Gute durch das Wissen um das Grauen unzug\u00e4nglich geworden sind.<\/p>\n<p><strong><em>Os\u0301wiecim <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Manchmal will es scheinen, mit der Vorstellung vom Gottesreich verhielte es sich \u00e4hnlich. Was kann an einem Ort noch wachsen, von dem einmal solches Grauen ausging?<\/p>\n<p>Os\u0301wiecim ist heute ein St\u00e4dchen von etwa vierzigtausend Einwohnern. Es gibt eine Pizzeria und eine Discotheque. Die Eishockey-Mannschaft hat bereits mehrmals die polnische Meisterschaft gewonnen, was f\u00fcr eine Kleinstadt beachtlich ist. Aber der Schatten der Lager ist lang. Und in diesem Schatten will nichts recht wachsen.<\/p>\n<p>Os\u0301wiecim leidet unter dem allgemeinen Niedergang seiner Wirtschaft. Chemische Industrie war in der Gegend zwischen Krakau und dem polnischen Kohlerevier bei Kattowice lange der Haupterwerb. Die IG-Farben hatte sie w\u00e4hrend des Krieges hier angesiedelt und haupts\u00e4chlich mit Zwangsarbeitern und H\u00e4ftlingen aus den Konzentrationslagern betrieben. Kein Wunder, dass kein Segen darauf lag.<\/p>\n<p>Os\u0301wiecim ist ein St\u00e4dtchen, dem die Jugend abhanden kommt. Wer kann, geht zum Studium und zur Ausbildung in die gro\u00dfen St\u00e4dte. Die wenigsten kommen wieder. Die Arbeitslosigkeit liegt bei zwanzig Prozent.<\/p>\n<p>Sechshunderttausend Besucher z\u00e4hlen Lager und Museum Auschwitz im Jahr. St\u00e4dte mit vergleichbaren Touristenzahlen sch\u00f6pfen daraus einen gewissen Wohlstand. Nach Os\u0301wiecim auf der dem Lager gegen\u00fcberliegenden Seite des Flusses kommt kaum jemand. Kaum einer bleibt l\u00e4nger, als es f\u00fcr den Besuch der Gedenkst\u00e4tten n\u00f6tig ist. Eine nennenswerte Zahl von \u00dcbernachtungen der Reisenden gibt es in der Stadt nicht.<\/p>\n<p>Als der B\u00fcrgermeister von Os\u0301wiecim in den neunziger Jahren ein Touristenzentrum plante, das mit Einkaufsm\u00f6glichkeiten und Gastronomie die Touristen locken sollte, hagelte es Proteste aus aller Welt. Ein \u201eDisneyland des Grauens\u201c solle wohl entstehen, hie\u00df es. Die Pl\u00e4ne wurden eingestellt.<\/p>\n<p>Dass ist Os\u0301wiecim Menschen leben, sich verlieben, Kinder haben, ihren Lebensunterhalt bestreiten und alt werden, ist kaum zu glauben. Auschwitz, Os\u0301wiecim steht f\u00fcr das lang gestreckte flache Geb\u00e4ude, in dessen Mitte ein Tor zu sehen ist. Eisenbahnschienen f\u00fchren hinein. Wohl etwas mehr als eine Million Menschen ist durch dieses Tor gefahren worden, an die Rampe von Birkenau. Siebenhundert von ihnen haben versucht zu fliehen. Vielleicht dreihundert mag das gelungen sein. Die gestellten Fl\u00fcchtlinge wurden entweder auf der Flucht erschossen oder durch Verhungern bestraft. Einige tausend H\u00e4ftlinge wurden in den so genannten Todesm\u00e4rschen aus den Lagern evakuiert, bevor die Rote Armee sie erreichte. Etwa siebentausendf\u00fcnfhundert H\u00e4ftlinge, die zu schwach f\u00fcr die M\u00e4rsche waren, fand die Rote Armee am 27. Januar 1945 in den Lagern noch vor. Von den \u00fcbrigen der mehr als eine Million Menschen, die in Viehtransportern in das Tor hinein gerollt waren, war bei Westwind ein Niederschlag anorganischer Partikel auf den D\u00e4chern von Os\u0301wiecim geblieben.<\/p>\n<p>Diesen Niederschlag ist das St\u00e4dtchen, dessen Bewohner an dem Menschheitsverbrechen keine Schuld trifft, bis auf den heutigen Tag nicht losgeworden. Nat\u00fcrlich leben hier Leute, verlieben sich, haben Kinder und bestreiten ihren Lebensunterhalt. Ab und zu gewinnt die Eishockey-Mannschaft. Es gibt eine Pizzeria und eine Discotheque. Aber viele der Jungen gehen weg. Wenige kommen wieder. Im langen Schatten der flachen Todesfabriken ist fraglich, was \u00fcberhaupt gedeihen kann und soll.