{"id":10320,"date":"2005-02-07T19:49:23","date_gmt":"2005-02-07T18:49:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=10320"},"modified":"2025-05-14T08:33:49","modified_gmt":"2025-05-14T06:33:49","slug":"lukas-10-38-42-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-10-38-42-3\/","title":{"rendered":"Lukas 10, 38-42"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Estomihi | 6. Februar 2005 | Lk 10,38\u201342 | Clemens Frey |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde<br \/>\nMit dem Tun ist es so eine Sache. W\u00e4hrend die einen vor lauter reden, was zu tun w\u00e4re, vergessen etwas zu tun, tun andere und vergessen dabei mit anderen zu reden und \u00fcber ihr Tun nachzudenken. Das eine Mal fehlen die H\u00e4nde, das andere Mal fehlt die Ruhe um zu \u00fcberlegen. Allerdings ist es kaum je so s\u00e4uberlich zu trennen. Auch Marias und Marthas sind selten in dieser klaren Weise zu unterscheiden. Dennoch steht die Hilfe f\u00fcr die Opfer der Katastrophe in S\u00fcdostasien vor diesem Problem. Einerseits muss gehandelt werden und zwar z\u00fcgig und kompromisslos. Andererseits darf es nicht kopflos geschehen, weil sonst die Hilfe ihr Ziel nicht erreicht. Wir begreifen jene gerettete Frau, die verletzt zur\u00fcckkehrt und sagt, das Schlimmste sei, die Menschen dort jetzt allein zu lassen, ihnen nicht aktiv helfen zu k\u00f6nnen. Und andererseits die erfahrenen Helfer, die hinfliegen, um zuerst genau abzukl\u00e4ren, was ist, was schon geht und was noch niemand tut.<\/p>\n<p>Oder ist diese Katastrophe bereits aus unserem Bewusstsein gewichen? Und wie steht es mit unseren Gedanken zu Beginn des Jahres? Was ist aus ihnen geworden nach ein paar Arbeitswochen? Da haben wir uns doch selbst gefragt, was wir in unserem eigenen Leben tun m\u00fcssen, tun werden und sollten. Wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass einer der h\u00e4ufigsten Vors\u00e4tze gewesen sein wird: mehr Ruhe f\u00fcr sich selbst, mehr Gelassenheit, mehr Zeit \u00fcber die Wirklichkeit nachzudenken. Aber wir k\u00f6nnen ebenso annehmen, dass Martha in unseren Kreisen die gr\u00f6sseren Sympathien geniesst als Maria. Sie, die f\u00fcr andere sorgt, die gibt, die auch die unsichtbare und die undankbare Arbeit erledigt \u2013 um am Ende kritisiert zu werden. Arbeiten ist etwas Gutes. Wer Arbeit sucht, weiss das. Im schweizerdeutschen Vokabular hat &#8222;arbeiten&#8220; einen heiligenm\u00e4ssigen Schein, denn Arbeit begr\u00fcnde Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit. Das Wort &#8222;M\u00fcssiggang&#8220; hingegen muss zuerst erkl\u00e4rt werden, damit klar ist: Es ist kein Fluchwort. So wie beten nicht schlafen oder nichts tun heisst.<\/p>\n<p>Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat dies genau beobachtet. Er meinte, das Ungl\u00fcck der Arbeitenden sei, dass ihre Arbeit beinahe etwas Unvern\u00fcnftiges an sich habe. Er wird nicht direkt an Martha gedacht haben, sondern benannte, was er sah: Menschen, die umher rennen, ohne genau zu wissen wohin und weshalb. Menschen, bei denen dauernd etwas laufen muss, weil sie sonst ihre Zerstreuung nicht mehr aufrecht halten k\u00f6nnen. Ablenkung, die vom Wesentlichen weglenkt auf Sofort-H\u00e4ppchen hin. Nietzsche hat auch helfende Menschen gesehen. Aber was ist das Motiv ihrer Hilfe? Sie muss doch gut \u00fcberlegt sein, damit sie wirklich dienlich ist.