<\/p>\n<p><strong><em>Vom Wachsen des Reiches Gottes <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Dresdner Sch\u00fclerpfarrer f\u00e4hrt regelm\u00e4\u00dfig mit Jugendlichen nach Auschwitz. Meist f\u00e4hrt er mit Gruppen Jugendlicher, die sich selbst rechts nennen. Die meisten tragen Springerstiefel und Bomberjacke. Etliche haben geschorene Sch\u00e4del. Viele von ihnen waren zuvor straff\u00e4llig geworden, oft durch ausl\u00e4nderfeindliche \u00dcbergriffe, durch K\u00f6rperverletzungen und das Verbreiten von Hassparolen. Die meisten waren f\u00fcr gutes Zureden nicht zu haben. Manche haben sogar noch an der Rampe von Birkenau ihre Witze gemacht. Aber nur, weil sie es anders nicht ausgehalten haben. Viele sind danach ganz still geworden.<\/p>\n<p>Insgesamt sind in den vergangenen f\u00fcnfundzwanzig Jahren weit mehr als zehn Millionen Besucher im Lager und in der Gedenkst\u00e4tte Auschwitz gewesen. Jeder und jede hat Eindr\u00fccke mitgenommen und sie mutma\u00dflich andern weitererz\u00e4hlt. Wenn jeder Besucher zehn anderen von seinen Eindr\u00fccken berichtet hat, dann w\u00e4ren es schon einhundert Millionen, die mit diesem Ort in Verbindung getreten sind. Nimmt man wie im Gleichnis vom vierfachen Acker eine Quote von eins zu drei an, blieben immerhin noch f\u00fcnfundzwanzig Millionen, bei denen die Botschaft auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt, Wurzeln schl\u00e4gt und ein Wachstum, am Ende gar eine Reife zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Was da genau heranw\u00e4chst, ist schwer zu sagen. Es w\u00e4chst Langsam zwar und nach der Geschichte gewiss m\u00fchsam, aber es w\u00e4chst. Daran muss sich auch gen\u00fcgen lassen, wer wissen will, wie es mit dem Reich Gottes sein will.<\/p>\n<p><strong><em>Dichten ist notwendig <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Um der Ahnungen vom Reich Gottes willen ist es gut, dass sich die Dichter nicht an Adornos Lyrik-Verdikt gehalten haben. Gewiss, seine Mahnung, sich nicht an Orte selbstgen\u00fcgsamer Kontemplation zu verfl\u00fcchtigen, die will beachtet sein. Aber dar\u00fcber hinaus bedarf es der Dichtung. Erstens: um die Gemordeten vor der totalen Vernichtung zu bewahren. Sie sollen nicht einfach fort sein, sondern sollen ein Ged\u00e4chtnis haben. Zweitens ist Dichtung n\u00f6tig, um Bilder neunen Lebens zu entwerfen.<\/p>\n<p>Beides versucht der Film \u201eSchindlers Liste\u201c. Darin wird die Geschichte des deutschen Unternehmers Oskar Schindler erz\u00e4hlt, der als eine Art Kriegsgewinnler eine Fabrik vor allem mit j\u00fcdischen Zwangsarbeitern betreibt. Durch ihr Elend anger\u00fchrt und von dem Vernichtungsinferno aufger\u00fcttelt, setzt er nun alles daran, m\u00f6glichst viele seiner Arbeiterinnen und Arbeiter zu retten. Er l\u00e4sst eine Liste mit den Namen derer anfertigen, die f\u00fcr seine Arbeit unabk\u00f6mmlich sind. Knapp dreihundert kann er so vor den Vernichtungslagern bewahren. Keine gro\u00dfe Zahl angesichts der Millionen Gemordeter.<\/p>\n<p>In der Schlusssequenz seines Films \u00fcber Schindlers Liste l\u00e4sst Steven Spielberg die noch Lebenden von dieser Liste an das Grab Oskar Schindlers treten. Eine Handvoll Leute kommt also \u00fcber die Kuppe jenes Jerusalemer H\u00fcgels, auf dessen steinigem R\u00fccken das Grab des Oskar Schindler liegt. Alt und gebrechlich sind sie geworden. Einige werden am Arm gef\u00fchrt, manche im Rollstuhl geschoben. Jeder legt nach j\u00fcdischem Brauch einen kleinen Stein des Gedenkens auf die Grabplatte.<\/p>\n<p>Und dann kommen die Nachkommen der so genannten Schindler-Juden \u00fcber die H\u00fcgelkuppe die Kinder zuerst, dann deren Kinder. Einige haben sogar schon Urenkel. Der Strom derer will schier nicht abrei\u00dfen, die auf dem Grab Oskar Schindlers ein Steinchen des Gedenkens niederlegen. Durch all den Schmerz hindurch ist etwas gewachsen. Mit jeder Generation sind sie wieder mehr geworden. Nicht, um die Zahl derer aufzuwiegen, die get\u00f6tet wurden, aber als Fortf\u00fchrung des Stromes des Lebens. Es w\u00e4chst, man wei\u00df nicht wie, aber es w\u00e4chst.