<\/p>\n<p>In Martha jedoch die zwar gutwillige und arbeitsame, aber etwas un\u00fcberlegte Frau zu sehen, greift zu kurz. So einfach macht es uns Lukas nicht. Es ist n\u00e4mlich <em>sie<\/em>, die Jesus ins Haus einl\u00e4dt. Das war damals etwas Aussergew\u00f6hnliches und ist es vielerorts auch heute noch. Eine Frau, die die Initiative ergreift, einen unverheirateten Mann einzuladen. Da steht sie mit zwei Beinen auf der Erde und tut das f\u00fcr sie N\u00f6tige \u2013 b\u00fcrgerlicher Austausch hin oder her. Offensichtlich hatte sie durchaus verstanden, wer Jesus ist. Denn dieser folgt der Einladung, was sich wiederum nicht geh\u00f6rte. Aber davon wollte Martha nichts h\u00f6ren. Ihr ging es um diesen Menschen mit allem, was ihn ausmachte. Jesus ging zu ihr ins Haus, weil er sp\u00fcrte, dass diese Frauen zu ihm geh\u00f6rten. So wurde Maria seine H\u00f6rerin. Diese Unabh\u00e4ngigkeitJesu, als Rabbi Frauen zu lehren, beeindruckt<strong>. <\/strong>Das ist ein wichtiger Grund, weshalb Lukas die Geschichte aufgeschrieben hat. Hinzu kommt jedoch noch eine andere Ungew\u00f6hnlichkeit: Jesus scheint die Gastfreundschaft zu missachten. Martha tue zuviel, mehr als n\u00f6tig sei. Das sagt man nun wirklich nicht. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob Jesus auch das meinte, was wir normalerweise verstehen. N\u00e4mlich, dass es besser sei zuzuh\u00f6ren, was Jesus sagt.<\/p>\n<p>Diese Episode k\u00f6nnte n\u00e4mlich ein Gleichnis sein. Nicht Jesus hat es erz\u00e4hlt, sondern Lukas komponierte es. Denn das Martha-Maria-Gleichnis folgt dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort hilft einer, weil er wusste, was zu tun ist. Er muss nicht dar\u00fcber nachdenken, sondern handelt gut und richtig. Hier nun folgt das Gleichnis, das zum H\u00f6ren und Nachdenken mahnt.<\/p>\n<p>Nehmen wir das Bild, das uns Lukas vor Augen f\u00fchrt: Jesus sitzt auf einem Stuhl &#8211; die typische Haltung des Lehrenden. Maria sitzt zu seinen F\u00fcssen \u2013 die \u00fcbliche Haltung der Lernenden. Martha hingegen steht und geht, sie ist in Bewegung. Aber in Bewegung sind alle! Denn Marias K\u00f6rper ruht, damit der Geist umso besser arbeiten kann. Sie hat Jesus nicht eingeladen, aber jetzt ist sie ihm ganz Ohr. H\u00f6ren, acht geben, sp\u00fcren, f\u00fchlen, ahnen, denken, \u00fcberlegen, verstehen \u2013 das geht nur in ruhender Haltung, die durch kein anderes Tun eingeschr\u00e4nkt ist. Martha hat Jesus ins Haus gebeten. Nun f\u00fchlt sie sich ganz verantwortlich f\u00fcr sein Wohlergehen. Sie w\u00fcrde auch zuh\u00f6ren, sobald alles erledigt ist, was noch fehlt, vielleicht auch, was diesem illustren Gast geb\u00fchrt. Mitten drin, zwischen den Schwestern, zwischen oben und unten, sitzt Jesus.<\/p>\n<p>Auch wenn sein Satz zu Martha einseitig t\u00f6nt, so steht das Bild ausgeglichen vor uns. Als ginge es in erster Linie um eine Symbolik. Dann w\u00e4ren wir Martha und Maria in einem. In uns finden wir zwei Seiten. Vielleicht neigen wir im Alltag eher der einen oder der anderen Seite zu. Das ist graduell unter uns verschieden ausgepr\u00e4gt. Dennoch kommen beide vor. Damit sind wir zweifellos nahe am Grundsatz der benediktinischen M\u00f6nche: bete und arbeite. Das ist kein Entweder \u2013 Oder. Es ist eine F\u00fcgung. Ineinander verzahnt sind beten und arbeiten. Die Frage ist dann: Wie verhalten sich die \u00dcberg\u00e4nge? Hier beten \u2013 dort arbeiten? Sechs Tage die Woche arbeiten \u2013 einen Tag f\u00fcr Hobbys reservieren? Arbeiten bis zum Abend \u2013 dann endlich frei? Arbeiten und tun \u2013 dar\u00fcber nachdenken sollen andere. In Firmen sind das oft die aussenstehenden Berater oder sogenannten Ethik-Kommissionen. Im Privaten wird dies zunehmend an Psychologen und Lebensberater delegiert. Wie sieht also der \u00dcbergang aus? Dort, wo beten und arbeiten ineinander fliessen, wo sie sich einander aussetzen und f\u00fcreinander hilfreich sind? Dabei ist es wichtig, die Reihenfolge zu beachten: beten kommt an erster Stelle. Das beinhaltet auch h\u00f6ren, geben, aufnehmen, \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Der barmherzige Samariter wusste dank seiner t\u00e4glichen Gebete sofort, was zu tun sei. Fragen wir uns selbst eine so scheinbare \u00c4usserlichkeit: Beginnt unsere Woche am Sonntag oder am Montag? Fangen wir die Woche mit dem Gebet an oder mit der Arbeit? Laut j\u00fcdischer Tradition und christlicher Aussage ist unser Sonntag der erste Tag der Woche. Das kann unsere Lebenseinstellung ver\u00e4ndern. Arbeite ich vom H\u00f6ren auf Gott aus oder hin zum kritischen R\u00fcckblick auf das Getane? Gewiss ist beides m\u00f6glich, es hat aber eine etwas andere Farbe, \u00fcber die nachzudenken sich lohnt. Beide Male jedoch steht die dazwischen liegende Zeit in Bezug auf das Gebet. Darin liegt die eigentliche Kritik Jesu an Martha. Die Trennung der Zeit in verschiedene Bereiche, die miteinander nichts zu tun haben. Martha fordert Marias Mithilfe. Das ist allt\u00e4gliche Selbstverst\u00e4ndlichkeit. W\u00fcrde Maria nun Folge leisten und aufstehen, so m\u00fcsste Jesus verstummen. Er m\u00fcsste warten bis alles andere getan ist \u2013 und dann sehen, was noch bleibt. Ich glaube nicht, dass Martha es f\u00fcr weniger wichtig hielt, Jesus zuzuh\u00f6ren. M\u00f6glicherweise fand sie es sogar sehr wichtig \u2013 sonst h\u00e4tte sie ihn nicht eingeladen. Aber gerade weil es so wichtig ist, wollte sie zuerst alles andere erledigt haben. Und so war sie auf dem besten Weg, das Wichtigste zu verpassen. Das ist ihre Tragik.<\/p>\n<p>Es ist so oft auch unsere. Schreiben Sie doch heute noch auf, was Sie alles in Ihrem Leben noch m\u00f6chten \u2013 oder wenigstens in diesem Jahr. Streichen Sie dann alles durch, was zwar sch\u00f6n w\u00e4re, aber nicht eigentlich wichtig ist. Was auf diese Weise \u00fcbrig bleibt und zum Vorschein kommt, soll Priorit\u00e4t haben. Da liegt &#8222;der gut Teil&#8220;, den zu erw\u00e4hlen sich lohnt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: wir k\u00f6nnten versuchen, das Gleichnis von Martha und Maria weiter zu schreiben. Vielleicht ist Martha auch zu Jesus hin gesessen, weil Maria versicherte, ihr nachher zu helfen. Sie h\u00e4tten jedenfalls beide das Allerwesentlichste nicht nur geh\u00f6rt, sondern auch verstanden: Jesus wollte zuvorderst ihnen beiden helfen, lebenslang. Darum ist er gekommen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Clemens Frey<br \/>\nTitus Kirche Basel<br \/>\n<a href=\"mailto:clemens.frey@erk-bs.ch\">clemens.frey@erk-bs.ch<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 6. Februar 2005 | Lk 10,38\u201342 | Clemens Frey | Liebe Gemeinde Mit dem Tun ist es so eine Sache. W\u00e4hrend die einen vor lauter reden, was zu tun w\u00e4re, vergessen etwas zu tun, tun andere und vergessen dabei mit anderen zu reden und \u00fcber ihr Tun nachzudenken. 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