<\/p>\n<p><strong><em>N\u00f6rdlich der Zukunft <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Paul Celan hatte das Schweigen gebrochen, das Adorno hatte verordnen wollen. Ein Ged\u00e4chtnis hat er mit seiner furchtbaren und grandiosen Todesfuge errichtet. An wenigen Stellen nur ist ein Fortgang des Lebens zu erahnen. Vorl\u00e4ufig muss es gen\u00fcgen, dass er schreibt. Ganz selten scheint etwas wie Zukunft durch die Splitter seiner Verse:<\/p>\n<p>In den Fl\u00fcssen n\u00f6rdlich der Zukunft<br \/>\nwerf ich das Netz aus, das du<br \/>\nz\u00f6gernd beschwerst<br \/>\nmit von Steinen geschriebenen<br \/>\nSchatten.<\/p>\n<p>Eine letzte Geschichte vom Wachstum sei erz\u00e4hlt. Sie spielt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir gehen also auf Abstand zu Os\u0301wiecim und zur Rampe von Birkenau. Die Geschichte aus dem amerikanischen S\u00fcden ist vom Schriftsteller Allan Gurganus erdacht, und sie erz\u00e4hlt von der langen Zeit, die Vernarbung und neues Wachstum brauchen.<\/p>\n<p>Im Falle dieser Geschichte werden es einhundertzwanzig Jahre sein. Der Roman hei\u00dft \u201eDie letzte noch lebende Rebellenwitwe erz\u00e4hlt\u201c. Etwa im Jahr 1985 fliegt Lucy, so hei\u00dft die Heldin der Geschichte, zum ersten Mal im Leben mit einem Flugzeug. Sie soll eine Ehrung f\u00fcr ihre unterdessen verstorbene Tochter entgegen nehmen. Und aus dem Flugzeug, das von Atlanta\/Georgia startet, sieht sie einen Streifen Land, der besonders gr\u00fcn ist, gr\u00fcner als der Rest. Sie staunt und wundert sich und fragt ihren Sitznachbarn, was es denn mit diesem Streifen frischen Gr\u00fcns auf sich habe.<\/p>\n<p>Lucy ist schon einhundert Jahre alt. Ihr Leben war von den bedr\u00fcckenden Erinnerungen an den amerikanischen B\u00fcrgerkrieg gepr\u00e4gt. Sie selbst war zwar zwanzig Jahre nach seinem Ende erst geboren. Sie war aber als blutjunges M\u00e4dchen mit einem \u00e4lteren Mann verheiratet worden, der selbst etwa im Konfirmandenalter 1864 noch in diesen Krieg geschickt worden war. Er hatte darin einen Jungen seines Alters erschossen. Das hei\u00dft: richtig getroffen hatte er ihn nicht. Nur schwer verwundet. Und dann sa\u00df er neben dem Jungen, der etwa so alt war wie er, und wartete mit ihm, bis er starb.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter er wurde, umso weniger wurde er den Krieg los. Mit f\u00fcnfzig etwa fing er sogar wider an, die S\u00fcdstaatenuniform zu tragen. Das war ungef\u00e4hr die Zeit, da er die kaum zwanzigj\u00e4hrige Lucy heiratete. Und er trug den Krieg in ihrer beider Leben. Hundertmal wurden die Schlachten wieder geschlagen. Es war immerzu so, als sei der Nordstaaten-General Sherman gerade erst durch den Landstrich gezogen. Auch wenn die Sch\u00e4den an den H\u00e4usern und auf den Plantagen l\u00e4ngst beseitigt waren: die Verw\u00fcstungen in der Seele blieben und trugen sich weit in die n\u00e4chste Generation hinein.<\/p>\n<p>Auch die Kinder litten noch unter dem Krieg, der schon so lang vor\u00fcber war. Lucy sollte nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder allesamt \u00fcberleben. Und so fliegt sie mit einhundert Jahren zum ersten Mal mit einem Flugzeug und sieht ihr Land von oben. Was es denn mit diesem eigenartig gr\u00fcnen Streifen auf sich habe, fragt sie ihren Sitznachbarn. Das sei, antwortet der, der Streifen, auf dem einst der General Sherman nach S\u00fcden gezogen sei. Er habe damals alles niederbrennen lassen, was rechts und links seines Weges war. Deshalb sei dort die Vegetation so ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr eine Narbe\u201c, entf\u00e4hrt es Lucy. \u201eWas f\u00fcr eine wunderbare Narbe\u201c. Sie wird der alten Frau zum Bildwort, dass etwas w\u00e4chst, sogar neu w\u00e4chst, wo alles schon verloren war. Es ist ihr, als wollte die Natur mit ihrem frischeren Gr\u00fcn etwas gut machen, was in ihrem Leben b\u00f6se gewesen war. Es ist, so von oben gesehen, wie ein Abschied \u2013 und es ist eine Vers\u00f6hnung mit dem Leben.<\/p>\n<p>Es w\u00e4chst, man wei\u00df nicht wie, aber es w\u00e4chst. An dieser Nachricht muss sich gen\u00fcgen lassen, wer N\u00e4heres \u00fcber das Wachsen des Gottesreiches wissen will. Ein wenig k\u00f6nnen uns die Dichter helfen, die sich dankenswerterweise \u00fcber das Lyrik-Verbot Adornos so beherzt hinweg gesetzt haben. Shalom Ben Chorin zum Beispiel, der einen gro\u00dfen Teil seiner Familie in Auschwitz verloren hat. Und trotzdem hat er geschrieben:<\/p>\n<p>Freunde, dass der Mandelzweig<br \/>\nwieder bl\u00fcht und treibt,<br \/>\nist das nicht ein Fingerzeig,<br \/>\ndass die Liebe bleibt.<\/p>\n<p>\u2026dass das Leben nicht verging, wird das Lied weitergehen. Und es wird im Modus der Frage weitergehen. Ist es nun ein Fingerzeig, oder ist er es nicht? Die Antwort liegt wahrscheinlich bei denen, die sie suchen. Wir k\u00f6nnten den Mandelzweig immerhin als solchen Fingerzeig nehmen, dass das Leben nicht verging. So wie Lucy den Streifen frischen Gr\u00fcns als Fingerzeig zur Vers\u00f6hnung mit dem Leben genommen hat. So wie Steven Spielberg sich vom Bild der vielen Steine auf dem Grab Oskar Schindlers hat anr\u00fchren lassen und seine Zuschauer damit weiter anger\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Es kann etwas wachsen. Wo die Saat vom Gottesreich ausgebracht ist, wird sie wachsen. Man wei\u00df nicht wie, aber sie wird. Wir k\u00f6nnten das Gleichnis, das gewiss Jesus erz\u00e4hlt und das Markus nachgedichtet hat, als Fingerzeig nehmen. Daf\u00fcr, dass die, die auf das Gottesreich setzen, sich nicht vergeblich m\u00fchen sollen. Immerhin wird es sich lohnen, davon zu erz\u00e4hlen, und sei es auch ungereimt. Es wird wachsen, langsam zwar, aber stetig. Es wird.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>(*) Theodor W. Adorno, Prismen, Kulturkritik und Gesellschaft (1951), in ders.: Kulturkritik und Gesellschaft I, Gesammelte Schriften Bd. 10 hrsg. Von Rolf Tiedemann, Darmstadt wiss. Buchgesellschaft 1998, Suhrkamp 1977, S. 30: \u201e<em>Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegen\u00fcber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unm\u00f6glich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgen\u00fcgsamer Kontemplation.\u201c<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ulrich Braun<br \/>\n<strong> Pastor in G\u00f6ttingen-Nikolausberg<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\">Ulrich.F.Braun@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 30. Januar 2005 | Markus 4, 26-29 | Ulrich Braun | Dichten verboten \u2013 Ungereimtes vom Gottesreich Nach Auschwitz k\u00f6nne und d\u00fcrfe man keine Gedichte mehr schreiben. Dies Verdikt \u00fcber die Lyrik hat Theodor W. Adorno 1949\/51 in einem Aufsatz \u00fcber Kultur und Gesellschaft verh\u00e4ngt(*). Ob es auch f\u00fcr die Rede vom Gottesreich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15936,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,1,727,157,853,114,149,349,3,109,671,1237],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-10316","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-4-chapter-4-markus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-sexagesimae","category-ulrich-braun"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10316"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24158,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10316\/revisions\/24158"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15936"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10316"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=10316"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=10316"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=10316"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=10316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}